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wissen.de Artikel

Bergsturz-Katastrophen

 

Arth-Goldau 1806:

Spuren in Arth-Goldau

Die bewaldeten Nagelfluhtrümmer bei Arth-Goldau lassen kaum noch etwas von der Bergsturzkatastrophe ahnen.

Im Jahre 1806 wurde die Schweizer Ortschaft Arth-Goldau von einem Bergsturz zerstört. Nach einem regenreichen Sommer gerieten plötzlich mächtige Bänke aus "Nagelfluh" in Bewegung (Nagelfluh ist ein volkstümlicher Begriff aus der Schweiz für ein Sedimentgestein aus verfestigten und gut gerundeten Schottern in einer Grundmasse aus kalkigem Sandstein, so genannte Konglomerate). Mehr als 450 Menschen wurden Opfer der zu Tal rasenden Massen aus Gestein, Erde und Bäumen. Nagelfluhblöcke, so groß wie Häuser, flogen nach Berichten von Augenzeugen wie Bälle durch die Luft. Sie bedecken heute den Talboden unterhalb des Rossberges als stumme Zeugen des dramatischen Geschehens von 1806. Die Bänke aus Nagelfluh waren auf einer Mergelschicht, einem tonig-kalkigen Sediment, abgeglitten. Augenzeugen zufolge rutschte der Fußbereich des Rossberges regelrecht weg. Oberhalb davon kam es dadurch zum Abbruch weiterer Gesteinsmassen. Die Gesteine unterlagen bei diesem Ereignis nicht nur einer Bewegungsart. Sie stürzten und glitten herab. Man spricht daher sowohl vom Bergsturz als auch vom Bergrutsch (synonym für Schlipfsturz) von Arth-Goldau. Er setzte 15 Millionen Kubikmeter Gestein in Bewegung. Ein Teil der Schuttmassen erzeugte im Lauerzer See eine große Flutwelle. Als Ursache des Bergsturzes nimmt man an, dass die Schichtneigung durch Gebirgsbildungsvorgänge über einen langen Zeitraum hinweg vergrößert wurde. Die Mergellagen boten bei Durchfeuchtung eine ideale Gleitbahn für die Bänke aus Nagelfluh. Weit über die Schweiz hinaus sorgte diese Katastrophe für Aufsehen. Viele Künstler waren so beeindruckt davon, dass zahlreiche Erzählungen, Gedichte, Musikwerke und Theaterstücke entstanden. Der englische Maler William Turner (1775-1851) wurde von der Katastrophe zur Schaffung eines Gemäldes angeregt.

Elm 1881:

Bergsturz durch Bergbau

Schematische Skizze des Bergsturzes von Elm.

Im Jahr 1868 begann man in der Gemeinde Elm im Schweizer Kanton Glarus mit dem Abbau eines Schiefers, der sich hervorragend für die Herstellung von Schreibtafeln eignete. Der Schiefer hatte damals einen hohen Wert, denn seine Gewinnung war nur an wenigen Stellen möglich. Der Schieferabbau löste im Jahr 1881 einen Bergsturz aus. Die Gesteinsmassen stürzten aber nicht nur, sie machten einen regelrechten Luftsprung, und im Tal angekommen, begannen sie völlig trocken zu fließen.

Um an den abbauwürdigen Schiefer zu gelangen, wurde der Abbau tiefer und tiefer in den Tschingelberg hineingetrieben. Auf einer Breite von 180 m hatte man sich schließlich bis zu 20 m tief vorgearbeitet. Der Berg wurde unterhöhlt und begann mit einer Kippbewegung langsam aufzureißen. Auf der 300 m höher gelegenen Tschingelalp traten Bodenrisse und kleinere Felsstürze auf. Man sah sich gezwungen, den Abbau vorsorglich einzustellen. Am 11. September 1881 begann das Drama.

Nach einem kleineren Felssturz eilten zahlreiche Neugierige an den Schauplatz des Ereignisses. Eine Viertelstunde später ging ein größerer Sturz nieder. Die Zuschauer versuchten, sich am gegenüberliegenden Hang in Sicherheit zu bringen. Die Sicherheit war jedoch trügerisch, denn wenige Minuten später erfolgte der Hauptsturz. Die Felsmassen, die durch die vorausgegangenen Stürze weiter unterhöhlt waren, lösten sich. Mehr als 10 Millionen Kubikmeter Fels stürzten im freien Fall herab. Die Masse schlug im Bereich des Steinbruches auf und vollzog von dort aus förmlich einen Luftsprung in Richtung Tal. Dort brandeten die Felsmassen den Gegenhang hinauf. Der erzeugte Luftdruck wirbelte die dorthin geflüchteten Menschen durch die Luft. Ein Teil der Sturzmassen wurde abgelenkt und floss wie ein Schlammstrom mit 180 km/h rund 1500 m weit in fast ebenem Gelände durch das Tal. Den Berichten zufolge wurden 115 Menschen erschlagen oder verschüttet. Über den Mechanismus, der die trockenen Trümmermassen zum Fließen brachte, stellte man bis in jüngere Zeit viele Überlegungen an. In allen Theorien spielte die zwischen den Schuttmassen eingeschlossene Luft, sei es als Luftkissen oder als Dispersionsmittel, eine wesentliche Rolle. Ähnliche Sturzströme wurden aber auch auf dem Mond beobachtet, wo keine Luft vorhanden ist. Daher kamen auch akustische Druckwellen als mögliche Ursache zur Diskussion.

Nevado Huascaran 1970:

Ein Erdbeben erschütterte am 31. Mai 1970 den Norden Perus und löste eine der verheerendsten Katastrophen seit Menschengedenken aus. Infolge des starken Bebens mit der → Magnitude 7,8 auf der → Richter-Skala brachen am 6655 m hohen Nordgipfel des Nevado Huascaran riesige Felsmassen ab. Eine Lawine aus Fels, Eis, Schlamm und Geröll stürzte mit einer Geschwindigkeit von bis zu 300 km/h talwärts. 70 000 Tote waren die schreckliche Bilanz dieses Tages. Die herabstürzenden Massen begruben die Städte Yungay und Ranrahirca 5 m hoch. Die in 2538 m Höhe gelegene Stadt Yungay wurde mit ihren 20 000 Einwohnern buchstäblich von der Landkarte gelöscht. Nur noch einige Reste der Kathedrale zeugen davon, wo einst das Zentrum des “schönsten Ortes“ im Santatal gelegen hatte. Einen halb verschütteten Autobus ließ man als Denkmal liegen. Über 90 % der Häuser im übrigen Santatal wurden durch das Erdbeben selbst zerstört. Mehr als eine Million Menschen wurden durch die Katastrophe obdachlos. Weltweit rief man zu Hilfsaktionen auf. Zerstörte Straßen wurden neu gebaut und durchgehend asphaltiert. Yungay wurde mit Hilfe von internationalen Spenden neu aufgebaut. Allerdings erhielt die ganze Region durch die Katastrophe einen wirtschaftlichen Aufschwung, denn die Weltöffentlichkeit war dadurch auf diesen Landesteil Perus aufmerksam geworden. Das touristische Interesse erwachte und durch die neu gebauten Straßen war nun eine bequeme Anreise möglich. Kein anderes Gebiet in den Anden ist deshalb heute so leicht für Touristen und Alpinisten erreichbar.

Veltlintal 1987:

Im August 1987 sorgte ein Bergsturz im italienischen Veltlintal für Aufsehen. Rund 50 Millionen Kubikmeter Gestein stürzten vom 3066 m hohen Pizzo Coppetto zu Tal und begruben drei Dörfer. Umweltschützern und Medien war sofort klar: Waldsterben, Skitourismus und das Abholzen der Schutzwälder waren Schuld an der Katastrophe. Allerdings war aber in der Abrisszone bereits im Jahr 1961 ein 500 m langer Riss entdeckt worden war.

Die Gesteinsmassen hatten sich am 28. Juli in einer Höhe von 2400 m vom Pizzo Coppetto gelöst. Sie brandeten am Gegenhang noch um 300 m nach oben und bedeckten auf 3,5 km Länge das Tal. Zum Teil waren die Felstrümmer über 100 m mächtig. Die Abrissnische reichte hinab bis in eine Höhe von 1100 m. 28 Menschen kamen bei dem Bergsturz ums Leben. Die meisten Menschen konnten sich retten, da das Gebiet nach Warnungen von Geologen rechtzeitig evakuiert worden war. Die Schuttmassen im Tal bedeuteten jedoch eine weitere Gefahr, denn sie stauten das Wasser des Flusses Adda auf. Über 20 000 Einwohner aus dem unteren Veltlintal wurden evakuiert, da sie vom Bruch des Dammes aus Trümmern bedroht waren. Der Wasserspiegel des neuen Stausees wuchs infolge starker Regenfälle schneller an als erwartet. Durch eine spektakuläre Aktion konnte die drohende Katastrophe jedoch verhindert werden. Mit einer gesteuerten Überflutung bahnte man einen Monat nach dem Bergsturz den Wassermassen einen Weg durch die Dammkrone. Bagger gruben eine Schneise in die Schuttmassen, bevor der See randvoll war. Er konnte nun überlaufen und im Flussbett der Adda schadlos abfließen.

Ursache der Bergsturzkatastrophe war die Übersteilung der Bergflanke. Ausgelöst wurde sie offenbar durch den regenreichen Sommer 1987. Die Kartierung der Felsspalte in einer geologischen Dissertation über 20 Jahre vor dem Bergsturz belegt, dass es sich hierbei nicht um ein plötzlich auftauchendes Phänomen gehandelt hat. Niemand konnte allerdings sagen, wann etwas passieren würde. Erst als Geologen, durch kleinere Felsstürze aufmerksam geworden, vier Tage vor dem Ereignis eine Sackung der Felsmassen um 1,50 m innerhalb weniger Stunden feststellten, schlugen sie Alarm. Weder Waldsterben noch Tourismus oder Forstwirtschaft hatten demnach Einfluss auf den Bergsturz. Niemand hätte die Ablösung der Sturzmassen verhindern oder steuern können.

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nagelfluh heissen alle konglomerate aus den alpen, nicht nur in der schweiz, sondern auch in bayern...