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Armutsbericht: Deutschland wird ungleicher

Deutschland zählt zu den reichsten 20 Ländern der Welt. Fast alle Menschen haben genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und Zugang zu sauberem Wasser. Trotzdem gibt es Menschen in Deutschland, die als arm gelten. Zumindest, wenn man die relative Armut betrachtet - die Armut im Verhältnis zu unserem Umfeld. Doch was bedeutet es, in einem reichen Land arm zu sein? Und welche Folgen hat das für unsere Kinder?

Rennende Schüler
Unserer Kinder können zwar nahezu kostenlos öffentliche Schulen besuchen, aber der Bildungserfolg ist stark vom sozialen Hintergrund des Elternhauses abhängig.
Deutschland gilt gemeinhin als reiches Land. Unserer Kinder können nahezu kostenlos öffentliche Schulen besuchen und in Notsituationen soll der Staat uns absichern. Trotzdem ist die Armut oft näher als sie scheint. Denn betroffen können auch die Nachbarn sein, die sich die Klassenfahrt der Kinder nicht leisten können, der Schichtarbeiter, der keine bezahlbare Wohnung in der Nähe des Arbeitsplatzes findet, oder die Rentnerin, die ihre kaputte Waschmaschine aus Geldmangel nicht ersetzen kann.

Als arm gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Das entspricht in Deutschland einem Nettojahreseinkommen von unter 11.758 Euro, für einen Einpersonenhaushalt. Aber wie viele sind bei uns davon betroffen? Und wie stehen die Chancen, aus der Armut wieder herauszukommen?

Der aktuelle Verteilungsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, der passend zum internationalen Tag für die Beseitigung der Armut veröffentlicht wurde, zeichnet zumindest kein optimistisches Bild. Die Schere zwischen Arm und Reich geht demnach weiter auseinander und wer einmal in die Armut abgerutscht ist, kommt nur schwer wieder hinaus.

Wenige schaffen den Aufstieg

Häufig stürzen einschneidende Erlebnisse Menschen in die Armut. Das können Krankheitsfälle, Todesfälle, der Jobverlust oder eine Naturkatastrophe sein. Armut gilt deswegen auch eher als ein dynamischer Prozess und nicht als statische, absolute Eigenschaft. Im Optimalfall sollten Menschen demnach nicht dauerhaft in Armut leben, sondern die Möglichkeit haben, wieder aufzusteigen.

Doch genau das wird in Deutschland immer schwieriger: Wer einmal arm ist, bleibt auch häufig arm. Der Bericht zeigt: Innerhalb von fünf Jahren kann nur die Hälfte der Menschen der Armut wieder entfliehen. Damit ist der Aufstieg noch schwieriger geworden als vor 20 Jahren. Damals schafften es noch knapp 60 Prozent, der Armut wieder zu entkommen.

Der untere Mittelstand rutscht ab

Doch die Armen bleiben nicht nur arm, sondern es rutschen auch mehr Menschen aus der unteren Mittelschicht in die Armut ab - und das selbst bei guten wirtschaftlichen Bedingungen. „Die Situation dieser beiden Gruppen macht deutlich, dass in unserem Land wesentliche Teile der Bevölkerung damit konfrontiert sind, dauerhaft abgehängt zu werden“, so Dorothee Spannagel vom WSI.

Reich zu bleiben, scheint dagegen einfacher zu sein. Denn die oberste Einkommensklasse der sehr Reichen hat heute ein geringeres Risiko abzusteigen als noch vor zwanzig Jahren. Von den Gutverdienern mit einem Jahres-Netto-Einkommen von über 58.791 Euro schafften es rund 60 Prozent, ihren Standard beizubehalten, so der Bericht. Ebenfalls gut konnten sich die Menschen mit Einkommen oberhalb von 39.000 Euro im Jahr halten.

Famile vor Businessjet
Die Reichen bleiben immer häufiger reich, ihre Abstiegsrisiken sind zurückgegangen.
Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf

Doch dadurch geht auch die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf. Denn die Einkommensungleichheit ist heute auf dem Höchststand. Zuletzt galt noch das Jahr 2005 als das Jahr mit den größten Einkommensunterschieden. Das Jahr 2013 hat es nun mit einem neuen Negativrekord abgelöst.

Laut Hassel gefährdet diese Situation den sozialen Zusammenhalt in Deutschland und sie verletzt das Prinzip der Chancengleichheit. „Viele dieser Entwicklungen vollziehen sich nicht in spektakulären Sprüngen, sondern langsam, aber recht kontinuierlich und selbst bei guter wirtschaftlicher Lage. Das macht sie besonders gefährlich, weil politischer Handlungsdruck lange übersehen werden kann" so Hassel: "Dabei ist es höchste Zeit, gegenzusteuern“.

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HDI, 17.10.2016
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