Vorn steht der Lehrer und bespricht seit Ewigkeiten die Arbeit eines Mitschülers. Der Rest der Klasse beschäftigt sich mit Zettelchen schreiben, schaut sich die Fotogalerie auf dem Handy an oder starrt einfach nur apathisch aus dem Fenster. Dieses Desinteresse ist meist gar nicht bös' gemeint. Es ist einfach nur menschlich, dass die Aufmerksamkeit abschweift, wenn man sich nicht persönlich, beziehungsweise emotional vom Vortrag oder Vortragenden angesprochen fühlt. Und das geht auch Fußballspielern nicht anders. Nun ist aber nicht zu erwarten, dass Jogi Löw und seine Kollegen mit jedem Spieler in Einzelgesprächen die letzten Spiele analysieren oder ihnen zu jeder Theoriestunde einen Kuchen backen. Das neu gegründete Institut für Spieleanalyse hat dagegen eine effiziente Methode entwickelt, damit Fußballer endlich besser zuhören und sich auch merken, was der Trainer ihnen zuvor so verzweifelt einzubläuen versucht hat.
In welche Ecke schießt der Elfmeterschütze am häufigsten?

In ihren Dissertationsprojekten gingen die Trainingswissenschaftler Dr. Christoph Dreckmann und Dr. Karsten Görsdorf noch einen Schritt weiter und fragten, welche Wege es geben könnte, damit die aus der Spielanalyse gewonnenen Infos nicht nur an Trainer und Analysten, sondern auch an die Spieler vermittelt werden könnten. Dreckmann erklärt: "Klassischerweise werden Spielanalysen der gesamten Mannschaft vorgestellt. Dabei fühlen sich die meisten Spieler aber nicht direkt angesprochen, sie schalten ab. Das ist wie in der Schule, wenn der Kunstlehrer das Bild eines Schülers bespricht. Da knacken die anderen ein." Görsdorf ergänzt: "Das läuft in den Mannschaften häufig ab wie in der Sportschau: Der Moderator, also der Trainer, kommentiert das Spiel und die Zuschauer, hier die Spieler, konsumieren. Da bleibt oftmals nicht viel hängen."
"Wir können nur die Einstellung der Spieler verändern."

Karsten Görsdorf: "Wir können nicht das Verhalten der Spieler verändern. Nur ihre Einstellung gegenüber einem bestimmten Verhalten. Die Werbung kann mich mit einem Spot auch nicht dazu bringen, beim nächsten Einkauf Coca-Cola zu kaufen. Aber wenn der Spot gut war, er in mein Bewusstsein gelangt ist, weil mich zum Beispiel die Musik berührt hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich beim nächsten Einkauf eine positivere Einstellung gegenüber Coca-Cola entwickle." Das gleiche Prinzip wirkt auch bei Spielern: Die Einstellung gegenüber positiven Spielverhalten im Sinne des Trainers soll beibehalten werden, die Einstellung gegenüber negativen verändert werden.
Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, haben die beiden Sportwissenschaftler erfolgreiche Vermittlungsstrategien in einem Bausteinkasten-Prinzip zusammengesetzt.
Flexibles Videotraining

In ihren Dissertationen konnten die Analysten langfristig positive Entwicklungen der Spieler bei der Auseinandersetzung mit dem Medium Video feststellen. Das heißt noch nicht, dass sie auf dem Feld auch umsetzen können, was sie im Video gesehen haben, aber sie haben sich damit intensiv beschäftigt. Görsdorf: "Spieler berichten uns, dass sie bestimmte Details während des Spiels wiedererkennen. Bei Timing- oder Abstandsfragen ist das sehr wichtig. 50 Zentimeter im richtigen Moment weiter vorne stehen, kann viel ausmachen. Wir nennen das Gedächtnisrepräsentation." Einer der Nationalspieler, Niklas Ruß von den Rhein-Neckar-Löwen, bestätigt: "Es sind viele Kleinigkeiten, an denen ich mit den beiden gearbeitet habt, die aber in der Summe sehr viel ausmachen und mich sehr viel weiter gebracht haben."
Aktualität, Information, Emotion
Zurück zur Schulklasse: Irgendwann ist jede Aufmerksamkeit erschöpft, egal wie spannend der Lehrer zu erklären vermag. Deshalb setzen auch Dreckmann und Görsdorf bei ihren Videoanalysen auf drei Aspekte: Aktualität, Information, Emotion - abgeschaut auch dies bei der Werbebranche. "Länger als 20 Minuten sollte keine Mannschaftsanalyse dauern", erklären die Trainingswissenschaftler, "danach fällt die Aufmerksamkeitskurve deutlich ab."
Neben der Dauer ist der Zeitpunkt der Analyse entscheidend. "Nach dem Mittag fallen zum Beispiel alle ins Suppenkoma, da kannst Du noch so interessante Informationen haben. Eigenanalysen sollten nicht zu lange nach dem Spiel, Gegneranalysen nicht zu kurz vor dem Spiel gezeigt werden", fasst Dreckmann zusammen.
Und die Informationen sollten mit Emotionen verbunden werden, dann werden sie länger behalten. Dabei spielt das Verhältnis von negativen und positiven Szenen eine wichtige Rolle."Wir zeigen bei Eigenanalysen am Anfang und Ende immer eine positive Szene. Mehrheitlich arbeiten wir mit positiven Szenen. Hingegen kann sich bei vielen Trainern ein Sieg auf dem Feld in der Videoanalyse auch als Niederlage anfühlen", weiß Karten Görsdorf.
Auch Musik und lustige Szenen können dazu führen, dass der Trainer seine Strategie gut vermitteln kann. Görsdorf erinnert sich: "Wir haben von Beginn an Motivationsvideos hergestellt. Das sind positive Szenen, die wir mit jugendgerechter Musik und ein paar Textstellen unterlegt haben. Für das Team war das immer ein Höhepunkt vor dem Spiel. Und die Trainer konnten nebenbei ihre Auffassung von erfolgreichem Verhalten in Angriff und Abwehr vermitteln."
Zuversicht für Jogi Löw und seine Männer
Das Institut für Spieleanalyse betreut die männlichen Nachwuchsmannschaften und die drei weiblichen Teams des Deutschen Handballbundes, aber auch den FC Augsburg, die 1. FFC Turbine Potsdam und die BEKO-Basketball-Bundesliga.Für Jogi Löw und seine Spieler arbeitet das Team der TU München zwar noch nicht. Aber Karsten Görsdorf ist zuversichtlich, dass unsere Elf dennoch den WM-Sieg aus Kapstadt mitbringen wird: "Löw ist ein kluger Mann und er hat ein gutes Trainer- und Expertenteam hinter sich. Er wird seine strategischen Vorgaben vermitteln und die Spieler werden die taktischen Maßnahmen auf dem Feld versuchen umzusetzen: Dann wird uns der Fußballgott gnädig sein und den Titel bescheren."









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