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wissen.de Artikel

AIDS: die große Seuche des 21. Jahrhunderts

30 Millionen Menschen sind bereits an AIDS gestorben, seitdem die Seuche in den 1980er Jahren ausgebrochen ist. Bis heute ist kein Impfstoff in Sicht.

AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrom), also die „Erworbene Immunschwächekrankheit“, ist die verheerendste Seuche des 21. Jahrhunderts und eine der Haupttodesursachen weltweit. Seit Beginn der Epidemie sind knapp 30 Millionen Menschen an AIDS gestorben.

Zum ersten Mal in das Bewusstsein der Weltbevölkerung drang die Krankheit Anfang der 1980er Jahre. Damals häuften sich in den USA Fälle von Patienten, zumeist homosexuelle Männer, die an dem sonst sehr seltenen Kaposi-Sarkom, einem bösartigen Hauttumor, erkrankt waren. Gleichzeitig stieg auch die Zahl anderer Infektionskrankheiten, darunter eine seltene Art der Lungenentzündung, die „Pneumocystis-Pneumonie“. Bei gesunden Menschen haben die Erreger beider Krankheiten kaum eine Chance, sich im Körper festzusetzen. Sie sind jedoch symptomatisch für ein geschwächtes Immunsystem, beispielsweise nach einer Organtransplantation, wenn die Patienten Immunsuppressiva erhalten, damit die fremden Organe nicht vom Körper abgestoßen werden. Blutuntersuchungen zeigten den behandelnden Ärzten schließlich, dass bei ihren Patienten die T-Helferzellen, Zellen des Immunsystems, die eine große Rolle bei der Bekämpfung von Krankheitserregern spielen, stark dezimiert waren. Schnell waren Wissenschaftler sich darüber einig, dass die Menschheit von einer neuen, tödlichen Krankheit bedroht wurde, die mit einem stark geschwächten Immunsystem und damit verbundenen Infektionskrankheiten und Krebs einherging. Zunächst gab man ihr den Namen GRID (Gay related Immune Deficiency), da man davon ausging, dass die Krankheit nur Homosexuelle befalle. Als sich jedoch herausstellte, dass auch Heterosexuelle erkrankten, darunter vermehrt Drogenabhängige, Prostituierte, Bluterkranke und Empfänger von Bluttransfusionen, änderte man den Namen in AIDS.

 

Das Virus verbreitet sich rasend schnell

In den Jahren nach 1980 explodierte die Anzahl an Erkrankungen förmlich: 1981 gab es in den USA circa einen Fall pro Woche. 1985 waren es hingegen schon 200 neue Fälle pro Woche und die Seuche breitete sich weltweit aus. Entsprechend schnell versuchten Wissenschaftler verschiedener Länder, mehr über den Erreger und die Form der Ansteckung herauszufinden. Zwischen 1982 und 1984 entdeckten Wissenschaftler in den USA und Frankreich unabhängig voneinander den Erreger. Sie nannten ihn HI-Virus, also HIV (Humanes Immundefizienzvirus). Schnell wurde auch klar, wie das Virus übertragen wird: über Blut, Sperma, Scheidensekret und Muttermilch. Durch ungeschützten Geschlechtsverkehr, den Erhalt von verseuchten Bluttransfusionen oder das gemeinsame Benutzen einer Nadel unter Drogenkonsumenten breitete sich HIV rasend schnell auf allen Kontinenten aus. Zu den prominentesten Opfern gehören der Hollywoodstar Rock Hudson († 1985) und der Queen-Sänger Freddie Mercury († 1991).
HIV Virus schematisch

Humane Immundefizienz-Virus HIV ist der Erreger der Krankheit AIDS

1987 initiierte die Weltgesundheitsbehörde WHO ihr globales AIDS-Programm, in vielen Ländern gründeten sich AIDS-Organisationen, die über die Immunschwächekrankheit – und vor allem ihre Übertragungsmöglichkeiten – aufklären und gegen eine Diskriminierung ihrer Opfer vorgehen wollten. 
 

Affen trugen das Killervirus in sich

Anfang der 1980er Jahre war man recht optimistisch, schnell eine geeignete Impfung gegen AIDS entwickeln zu können. Diese Hoffnung wurde jedoch bald enttäuscht: Es zeigte sich, dass das HI-Virus sich in extrem kurzer Zeit in neue Unterarten verwandeln kann. Selbst in einem Patienten können nebeneinander unzählige Varianten des Virus vorkommen. Hinzu kommt, dass die HI-Viren nicht frei im Körper herumschwimmen, sondern sich in körpereigenen Immunzellen verstecken wie in einem Trojanischen Pferd. Trotz aller Rückschläge bei der Entwicklung eines Impfstoffs geben die Wissenschaftler nicht auf und arbeiten weiterhin an diesem herausfordernden Projekt.
 
Erfolge konnten bei der Erprobung geeigneter Medikamente gefeiert werden: Seit Mitte der 1990er Jahre werden HIV-Infizierten mit einer Kombination aus verschiedenen, sehr starken Medikamenten behandelt. Dieser Pillencocktail führt in vielen Fällen dazu, dass keine Viren mehr im Blut nachweisbar sind. Dies bedeutet zwar nicht, dass keine Viren mehr im Körper sind (sie überdauern vielmehr in bestimmten Zellen, Geweben und Organen), verlängert das Leben der HIV-Infizierten jedoch teilweise stark und verbessert somit auch die Lebensqualität.
 
Lange Zeit rätselten Wissenschaftler darüber, wo der Ursprung des HI-Virus liegt. Heute geht man davon aus, dass es sich aus einem Affenvirus entwickelt hat, das vom Schimpansen auf den Menschen übergesprungen ist. Dies geschah wahrscheinlich irgendwann zwischen den 1930er und 1950er Jahren im Westen Zentralafrikas. Dort ist Dschungelfleisch fester Bestandteil des Speiseplans und das Virus könnte beim Kontakt mit Affenblut oder beim Verzehr des Fleisches auf den Menschen übergegangen sein. Obwohl man viele Jahre lang dachte, dass AIDS zum ersten Mal 1980 in den USA auftrat, weiß man heute, dass der wahrscheinlich erste Fall ein Mann aus dem Kongo war, dem 1959 eine Blutprobe entnommen wurde. Erst Jahrzehnte später stellte sich jedoch heraus, dass dieses Blut das HI-Virus enthielt.
 

60 Millionen Infizierte seit Ausbruch der Seuche

Betrachtet man die aktuelle Situation der HIV-Infektion, so sieht man einerseits erschreckende Zahlen und andererseits eine hoffnungsvolle Entwicklung innerhalb der vergangenen 30 Jahre. Seit Beginn der HIV-Epidemie Anfang der 1980er Jahre bis zum Jahr 2011 haben sich mehr als 60 Millionen Menschen mit HIV infiziert, knapp 30 Millionen sind gestorben. Besonders stark traf es Sub-Sahara-Afrika, wo 2009 etwa 68 Prozent aller HIV-Infizierten lebten. Rund 130 000 Neuinfektionen alleine von Kindern registriert man dort jährlich. Gründe für diese ungeheuren Ausmaße sind unter anderem mangelnde Aufklärung und Tabuisierung beziehungsweise Kriminalisierung von Homosexualität. Zudem fehlte es an speziellen Programmen für HIV-infizierte Frauen, was eine hohe Zahl von Kindern zur Folge hatte, die mit HIV geboren wurden. Lange Zeit fehlte es auch an Medikamenten in der Region. In den letzten Jahren hat sich dies allerdings zum Positiven gewandelt. Durch den möglich gewordenen Einsatz von Generika (wirkstoffgleiche Kopien der Originalmedikamente) konnten die Kosten für HIV-Medikamente in den Entwicklungsländern zum Teil um 99 Prozent gesenkt werden. Zum Vergleich: In Deutschland kostet die Therapie für einen Patienten pro Jahr circa 20 000 Euro.
 

Von der tödlichen Infektion zur chronischen Krankheit 

60 Millionen Infizierte in 30 Jahren – diese Zahl ist dramatisch und spiegelt kaum wieder, welches Leid AIDS über die Menschheit gebracht hat. Dennoch blicken Hilfsorganisationen und Ärzte hoffnungsvoll in die Zukunft. Ein Meilenstein bei der Bekämpfung der HIV-Infektion war die Einführung einer geeigneten antiretroviralen Kombinationstherapie 1996. Die Kombination aus mindestens drei Medikamenten verlängert das Leben der Patienten soweit, dass viele nicht mehr von AIDS als einer tödlichen Infektion sprechen, sondern vielmehr von einer chronischen Krankheit. Zudem sank die Zahl der Neuinfektionen zwischen 1999 und 2009 um beinahe 20 Prozent auf 2,6 Millionen jährlich. Auch die Versorgung von HIV-positiven Frauen verbesserte sich: 2007 erhielt nur ein Drittel von ihnen Medikamente, 2009 konnte bereits die Hälfte der Frauen versorgt werden. Auch die Sterblichkeit ging zurück: 2009 starben 1,8 Millionen Menschen an AIDS, vier Jahre zuvor waren es noch 15 Prozent mehr. Trotz dieser erfreulichen Tendenzen darf man nicht vergessen, dass sich immer noch jeden Tag rund 7000 Menschen mit HIV anstecken. In Deutschland infizierten sich laut Robert Koch-Institut im Jahr 2010 immerhin 2918 Menschen. Seit 2007 hat sich der in den Jahren davor beobachtete Anstieg der HIV-Neudiagnosen allerdings deutlich verlangsamt.
 
Erschreckend ist die Entwicklung in Osteuropa und Mittelasien. Hier hat sich die Zahl der HIV-Infizierten seit 2001 mehr als verdoppelt und lag im Jahr 2009 bei 2,2 Millionen. Korruption erschwert den Zugang zu Medikamenten, Homosexualität und Drogenkonsum werden tabuisiert, Präventionsarbeit dadurch erschwert. 
Nicht in Sicht ist bisher eine Heilung oder die Entwicklung eines wirksamen Impfschutzes.
 

Krankheitsverlauf und Therapie 

Die Übertragung des AIDS-Erregers erfolgt durch Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma, selten Scheidenflüssigkeit, Muttermilch), die in die Blutbahn oder auf die Schleimhäute gelangen. Die Inkubationszeit von AIDS beträgt mehrere Monate bis zu 15 Jahren, teilweise noch länger. Doch bereits kurz nach der Ansteckung mit HIV beginnt das Virus, sich stark zu vermehren. Bei einigen Infizierten führt dies nach etwa zwei Wochen zu grippeähnlichen Symptomen. Alle HIV-Infizierten reagieren mit einer Immunabwehr, zuverlässig nachweisbar allerdings erst nach zwölf bis 16 Wochen durch den HIV-Test, fälschlich oft AIDS-Test genannt. Der Krankheitsverlauf ist abhängig vom allgemeinen Gesundheitszustand des Infizierten. Es kann mehr als zehn Jahre dauern, bis die Störungen des Immunsystems sichtbar werden. Zuerst treten lang anhaltende Lymphknotenschwellungen und Durchfälle sowie Nachtschweiß, Müdigkeit und Gewichtsverlust auf. Irgendwann ist das Immunsystem so geschwächt, dass der gesamte Körper fast widerstandslos einer Besiedelung durch die verschiedensten Krankheitskeime ausgeliefert ist. Jetzt erst spricht man von AIDS. Die Folgen sind seltene, aber schwerste Lungenentzündungen und Hauttumore sowie Pilzbefall, Blutkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Hepatitis, Tuberkulose und Schäden des Nervensystems.
 
Neben den schweren Erkrankungen ist für viele Patienten die soziale Vereinsamung ein großes Problem, da häufig noch immer eine Stigmatisierung stattfindet. Ohne medikamentöse Behandlung stirbt etwa die Hälfte der Patienten innerhalb von zwei bis drei Jahren nach dem Ausbruch von AIDS, entweder am Kaposi-Sarkom oder an den Infektionen.
 
Die Behandlung von AIDS erfolgt seit 1996 durch eine Kombination aus mindestens drei antiretroviralen Medikamenten. Sie hemmen die Vermehrung des Virus, indem sie spezielle Eiweiß schneidende Enzyme (Proteasen) angreifen. Zudem behindern sie die „Reverse Transkriptase“ des Virus, mithilfe derer die RNS in DNA umgeschrieben wird, um danach in die körpereigene DNA eingebaut zu werden. Daneben werden die Sekundärinfektionen therapiert.
 
Raffaela Römer
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