Total votes: 10
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Bologna: Vision und Wirklichkeit

Bis 2010 sollte die ehrgeizige Reform umgesetzt sein

Ein großer europäischer Hochschulraum, in dem die Studierenden problemlos zwischen Unis und sogar Ländern wechseln, um unverzichtbare internationale Erfahrungen zu sammeln. Weltweit vergleichbare Studiensysteme und Abschlüsse, die Durchlässigkeit und die Transparenz steigern. Und natürlich praxisnah ausgebildeter Nachwuchs, der nach nur sechs Semestern dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. - So weit die Vision, die die europäischen Bildungsminister am 19. Juni 1999 entwarfen. Im schönen Bologna. Weshalb ihr ehrgeiziges Programm bald nur noch "Bologna-Reform" genannt wurde. Am 12. und 13. März treffen sich die Bildungsminister nun zum großen Jubiläumstreffen. Ein guter Zeitpunkt, um die Vision einmal mit der Realität zu konfrontieren ...

Bild 1 von 6
Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
wissenmedia GmbH, Gütersloh
Bild 2 von 6
Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
wissenmedia GmbH, Gütersloh
Bild 3 von 6
Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
wissenmedia GmbH, Gütersloh
Bild 4 von 6
Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
wissenmedia GmbH, Gütersloh
Bild 5 von 6
Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
wissenmedia GmbH, Gütersloh
Bild 6 von 6
Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
wissenmedia GmbH, Gütersloh

Wussten Sie schon, dass das Jahr 2010...

Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
... als Deadline für die Bolognareform angesetzt worden ist? Das heißt, in diesem Jahr hätten alle Magister- und Diplomstudiengänge durch die einheitlichen Bachelor- und Masterstudiengänge abgelöst worden sein müssen. Tatsächlich waren aber zum Wintersemester 2009/2010 nur etwa 80 % der Studiengänge in Deutschland - das mit der Umsetzung der Reform im Vergleich zu den meisten Bologna-Ländern sehr spät begonnen hatte - auf die neuen Abschlüsse umgestellt.

Wussten Sie schon, dass der Bachelor-Abschluss...

Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
... im Zuge der Bologna-Reform zum Regelabschluss werden soll? Das bedeutet, dass nur ein kleiner Teil der Studenten im Master für Forschung und Wissenschaft qualifiziert werden, das Gros jedoch nach in der Regel nur sechs Semestern mit dem B.A. in der Tasche auf den Arbeitsmarkt drängen sollte. Angesichts eines immer virulenter werdenden Fachkräftemangels ein sinnvoller Ansatz. Das sehen viele Studenten jedoch anders. Sie halten ihren B.A. keineswegs für einen "ersten berufsbefähigenden Abschluss" und kuscheln sich lieber noch einmal tief in den Schoß der Alma Mater. 60 bis 80 Prozent der B.A.-Absolventen haben sich bislang dafür entschieden, noch einen Master draufzusatteln. Sie halten sich für den Job noch nicht ausreichend vorbereitet oder glauben, die Arbeitgeber könnten das glauben. Dabei zeigen die sich dem B.A. gegenüber immer aufgeschlossener. So belegt die bislang größte Absolventen-Befragung, dass B.A.-Absolventen lediglich um die drei Monate nach einem Job suchen. Nach 18 Monaten sind nur drei bis vier Prozent arbeitslos. Beides trifft auch auf Akademiker mit anderen Abschlüssen zu.

Wussten Sie schon, dass wahrscheinlich nicht genügend Masterplätze ...

Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
... zur Verfügung stehen werden, wenn zum WS 2010/ 2011 die ersten großen Kohorten von B.A.-Absolventen in die weiterführenden Studiengänge drängen werden? Dies zumindest befürchten viele Studenten, die in vehementen Protesten Ende 2009 auch eine Masterplatzgarantie einforderten. Diese ist aber weder von Politik noch von den Hochschulen gewollt. Schließlich soll nur die Elite in den Mastern ausgebildet werden und die Masse der Studenten erst mal mit dem B.A.-Abschluss ins Berufsleben einsteigen. Im Sinne des "Lebenslangen Lernens", das die Bologna-Väter zur Maxime gemacht haben, sollen die Akademiker später, gerne berufsbegleitend, einen Master absolvieren können.
Die Forderung der Studenten nach Abschaffung der zusätzlichen Voraussetzungen für eine Masterzulassung - ein bestandener B.A. allein solle für den Master qualifizieren - ist jedenfalls erst einmal ins Leere gelaufen. Nach wie vor erlaubt die Kultusministerkonferenz den Unis, Mindestnoten, Praktika, Auslandsaufenthalte oder auch die Einhaltung der Regelstudienzeit zu Aufnahmekriterien für die Masterstudiengänge zu machen.

Wussten Sie schon, dass sich die Abbrecherquote...

Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
... seit Einführung der B.A.- und M.A.-Studiengänge je nach Fachrichtung deutlich verschoben hat? So konnte eine Studie des Hochschul-Informations-Systems einen spürbaren Rückgang der Abbrüche in Sprach- und Kulturwissenschaften feststellen. In den Ingenieur- und Naturwissenschaften ist die Zahl der Abbrecher im Vergleich zum Diplom indes gestiegen. Außerdem geben die Bologna-Studenten deutlich früher auf als die Studierenden in den traditionellen Studiengängen: Nach durchschnittlich 2,7 Fachsemestern erfolgen die Abbrüche der Bachelorstudenten, während Abbrecher aus Magister- und Diplomstudiengägngen im Schnitt 7,3 Fachsemester schaffen. Fazit: In Bologna-Land ist keine Zeit für eine Eingewöhnungsphase an der Uni. Wem die Anpassung ans System nicht sofort gelingt, ist draußen. Ziemlich viel Druck? Allerdings: 20 % der befragten Studienabbrecher gaben Leistungsprobleme als Grund für den Abbruch an, 11 % hatten Prüfungen nicht bestanden und 19 % waren daran gescheitert, Studium und Studienfinanzierung unter einen Hut zu bringen.

Wussten Sie schon, dass die kurze Regelstudienzeit...

Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
... der B.A.- und M.A.-Studiengängen für viele einen immensen Leistungsdruck bedeutet? Besonders weil jedes Modul (Studieneinheit) mit einer Prüfung abgeschlossen werden musste. In Zukunft soll diese Prüfung nur noch "in der Regel" stattfinden. In der Praxis werde sich am Prüfungsstress dadurch nicht viel ändern, fürchten die Studenten. Sie hatten sich gewünscht, einfach mehr Zeit zum Studieren zu bekommen, um ihr Lernpensum schaffen und womöglich noch mit einem Nebenjob kombinieren zu können. Dass bislang meist lediglich der Stoff aus den Diplom- und Magisterstudiengängen in die kürzeren B.A.s gepresst wurde, ohne die veränderten Studienbedingungen und -ziele zu berücksichtigen, ist ein offenes Geheimnis. Deshalb soll die Regelstudienzeit, während der die Studenten BAföG bekommen können, künftig weniger restriktiv gehandhabt werden. Statt der starren sechssemestrigen B.A.s sollen auch Bachelor mit sieben oder acht Semstern angeboten und die Masterdauer zwischen zwei, drei und vier Semestern variieren können. Einen Bärendienst habe man ihnen damit erwiesen, so die Studenten, denn die Regelstudienzeit darf insgesamt nur zehn Semester betragen. Damit würde sich der Druck nicht verringern, sondern nur nach hinten verschoben werden.

Wussten Sie schon, dass die Mobilität der Studenten...

Unter Leistungs- und Prüfungdruck leiden viele Bologna-Studenten.
... seit Bologna abgenommen hat? Dabei sollte doch die Reform aus den Studis akademisch gebildete Globalisten machen! Doch nach einer HIS-Studie gelingt nur sehr wenigen B.A.s ein Hochschulwechsel, selbst innerhalb Deutschlands, wenn damit kein Studiengangswechsel verbunden ist. Als Grund für das Scheitern ihres Wechselvorhabens gaben überwältigende 84 % der befragten Bachelorstudenten Probleme bei der Anerkennung von Leistungsnachweisen der ehemaligen Hochschule an. Bei den Magistern hatten nur 27 % derartige Probleme. An der Durchlässigkeit des neuen Studiengangsystems ist also noch zu arbeiten, besonders wenn man bedenkt, dass der B.A. Regelabschluss werden soll. Die Kultusministerkonferenz hat den Hochschulen in den frisch überarbeiteten Landesgemeinschaftlichen Strukturvorhaben deshalb die Verbesserung der Anerkennungsverfahren ans Herz gelegt: Die Anerkennung ist in Zukunft nur noch zu verweigern, falls "wesentliche Unterschiede hinsichtlich der erworbenen Konsequenzen" bestehen. Die Unis sollen also nicht mehr um jeden Preis ihr Alleinstellungsmerkmal-Süppchen kochen, sondern sich gegenüber den Wechselwilligen kooperativer zeigen. Ob das Studieren nach den nun versprochenen Korrekturen tatsächlich leichter, schneller, praxisnäher und internationaler und damit dem Ideal der Bologna-Väter näher kommen wird, bleibt abzuwarten.
von Susanne Dreisbach, wissen.de
Total votes: 10
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.