Total votes: 8
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Der Blick in den Himmel und auf die Erde

Schauplätze und Kulisse: das Alexandria des 4. Jahrhunderts n. Chr.

Bild 1 von 3
Alexandria: vor der Kulisse des Mittelmeers
TOBIS FILM GMBH & CO. KG
Bild 2 von 3
Hypatia und Orestes: immer noch freundschaftlich verbunden
TOBIS FILM GMBH & CO. KG
Bild 3 von 3
Hypatia: Wie verlaufen die Ellipsenbahnen der Planeten?
TOBIS FILM GMBH & CO. KG

Der Schauplatz: Alexandria in Ägypten

Alexandria: vor der Kulisse des Mittelmeers
Das Agora-Team begab sich nach Fort Ricasoli auf Malta, um dort die grandiosen Filmsets zu errichten, ein Setting, das Gebäude im griechisch-römischen Stil besitzt, den großen Platz, der dem Film seinen Titel gab, eine römische Präfektur, heidnische Tempel, christliche Kirchen, ein griechisches Amphitheater, Hypatias Vorlesungssaal und die mythischen Straßen Alexandrias mit seiner legendären Bibliothek.

"Zu dieser Zeit war Alexandria ein sehr bunter Ort, etwa so, wie wir es heute in New York, London und anderen großen europäischen Hauptstädten erleben. Es zog die Leute dorthin, und das unterstützte die Vielfalt. Nicht alle Konsequenzen daraus waren positiv, aber das Gemisch funktionierte. In der Antike reisten die Menschen nicht so viel wie heute. Die überwiegende Mehrheit von ihnen entfernte sich nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsort. Alexandria, dessen Bewohner von überall herkamen (Afrikaner, Nordeuropäer, Latinos, Inder, Menschen aus den Nahen Osten) war deshalb einer der kosmopolitischsten Orte des Erdballs. Eine Stadt mit einem vielfältigen Nachtleben, ein Ort, an dem man Neues ausprobieren und die unterschiedlichsten Leute treffen konnte. Da überrascht es nicht, dass auch verschiedene philosophische Schulen in Alexandria nebeneinander existierten, weil die Menschen ihre Ideen miteinander austauschen wollten", erklärt Justin Pollard. "Der Film ist unglaublich realistisch. Doch als ich das Skript las, stellte ich mir Alexandria immer in einem modernen Kontext vor, angetrieben von wissenschaftlichen, philosophischen und religiösen Welten, die einander umkreisten. Deshalb sah ich Alexandria wie das heutige New York, aber auch wie Palästina. Ich hatte das Gefühl, der Film sollte weder modern noch antik, sondern in einem universell gültigen Zeitrahmen angesiedelt sein, denn wir erzählen von der Allgemeingültigkeit menschlicher Erfahrung und menschlicher Gefühle", meint Kameramann Xavi Giménez.

 

"Ich glaube, um die heutigen Zuschauer zu gewinnen, muss man mehr zeigen als den architektonischen Stil, der zu jener Zeit bestimmend war. Natürlich gibt es Elemente in Alexandrias verlorener Architektur, die klare Hinweise darauf geben, wie die Stadt damals aussah. Noch wichtiger ist es aber zu zeigen, dass die Stadt ein enormer Schmelztiegel der Kulturen war, die die unterschiedlichsten architektonischen Stile in die Straßenzüge einbrachten. Wir reden über Griechenland, Rom und natürlich Ägypten (wo die Stadt errichtet wurde). Ich glaube, das Interessante an diesem Projekt ist, dass wir während des Gestaltungsprozesses tiefer und tiefer in die Bedeutung dieser Tatsache vordringen konnten", sagt Guy Dyas, der für die Ausstattung des Films verantwortlich ist. "Städte entstehen und vergehen nicht über Nacht, sie durchlaufen eine allmähliche Entwicklung. Die Inspiration für das Design der Stadt war das Alexandria, wie es einst ausgesehen haben muss. Wir haben es nicht nach dem Vorbild Roms oder Athens erbaut. Meiner Meinung nach neigen Städte dazu, lebendiger und realistischer zu wirken, wenn man den Zuschauern mehr als nur Ruinen bietet und ihnen zeigt, wie es war, dort zu leben, wie die Stadt immer weiter wuchs."

 

 

Die Ausstattung: Farben und Kostüme 

Hypatia und Orestes: immer noch freundschaftlich verbunden
Der Konflikt, der Hypatias Welt befällt, resultiert im zweiten Teil von "Agora" in einer tief greifenden Verwandlung, die auch die Protagonisten verändert. Der Arbeit der Kostümdesignerin Gabriella Pescucci kommt dabei eine entscheidende Rolle beim Verstehen dieser Entwicklung zu. Die italienische Designerin, mit dem Oscar für "Zeit der Unschuld" ausgezeichnet, und verantwortlich für die Kostüme ebenso herausragender Filme wie "Charlie und die Schokoladenfabrik", "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" und "Es war einmal in Amerika", erklärt ihren Einsatz von Farben für die verschiedenen Charaktere der Geschichte: "In meiner Arbeit ist das oberste Prinzip, dass Farben fundamental sind. Im ersten Teil des Films trägt Hypatia, helle, leuchtende Stoffe, weil sie in einer griechisch geprägten Welt von Philosophen und Studenten lebt. Auch die Heiden tragen helle Farben. Die Christen erkennt man an ihrer grauen Kleidung. Diese Unterscheidung war ein Vorschlag Alejandros, mit dem ich absolut übereinstimmte. Nach der Belagerung der Bibliothek ist Hypatia eine stärkere Frau. Sie beginnt, dunklere Farben zu tragen, weil die Zerstörung der Bibliothek für sie eine sehr schmerzhafte Erfahrung war. Ich habe wochenlang für die Entscheidung gebraucht, welches Kleid Hypatia am Ende trägt. Ich hatte fast 200 Rot-Töne zur Auswahl. In der letzten Szene, in der Hypatia von den Parabolani umringt wird, transportiert dieses rote Kleid inmitten der Schwärze der Gruppe zwar keine körperliche, aber große gedankliche Kraft."

 

Ein Film über eine Gesellschaft mit derart strengen Hierarchien, wie sie im Alexandria des vierten Jahrhunderts herrschten, muss eine sehr klare visuelle Struktur haben, die über die Farbgebung hinausgeht und sich auf die Geschichte bezieht. Dazu waren intensive Recherchen nötig. "In den ersten Jahren der feministischen Bewegung wurde oft über Hypatia gesprochen", erzählt Gabriella Pescucci. "Als Alejandro mir von dem Projekt erzählte, erinnerte ich mich daran. Sie ist Griechin, aber sie ist auch die einzige Frau in der Bibliothek, und sie arbeitet in einer Männerwelt. In Hypatias Kostümen gibt es natürlich griechisch-römische Referenzen, aber es gibt auch maskuline Referenzen; die Toga, die sie trägt, ist die eines Mannes. Sie war eine sehr mutige Frau, die versucht hat, so zu leben wie die Männer ihrer Zeit. Deshalb trägt sie im Film zum Beispiel keinen Schleier. Es gibt Figuren wie Kyrill, die durch ihre Körperlichkeit bestimmt werden. Für Sammy Samir passten die dunklen Farben besonders gut, weil sie seine hierarchische, von Gott inspirierte Aura unterstrichen. Im Gegensatz dazu war die Inspiration für Synesios ganz klar byzantinisch, aber näher an die heutige Zeit angelehnt, was ich in meiner Arbeit oft mache."

 

 

Die Ästhetik: Glaubwürdiger Naturalismus

Hypatia: Wie verlaufen die Ellipsenbahnen der Planeten?
"Es gibt einen sehr naturalistischen Fokus, sowohl in der Geschichte als auch in der Produktion", sagt Mateo Gil. "Die Zuschauer werden das Handeln und die Reaktionen der Figuren als sehr glaubwürdig und lebensnah empfinden, was für eine Geschichte dieser Größenordnung auch nötig ist, um die Zuschauer wirklich zu erreichen. Aber hinter dem Naturalismus und den Perspektiven der Charaktere steckt ein sehr klassischer erzählerischer Fokus. Er bedient sich beim Genre des klassischen Epos, wird aber durch eine zeitgemäßere Erzählweise aufgewertet. Es ist ein sehr interessantes Experiment; die Menschenmassen, die wir in den Straßen sehen, sind real. Das ist keine Computersimulation. Alles was man sieht, hat diese wichtige reale Textur." Um diese zugleich naturalistische und zeitgenössische Darstellung zu ermöglichen, war Xavi Giménez' Vision von elementarer Bedeutung. Der Kameramann arbeitete für Filme wie "Transsiberian" und "Clever & Smart". "Ich wählte Xavi, weil seine Arbeit der letzten Jahre spektakulär war", sagt der Regisseur. "Außerdem suchte ich nach einem Gleichgesinnten, der die Unerbittlichkeit der Sonne verstand. Jemand, der wusste, wie er das Licht, das wir in Malta haben würden, zu unserem Vorteil nutzen kann. Es ist ein Sonnenlicht, das blendet, das ein sehr kontrastreiches Bild schafft, was unserem Film, wie ich glaube, zu Gute kommt." Xavi Giménez: "Normalerweise stößt der Kameramann zu einem Filmprojekt, wenn die ästhetische Grundlage des Films bereits festgelegt ist. In diesem Fall war das nicht so. Von Anfang an sollte der Kameramann ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Alejandro, Guy und ich trafen uns mehrmals während der Vorbereitungen und entwickelten gemeinsam die Ästhetik des Films, denn ein Film ist etwas Organisches. "Agora" entwickelte sich so allmählich zu etwas Bildhaftem, das man fast berühren konnte. Die Referenzen dieses Films basieren mehr auf Gefühlen und Empfindungen als auf visuellen Parametern, wie dies bei anderen Filmen der Fall ist."

 

 

Die Effekte: das vierte Jahrhundert mit der Technologie des 21. Jahrhunderts 

"Agora" bietet den Zuschauern ein einmaliges visuelles Erlebnis, das in 35 Wochen ausgefeilter Postproduktion vollendet wurde. Félix Bergés ist verantwortlich für die digitalen Effekte. Als international renommierter Digital Effects Designer arbeitete er an Filmen wie "The Oxford murders". Er arbeitet mit einem Team, das zeitweise aus bis zu 60 Mitarbeitern besteht, was für eine Produktion dieser Größenordnung nicht ungewöhnlich ist. Innerhalb dieses Teams war eine gesamte Abteilung ausschließlich damit beschäftigt, ein digitales Modell Alexandrias zu entwerfen, das für viele der Panoramaaufnahmen der Stadt und die Zoom-Einstellungen des Films verwendet wurde. Magoga Piñas koordinierte die digitale Rekonstruktion der Stadt, ein Job, für den sie sich zunächst durch viele Bücher über antike Architektur arbeiten musste, da es keinerlei bildlichen Überlieferungen gibt. Ausgangspunkt war die Rekonstruktion der Geografie der Region im vierten Jahrhundert, die sich seitdem durch mehrere Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren und Kriege stark verändert hat. "Alejandro wollte, dass Alexandria völlig normal, natürlich und realistisch aussieht. Er wollte die Gewissheit, dass die Stadt so aussieht, als existiere sie wirklich, ganz egal, ob er bei Sonnenlicht oder bei diesiger Luft dreht, so, als ob wir in einer modernen Stadt gedreht hätten. Zusätzlich mussten wir Alexandria in verschiedenen Maßstäben bauen. Es gibt Luftaufnahmen der gesamten Stadt, Satellitenperspektiven des Nildeltas, von denen herangezoomt wird. Wir sehen Alexandria bei Nacht, am Nachmittag, zu jeder denkbaren Stunde und aus jedem Blickwinkel", sagt Félix Bergés. "Wir mussten die gesamte Landschaft wiederaufbauen, nicht nur die Stadt, sondern auch ihre Geografie. Wir generierten die Inseln und Flüsse der damaligen Zeit", erklärt Magoga Piñas. "Zunächst mussten wir eine geographische Karte erstellen, um die Lage des Mareotis-Sees zu bestimmen, der vom Mittelmeer durch eine schmale Landenge getrennt ist, auf der Alexandria gebaut wurde. Als nächstes wurde eine Reihe von Kanälen als Basis der Landschaft gebaut, und dann begannen wir mit der Rekonstruktion der Stadt."

Danach folgten sie der Karte des antiken Alexandria. Sehr wenige Straßen der ursprünglichen, von Alexander dem Großen in Auftrag gegebenen Stadt sind heute noch erhalten. "Es war sehr wichtig, den originalen Straßenplan der Stadt wiederherzustellen, deshalb wandten wir uns an den Fachbereich für grafische Gestaltung der Polytechnischen Universität von Madrid. Dort verwies man uns an Daniel Aragonenses. Er erarbeitete einen Plan, der alle Entdeckungen der jüngsten Zeit einschloss: Die Yale-Studien und Frank Godios Ausgrabungen im Meer. So entstand ein Gerüst, das so exakt wie möglich war. Er arbeitete in zwei Maßstäben: Der erste war sehr allgemein gehalten, für den zweiten arbeitete er im Originalmaßstab, weil wir die architektonische Typologie der Gegend wiederherstellen wollten. Es war eine schwierige Herausforderung, weil Alexandria eine große Stadt ohne hohe Gebäude war", sagt Magoga Piñas.

 

Aber nicht nur der Boden, auch das "Dach" der Welt hat sich verändert: Das Team vergrub sich in der Geschichte der Wissenschaft, um den Zuschauern ein möglichst exaktes Abbild des Himmels im vierten Jahrhundert zu bieten. Moderne Referenzen waren ebenso nötig, und Félix Bergés glich alles mit Daten der NASA, aktuellen Studien und Antonio Mampasos Expertenmeinung ab. "Der Himmel, den wir im Film sehen, ist der echte Himmel", erklärt Antonio Mampaso. "Wir haben versucht, den Himmel so wiederherzustellen, wie ihn Hypatia und ihre Zeitgenossen sahen. Der heutige Himmel ist nicht der gleiche. Die Position der Planeten hat sich geändert, und einige dieser Veränderungen vollziehen sich im Verlauf langer Zeiträume. Die Sternkonstellationen, die wir zu sehen gewohnt sind (Großer Wagen und Skorpion) verändern sich Stück für Stück durch die individuelle Bewegung der Sterne. Weil seit Hypatias Lebzeiten 1600 Jahre vergangen sind, waren einige der Sterne, die wir heute sehen, damals nicht sichtbar (und umgekehrt), und alle haben ihre Position am Himmel leicht verändert, was am Phänomen der Polwanderung liegt: Die Erdachse zeigt nordwärts, beschreibt dabei aber eine sehr kleine Kreisfigur um diese Position. Deshalb ist die heutige Erdachse (die zufällig genau auf den Polarstern zeigt) nicht die gleiche wie zu Hypatias Zeit. Der Himmel hat sich verändert. All das wurde in Betracht gezogen, weil der Mann, der den Himmel wiederherstellte, Félix Bergés, nicht nur ein Experte für digitale Effekte, sondern auch ein Astronom ist.

 

 

 

Quelle: TOBIS FILM GMBH & CO. KG
Total votes: 8
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.