Am 18. Oktober 1977 befreit die Bundesgrenzschutz-Sondereinheit "GSG 9" auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu die Geiseln aus der fünf Tage zuvor von arabischen Terroristen entführten Lufthansa-Maschine "Landshut". Ein Rückblick auf die Geschehnisse mit Augenzeugenberichten.
9000 km langer Irrflug
Am 13. Oktober 1977 hatten zwei Männer und zwei Frauen die "Landshut", die sich mit fünf Besatzungsmitgliedern und 82 Passagieren auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt am Main befand, in ihre Gewalt gebracht. Sie stellten ein an Bundeskanzler Helmut Schmidt gerichtetes Ultimatum, in dem ebenso wie bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer - die Freilassung von elf RAF-Häftlingen gefordert wurde.
Für die lnsassen der "Landshut" begann damit ein mehr als 9000 km langer Irrflug. Nach Zwischenlandungen in Rom, Lamaca (Zypern), Bahrain und Dubai mußte die Boeing 737 in Aden (Volksrepublik Jemen) wegen Treibstoffmangels notlanden. Der Flugkapitän verließ kurzzeitig das Flugzeug, um es auf Schäden zu untersuchen. Als er wieder an Bord kam, beschimpften ihn die Terroristen als Verräter und töteten ihn durch einen Kopfschuss. Anschließend zwangen sie den Ko-Piloten, die "Landshut" nach Mogadischu zu fliegen.
Ben-Wisch und die GSG 9

Hans-Jürgen Wischnewski Politiker (SPD) 24.07.1922 -

Das können nur die Deutschen sein
Auch die Crew einer spanischen Fluggesellschaft befand sich unter den Passagieren an Bord der entführten Lufthansa-Maschine. Flugkapitän Alberto Cerezo schilderte seine Eindrücke von der Geiselbefreiung gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel":
" ... Nach dem Essen, nach etwa einer Dreiviertelstunde Flug, hörte ich hinten im Flugzeug Stimmen, und vier Leute rannten nach vom. Sie waren alle bewaffnet, und ich wußte sofort, daß es eine Entführung war ...
Drei Personen bedrohten uns, ein Mann und zwei Frauen. Der vierte stand in der Pilotenkanzel und sagte in schlechtem Englisch: 'Dies ist eine Entführung, ab sofort bin ich der Kapitän der Maschine. Befolgen sie meine Befehle. Halten sie die Hände über den Kopf, es ist verboten zu rauchen und zu sprechen. Wir fliegen nach Rom. Wenn unsere Befehle nicht ausgeführt werden, sprengen wir das Flugzeug mit allen Passagieren in die Luft. ... Das Entführungskommando schien gut vorbereitet zu sein:
Wir mussten alle harten Gegenstände, Messer, Feuerzeuge, selbst Kämme, in den Mittelgang werfen und alle unsere Dokumente abgeben. Dann mussten wir uns hinten im Flugzeug aufstellen ... Die Frauen überwachten uns, beide hielten eine Handgranate in der Hand. Der dritte Entführer durchsuchte uns, dann mussten wir uns getrennt hinsetzen, jeder auf einen anderen Platz ...
Bis zum Flug nach Aden waren wir sicher, dass alles gut ausgehen werde. Unterwegs kündigte der Flugkapitän [Jürgen Schumann] an, daß er [wegen Treibstoffmangels] eine Notlandung in Aden machen müsse. Der Kapitän sagte uns aber, dass uns dort eine gute Nachricht erwarte. Die Stewardessen bereiteten die Notlandung vor. Wir von der spanischen Crew baten die Entführer, uns an die Notausgänge setzen zu dürfen. Beim Anflug auf Aden sah ich die Lastwagen und Feuerwehrfahrzeuge auf der Piste.
Die Notlandung war eine Meisterleistung, unglaublich, wie weich Schumann mit viel Mut neben der Piste auf den Sandboden setzte. Der Kapitän bat die Entführer, die Maschine von außen untersuchen zu dürfen. Ich sah ihn durch das Fenster unten am Flugzeug. Dann kamen Soldaten und umstellten die Maschine mit Panzerwagen. Die Entführer wurden nervös und drohten, das Flugzeug zu sprengen. Die Soldaten zogen sich daraufhin ein bisschen zurück. Der Kapitän kam zurück in die Kanzel zurück und rief von dort aus auf Englisch zum Tower hinüber: 'Ich bin Kapitän Schumann von der Lufthansa. Ist da ein Vertreter von der Bundesrepublik?' Er rief es zehnmal, wir hörten keine Antwort. Schumann stieg wieder aus, kam zurück und stieg wieder aus, offensichtlich versuchte er, Kontakt aufzunehmen. Dann kam er wieder ins Flugzeug, ging in die Erste Klasse, und dort hörten wir den Schuss, mit dem die Entführer ihn töteten. Dies war ein entsetzlicher Schlag für uns alle. Bis dahin war ich ganz sicher und ruhig gewesen, aber nun brach auch ich innerlich zusammen. Viele weinten. Jetzt sah ich, daß wir schutzlos vor den Entführern standen. Erstmals wurden wir uns der Situation wirklich bewusst und hatten keine Hoffnung mehr. Schumann hatte uns Vertrauen gegeben, er überblickte die Lage ..."
Die Terroristen zwangen nach diesem Vorfall Co-Pilot Jürgen Vietor, die "Landshut" in die somalische Hauptstadt Mogadischu zu fliegen. Dort bereitete die "GSG 9" unter ihrem Kommandeur Ulrich Wegener die Befreiung der Geiseln vor:
" ... Niemand von uns hatte bemerkt, wie das Flugzeug mit dem Befreiungskommando und wie die Männer der 'GSG 9' auf die Tragflächen kamen. Plötzlich fiel die Nottür auf mich. Darauf stand ein Mann und schrie: 'Wo sind sie, wo sind sie?' Und die Passagiere riefen: 'Da vorne, da vorne!' ... Die Männer standen plötzlich gleichzeitig in allen Türen, die sie von außen geöffnet hatten. Die Türen wurden nicht gesprengt. Die Männer schienen überhaupt keine Nerven zu haben und handelten kühl und unglaublich sicher. Ich dachte mir gleich: Das können nur die Deutschen sein.
Derjenige, der durch meine Tür reingestürmt war und jetzt auf mir stand, begann gleich nach vorn in Richtung Erste Klasse zu schießen. Dann war alles voller Rauch. Die Entführer habe ich nicht mehr gesehen, auch nicht gehört, ob sie zurückgeschossen haben ... Alles schien mir so unglaublich geordnet und fast ruhig. Von Explosionen im Flugzeug habe ich nichts gehört ... «









0 Kommentare