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Arbeitssucht

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Wenn Arbeit süchtig macht: Den sog. Workaholics sind die Konsequenzen ihrer Sucht nicht bewusst.
Wenn Arbeit süchtig macht: Den sog. Workaholics sind die Konsequenzen ihrer Sucht nicht bewusst.
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Ein erhöhter Zigarettenkonsum am Schreibtisch zeugt von dem psychischen Druck, dem Arbeitssüchtige ausgesetzt sind.
Ein erhöhter Zigarettenkonsum am Schreibtisch zeugt von dem psychischen Druck, dem Arbeitssüchtige ausgesetzt sind.
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Arbeitssucht kann zu Schlafstörungen und Depressionen führen.
Arbeitssucht kann zu Schlafstörungen und Depressionen führen.
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Die Zeit rast – und wir rasen mit.
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Arbeiten bis tief in die Nacht: Arbeitssüchtige ruinieren ihre Gesundheit und haben einen überproportional hohen Krankenstand.
Arbeiten bis tief in die Nacht: Arbeitssüchtige ruinieren ihre Gesundheit und haben einen überproportional hohen Krankenstand.
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"Arbeit macht süchtig" - dies klingt wie ein Scherz über die deutsche Beamtenschaft, ist aber im Berufsalltag bittere Realität. Laut einer Studie der Universität Tübingen leidet jeder siebte Deutsche an Arbeitssucht. Insbesondere sind Führungskräfte, Ärzte und Beschäftigte in Start-up-Unternehmen betroffen. Das medizinische Wissen über das Krankheitsbild “Arbeitssucht“ hat sich in Deutschland in den letzten Jahren nicht wesentlich weiterentwickelt. Die US-Therapeutin Constance Gunderson wundert sich: "Deutschland ist in punkto Arbeitssucht auf dem Erkenntnisstand wie beim Alkoholismus in den 1950er Jahren." Der Workaholic ist vom bewunderten Vielarbeiter zum Patienten geworden. Dabei wissen die meisten Betroffenen noch nicht einmal, dass sie wie Drogenabhängige zu den Suchtkranken gehören.

Workaholic ein Begriff macht Karriere

Wenn Arbeit süchtig macht: Den sog. Workaholics sind die Konsequenzen ihrer Sucht nicht bewusst.

Wenn Arbeit süchtig macht: Den sog. Workaholics sind die Konsequenzen ihrer Sucht nicht bewusst.

Der Begriff "Workaholic" kam in den 70er Jahren in Anlehnung an "Alkoholic" (Alkoholsüchtiger) in den USA auf. Obwohl Kritiker die Arbeitssucht als Modebegriff abtun, wird er von der medizinischen Fachwelt in steigendem Maße ernst genommen. Bereits 1976 veröffentlichte Marilyn Machlowitz die erste wissenschaftliche Arbeit zum Thema. 1979 schrieb Dr. Gerhard Mentzel den ersten deutschsprachigen Fachartikel, in dem er das Verhalten von Arbeitssüchtigen mit dem von Alkoholikern verglich. Arbeitssucht ist eine "stoffungebundene" Sucht, d.h. die Kranken nehmen keine schädigenden Substanzen zu sich. Die Symptome und Folgen ähneln sich hingegen stark: Abhängigkeit von den "Drogen" Arbeit und Verantwortung. Konferenzen, Konkurrenzkampf und Kreativitätsdruck, ständige Erreichbarkeit übers Mobiltelefon, Nachtarbeit und Pizzadienst - gehören zu den typischen Begleitumständen dieser Sucht. Die Folgen sind soziale, psychische und physische Probleme, die bis zur Selbstzerstörung reichen können.

Die drei Schritte zum Burnout

Ein erhöhter Zigarettenkonsum am Schreibtisch zeugt von dem psychischen Druck, dem Arbeitssüchtige ausgesetzt sind.

Ein erhöhter Zigarettenkonsum am Schreibtisch zeugt von dem psychischen Druck, dem Arbeitssüchtige ausgesetzt sind.

Wenn hohe Leistungsansprüche von außen zu oft als Herausforderung verstanden werden, statt als Belastung, ist der erste Schritt zur Arbeitssucht getan. Meist überschätzt sich der Gefährdete und kann die Anforderungen, die er an sich selbst stellt, nicht erfüllen. So kommt es zu Versagensängsten. Unglücklicherweise wird die Lösung dieser Ängste darin gesucht, immer mehr zu arbeiten. Ruhepausen werden selten oder gar nicht eingehalten. Die Sinnesorgane sind ständiger Alarmbereitschaft ausgesetzt und kommen nicht zur Ruhe. Das wiederum führt zu Schlafstörungen, Entspannung ist dann selbst im Schlaf nicht mehr möglich.

Medizinisch sind drei Phasen der Arbeitssucht zu unterscheiden: In der Einleitungsphase wird der Lebensstil auf die Arbeit ausgerichtet. Der Gefährdete nimmt sich weniger Zeit für alltägliche Dinge, gibt arbeitsbedingte Tätigkeiten wie Lesen von Manuskripten als Freizeitbeschäftigung aus und arbeitet auch in der Freizeit. Gegenüber "Müßiggängern" besteht ein Gefühl der Verachtung.

In der zweiten, der kritischen Phase sucht der Gefährdete nach Ausreden für seine Arbeit, nach Zeiteinteilungsmodellen, die jedoch alle scheitern. Schuldgefühle werden dadurch gedämpft, dass die Workaholics Mitleid in ihrem sozialen Umfeld suchen.

In der dritten oder chronischen Phase nutzt der Arbeitssüchtige jede Minute, um sich Befriedigung zu beschaffen. Er arbeitet abends, nachts an Sonn- und an Feiertagen. Der Leistungsabfall ist unabwendbar und führt schließlich in die Katastrophe. Um weiter arbeiten zu können, greift der Süchtige nach Aufputschmitteln, Alkohol und Nikotin. Hält dieser Zustand lange an, kommt es schließlich zum Zusammenbruch, geistigem oder körperlichem Stillstand: Burnout.

Warnsignale und Symptome

Arbeitssucht kann zu Schlafstörungen und Depressionen führen.

Arbeitssucht kann zu Schlafstörungen und Depressionen führen.

Schwere Depressionen, körperliche Krankheiten, Abhängigkeit von Suchtmitteln gehören zu den offensichtlichen Erscheinungsmerkmalen der Arbeitssucht. Bevor es zu dieser Symptomatik kommt, weisen vorgelagerte Indikatoren auf das Krankheitsbild hin. Wie bei vielen anderen Suchtkrankheiten ist die Verleugnung der Sucht ein typisches Warnsignal. Sie ist Zeichen von schwindendem Urteilsvermögen - ebenfalls ein bekanntes Suchtproblem.

Auch leidet der Kranke geradezu unter Arbeitszwang, selbst wenn er sich einmal entspannen will. Grund ist ein permanent hoher Adrenalinausstoß, der dem Süchtigen selbst in der Nacht noch den Schlaf raubt. Rasch ist die Balance zwischen Ruhe und Belastung gestört. Überreaktionen, Bewegungsunsicherheit und Denkblockaden sind die Folgen.

Therapie: Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Zeit rast – und wir rasen mit.

Die Zeit rast – und wir rasen mit.

Arbeitssüchtige leben auf der Überholspur. Die Psychologen Margot und George Pennington versuchen zu zeigen, dass es auch anders geht: Im bayerischen Polling erfahren Teilnehmer in speziellen Seminaren, wie langsam das Leben ohne Termine sein kann. Bei den Besprechungen darf jedes Gruppenmitglied nur ein Wort pro Atemzug reden. Der Gang zur Toilette muss mindestens 20 Minuten dauern.

An der Bauhaus-Universität in Weimar läuft das Projekt "Entschleunigung". Professor Olaf Weber und seine Studenten haben einen Kalender entworfen, auf dem statt Tagen nur Monate abzulesen sind. Tagesziele sind verboten, da sie den Tag vernichten, so Weber. Stattdessen soll am Monatsende ein angestrebter, großer Erfolg verbucht werden. Das wird unter Zeitmanagement ohne Tyrannei der Uhrzeiger verstanden. Der erste Schritt sollte jedoch zum Arzt oder zu einer regionalen Selbsthilfegruppe führen.

Übrigens: Kein Segen für die Firma

Arbeiten bis tief in die Nacht: Arbeitssüchtige ruinieren ihre Gesundheit und haben einen überproportional hohen Krankenstand.

Arbeiten bis tief in die Nacht: Arbeitssüchtige ruinieren ihre Gesundheit und haben einen überproportional hohen Krankenstand.

Ihr Angestellter ist ein Workaholic? Kein Grund, sich die Hände zu reiben. Wie die Zeitschrift "Wirtschaftspsychologie" berichtet, schaden Arbeitssüchtige ihrem Unternehmen mehr als sie ihm nutzen. Im Rausch der Arbeit halten sie sich nicht an Absprachen. Insbesondere eine projektfördernde Arbeitsteilung ist ihnen fremd, da sie alle Verantwortung an sich reißen. Soziale Probleme sind ebenfalls vorprogrammiert. Workaholics meiden den Umgang mit anderen. Als Vorgesetzte fordern sie von ihren Untergebenen dasselbe Arbeitspensum wie von sich selbst. Bei dauerhafter Sucht sind die Betroffenen zudem häufiger krank, da letztlich die Physis unter der Belastung leidet.

Buch-Tipps

Online bestellen:

Stefan Poppelreuter: Arbeitssucht

Rainer Schwochow: Workaholics - wenn Arbeit zur Sucht wird

Bryan E. Robinson: Wenn der Job zur Droge wird

Kontakt

Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren (DHS) e.V.
Postfach 1369
59003 Hamm
Telefon: 02381/90150
www.dhs.de
Anonyme Arbeitssüchtige
Kreuzstraße 13
76133 Karlsruhe

Kontakt zur regionalen Selbsthilfe Bonn - SEKIS-Bonn
Lotharstraße 92
53115 Bonn
Telefon: 0228/9145917

AAS Anonyme Arbeitssüchtige
c/o KISS
Gaußstraße 21
22765 Hamburg

Selbsthilfe junger Abhängiger - bundesweite Koordinationsstelle der Caritas
Große Hamburger Str. 18
10115 Berlin
Telefon: 030/2805112

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Das pop-surrealistische Lied über Workaholism: http://www.youtube.com/watch?v=iP7i3RY58DA