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Chronik der Frauen: Hochkulturen der Göttin - durch Vatergötter gestürzt - Matri

Kurzeinführung

Matrizentrische Hochkulturen - dieser ungewöhnliche Begiff bedarf einer mehrfachen Erklärung. Schon die Bezeichnung "Hochkulturen" ist nicht eindeutig zu definieren. Als solche gelten zivilisatorisch fortgeschrittene Gesellschaften mit relativ weit entwickelter Arbeitsteilung und Technisierung der Produktionsmittel, mit staatlicher Organisation und dem Leben in großen Zentren. Als sicherstes Kriterium zur Abgrenzung gegenüber sog. Primitivkulturen gilt die Schrift, wie sie uns zum ersten Mal um 3000 v. Chr. im mesopotamischen Raum in Form der sumerischen Keilschrift begegnet. Nach wissenschaftlicher Übereinkunft beginnt mit der schriftlichen Überlieferung die sog. historische Zeit, während die schriftlosen Epochen als "vorhistorisch" von der Geschichtsforschung mehr oder weniger ausgeklammert sind. Diese Zäsur ist in zweierlei Hinsicht problematisch. Erstens wird durch sie alles Vorangegangene - oder auch alles Zeitgenössische, das der Definition von Hochkultur nicht entspricht - als primitiv abgewertet, und zweitens wird die Schrifttradition mit kultureller Tradition überhaupt gleichgesetzt. Eine solche Definition trifft am empfindlichsten die weibliche Kultur, weil der Beginn der Schrifttradition und der Geschichtsschreibung mit der schrittweisen Etablierung der männlichen Vorherrschaft zusammenfällt. Die ersten zusammenhängenden Texte sind buchhalterische Eintragungen der Tempelbeamten auf der einen und Siegesmeldungen von kriegerischen Beutezügen auf der anderen Seite.

Die Große Göttin wachte über die gerechte Ordnung der Gemeinschaft

Was aber die Tempelwirtschaft der sumerischen Städte wie Ur, Uruk oder Lagasch anbelangt, so gewinnen wir neben den Schrifttafeln auch durch die lange Zeit vor der Schrift benutzten Siegel Einblick in das damalige Geistesleben. Das Charakteristische nicht nur der mesopotamischen Stadtstaaten, sondern aller uns bekannten frühen Hochkulturen - ob in Ägypten, in Palästina, Kreta, Indien oder China - besteht in der engen Verknüpfung von staatlichem und religiösem Leben, weshalb die Historiker von "Theokratien" sprechen. Alle Verwaltungsaufgaben des Landes, wozu v. a. die kollektive Naturalwirtschaft gehörte, lagen in Händen der Priesterschaft. Sie verteilte die Ländereien zur Bearbeitung je nach Größe der Familie, ordnete die Vorräte und die Weiterverarbeitung der Produkte in tempeleigenen Molkereien, Bäckereien, Spinnereien und Webereien sowie die Entlohnung der Beschäftigten in Naturalien. All dies wurde mit Hilfe von individuellen Siegeln organisiert, von denen besonders in Mesopotamien eine große Anzahl erhalten blieb. Die Bildmotive dieser sog. Rollsiegel geben fast ausnahmslos mythologische Vorstellungen wieder, in deren Mittelpunkt weibliche Gottheiten stehen. Auch die schriftlich überlieferten Hymnen und Gebete, die sakralen Gegenstände und Bildwerke der frühesten Tempel feiern im gesamten Vorderen Orient einschließlich Ägyptens eine Große Göttin, deren Name von Region zu Region wechselt (wir kennen ca. 100 Namen), deren Funktionen aber immer ähnlich sind. Als die Große Mutter ist sie die Lebenspenderin für Mensch und Natur, Schutzherrin der Städte, Herrin der Könige, Maß und Richterin über eine gerechte Ordnung. Deshalb wäre die korrekte Bezeichnung für die Frühphasen der Hochkulturen nicht Theokratie, sondern Theakratie. Dem entspricht, dass in Babylonien, im Hethiterreich, in Mari, in Ägypten und in Kreta in den höchsten Rängen der Tempelverwaltung Priesterinnen amteten, an ihrer Spitze die Oberpriesterin als die irdische Verkörperung der Göttin. Erst als die patriarchale Theologie die Großen Göttinnen stürzte und an ihre Stelle Vatergottheiten setzte, traten auch die Priesterinnen in den Hintergrund, wofür wir in Babylonien sogar ein historisches Datum besitzen: Während seiner Regierungszeit 1793-50 v. Chr. schuf Hammurapi das Amt der Oberpriesterin ab.

Um ein Bild der verdrängten weiblichen Kultur zu entwerfen, müssen wir Nebensätze der offiziellen Nachrichten aneinander reihen und die Bruchstücke aufsammeln, die von den bildenden Künsten und der Literatur übriggeblieben sind. Dieses Mosaik nimmt allerdings erst dann Gestalt an, wenn wir hinter die histoische Zeit zurückblicken. Den Städten am Nil, an Euphrat und Tigris oder am Indus geht eine mehrere tausend Jahre lange Tradition sesshafter Agrarwirtschaft voraus, die größere Lebensgemeinschaften erst möglich machte. Diese Dorf- und Stadtkulturen (bzw. deren archäologische Zeugnisse) bilden einen kontinuierlichen Übergang zu den matrizentrischen Hochkulturen, wie er sich am nahtlosesten in Kreta zeigt. Dort finden wir von der Jungsteinzeit bis in die späte Palastzeit die gleichen mythologischen Motive, die in immer neuen Varianten die Allgegenwart der Göttin und die außerordentliche Stellung der Frau auf allen Ebenen der Gesellschaft dokumentieren.

Was sind nun die wesentlichen Unterschiede zwischen matrizentrischen und patriarchalen Hochkulturen? Auf der Produktionsebene zeichnen sich die Ersten durch kollektiven Bodenbesitz aus, während mit dem Übergang zur patriarchalischen Herrschaft die Privatisierung des Bodens Hand in Hand geht. Ursprünglich scheint die Tempelwirtschaft eine in größere Maßstäbe transponierte weiblich geführte Kollektivwirtschaft gewesen zu sein, wie wir sie von den matrilokalen Stammesgesellschaften her kennen. Wie dort die Sippenmütter die Agrarwirtschaft und die Verteilung der Güter regelten, so verwalteten hier die Priesterinnen die Erträge des Landes, um sie im Sinne der Ma'at - der ägyptischen Göttin des Maßes und der Harmonie - gerecht an die Kinder der Großen Mutter zu verteilen. Und da zu Beginn der Hochkulturen sakrale und weltliche Funktionen noch in Personalunion vereinigt waren, ist die Oberpriesterin zugleich Stellvertreterin der Göttin und Königin, d. h. Landesmutter und Regentin. Wir können das frühe Königtum nur aus seinen sakralen Funktionen begreifen. Die sumerischen und die ägyptischen Könige des 3. Jahrtausends beziehen sich ausdrücklich auf die Göttin Inanna, Ischtar oder Hathor, von der sie sich zum Geliebten erwählt fühlen und als deren Bräutigam sie sich bezeichnen. Das höchste Fest des Jahres ist die Heilige Hochzeit, d. h. die sakrale Vereinigung des Königs mit der Göttin, die mit der Königin/Oberpriesterin stellvertretend vollzogen wird. Durch diesen heiligen Akt besiegeln die Könige erst ihre Königswürde (und erlangen Unsterblichkeit), weil ursprünglich die Königin Inhaberin des Thrones ist, zu dem der König erst aufsteigt. Für die einst matrilineare Thronfolge gibt es Hinweise in Ägypten und besonders im frühen Hethiterreich, wo sich der Thron von der Königin auf deren Tochter vererbte, später vom Bruder der Königin auf ihren Neffen. In den uralten Brettspielen, die bereits in den Königsgräbern des 3. Jahrtausends gefunden wurden und deren Abkömmling das königliche Schachspiel ist, spiegelt sich noch immer die einstige Wirkungsmacht der Königin.

Sinnlichkeit und Lebensgenuss

Soweit wir dies aus frühen Quellen und Kunstzeugnissen rekonstruieren können, war das Leben der vorpatriarchalen Hochkulturen ganz auf die Erhaltung und Verfeinerung des Lebens konzentriert. Die altägyptischen oder kretischen Wandmalerien zeigen uns eine Sinnlichkeit und eine Liebe zum Detail, die vom konkreten Umgang mit der Natur und ihren Produkten ausgeht. Dazu kommt die kunstvolle Einrichtung der Häuser, die Feinheit vor allem der weiblichen Kleidung, die Lust an der Farbe, am Schmuck, an Blumen. Alle Ägyptologen und Orientalisten sind sich darin einig, dass die jeweils ältesten Epochen eine erste Hochblüte der Kunst hinterlassen haben, die von den späteren Phasen kaum noch übertroffen wurde. Sie zeichnet sich durch natürliche Würde und Schlichtheit ebenso aus wie durch eine heitere Lebensstimmung und humorvolle Züge, während die späteren Kunstdenkmäler vom Streben nach Machtdemonstration und monumentaler Prachtentfaltung gezeichnet sind und ihre Motive immer düsterer und kriegerischer wurden. Wenn sich dem heutigen Blick besonders die Eleganz und die Ästhetik der frühen Kunsterzeugnisse erschließt, so sollte darüber nicht vergessen werden, dass sie immer auch duchdrungen waren von einem Höchstmaß an symbolischer Bedeutung. Auf der Basis der jungpaläolithischen und neolithischen Tradition haben die frühen Hochkulturen die Symbole des Kreislaufs von Leben, Tod und Wiedergeburt mit Hilfe kostbarsten Materials und perfektem handwerklichem Können zur Vollendung gebracht. Es gibt kaum eine Geste, kein Ornament, kein Gestirn-, Tier- oder Pflanzenmotiv, das nicht einen kosmisch-symbolischen Bezug hätte, das nicht verbunden wäre mit göttlichen Gestalten. So hat die matrizentrische Kultur der Menschheit einen nicht wegzudenkenden Schatz an emotionalen und religiösen Symbolen geschenkt, von dem alle späteren patriarchalischen Kulturen bis heute zehren. Dabei ist den matrizentrischen Symbolen die spätere Polarisierung von Himmel und Erde, diesseits und jenseits oder männlich-weiblich fremd. Sie stellen vielmehr ein Beziehungsnetz zwischen allen Wesen des Kosmos dar und repräsentieren die Fülle des Lebens in seinen ständig wechselnden Formen, für die der Tod nur Durchgang zu neuer Gestaltung ist. Auch auf den Gebieten der Musik, des Tanzes und der lyrischen Dichtung hat die weibliche Kulturtradition Großes zu verzeichnen. In Kreta ist das von Frauen tänzerisch gestaltete sakrale Theater als Vorläufer der griechischen Tragödie anzusehen, und aus Mesopotamien und Ägypten kennen wir eine große Zahl von Kult- und Liebesliedern, die offensichtlich von Dichterinnen stammen. Dies alles sollte uns zum Bewusstsein bringen, dass Kultur ursprünglich wenig mit der patriarchalischen Vorstellung von Eroberung und Unterwerfung der Natur zu tun hat, sondern, wie die Wortbedeutung des lateinischen "cultura" bzw. "cultus" lehrt, mit "Bearbeitung, Anbau, Pflege, Landwirtschaft", mit "religiöser Verehrung", "häuslicher Einrichtung, Gesittung und Bildung". Nehmen wir die männliche Form "cultor" hinzu, die für "Pflanzer, Bauer, Anbeter, Priester Freund und Liebhaber" steht, so weist das Synonym für Liebhaber und Priester auf matrizentrische Kulte hin.

Es lässt sich aber nicht verschweigen, dass diese Form der Frühkultur für ihre Naturverbundenheit auch einen hohen Preis bezahlt: Von der Altsteinzeit bis zur Antike gehörte zur matrizentrischen Religiosität das blutige Tier- und Menschenopfer. Mit diesem freiwilligen Tribut an die dämonischen Mächte der Natur, d. h. den Todesaspekt der Göttin, versuchten die frühen Menschen ihre Todesängste zu kanalisieren und das Schicksal günstig zu stimmen.

Umbruch im Weltbild der Menschen

Die patriarchalische Umgestaltung des Götterhimmels lief der Patriarchalisierung der irdischen Gesellschaft parallel. Wie die matrizentrische Himmelsgenealogie von der Muttergöttin zur Tochtergöttin (am deutlichsten in Çatal Hüyük und Kreta), der irdischen Erbfolge entsprach, so wurden beide während des 3. und 2. Jahrtausends umgestürzt. In Babylonien stieg der Sonnengott Marduk zum obersten Staatsgott auf, in Ägypten der Sonnengott Re, während die Grossen Göttinnen Ischtar und Isis zu Töchtern des Hochgotts zurückgestuft wurden. Gleichzeitig besiegelte der Codex Hammurapi (um 1760) die patriarchale Familienorganisation. Dabei gibt es in der babylonischen Gesetzessammlung Hinweise auf frühere, matrizentrische Eheformen wie Besuchsehe oder matrilokale Eheresidenz, während das mittelassyrische Gesetz (um 1100) die Familienordnung noch zu Ungunsten der Frau verschärft: Es stellt die Abtreibung der Leibesfrucht unter Todesstrafe, was die väterlichen Rechte auf das Kind dramatisch untersteicht. Auch die übrigen Gesetzesartikel machen klar, dass die patriarschale Herrschaft nur durch Gewalt herzustellen und aufrechtzuerhalten war. Dazu bedurfte es der Umformung des sakralen Königtums zur weltlichen Monarchie. Nun entstanden riesige Königspaläste neben den Tempeln, der König als oberster Kriegsherr unterhielt ein bezahltes Heer, und die priesterlichen Ämter wurden durch Mitglieder oder Günstlinge des Königshauses besetzt.

Demgegenüber zeichneten sich die frühen matrizentrischen Epochen durch Friedensliebe aus: Weder in den ersten anatolischen Städten wie Çatal Hüyük, noch in den ersten Schichten der sumerischen Städte fanden sich Mauerringe, und das frühe Kreta kannte weder Befestigungen noch Kriegswaffen. Erst mit der weltlichen Königsherrschaft, die immer autokratischer und kriegerischer wurde, etablierte sich eine hierarchisch geschichtete Klassengesellschaft, an deren unterster Stelle die Sklaven und Sklavinnen standen. Dabei gab es ursprünglich sehr viel mehr weibliche Sklaven als männliche, weil man die männlichen Kriegsgegner erschlug und deren Frauen und Kinder raubte. Erst ein durchorganisierter Militärstaat erlaubte die Rekrutierung der männlichen Kriegsgefangenen. Dagegen waren die Gesellschaften der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends noch relativ egalitär. Das Alte Reich in Ägypten hatte nur einen kleinen Beamtenstab, und die ersten Pyramiden wurden nicht von Sklaven, sondern von freien Personen errichtet. Bemerkenswert ist auch die Egalität der Geschlechter in den frühen Tempelstädten, in deren Schulen die Mädchen gleichermaßen im Schreiben ausgebildet wurden wie die Knaben und Frauen in den höchsten Beamtenrängen verzeichnet sind. Es ist dieser grundlegende Unterschied im Aufbau der Gesellschaft, der mich dazu bewog, von matrizentrischen und nicht von matriarchalen Kulturen zu sprechen, weil im heutigen Sprachverständnis der griechische Wortstamm "arche" die Bedeutung von Herrschaft hat. Frauen standen als Sippenmütter, Priesterinnen und Königinnen im Zentrum der Gemeinschaft und bezogen ihre Autorität aus ihrer sakralen Würde, welche die frühen Menschen der Frau dank ihrer Gabe Leben hervorzubringen zuschrieben. Im Wort "Hierarchie", das von der patriarchalen Ideologie vereinnahmt wurde, steckt noch die ursprüngliche Bedeutung von arche = Anfang. Es heißt "heiliges Beginnen" und bestätigt damit das sakrale Wesen der frühen Gemeinschaftsstrukturen, die nichts mit einer Herrschaft von oben nach unten zu tun haben.

Besonders im Zeitraum zwischen dem 3. und 1. Jahrtausend erfolgte die Überlagerung und schließlich die Auslöschung der matrizentrischen Frühkulturen nicht nur durch patriarchalische Machtergreifung im Innern, sondern auch durch Eroberung und Unterwerfung von außen. Von ungefähr 2000 v. Chr. an begannen im Zuge der indoeuropäischen Wanderbewegung kriegerische Stämme in immer neuen Wellen aus der Region des Kaspischen Meeres in Indien, Kleinasien, Griechenland und Italien einzufallen. Überall fanden die landsuchenden Hirtenkrieger eine hoch entwickelte matrizentrisch geprägte Kultur vor, die sie mit brutaler Gewalt eroberten und sich dienstbar machten: In Indien trafen die Arier auf eine alteingesessene Kultur, die bis heute die Spuren ihrer matrizentrischen Religiosität bewahrte und schufen das strenge Kastensystem, um sich als dünne Oberschicht zu behaupten. Ähnlich hierarchische Strukturen schufen die Achäer und Dorer in Griechenland und später die Italiker, welche die etruskische Kultur überlagerten.

Eines der interessantesten Produkte dieses Zusammenstoßes bildet die mykenische Kultur, die nach der Landnahme der Achäer im südlichen Griechenland zwischen dem 16. und 12. Jahrhundert entstand. An ihr ist abzulesen, in welch hohem Maße die frühgriechische Kunst ihre Impulse von der kretischen übernahm, wie auch die ersten technischen und zivilisatorischen Errungenschaften aus der kretischen Hochkultur stammten. Was die frühen Hochkulturen des fernen Ostens, besonders China, betrifft, so gibt es eine Reihe von Hinweisen darauf, dass vor der Shang-Zeit, also vor 1500 v. Chr. bis zurück ins 6. Jahrtausend matrizentrische Kulturelemente eine wesentliche Rolle spielten. Von Japan ist seit längerem bekannt, dass vor der Überlagerung durch die chinesische Zivilisation und vor der Übernahme des Buddhismus ab 400 n. Chr. sowohl die shintoistische Religion als auch das japanische Kaisertum stark matrizentrisch geprägt waren. Bis heute leitet sich der kaiserliche Stammbaum von der Sonnengöttin Amaterasu her und trägt die japanische Nationalflagge mit dem roten Kreis deren Sonnensymbol.

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