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93 Runden ohne Handschuhe – Geschichte des Schwergewichtsboxens

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Gemäß den Ende des 19. Jahrhunderts eingeführten Queensberry-Regeln erkennt der Ringrichter nach zehn Sekunden Kampfunfähigkeit auf K.o. (Bild: Kampf Joe Frazier (l.) gegen Jimmy Ellis in New York 1970).
Gemäß den Ende des 19. Jahrhunderts eingeführten Queensberry-Regeln erkennt der Ringrichter nach zehn Sekunden Kampfunfähigkeit auf K.o. (Bild: Kampf Joe Frazier (l.) gegen Jimmy Ellis in New York 1970).
dpa
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Überragte seine Gegner an Größe und Schlagkraft: Jack Johnson, der erste farbige Boxweltmeister im Schwergewicht
Überragte seine Gegner an Größe und Schlagkraft: Jack Johnson, der erste farbige Boxweltmeister im Schwergewicht
dpa
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WM-Rückkampf zwischen Schwergewichts-Weltmeister Gene Tunney (l.) und dem Titelträger des Vorjahres, Jack Dempsey, 1927 in Chicago
WM-Rückkampf zwischen Schwergewichts-Weltmeister Gene Tunney (l.) und dem Titelträger des Vorjahres, Jack Dempsey, 1927 in Chicago
dpa
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Joe Louis (l.) und Max Schmeling bei einem Wiedersehen 1960 in New York. Schmeling war am 12. Juni 1930 durch einen Disqualifikations-Sieg nach einem Tiefschlag von Jack Sharkey Weltmeister im Schwergewicht geworden.
Joe Louis (l.) und Max Schmeling bei einem Wiedersehen 1960 in New York. Schmeling war am 12. Juni 1930 durch einen Disqualifikations-Sieg nach einem Tiefschlag von Jack Sharkey Weltmeister im Schwergewicht geworden.
dpa
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Ging als bislang jüngster Weltmeister im Schwergewicht in die Geschichte des Boxsports ein: Mike Tyson, hier beim offiziellen Wiegen im Juni 2002 in Memphis/Tennessee
Ging als bislang jüngster Weltmeister im Schwergewicht in die Geschichte des Boxsports ein: Mike Tyson, hier beim offiziellen Wiegen im Juni 2002 in Memphis/Tennessee
dpa

Die Frühzeit des Boxens reicht bis in die Antike zurück. Die Griechen, die mit bloßen oder bandagierten Fäusten gegeneinander antraten, nahmen den Faustkampf 688 v.Chr. sogar als Diziplin bei den Olympischen Spielen auf. Im alten Rom hat sich die Sportart als Massenspektakel brutalisiert. Mit Haken versehene Bandagen und Dornriemen fügten den Gladiatoren in der Arena schwere Verletzungen zu. Die Kämpfe führten nicht selten zum Tod. Der erste dokumentierte Kampf der Neuzeit fand 1681 in England statt. Der Herzog von Albermarle ließ einen Diener gegen den Meister der Londoner Schlachter-Innung antreten. Mit den sog. Queensberry-Regeln erhielt das Boxen 1867 ein Regelwerk, das im Kern bis heute Anwendung findet. Seither hat der Boxsport an Popularität immer mehr gewonnen, wobei das Interesse der Zuschauer vor allem den größten und schwersten Faustkämpfern galt und gilt: Den Schwergewichtsboxern. In den Worten des schillernden Boxpromotors Don King: “Es gibt nur zwei Gewichtsklassen: das Schwergewicht und alle anderen.

Von Prügelorgien zum Fair Play

Gemäß den Ende des 19. Jahrhunderts eingeführten Queensberry-Regeln erkennt der Ringrichter nach zehn Sekunden Kampfunfähigkeit auf K.o. (Bild: Kampf Joe Frazier (l.) gegen Jimmy Ellis in New York 1970).

Gemäß den Ende des 19. Jahrhunderts eingeführten Queensberry-Regeln erkennt der Ringrichter nach zehn Sekunden Kampfunfähigkeit auf K.o. (Bild: Kampf Joe Frazier (l.) gegen Jimmy Ellis in New York 1970).

Seit dem 18. Jahrhundert wurden in England regelmäßig, etwa auf Jahrmärkten, Preisboxkämpfe ausgetragen. Es handelte sich dabei um blutige und wüste Prügelorgien mit nackter Faust und ohne feste Regeln. Vor allem Herren aus der besseren Gesellschaft machten sich einen Spaß daraus, für Geld ungeschlachte Kerle von der Straße aufeinander zu hetzen und auf den Kampfausgang Wetten abzuschließen. Nachdem ein Kämpfer wieder einmal tödlich verletzt wurde, arbeitete der Brite John Broughton 1743 erstmals Regeln aus, die z.B. ausschlossen, einen am Boden liegenden Gegner zu schlagen oder ihn an den Haaren zu ziehen.

Ein weiterer Versuch, den Faustkampf zu disziplinieren und dem Gedanken des Fair Play wenigstens annäherungsweise Geltung zu verschaffen, waren die London Prize Ring Rules von 1838. Sie verboten u.a. Tiefschläge und Kopfstöße. Nach einem Niederschlag erhielt der Kämpfer 30 Sekunden Erholungszeit. Noch immer zählte man die Runden von Niederschlag zu Niederschlag und da es oft genug vorkam, dass der Boxer innerhalb der zugestandenen 30 Sekunden den Kampf wieder aufnahm, gab es Fights, die manchmal 50 gelegentlich sogar über 100 Runden währten.

Die grundlegendste Reform des Box-Regelwerks vollzog John Sholto Douglas, neunter Marquess von Queensberry im Jahr 1867. Er schrieb die Verwendung von gepolsterten Lederhandschuhen sowie die Einführung von nach Körpergewichten abgestuften Kampfklassen vor. Zudem begrenzte Queensberry die Rundendauer auf drei Minuten und erkannte auf unwiderrufliches K.o nach zehn Sekunden Kampfunfähigkeit. Die Queensberry-Regeln setzten sich nur langsam durch. Im Jahr 1889 siegte der Schwergewichtsweltmeister John L. Sullivan im letzten offiziellen Kampf mit nackten Fäusten. Beim ersten WM-Kampf nach den Queensberry-Regeln verlor er 1892 in New Orleans seinen Titel an James J. Corbett.

Die modernen Boxregeln

Im 20. Jahrhundert wurde das Berufsboxen zunehmend durch Boxverbände reglementiert und vereinheitlicht. So wurde z.B. die Ringgröße auf 4,90 x 6,10 Meter festgelegt. Die Zahl der Runden bei Meisterschaftskämpfen beträgt in der Regel zwölf. Die Vorschriften enthalten außerdem Richtlinien für das Gewicht der Boxhandschuhe, Anweisungen für das Verhalten der Ring- und Punktrichter, sowie Systeme zur Punktverteilung. Denn nicht alle Kämpfe enden mehr mit einem K.o. Im Profiboxen erhält der bessere Boxer maximal zehn Punkte für jede Runde. Werden beide Boxer als gleichwertig beurteilt, erhalten beide die maximale Punktzahl. Der Verlierer der Runde erhält in der Regel acht oder neun Punkte, je nach Leistung.

Als Fouls gelten beispielsweise Tiefschläge, Nackenschläge, Nierenschläge, Handwurzelschläge, Schläge mit dem Ellenbogen, Stoßen mit dem Kopf, Abducken und Festhalten des Gegners.

Jack Johnson, Provokation für die Weißen

Überragte seine Gegner an Größe und Schlagkraft: Jack Johnson, der erste farbige Boxweltmeister im Schwergewicht

Überragte seine Gegner an Größe und Schlagkraft: Jack Johnson, der erste farbige Boxweltmeister im Schwergewicht

Es war die größte Boxsensation, die Australien je erlebt hat. Jack Johnson, der schwarze Riese aus Galveston (Texas), war dem amtierenden Weltmeister aller Klassen Tommy Burns über Dublin und Paris auf den fünften Kontinent hinterhergereist, um ihn zu stellen. Burns war einem Kampf bisher aus dem Weg gegangen, da man sich von den boxerischen Fähigkeiten Johnsons wahre Wunderdinge erzählte. Jetzt musste der Weltmeister in den Ring. Am 26. Dezember 1908 fand der Kampf in Sydney statt. Johnson, der Burns um einen Kopf überragt, nutzt seine überlegene Reichweite und seine brillante Technik aus. Burns fungiert als Sandsack. 13 Runden lang vermied Johnson den finalen Schlag und schien mit seinem Gegner zu spielen. Zu Beginn der 14. Runde schritt die Polizei ein und brach den ungleichen Kampf ab.

Mit dem Auftreten Johnsons erhielt der Boxsport eine rassistische Dimension: den Prestigekampf zwischen Schwarz und Weiß. In den Südstaaten der USA wird Johnson wie ein Held gefeiert. Das weiße Amerika verharrt in lähmendem Entsetzen. Nur ein Gedanke beherrscht die Rassisten: Ein weißer Boxer muss sich die Boxkrone zurückholen. Jeder Kampf gegen Johnson wurde von nun an zum “Rassenkampf hochstilisiert. Johnson bekam Schwierigkeiten mit dem US-Boxverband und der Regierung. 1912 setzte er sich nach Europa ab. 1915 verlor er in Havanna seinen Titel trotz überlegener Kampfesführung an den weißen Amerikaner Jess Willard. Ein “unsichtbarer K.o.-Schlag streckte ihn in der 26. Runde nieder. Die Experten sind sich einig: ein klarer Fall von Schiebung, hier war viel Geld im Spiel.

Das “ewige Duell: Fighter gegen Boxer

WM-Rückkampf zwischen Schwergewichts-Weltmeister Gene Tunney (l.) und dem Titelträger des Vorjahres, Jack Dempsey, 1927 in Chicago

WM-Rückkampf zwischen Schwergewichts-Weltmeister Gene Tunney (l.) und dem Titelträger des Vorjahres, Jack Dempsey, 1927 in Chicago

Der Kampfstil des Weltmeisters Jack Dempsey glich einem Naturereignis. Dem aggressiven, raubtierhaften Vorwärtsdrang und dem Vernichtungswillen des “mankillers waren im Ring seit 1919 keine Gegner mehr gewachsen. Ganz anders der Herausforderer Gene Tunney. Er galt als kontrollierter Boxer und kühler Stratege. Am 23. September 1926 trafen die beiden unterschiedlichen Kämpfer vor über 120 000 Zuschauern der größten Zuschauermenge, die je an einem Boxring saß in Philadelphia aufeinander. Die Börse erreichte das Rekordniveau von knapp einer Million Dollar.

Stürmisch schlug Dempsey von Beginn an auf sein Gegenüber ein, in wilden und unkontrollierten Aktionen. Tunney verteidigt sich geschickt, muss aber dennoch in der siebten Runde zu Boden. Da der Ringrichter aber zuerst den weiter anstürmenden Dempsey abdrängen musste, bevor er mit dem Anzählen beginnen kann, erhält Tunney genügend Zeit, sich zu erholen, und steht bei neun wieder auf den Beinen. Jetzt verteidigt sich Tunney eiskalt und kontert präzise. Am Ende steht ein klarer Punktsieg für Tunney. Die Zuschauer haben ein Kräftemessen gesehen, das im Boxen zu den klassischen Duellen mit durchaus ungewissem Ausgang gehört: Der Fighter hat diesmal gegen den Boxer den Kürzeren gezogen.

Schmeling: Größter deutscher Boxheld

Joe Louis (l.) und Max Schmeling bei einem Wiedersehen 1960 in New York. Schmeling war am 12. Juni 1930 durch einen Disqualifikations-Sieg nach einem Tiefschlag von Jack Sharkey Weltmeister im Schwergewicht geworden.

Joe Louis (l.) und Max Schmeling bei einem Wiedersehen 1960 in New York. Schmeling war am 12. Juni 1930 durch einen Disqualifikations-Sieg nach einem Tiefschlag von Jack Sharkey Weltmeister im Schwergewicht geworden.

Für viele ist es bis heute die Boxsensation des Jahrhunderts: Max Schmeling schlägt am 19. Juni 1936 im New Yorker Yankee-Stadion den bislang unbesiegten Joe Louis durch K.o. in der zwölften Runde. Dem 30-jährigen ehemaligen Schwergewichtsweltmeister aus Deutschland war vor dem Kampf nur eine 1:10-Chance auf einen Sieg gegen den US-Wunderboxer eingeräumt worden, der von seinen bisherigen 28 Profikämpfen 24 durch K.o. gewonnen hatte. Dem Sieger des Kampfes winkte die Chance auf einen Kampf gegen Weltmeister James J. Braddock.

In den ersten drei Runden war Louis deutlich im Vorteil. In der vierten Runde krachte ihm Schmelings Rechte ans Kinn. Erstmals in seiner Profilaufbahn ging der “braune Bomber zu Boden. Millionen von deutschen Sportfans wurden um 3 Uhr nachts an den Volksempfängern Zeuge, wie Schmeling nach dieser überraschenden Wende von Runde zu Runde überlegener wurde. In der zwölften Runde traf die Rechte Schmelings den Amerikaner vernichtend.

In Deutschland wird der Triumph Schmelings als Erfolg des Dritten Reichs gefeiert. Der Sieg brachte Schmeling aber nicht den erhofften Titelkampf. 1937 wurde Schmeling, mittlerweile in den USA als “Nazifighter geschmäht, ein WM-Kampf gegen James J. Braddock verweigert. Stattdessen holt sich Louis 1937 gegen Braddock die Boxkrone. Den Rückkampf gegen den Weltmeister Louis verlor Schmeling im Jahr 1938 durch K.o. in der ersten Runde. 1948, mit 43 Jahren, beendete Schmeling seine einmalige Laufbahn.

Schwarze Boxer dominieren das Schwergewicht

Seit den 1960er Jahren beherrschen dunkelhäutige Boxer vor allem die oberen Gewichtsklassen. Neben Ezzard Charles, Floyd Patterson, Sonny Liston, Joe Frazier, George Foreman und Muhammad Ali waren dies in jüngerer Zeit Mike Tyson, Evander Holyfield, und der Brite Lennox Lewis, um nur einige zu nennen. 2002 hält der Schwergewichts-Champ Lennox Lewis die Titel der Boxverbände WBC, IBF und IBO. Sein einziger verbliebener Kontrahent ist der in Deutschland trainierende Ukrainer Wladimir Klitschko Weltmeister nach der Version WBO der auf einen Entscheidungskampf hofft.

Skurriles im Ring

Der längste dokumentierte Kampf (mit Handschuhen) begann in New Orleans am 6. April 1893 um 21.15 Uhr und endete am folgenden Tag früh morgens um 4.43 Uhr. Nach 7 Stunden und 29 Minuten waren Andy Bowen und Jack Burke zu erschöpft um weiterzukämpfen. Der Wettkampf wurde später unentschieden gewertet. Am 3. Dezember 1855 droschen James Kelly und Jack Smith in Dalesford (Australien) 6 Stunden und 15 Minuten ohne Handschuhe aufeinander ein.

Der schwerste Schwergewichts-Weltmeister war mit 121 kg der Italiener Primo Carnera. Seine Fäuste hatten einen Umfang von 37 cm. Die an Körpermaß größten Berufsboxer waren der Rumäne Gogea Mitu und der US-Amerikaner John Rankin mit jeweils 2,23 m. Die beiden dicksten Brummer im Ring waren Claude McBride (154 kg) und Jimmy Black (163 kg). Zusammen mit 317 kg das höchste je in einem Kampf registrierte Gewicht zweier Boxer. Als einziger ungeschlagener Schwergewichts-Weltmeister trat im Jahre 1956 Rocky Marciano (USA) ab. Während seiner Karriere gewann er alle 49 Kämpfe, davon 43 durch K.o. oder durch Aufgabe des Gegners.

Ging als bislang jüngster Weltmeister im Schwergewicht in die Geschichte des Boxsports ein: Mike Tyson, hier beim offiziellen Wiegen im Juni 2002 in Memphis/Tennessee

Ging als bislang jüngster Weltmeister im Schwergewicht in die Geschichte des Boxsports ein: Mike Tyson, hier beim offiziellen Wiegen im Juni 2002 in Memphis/Tennessee

Ungekrönter k.o-König ist Archie Moore, der seine Gegner insgesamt 141mal final auf die Bretter schickte. Moore boxte von 1936 bis 1963. Als ihm am 10. Februar 1962 der Titel des Halbschwergewichts-Weltmeisters aberkannt wurde, war er mit geschätzten 45-48 Jahren der vermutlich älteste Weltmeister der Boxgeschichte. Jüngster Weltmeister im Schwergewicht wurde am 22. November 1986 in Las Vegas der 20-jährige Mike Tyson durch K.o. gegen den Kanadier Trevor Berbick.

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