Auf Schritt und Tritt begegnet der Besucher von Barcelona heute dem bedeutendsten spanischen Baumeister, wenn er auf den breiten Straßen durch die katalanische Hafenstadt flaniert: Die in ihren Formen frei gestalteten Wohnhäuser und die Kathedrale von Antoni Gaudí sind Wahrzeichen der Metropole am Mittelmeer. 2002 feiert Barcelona das Gaudí-Jahr. Der heute weltberühmte Architekt und Bildhauer, Maler und Kunsthandwerker wurde zu Lebzeiten allerdings heftig angegriffen und verspottet. Am 25. Juni 1852 wurde der Sohn eines Kupferschmieds bei Reus, einem Landstädtchen südwestlich von Tarragona, geboren.
Revolutionär auch nach 100 Jahren

Meister moderner Architektur: Antoni Gaudí
Von “steinernen Missgeburten” und “obszönen Knollen” sprechen noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts einzelne Kunstkritiker bei der Beurteilung von Gaudís Arbeiten. Sie sehen nur den Exzentriker, den Symbolisten. Doch inzwischen ist er in seiner überragenden Bedeutung für die moderne Architektur unbestritten: Die neue Art des Bauens, die wirkungsvolle Raumkonzeption, der kreative Einsatz von Licht, Farbe und Dekor sind international anerkannt.
Gaudí gilt als Erfinder neuer Ausdrucksmöglichkeiten und neuer Konstruktionstechniken – und damit als einer der Protagonisten zeitgenössischer Baukunst. Norman Foster, führender Vertreter der Hightech-Architektur unserer Tage, sagt: “Gaudís Methoden sind auch nach einem Jahrhundert noch revolutionär.”
Vorbilder findet Gaudí in der Natur

Gaudí prägte mit seiner Architektur das Stadtbild Barcelonas.
Die Inspiration für die Gestaltung seiner Villen, Gotteshäuser und Gartenanlagen holt sich Gaudí aus der Natur. Er liebt geschwungene Konturen, wellige Linien, reiches Ornament nach pflanzlichen Vorbildern. Er gibt der Säule ihre organische Baumform zurück, auch wenn es ein falscher Baum aus Stein und Beton ist. Schlangenlinien, Parabolbögen, Schuppenpanzer bestimmen seine Ästhetik, eine Mischung aus Jugendstil, in Spanien Modernisme genannt, und Anleihen an maurische und gotische Baustile.
Mosaike aus Kacheln und Scherben

Dächer im Park Güell: Fantasie und prächtiger Farbenschmuck zeichnen die Architektur Gaudís aus.
Häuserfassaden werden als Skulpturen aufgefasst. Innere Wände bilden kurvige Linien, Treppenstufen und -geländer, Türen und Türgriffe werden zu individuellen Kunstwerken mit floralem Dekor. Farbenschmuck dominiert innen wie außen, traumhaft geschwungenes Schmiede- und Gusseisen ziert Portale und Tore. Als bunte Fassadenverkleidung verarbeitet Gaudí neben Ziegeln immer wieder farbige Kacheln oder Scherben zu fantastischen Mosaiken.
Magnet für Millionen: Sagrada Familia

Die Kathedrale Sagrada Familia gehört zu Gaudís bekanntesten Bauwerken.
Gaudís Bauten gehören zum Pflichtbesuchsprogramm während eines Barcelona-Aufenthalts. Zwei Millionen pilgern jährlich zu seinen Stadtpalästen und zum Wahrzeichen der Stadt, seinem spektakulärsten Werk, der Kathedrale Sagrada Familia. Als 31-Jähriger übernimmt Gaudí 1883, ein Jahr nach der Grundsteinlegung, die Bauleitung für die Kirche zur Heiligen Familie, die sein Lebenswerk werden sollte – und doch noch heute unvollendet ist.
Nur vier der zwölf (nach den zwölf Aposteln) geplanten, 100 Meter hohen, minarettartigen Türme sind bisher errichtet worden. Auch die fünfschiffige Basilika mit dreifachem Querschiff harrt noch der Fertigstellung. Von den drei konzipierten Fassaden wird zu Lebzeiten des strengen Katholiken Gaudí einzig die Ostfassade mit der Darstellung der Geburt Christ teilvollendet.
Ein Schloss für den Ziegeleibesitzer
Jedes der von Gaudí entworfenen Bürgerhäuser ist einen Besuch wert. Wie ein Märchenschloss erhebt sich in der Calle les Carolines die Casa Vicens, das Wohnhaus eines Ziegelei- und Fliesenfabrikanten (1888). Den Palacio Güell in der Calle Nou de la Rambla, gebaut für seinen Freund und Mäzen, den Textilfabrikanten Graf Eusebi Güell, ziert ein Märchengarten auf dem Flachdach: skurrile Turmaufbauten, mit denen der Architekt die Schornsteine verkleidete (1889).
Bizarre Kamine auf dem Dachgarten

Die Casa Batlló in Barcelona
Ein Kleinod mit knöchriger Fassade und kleinen Balkons, die wie Vogelnester an einer Felswand kleben, ist die Casa Batlló in der Passeig de Gràcia (1906). In der selben Straße befindet sich die Casa Milà, das berühmteste von Gaudí errichtete Mietshaus. Es ist ein wuchtig-expressionistisches Gebäude mit einer wellenartig bewegten Kalksteinfassade, die an einen ausgewaschenen Fels erinnert. Der Dachgarten mit seinen bizarr behelmten Kaminen im siebenten Stock kann besichtigt werden (1910).
Müllschlucker und Belüftungsschächte
Bei aller Verspieltheit und originellen Formensprache: Gaudís Bauten sind zweckdienlich, sind den Bedürfnissen der Bewohner angepasst. Er entwirft Wohnungen mit verstellbaren Wänden, baut Müllschlucker und Tiefgaragen, bezieht die Innenhöfe in seine Architektur ein. Ohne ein Fenster zu öffnen, erfolgt die Belüftung der Gebäude auf natürliche Weise. Auch die Anlagen für Beleuchtung und Heizung, für Bäder und Toiletten seiner Profanbauten gelten als Vorbilder für die Humanisierung der Architektur. Schön und praktisch auch die Inneneinrichtungen: die hölzernen Einbauschränke, die Möbel, Leuchter, Kamine, die Treppengeländer und die farbigen Fenstergläser.
Sehenswerter Park Güell

Vereint Natur und moderne Architektur: der Park Güell
Gaudís Meisterwerk ist zweifellos der Park Güell im Nordwesten Barcelonas, der von 1900 bis 1914 angelegt wird. Zwischen Pinienwäldchen und unter Palmenalleen hatte er für seinen Auftraggeber eine Mustersiedlung, eine Gartenstadt geplant, die allerdings nicht realisiert wird. Es bleibt beim 20 Hektar großen Parkgelände – mit einer geschwungenen Mauer rundherum, mit mosaikgeschmückten Pavillons, einem kleinen Büro- und einem Pförtnerhaus, mit großzügigen Treppenanlagen, breiten Sonnenterrassen, fantastisch verzierten Brunnen, einer eindrucksvollen Säulenhalle und schattigen Höhlenwegen. Und mit einem zweigeschossigen Promenadenweg, von schrägen, spiralförmigen Säulen gestützt.
Zum Park Güell gehört auch die berühmte gemauerte Sitzbank, auch Schlangenbank genannt, die sich in zahllosen Windungen um eine Terrasse schlängelt und überaus üppig mit bunter Bruchkeramik geschmückt ist. Gaudí lässt, um den günstigsten Schnitt für die Bank zu erhalten, einen nackten Arbeiter auf einer noch feuchten Gipsform Platz nehmen und formt danach die für den Menschen bequemste Kontur und Form seiner Serpentinenbank.
Tragischer Tod nach Straßenbahnunfall
Am Spätnachmittag des 7. Juni 1926, auf dem Weg zum Vesper-Gebet, wird Antoni Gaudí, beim Überqueren der Straße in Gedanken versunken, von einer Straßenbahn erfasst und mitgeschleift. Keiner erkennt den schwer verletzten, bewusstlosen Mann. Taxifahrer weigern sich, ihn ins Krankenhaus zu transportieren. Passanten nehmen sich seiner an. Drei Tage später stirbt er. Einen Kilometer lang ist der Trauerzug, der sich am 12. Juni vom Hospital de Santa Cruz in der Altstadt Barcelonas auf die Kirche der Sagrada Familia zu bewegt. Tausende säumen die Straßen. Gaudí findet nach Genehmigung durch den Papst seine letzte Ruhe in der Krypta der Kirche, an der er 43 Jahre seines Lebens gearbeitet hat.
Buch-Tipps
Online bestellen:









0 Kommentare