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Das vermeintliche Skandalbuch

Noch nie wurde ein Roman in der Literaturgeschichte so schnell verurteilt wie Martin Walsers Tod eines Kritikers. Nach einem Offenen Brief des FAZHerausgebers Frank Schirrmacher entzündete sich schnell eine Antisemitismus-Debatte, ehe das Buch überhaupt veröffentlicht wurde. Der Roman hat indes Besseres verdient: Tod eines Kritikers ist eine akribische Studie der Machtverhältnisse im deutschen Literaturbetrieb - eine unterhaltsame Tour de force um Eitelkeit, Neid und Missgunst.

Verordnetes Schuldgefühl

“Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus.“ Diese zentrale Passage des neuen Martin Walser Romans artikuliert das scheinbar Unartikulierbare: Darf man, in dieser Republik, aus der Reihe der historisch verankerten Betroffenheit ausscheren und kritisieren, was als unangreifbare Instanz gilt, zumal als moralische?

Martin Walser hat sich getraut. In Tod eines Kritikers sublimiert der 75-Jährige das große Tabu-Thema intellektueller Grundsatz-Diskussionen der Nachkriegsgeschichte zum Roman: Die grenzenlose und unbegrenzbare Debatte um die Instrumentalisierung von Schuld. Dieses verordnete Schuldgefühl, das unablässige Ducken vor der NS-Vergangenheit, das eine rationale Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte immer wieder erschwere, war es, was Martin Walser in seiner umstrittenen Friedenspreis-Rede den Begriff der “Moralkeule“ prägen ließ.

Der vormalige Grünen-Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtages, Jamal Karsli (l), und FDP-Fraktionschef Jürgen Möllemann am 24.4.2002 bei einer Pressekonferenz

Der vormalige Grünen-Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtages, Jamal Karsli (l), und FDP-Fraktionschef Jürgen Möllemann am 24.4.2002 bei einer Pressekonferenz

Sensibilisiert durch diese Vorgeschichte und aufgeheizt durch die Auseinandersetzung zwischen Jürgen Möllemann und Michel Friedman hätte der Aufschrei nicht größer sein mögen, als bekannt wurde, wovon der neue Walser-Roman handele: In Tod eines Kritikers gehe es um den Mord an einem Juden! Zudem noch um “das Spiel mit antisemitischen Klischees“, war synchron in den Tagen nach dem Offenen Brief des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher (“Dokument des Hasses“) zu hören. Die zerstrittenen deutschen Intellektuellen zogen in seltener Eintracht in einen Feldzug gegen Walser.

Machtkampf im Literaturbetrieb

Indes: Mit dem tatsächlichen Inhalt von Tod eines Kritikers kann die kollektive Empörung wenig zu tun haben. Der seit dem 26. Juni veröffentlichte Suhrkamp-Roman hat ein anderes Sujet: Es geht in aller erster Linie um die Schilderung der Machtverhältnisse im Literaturbetrieb - und die Mechanismen, die ihn im Innersten zusammenhalten.

Wie in einer symbiotischen, jedoch reichlich ungleichen Beziehung, sind die beiden Antagonisten Hans Lach und André Ehrl-König aneinander gekettet: Beide brauchen sie einander, der eine mal mehr als der andere - doch das zuzugeben, wäre keiner der beiden jemals imstande. Es ist das auf ewig undankbare Verhältnis zwischen Autor und Kritiker, zwischen Inhalte-Produzent und Inhalte-Rezensent, das das wirkliche Fundament des neuen Martin Walser-Romans bildet - und nicht der angebliche Flirt mit dem Antisemitismus!

Da ist auf der einen Seite der mittelmäßig erfolgreiche Münchner Schriftsteller Hans Lach, der es mit Veröffentlichungen wie California Fragment und vor allem Der Wunsch, Verbrecher zu sein zu einem gewissen An- und Aufsehen gebracht hat. Ohne größere Mühe erkennt der Leser in Lach eine stilisierte, verkleinerte Walser-Projektion. Sein natürlicher Gegenspieler ist der omnipräsente Literaturkritiker André Ehrl-König, an dessen Lippen eine ganze Branche hängt.

Weihevolle SPRECHSTUNDE

Marcel Reich-Ranicki bei der ersten Ausgabe seiner neuen ZDF-Sendung "Solo" am 5.2.2002

Marcel Reich-Ranicki bei der ersten Ausgabe seiner neuen ZDF-Sendung "Solo" am 5.2.2002

Ehrl-König verfügt über eine in der deutschen Literaturgeschichte einmalige Machtfülle: Seine turnusmäßige Fernsehsendung SPRECHSTUNDE wird zur modernen Inszenierung antiker Gladiatorenkämpfe. Daumen hoch oder runter: Das ist Motto seiner Buchbesprechungen, die immer nur ein Ritterschlag oder Totalverriss sein können - Konsens ausgeschlossen. “Das zeichnet ja Ehrl-Königs SPRECHSTUNDE aus. Bücher sind Gut oder Schlecht. Der Rest ist Korruption. Sagt Ehrl-König.“ Der Ablauf unterliegt einem strengen Zeremoniell:

Das Licht im Zuschauerhalbkreis ist fast weg, nicht ganz, die Leute sollen einander wahrnehmen, erleben können. Ehrl-König kommt in einem scharf begrenzten Lichtschacht am Rand der Sitzreihen herein, betritt über drei Stufen die Bühne, hinter ihm seine TV-Assistentin Beatrice, von der der Professor sagt, sie heiße in Wirklichkeit Inge. Beatrice wartet, bis er über zwei weitere Stufen zu seinem Sessel steigt. Der ist schön imitiertes Empire, helles Holz, man soll an Marmor denken, goldene Rillen und Blätter, Zeus-Symbole (Adler und Blitz), die vier Füße, auslaufend in Löwentatzen, die auf vier Büchersockeln stehen. Vielleicht Attrappen. Auf jeden Fall sinken die Löwentatzen ein bißchen in die ledernen Buchdeckel ein.

Die Buchrücken sind so beleuchtet, daß man lesen kann, worauf Ehrl-König thront: FAUST, EFFI BRIEST, ZAUBERBERG, BERLIN ALEXANDERPLATZ. Der Auftritt ist von Musik begleitet. Händel, irgendeine Festmusik. Ehrl-König steht fast feierlich neben seinem Sessel. Sobald die Musik aufhört, nimmt er gestenreich Platz. Man merkt: aus Hochachtung vor der Musik ist er stehengeblieben. Neben dem Thronsessel. Sobald er sitzt, geht Beatrice zu einem Tisch, holt von dort ein Buch und reicht es ihm. Er nimmt es, kann es auf ein hochbeiniges Tischchen legen, wenn er es nicht mehr in den Händen halten will. Kann es aber, um etwas damit zu beweisen, jederzeit wieder in die Hand nehmen.

Der Vorläufer von Ehrl-König

Kein Zweifel: Kenner der Literaturszene entdecken spätestens in dieser Passage eine Persiflage auf den 82-jährigen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki und sein neues TV-Format Solo. Es ist nicht das erste Mal, dass Walser dem umstrittenen Literaturkritiker eine Gastrolle in einem seiner Romane zudachte - bereits 1993 trat Reich-Ranicki in Walsers Ohne einander, getarnt als Willi André König, der in Branchenkreisen “Erlkönig“ genannt wurde, in Erscheinung ...

Doch während der “Erlkönig“ in Ohne einander noch eine Nebenrolle spielen musste, richten sich neun Jahre später die Scheinwerfer gespannt auf den extrovertierten Unterhaltungskünstler Ehrl-König: Als Antagonist zu Hans Lach steht er ganz im Zentrum des Interesses, ja wird Titelheld - denn beim mutmaßlichen Tod eines Kritikers handelt es sich natürlich um Ehrl-König selbst.

Ereignet haben soll sich dieser in einer Januarnacht der späten Neunziger - das genaue Jahr wird nicht genannt -, nach einer Party des Verlegers Ludwig Pilgrim, in dem Rezensenten den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld wiedererkennen wollen. Stunden zuvor hat André Ehrl-König in seiner unnachahmlichen Art den neuen Roman von Hans Lach, Mädchen ohne Zehennägel, in der SPRECHSTUNDE verrissen.

“Warum soll Hans Lach, solange er einen Verleger hat, der schlechte Bücher gut verkaufen kann, gute Bücher schreiben?“ fragt Ehrl-König das Publikum rhetorisch. Um dann zum Rundumschlag auszuholen: “Zuerst einmal müsse festgestellt werden, dass Hans Lach dieses Buch vorsätzlich gegen ihn, Ehrl-König, geschrieben habe. Seit er, Ehrl-König, hier SPRECHSTUNDE halte, also immerhin seit siebzehn Jahren, habe er nicht aufgehört zu sagen, dass ein Roman, der mehr als vierhundert Seiten lang sei, ihm, dem Leser André Ehrl-König, zu beweisen habe, warum er mehr als vierhundert Seiten lang sein müsse. Hans Lach denke nicht daran, diesen Beweis zu liefern.“

Eklat auf der Verlegerparty

Doch ebenso wenig denkt er daran, diesen Verriss widerspruchslos hinzunehmen: Mit einer Tradition brechend, dass die besprochenen Schriftsteller niemals an der anschließenden Party des Verlegers Ludwig Pilgrim teilnehmen dürften, taucht ein erboster Hans Lach inmitten der Festlichkeiten auf, um Ehrl-König zur Rede zu stellen. Doch dazu kommt es nicht: Lach wird, nachdem er Textpassagen aus Mädchen ohne Zehennägel rezitiert hat, von zwei Bodyguards der Party verwiesen. Nicht allerdings, bevor er für alle Versammelten hörbar dem Kritiker mit einem Hitler-Zitat gedroht habe: “Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Herr Ehrl-König möge sich vorsehen. Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.“ Ehrl-König verschwindet, von dem Vorfall sichtlich betroffen, wenig später von der Party.

Am nächsten Tag der Skandal: Man habe Ehrl-Königs blutdurchtränkten gelben Cashmere-Pullover gefunden - vom Kritiker jedoch keine Spur. Schnell ist von Mord die Rede, Hans Lach wird als Hauptverdächtiger festgenommen, zumal er kein Alibi besitzt - der Schriftsteller sitzt in der Falle.

Dies ist die Ausgangskonstellation von Tod eines Kritikers. Die eigentliche Handlung wird vom Lach-Freund Michael Landolf entfaltet, der sich zum Ziel gemacht hat, die Unschuld seines Nachbarn zu beweisen. Bei diesem Vorhaben begegnet er zahlreichen illustren Personen und Persönlichkeiten des Literaturbetriebes - etwa dem eloquenten Universitätsprofessor Silberfuchs, den erfolgloseren Schriftsteller Bernt Streiff, dem Ehrl-König-Förderer Rainer Heiner Henkel (genannt RHH) oder etwa der Verleger-Gattin Julia Pelz-Pilgrim, Walsers schillerndster Nebenfigur.

Seelenfrieden auf Fuerteventura

Die passionierte Lyrikerin, die bei jedem Gespräch über ihre Veröffentlichungen darauf hinweist, dass ihre Lyrikbände bei Suhrkamp und nicht bei ihrem Mann verlegt werden, fühlt sich auf mystische Weise mit Hans Lach verbunden, als sie in Der Wunsch, Verbrecher zu sein eben jenen Schlüsselsatz liest: “Eine Figur, deren Tod man für vollkommen gerechtfertigt hält, das wäre Realismus.“

Die Verlegergattin, die ein Faible für Saturnische Kunst hat, sieht in Lach einen Geistesverwandten: “Saturn ist die Zeit vor der Zeit. Und nach ihr. Die absolute Anti-Utopie. Fort und fort frisst er die eigenen Kinder. Hans Lach ist der gequälte Christ, der sich helfen kann zuerst nur mit Delirium, dann mit der Tat. Ehrl-König war die Operettenversion des jüdisch-christlichen Abendlandes, das Antisaturnische schlechthin. Pleasure now, das ist Ehrl-König. Instant pleasure. Blind für den Zustand. Taub für die Gemarterten.“

Hans Lach fristet jedoch seinerseits ein kümmerliches Dasein in der Untersuchungshaft, die ihn erst in die Psychose, dann ins Geständnis treibt, das er jedoch widerruft. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse: Erst will Madame Ehrl-König ihren Gatten umgebracht haben - dann taucht dieser plötzlich, medienwirksam inszeniert, wieder aus der Versenkung auf. Der Literaturkritiker hat die Öffentlichkeit genarrt und war unterdessen mit der Gespielin Cosima von Syrgenstein in ein Techtelmechtel verstrickt.

Auf ein Liebesabenteuer lässt sich auch der freigelassene Hans Lach ein, doch seine Liason ist von anderer Qualität - gleich für mehrere Monate flüchtet der demoralisierte Schriftsteller mit der Verlegergattin Pelz, inzwischen verwitwet, nach Fuerteventura . Hier regeneriert er sich und findet zum Schreiben zurück. Sein Buch, das den Tathergang schildert, schreibt er später im Gebirge, in Innsbruck.

Hier schließt sich der Kreis: Michael Landolf entpuppt sich als fiktives Alter-Ego, ein Katalysator der Geschichte. Der Roman endet, wie es begann - als Kunstgriff, als lupenreine Intervallschachtelung, als Buch im Buch: “Da man von mir, was zu schreiben ich mich jetzt veranlasst fühle, nicht erwartet, muss ich wohl mitteilen, warum ich mich einmische in ein Geschehen, das auch ohne meine Einmischung schon öffentlich genug geworden zu sein scheint.“

Von Nils Jacobsen

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