Babyklappe: Aus den Augen, aus dem Sinn? | wissen.de
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Babyklappe: Aus den Augen, aus dem Sinn?

Klappe zu - und dann?

Seit die Babyklappe 1999 in Deutschland eingeführt wurde, ist sie umstritten. Schrecklich, sagen die einen, die unter anderem bemängeln, dass die abgegebenen Babys ihre Herkunft nie erfahren könnten - mit allen Folgen für Identität und Selbstwertgefühl - und die Abtreibungsrate mit den Klappen nicht wie erhofft gesunken sei. Toll, finden die anderen, weil wieder ein Baby gerettet wurde.

Babyklappe

Das Prinzip ist einfach: Mütter, die ihr Baby nicht behalten wollen, können es anonym in eine Babyklappe legen. Die ist beheizt und kuschelig weich eingerichtet. Zum Wohlfühlen - zumindest dem äußerem Anschein nach. Hier verlieren Babys ihre Mütter. Hier gibt die Mutter mit dem Kind ihre Sorgen ab. Oder auch nicht, denn dass sie nie wieder einen Gedanken an ihr Kind verschwendet, ist ungewiss, auch wenn vordergründige Sorgen erstmal weg sind. Und psychologische Hilfe bekommt die Mutter Kritikern zufolge selten. Sie will oder soll ja anonym bleiben. Befürworter der  Babyklappe sind dagegen erst einmal froh, dass sich eine Mutter entschieden hat, das Kind nicht abzutreiben, sondern auszutragen. Für sie zählt, dass ein Kind gerettet wurde. Sie wissen, dass Pflegeeltern gut für das Neugeborene sorgen werden.

Bislang sind rund 1000 Babys in einer von knapp 100 Babyklappen in Deutschland abgelegt worden. Eine davon findet sich im Landshuter St. Marien-Kinderkrankenhaus. Hier arbeitet die Solanusschwester Maria Birgitta Baumann, Kaufmännische Leiterin am Kinderkrankenhaus. Sie berichtet im Gespräch mit wissen.de von ihrer Arbeit, wie das wirklich ist mit der Herkunft und Anonymität. Und vor allem: warum sich eine Babyklappe eben doch lohnt.

 

wissen.de: Das Landshuter Krankenhaus hat die Babyklappe seit 11,5 Jahren. Wie viele Babys haben Sie schon aufgenommen?

Birgitta Baumann: Wir haben seitdem vier Babys aufgenommen.

wissen.de: Wieso haben Sie die Babyklappe damals eingerichtet?

Birgitta Baumann: Der Kinderschutzbund Landshut kam auf uns als Kinderkrankenhaus zu und stützte sich auf Erfahrungen mit solchen Einrichtungen, mit dem Sternipark Hamburg zum Beispiel.

Wir haben nach reiflichen Überlegungen zugesagt, denn es ist ja viel Verantwortung mit der Babyklappe verbunden. Wir mussten erst sicherstellen, dass wir das auch leisten können.

wissen.de: Sie retten Kinder, aber so sehen das nicht alle. Das Projekt „Babyklappe“ ist durchaus umstritten. Wie spüren Sie das in Ihrem Krankenhaus?

Babyklappe, Kinderkrankenhaus St. Marien Landshut
Birgitta Baumann: Unsere Babyklappe ist ein Angebot an Mütter in extremer Notsituation, die in diesem Moment keine Alternative für ihr neugeborenes Baby sehen. Unser Vorteil als Kinderkrankenhaus ist, dass wir die notwendige Infrastruktur haben, um dem Neugeborene in solchen Notfällen sofort zu helfen. Unser Kinderkrankenhaus steht ja unter der Trägerschaft der Kongregation der Solanusschwestern in Landshut, einer franziskanischen Ordensgemeinschaft. Da steht das Recht auf Leben selbstverständlich an erster Stelle: Alles Leben kommt von Gott. Ärzte, Pflegepersonal sowie alle unsere Mitarbeiter/innen teilen diese Grundeinstellung.

wissende: Damit stoßen Sie sicher manchmal auf Widerstand und Kritik?

Birgitta Baumann: Wir lesen natürlich die Kritik in den Zeitungen und Zeitschriften und ärgern uns gelegentlich darüber – aber wir sind trotzdem überzeugt, dass wir das Richtige gewählt haben mit der Babyklappe. Als Kinderkrankenhaus können wir die Babys optimal versorgen, vor allem auch, wenn ein Baby krank sein sollte.

wissen.de: Familienministerin Schröder will die Babyklappen abschaffen. Sie sagt, eine Studie habe gezeigt, dass Babyklappen ihr Ziel nicht erreicht haben und will anonyme Geburten auf andere Weise ermöglichen. Vor allem sollen Kinder nach 16 Jahren ihre Herkunft erfahren.

Birgitta Baumann: Unsere Überzeugung und erste Priorität ist ja, den Babys die Chance auf Leben zu geben, wobei wir die vertrauliche Geburt durchaus als guten Weg sehen und auch das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft für sehr wichtig erachten. Wir kümmern uns übrigens auch um die Mutter, die sich gemeldet hat. Wenn sie ihr Kind in unsere Babyklappe legt, findet sie einen Brief mit Anschriften und Telefonnummern aller Ansprechpartner. Außerdem liegt ein Stempelkissen bei, damit sie einen Abdruck von Hand oder Fuß ihres Kindes machen kann. Damit kann die Identität durchaus später festgestellt werden. Die Mutter kann ihrem Kind außerdem etwas mitgeben, also einen Brief zum Beispiel. Wir verwahren ich sicher, geben ihn ans Jugendamt und dies gibt es dann den Pflegeeltern.

wissen.de: Finden sich für alle Kinder Pflegeeltern?

Birgitta Baumann: Ja, „unsere Kinder“ haben einfach super passende Eltern „erwischt“.

wissen.de: Sie kennen die?

Birgitta Baumann: Das Jugendamt kümmert sich um Pflegeeltern, das ist nicht unsere Sache – wir sind für das Baby verantwortlich und für sein Wohlbefinden.

wissen.de: Aus den Augen, aus dem Sinn – ist das so oder melden sich Frauen die Ihr Baby zur Klappe gebracht haben, manchmal doch noch mal, weil sie ihr Baby sehen wollen?

Birgitta Baumann: Von den vier Babys, die bei uns abgegeben wurden, hat sich eine Mutter einige Tage später selbst gemeldet und konnte mit Hilfe des Kinderschutzbundes ihre Lebensverhältnisse so ordnen, dass sie das Baby bei sich behalten konnte.  Die drei anderen Kinder bekamen über das Jugendamt Landshut Pflege- bzw. Adoptiveltern vermittelt, die die Babys bei uns abholen durften. Diese Adoptiveltern halten noch immer Kontakt zu uns, als Ort des Aufgefundenwerdens sozusagen.

wissen.de: Wie kann man sich die Arbeit mit der Babyklappe vorstellen: Wenn jemand ein Kind in die Klappe legt, läutet es, Sie gehen hin, nehmen das Kind. …

Birgitta Baumann: Eine Babyklappe muss zunächst mal sehr sicher und zuverlässig funktionieren. Der Alarm muss zum Beispiel losgehen, es muss sichergestellt sein, dass rund um die Uhr jemand das Baby annehmen kann. Wir warten das gesamte System natürlich regelmäßig. Und es ist immer jemand da, der gerade verantwortlich für die Klappe ist – um sich im Fall der Fälle sofort ums Baby zu kümmern. Es soll und darf nicht allein dort liegenbeiben.

wissen.de: Sie nehmen also das Baby aus der Klappe. Was passiert weiter?

Birgitta Baumann: Wenn wir nach dem Alarm das Kind aus der Babyklappe nehmen, bringen wir es sofort auf die Intensivstation, denn dort ist immer ein Arzt. Das Baby kommt dann in die Obhut dieser Station und anschließend kümmern wir uns um die behördlichen Dinge.

von wissen.de Autorin Dorothea Schmidt, Oktober 2012
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