Germanisten optimieren Verwaltungssprache

Kauderwelsch der Verwaltungen: Die Beamtensprache ist für den Normalbürger schwer verständlich.
“Die somit feststehende Rechtskraft des Bußgeldbescheides begründet Ihre Zahlungspflicht!” Die schlichte Botschaft dieser verzwickten Verwaltungsmitteilung ist kaum noch zu erkennen: “Keine Chance mehr. Geld her!” Das Dickicht der amtlichen Formblätter und Gebührenbescheide ist so überwuchert mit ellenlangen Hauptwörtern und hölzernen Verben, mit Paragraphen und Rechtbehelfsbelehrungen, dass Normalbürger leicht die Orientierung verlieren. Das Wiehern des Amtsschimmels mutet oft an wie eine Fremdsprache. Die Ruhrgebiets-Stadt Bochum hat nun einige ihrer Bürgerbriefe mit Hilfe von Germanisten der ansässigen Ruhr-Universität überarbeitet – unter dem sperrigen Titel: “Verwaltungssprache und Textoptimierung”.
Am Anfang war...der Bescheid

Der komplizierte Verwaltungsstil macht das Verstehen von Rentenbescheid und Co. zur Doktorarbeit.
Mit dem Hinweis auf notwendige Fachbegriffe allein ist das inflationäre Kauderwelsch in der Amtssprache nicht zu erklären. Amtliche Schreiben strotzen vor Formulierungen wie der “Erschließungsanlage”, die “zu erschließen ist”, oder “zusatzversorgungspflichtigen Entgelten”, die “zu entrichten sind”. Professor Hans-Rüdiger Fluck von der Ruhr-Uni Bochum weiß: “Wer immer [in] so [einem Verwaltungsstil] geschrieben hat, dem fällt es schwer, seinen Stil von heute auf morgen zu ändern.”
Ohne seine wissenschaftliche Unterstützung trauten es sich die Bochumer Bürokraten offenbar nicht zu, ihren Bürgern die Bescheide nun in verständlicherer Form zu bescheren. Flucks Studenten und Mitarbeiter nahmen gemeinsam mit den Bochumer Behörden zunächst Texte aus dem Sozial-, Rechts- und Bauordnungsamt sowie aus dem Bereich Organisations- und Personalentwicklung der Stadt unter die Lupe. Angesichts der Fülle der Formulare konzentrieren sich der Professor und seine Mannschaft auf “typische Verwaltungsschreiben” wie Bußgeld-Bescheide. Daraufhin überlegten Wissenschaftler und Amtsvertreter ohne Rücksicht auf alte Gepflogenheiten, wie sich Stil und Form verbessern lassen, ohne dass der Inhalt verwässert wird.
Bürgerfreundliche Bürokratenbriefe
In erster Linie wollten die Bochumer Sprachwissenschaftler “typische Merkmale der Beamtensprache” ausmerzen: die Nominalisierung (Substantivierung) zum Beispiel, bei der Verben in Hauptwörter verwandelt und dann endlos aneinander gereiht werden: “Bei Nicht-Einhaltung der Vorschriften ist die Androhung von Bußgeldern zu beachten.” Eine weitere Unart ist die häufige Verwendung von Abkürzungen sowie die passive Form der Formulierungen, die es vermeidet, Akteure zu benennen: “Es kann damit gerechnet werden, dass die Beantragung der ESP-Mittel nach erfolgter Entscheidung Fortgang erhält.”
Die Gegenstrategie der Wissenschaftler: Aktiver, deutlicher, der Allgemeinsprache angenähert. So kann zum Beispiel eine überlegte Gliederung die Gedanken von Verfasser und Empfänger besser strukturieren und ganz nebenbei Nebensätze überflüssig machen. “Sollten Sie dieses Schreiben unbeachtet lassen, bin ich verpflichtet...”, lautete es in einer Vorlage, die sich Fluck und seine Kollegen zur Brust genommen haben. In der Version nach der Reform schwingt das Amt nicht schon im selben Satz mit der Keule: “Lassen Sie dieses Schreiben bitte nicht unbeachtet.”
Bauherr bleibt Bauherr
Ziel war es, die Texte verständlicher, gleichzeitig sympathischer und akzeptabler zu machen – allerdings unter der Bedingung, dass sie juristisch weiterhin wasserdicht sind. “Ein Bußgeldbescheid bleibt ein Bußgeldbescheid”, schränkte Fluck ein: “Da muss am Ende bezahlt werden – egal, wie er formuliert ist.” Die Forscher sollten außerdem auf die sprachliche Gleichstellung von Mann und Frau achten. Doch auch hier stieß der Wissenschaftler an Grenzen: “Den Rechtsbegriff 'Bauherr' können wir natürlich nicht beseitigen. Wir können nicht die Gesetzessprache reformieren.”
Befragung der Bürger
Die alten und die neuen Bescheide präsentierten die Bochumer Beamten nun zum Vergleich ihren Bürgern. Doch das Interesse an liebenswürdig verfassten Bußgeldbescheiden hielt sich offenbar in Grenzen: Von den 500 angeschriebenen Personen beteiligten sich nur 38 an der schriftlichen Befragung. Jeder Proband sollte ein Originalschreiben der Verwaltung und eine “optimierte” Fassung der Forscher lesen, ohne die unterschiedlichen Urheber zu kennen. Ob sie den jeweiligen Amtsbrief auch verstanden, glaubten die Germanisten, würde sich herausstellen, wenn sie vier Fragen dazu beantworten können:
1. Von wem wurde der Brief geschrieben?
2. Aus welchem Anlass wurde der Brief geschrieben?
3. Was kann und was soll die Bürgerin/der Bürger jetzt tun?
4. Welche Konsequenzen hat es, wenn die Bürgerin/der Bürger jetzt nicht reagiert?
Bei den “optimierten” Versionen zählten die Wissenschaftler knapp doppelt so viele richtige Antworten wie bei den ursprünglichen, bürokratisch-bleiernen Bescheiden. Außerdem bekamen sie deutlich bessere Noten in puncto Freundlichkeit, Höflichkeit und Gliederung.
Aus den Ergebnissen des einjährigen Projektes destillierten die Linguisten nun Empfehlungen für die Praxis und für die Aus- und Weiterbildung, sowie einen schriftlichen Leitfaden zur Verwaltungssprache. Doch auch verständlichere und nettere Anschreiben werden wohl nicht bei allen Bürgern beliebt sein, solange sich am Inhalt nichts ändert. Schon bei der Befragung lehnten viele den alten wie den neuen Stil gleichermaßen ab. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung kommentierte das so: “Manchen Leuten könnte man einen ablehnenden Bescheid mit Fleurop übermitteln, und sie würden ihn immer noch unhöflich finden.”
Vom echten Behördenchinesisch könnte sich das sogenannte übrigens eine Scheibe abschneiden. Auf Taiwan nämlich werden Falschparker so ermahnt: “Wir bitten Sie vielmals um Entschuldigung, dass wir zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit des Verkehrs von Gesetzes wegen Gebühren erheben müssen. Wir hoffen, Sie verstehen und verzeihen das und möchten in Zukunft darauf achten, die Verkehrsregeln einzuhalten. Wir wünschen Ihnen Gesundheit und Frieden.”
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