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Augengesundheit: Kurzsichtig durch Smartphones?

Immer mehr Menschen blicken jeden Tag stundenlang aufs Smartphone. Gleichzeitig steigt weltweit die Zahl der Kurzsichtigen. Gibt es da einen Zusammenhang? Forscher glauben: Der Blick aufs Handy ist zwar nicht per se schädlicher als zum Beispiel Lesen. Die ständige Beschäftigung mit digitalen Geräten macht jedoch insbesondere Jugendliche oft zu Stubenhockern – und das geht zu Lasten der Augen.

Sitzende Smartphonenutzer
Sind Smartphones wirklich schuld an dem rapiden Anstieg der Kurzsichtigkeit?
Smartphones und Tablets sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ob Zuhause auf dem Sofa, auf dem Weg zur Arbeit oder im Büro: Ständig starren wir auf die kleinen Bildschirme. Auch Kinder und Jugendliche verbringen täglich oft mehrere Stunden mit ihren Geräten. Sie chatten nach der Schule mit Freunden und beschäftigen sich mit Computerspielen.

Die Zeit, die Millionen Menschen jeden Tag Smartphone und Co widmen, nimmt rapide zu. Ihr Siegeszug hat unser Verhalten nachhaltig verändert – so viel scheint klar. Doch beeinflusst dieser Trend auch die Gesundheit unserer Augen?

Auge
Anpassungskünstler: Vor allem in jungen Jahren verändert sich das Auge ständig – und richtet sich dabei nach unseren Sehgewohnheiten.
Nahes Sehen fördert Kurzsichtigkeit

Der Verdacht liegt nahe. Denn während die Bedeutung der digitalen Geräte weltweit zunimmt, steigt auch die Zahl der Kurzsichtigen. In Europa ist bereits knapp die Hälfte der jungen Erwachsenen kurzsichtig. In China sind es sogar 90 Prozent. Tendenz steigend: Bis 2050 sollen 50 Prozent der Weltbevölkerung ein krankhaftes Problem mit der Fernsicht haben, so die Prognose von Forschern. Der rapide Zuwachs legt nahe, dass nicht allein eine genetische Veranlagung dafür verantwortlich sein kann.

Aber sind wirklich die Smartphones schuld? Fakt ist: Nahes Sehen fördert generell Kurzsichtigkeit. Wer viel und lange in die Nähe schaut, bei dem verändern sich auf Dauer die Augen. Denn unsere Sehorgane sind wahre Anpassungskünstler. Sie orientieren sich permanent an unseren Sehgewohnheiten und richten sich entsprechend neu aus. Besonders flexibel sind die Augen im Kindes- und Jugendalter, doch auch bei Erwachsenen verändern sie sich noch.

Die Folge: Durch das ständige Fokussieren auf nahe Gegenstände wächst der Augapfel und die Linse wölbt sich. Dadurch verschiebt sich der Fokus des Sehens. Während scharfes Sehen beim gesunden Auge noch exakt auf der Netzhaut stattfindet, findet es nun vor der Netzhaut statt. Als Ergebnis sehen Betroffene in der Ferne unscharf.

Mädchen mit Brille und Sehtestplakat
Bildung als Gesundheitsrisiko: Mit jedem Schuljahr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder kurzsichtig werden.
Eine Gesellschaft von Stubenhockern

Allerdings: Dieser Effekt tritt bei allen Aktivitäten auf, bei denen die Distanz zum fokussierten Objekt für längere Zeit weniger als 30 Zentimeter beträgt – auch beim häufigen Lesen von Büchern. Diesen Zusammenhang offenbaren Studien deutlich: Je höher der Ausbildungsgrad, desto größer ist das Risiko einer Kurzsichtigkeit. Jedes Schul- oder Studienjahr länger erhöht dabei den Anteil der Kurzsichtigen.

Bücher sind daher per se ebenso schädlich für die Augen wie Smartphone und Tablet. Wissenschaftler glauben jedoch, dass die digitalen Geräte aus einem anderen Grund für den ungewöhnlichen Anstieg der Kurzsichtigkeit verantwortlich sein könnten: Die ständige Beschäftigung mit ihnen hat uns zu einer Gesellschaft von Stubenhockern gemacht. Insbesondere jugendliche Vielnutzer verbringen ihre Zeit lieber an den Displays und spielen damit in ihrem Zimmer anstatt sich draußen an der frischen Luft zu bewegen.

Zwei Jungen in einem Bachbett
Verbringen Kinder regelmäßig mehr als eine Strunde pro Tag bei vollem Tageslicht draußen, schrumpft ihr Risiko für die Sehschwäche deutlich.
Faktor Tageslichtmangel

Dieses Verhalten könnte entscheidend sein. Untersuchungen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass das Tageslicht eine lange unterschätzte Rolle spielt. Helles Licht hemmt demnach das Augenwachstum – wahrscheinlich über den Botenstoff Dopamin. Damit ist es ein wichtiger schützender Faktor gegen Kurzsichtigkeit.

Wie stark der Einfluss des Lichts ist, offenbart zum Beispiel eine Studie von Forschern aus Taiwan. Das Ergebnis: Verbrachten Kinder regelmäßig 80 Minuten pro Tag bei vollem Tageslicht draußen, schrumpfte ihr Risiko für die Sehschwäche um die Hälfte. In anderen Untersuchungen brachten sogar schon 40 Minuten "Freigang" etwas, wenngleich der Effekt hier weniger deutlich war. Bei Studien in skandinavischen Ländern zeigte sich zudem: In der dunklen Jahreszeit nimmt die Kurzsichtigkeit bei den Betroffenen zu, in der hellen Jahreszeit stagniert sie.

Aktiv vorbeugen

Deutsche Augenärzte empfehlen daher, Kinder so viel wie möglich draußen spielen zu lassen. Das kann zumindest teilweise die Effekte durch Lesen und Computerarbeiten wieder ausgleichen. Auch Erwachsene sollten auf einen gesunden Ausgleich achten. Das heißt: Viel Bewegung an der frischen Luft und im Büro den Blick immer mal wieder in die Ferne schweifen lassen – bei längeren Bildschirmzeiten mindestens alle dreißig Minuten.

Und das liebe Smartphone? Hierbei gilt: Auch wenn das Display klein ist, sollte das Gerät nicht zu dicht vor die Augen gehalten werden. Die optimale Leseentfernung beträgt 30 bis 40 Zentimeter. Wer bei diesem Abstand nichts mehr erkennen kann, sollte insbesondere für längere Texte auf den größeren PC-Bildschirm umsteigen.

Häufiges Zwinkern befeuchtet die Augen und trägt auf diese Weise ebenfalls dazu bei, die Belastung durch den Blick auf das Handy zu reduzieren. Andere Augenbewegungen haben eine ähnlich positive Wirkung. Starren schadet dagegen eher.

Ein Schaden, der bleibt

Wer diese Tipps beherzigt, kann einer Kurzsichtigkeit aktiv vorbeugen oder ihr Voranschreiten verzögern. Das ist wichtig, weil Kurzsichtigkeit ein Schaden ist, der bleibt. Das Tragen einer Brille oder Kontaktlinsen kann nicht nur lästig sein. Eine starke Fehlsichtigkeit erhöht auch das Risiko für schwere Augenerkrankungen wie eine Netzhautablösung, Grünen Star oder eine Makuladegeneration, die im Extremfall zur Erblindung führen.

DAL, 13.02.2017
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