Die Schüsse fallen um 17.17 Uhr. Am 13. Mai 1981 hält die Welt den Atem an. Auf Papst Johannes Paul II. ist geschossen worden. Der junge Türke Ali Agca hat das Oberhaupt der katholischen Kirche lebensgefährlich verletzt. Das grausame Attentat ist bis heute nicht restlos aufgeklärt worden. War Ali Agca Einzeltäter oder Erfüllungsgehilfe von Geheimdiensten?

Kein gewöhnlicher Pilger
Das Telefon in der Rezeption der kleinen römischen Pension Isa in der Via Cicerone 35 klingelt seit dem Morgen fast ununterbrochen. Kein Wunder, denn im Mai ist Hochsaison für viele Pilger, und die romantische Pension liegt günstig zwischen Spanischer Treppe und Vatikan im eleganten Stadtteil Prati. Als der Hotelbesitzer endlich von seinem Espresso ans Telefon eilt, meldet sich eine Stimme in akzentfreiem, perfektem Italienisch und reserviert ein Zimmer für die Zeit vom 10. bis Mittwoch, den 13. Mai 1981, auf den Namen „Faruk Ozgün". Der Hotelbesitzer erinnert sich an den jungen, ruhigen Türken, der bereits vor einem Monat und auch im Dezember 1980 in seiner Pension übernachtet hatte. Auch diesmal wird für „Faruk Ozgün", der in Wirklichkeit Ali Agca heißt und in der Türkei ein gesuchter Mörder und Terrorist ist, das Zimmer mit der Nummer 31 reserviert.
Als ein paar Tage später der 1958 in Malatya in Anatolien geborene Mehmet Ali Agca im Isa eincheckt, trägt er einen unauffälligen grauen Anzug. Aber dieser Mann mit der schwarzen Pony-Frisur ist kein gewöhnlicher Rom-Pilger, in seinem Gepäck hat er einen Reisepass, ausgestellt in Neveshir in der Türkei unter der Nummer Tr-F 136635 auf den Namen „Faruk Ozgün", und eine halbautomatische 9-mm-Browning-Pistole. Die Waffe wurde zuvor angeblich bei einem neofaschistischen Waffenhändler in Wien gekauft - mit nur einem Zweck: Das Verbrechen des Jahrhunderts zu begehen! Mit der 9-mm-Waffe will Ali Agca den Heiligen Vater, Papst Johannes Paul II., erschießen. Auch der Zeitpunkt ist genau festgelegt: der 13. Mai 1981, der Gedenktag der Madonna von Fátima.
Verbindung zum Vatikan?
Drei Tage vorher, am Sonntag, den 10. Mai, besucht der Papst die römische Gemeinde San Tommaso d'Aquino. Die italienische Zeitschrift „Oggi" belegt erst sehr viel später, im Januar 2001: Auch hier ist der fanatische Türke vor Ort und kommt sogar bis auf wenige Meter an das Kirchenoberhaupt heran. Die Genehmigung, diesen abgesperrten Bereich zu betreten, wurde im Vatikan erteilt. Ein Vatikanangestellter bringt die Sondererlaubnis sogar in die Pension Isa, in der Ali Agca wohnt.
Das Kuriose: Erst später stellt sich heraus, dass dieser Bote der Vater von Emanuela Orlandi ist. Eine 15-jährige Vatikanbürgerin, die bis heute spurlos verschwunden ist. Eine türkische Neofaschistenorganisation forderte angeblich später die Freilassung des Attentäters Ali Agca im Austausch für das Mädchen.
Am 11. und 12. Mai verlässt Ali Agca die Pension Isa in der Nähe der Piazza Cavour und der Engelsburg auf der Vatikanseite des Tibers, um auf dem Petersplatz die Örtlichkeiten genau zu studieren.
Pension “Jesus“
Der 13. Mai 1981 ist in Rom ein herrlicher Frühlingstag. Rund 20.000 Touristen und Pilger freuen sich auf die wöchentliche Generalaudienz des Papstes, darunter auch viele Gläubige aus Polen und eine 450 Mann starke Abordnung der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc", die erst nach zähen Verhandlungen mit ihrer Regierung reisen durfte.
Später beschreibt Ali Agca in seiner von der italienischen Journalistin Anna Maria Turi verfassten Biografie, wie er die letzten Stunden vor dem Attentat erlebte: Im Morgengrauen steht er auf, um zehn Minuten lang auf den Knien zum Allmächtigen zu beten. Dann rasiert er sich sorgfältig und entfernt auch sein gesamtes Körperhaar, um sich auf einen Heldentod, an den er glaubt, vorzubereiten. Seit drei Tagen ernährt er sich nur von Obst und Gemüse, trinkt Milch, Pampelmusen- und Orangensäfte. Immer nur in kleinen Mengen. Die Diät soll dazu beitragen, dass er sich leicht und unbeschwert fühlt.
Bereits um 9 Uhr verlässt der Attentäter die Pension. Später schreibt er: „Mir ist aufgefallen, dass der Name der Pension in arabischer Schrift auch Jesus bedeuten kann. Ich lächele, und es scheint mir wie vorherbestimmt, dass ich von der Pension Jesus aufbreche, um das Oberhaupt der katholischen Kirche zu ermorden."
Am Nachmittag zieht er gemeinsam mit Tausenden Pilgern und Römern die Via della Conciliazione hinauf und gelangt auf Vatikan-Gebiet. Er betritt den Petersplatz und geht langsam die Kolonnaden entlang. Der Platz ist durch niedrige hölzerne Barrieren in drei Abschnitte aufgeteilt. Durch die Absperrungen entstand eine improvisierte Straße, auf der das „Papstmobil", ein weißer umgebauter Toyota-Jeep, später entlangfahren wird, damit der Heilige Vater die Menge bei der Audienz begrüßen kann. Ali Agca findet eine Stelle hinter einer Reihe von Pilgern, die direkt hinter einer Barrikade stehen, drei Meter von der Stelle entfernt, an der der Papst vorbeikommen muss. Er versteckt sich hinter einer stämmigen Nonne. Nicht weit von ihm entfernt, stehen die amerikanische Touristin Arm Odry und Rose Hall aus Jamaika. Es ist kurz vor 17 Uhr, eine Hand hält die Kamerahülle, die Ali Agca wie ein Tourist vor dem Bauch hängen hat. Darunter verbirgt sich eine Browning Parabellum, Kaliber 9 mm. Der ruhige schwarzhaarige Mann mit der olivenfarbenen Haut und den hervorstehenden Backenknochen bereitet sich mental auf sein Verbrechen vor.
Schüsse auf den Papst
Papst Johannes Paul II. hat an diesem Tag mit Freunden zu Mittag gegessen. Der bekannte französische Genetiker Professor Jérôme Lejeune, der die Chromosomen-Anomalie identifiziert hat, die das Down-Syndrom verursacht, war einer der Gäste. Pünktlich um 17 Uhr fährt das kleine, weiße Papstmobil durch den Glockentorbogen auf den Platz, wo die Menge den Papst euphorisch begrüßt. Der Pontifex lächelt. Der Toyota-Jeep fährt normalerweise ein oder zwei Mal um den Platz, bevor er an der Plattform vor der Basilika hält und der Papst zur Menge spricht. Um 17.13 Uhr rollt der Jeep langsam vor die Holz-Barrieren, Menschen strecken dem Heiligen Vater ihre Kinder entgegen, um sie segnen zu lassen. Ein kleines Mädchen, das der Papst aufnimmt, wird den glücklichen Eltern zurückgegeben, und das Papstmobil rollt auf die schweren Bronzetüren des Apostolischen Palastes zu.
Als es kurz darauf, etwa sechs Meter vom Türken Ali Agca entfernt, vorbeifährt, springt dieser hinter seiner Deckung hervor und gibt mehrere Schüsse auf den Heiligen Vater ab. Die Detonationen hallen über den Petersplatz. Der erste Schuss streift Karol Wojtyla am Ellenbogen, der zweite zerfetzt ihm den linken Zeigefinger, der dritte Schuss dringt in den Bauchbereich unterhalb des Nabels ein. Der Papst sinkt in die Arme seines Sekretärs Monsignore Stanislaw Dziwisz und seines persönlichen Adjutanten Angelo Gugel von der Schweizergarde. Die weiße Soutane färbt sich von dem austretenden Blut langsam dunkelrot. In der Nähe des Papstes bricht die US-Touristin Ann Odry zusammen, sie wurde von einer austretenden Kugel lebensgefährlich verletzt.
Der Attentäter Ali Agca will fliehen, schafft es aber nicht mehr, die für die Flucht mitgebrachte Rauchbombe zu zünden. Er wird von einer resoluten Nonne festgehalten. Sekunden später schlagen aufgebrachte Zeugen auf den Attentäter ein. Zwei in der Nähe stehende Polizisten bahnen sich einen Weg durch die Menschenmenge und nehmen den jungen Türken fest.
Letze Ölung
Der schwer verletzte Papst wird sofort in den Operationssaal im neunten Stock der Gemelli-Klinik, die gut sechs Kilometer vom Vatikan entfernt liegt, gebracht. Normalerweise braucht man für die Fahrt mindestens 25 Minuten, die Notambulanz schafft es in acht Minuten. Trotzdem verliert Karol Wojtyla drei Liter Blut, er ist kaum noch bei Bewusstsein.
Stanislaw Dziwisz spendet dem Heiligen Vater die Letzte Ölung. Dann kämpfen die Ärzte um Chefchirurg Dr. Francesco Crucitti im OP um das Leben des Pontifex. Die Kugel im Unterleibbereich hat im Körper schwere Schäden angerichtet. Als die lebensgefährlichen Blutungen gestillt sind, steigt auch der Puls wieder. Der Dickdarm ist zerfetzt, im Dünndarm gibt es fünf Wunden, aber die Kugel hat keines der wichtigen Organe, wie Leber, Bauchspeicheldrüse, Nieren, Harnleiter oder die Wirbelsäule, getroffen. Nach fünfstündiger Operation scheint das Leben des Papstes gerettet. Gegen 0.45 Uhr gibt es ein Bulletin: „Die Operation ist erfolgreich beendet worden, der Zustand des Patienten ist zufrieden stellend." Erst dann zerstreut sich die Menschenmenge, die auf dem Petersplatz viele Stunden den Rosenkranz gebetet hat.
Ein eiskalter Terrorist
Noch in derselben Nacht wird Ali Agca in der Polizei-Zentrale von Beamten vernommen. Ein Arzt bestätigt, dass der Täter nicht unter Drogen oder bewusstseinsverändernden Psychopharmaka steht. Der leitende Beamte Alfredo Lazzarini erklärt gegenüber der Presse: „Ali Agca ist ein Terrorist mit großem T, eiskalt, glasklar im Kopf und als Schütze hervorragend trainiert. Kein exaltierter Verrückter, den religiöser oder politischer Fanatismus umtreibt, sondern ein Mann, der ein Vorhaben jedweder Art durchführen kann - bis hin zur Selbstopferung."
Eine Verschwörung?
Bis heute ist ungeklärt, ob die Schüsse auf den Papst die Tat eines Einzelnen ist oder eine Organisation dahinter steht. Wem gehörte die Stimme, die im perfekten Italienisch das Zimmer für Agca in der Pension Isa reservierte? Warum fand man auf dem Petersplatz auch eine Patronenhülse vom Kaliber 7 mm? Die Waffe des Täters war eine 9-mm-Pis-tole. Wer finanzierte dem jungen Türken zahlreiche Auslandsreisen nach Spanien, Bulgarien, Italien und in die Bundesrepublik Deutschland?
Die angesehene römische „Spiegel"-Korrespondentin Valeska von Roques ist in ihrem Buch „Verschwörung gegen den Papst" den verschiedenen Theorien nachgegangen. Sie schildert die Interessen der zwei konkurrierenden Geheimbünde im Vatikan „Opus Dei" und der Freimaurerloge P2, die Verstrickung der Geheimdienste CIA und KGB auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges und die Wirren einer fehlgeleiteten italienischen Justiz.
In ihrem Buch schreibt sie: „Das Attentat auf den Papst war der schmutzigste aller schmutzigen Tricks, die der Propagandakrieg zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Welt im Westen hervorgebracht hat... Mit diesem Anschlag auf den Papst, der als Teil der Planung den Bulgaren und dem KGB untergeschoben werden sollte, war beabsichtigt gewesen, die Sowjetunion als das ,Reich des Bösen' aus dem Kreis der zivilisierten Staaten zu verbannen... Es war ein diabolischer Plan."
Erst viel später, am 24. Mai 2002, vermeldet die Nachrichtenagentur Reuters, dass Papst Johannes Paul II. auf seiner Reise nach Sofia Bulgarien von dem Vorwurf freispricht, dass das damals kommunistische Land in das Attentat auf ihn 21 Jahre zuvor verwickelt gewesen sei.
Der Attentäter Mehmet Ali Agca wird von der italienischen Justiz in einem Drei-Tage-Prozess - vom Verfahren ausgeschlossen - zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach 19 Jahren wird der 42-jährige Attentäter im Juni 2000 an die Türkei ausgeliefert und steht dort wegen früherer Raubüberfälle erneut vor Gericht. Durch die immer wieder wechselnden Aussagen des Türken sind bisher alle Versuche gescheitert, das Papst-Attentat endgültig aufzuklären.
Vergebung für den Attentäter
Von Ende September bis Ende Oktober 1983 fand die VI. ordentliche Versammlung der Bischofssynode statt, die sich mit dem Thema „Versöhnung und Buße" befasste. In einem apostolischen Schreiben sagt Johannes Paul II. später, die Quelle der Versöhnung sei das Kreuz Christi. Seine vertikale Dimension symbolisiere die Wiederversöhnung des Menschen mit Gott, seine horizontale Dimension die Wiederversöhnung unter den Menschen.
Zwei Monate später zeigt der Papst seine Menschlichkeit. Er besucht am 27. Dezember 1983 den Attentäter Agca im Rebibbia-Gefängnis. Den Mann, der ihn fast getötet hat.

Die Bilder aus der Gefängniszelle vom Papst in seiner weißen Soutane und dem inhaftierten Türken in Turnschuhen, Jeans und blauem Pullover gingen um die Welt. Karol Wojtyla umarmt den Türken und führt ein 20 Minuten langes Vier-Augen-Gespräch. Am Ende des Besuchs vergibt der Papst seinem Peiniger. Ali Agca bereut bei diesem Treffen seine Tat und küsst zum Abschied den Bischofsring. Später behauptet der Attentäter in einem Interview, er habe Johannes Paul II. die ganze Wahrheit über das Attentat erzählt. Doch der Papst schweigt, nie spricht er öffentlich über dieses Treffen. Für ihn ist dieser Besuch nicht wichtig, um eventuelle Hintergründe über die Drahtzieher des Anschlags zu erfahren. Ihm geht es darum, dem Menschen, der ihm so viel Schmerz und Leid zugefügt hat, zu verzeihen. Und der Welt ein Beispiel für wahre Nächstenliebe zu geben. Johannes Paul II. sagte über das Attentat: „Ich bin durch die Fürsprache Mariae verschont worden und habe gespürt, dass eine göttliche Hand die Geschosskugeln abgelenkt hat."
Der Papst legte seine vom Attentat blutbefleckte Schärpe im Mai 1982 am portugiesischen Wallfahrtsort Fátima nieder. Eine herausoperierte Kugel wurde 1991 in die Krone der Jungfrauenstatue eingesetzt.








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