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Der blutige Deutsche Herbst 1977

Terroristen entführen Arbeitgeberpräsident Schleyer

Am 5. September 1977 entführen Angehörige der Roten Armee Fraktion (RAF) Hanns Martin Schleyer. Nach den Ermittlungen des Bundeskriminalamtes stoppen gegen 17.30 Uhr der Wagen Schleyers sowie das Begleitfahrzeug, als ein Kinderwagen auf die Fahrbahn geschoben wird. Wenige Sekunden später eröffnen mindestens fünf mit Maschinenpistolen bewaffnete Personen das Feuer auf die beiden Wagen. Schleyers Fahrer sowie drei Sicherheitsbeamte sterben im Kugelhagel.

Am Tag nach der Entführung übermittelt die RAF dem Bundeskriminalamt (BKA) einen Bekennerbrief, in dem sie ihre Bedingungen für die Freilassung Schleyers nennt. Die Terroristen fordern die Freilassung von elf in der Bundesrepublik inhaftierten RAF-Mitgliedern - unter ihnen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Sie sollen je 100 000 DM erhalten und ausgeflogen werden. Um den ordnungsgemäßen Ablauf sicherzustellen, schlägt die RAF vor, dass die Gefangenen von Denis Payot - ehemaliger Generalsekretär der Internationalen Vereinigung für Menschenrechte - und Pfarrer Martin Niemöller begleitet werden. Die Bundesregierung ist nicht bereit, auf die Forderungen der RAF einzugehen. Sie versucht zunächst Zeit zu gewinnen. Am 7. September verlangt das BKA über den Rundfunk von den Terroristen einen Beweis, dass Schleyer noch am Leben sei. Die RAF übermittelt daraufhin ein Videoband, auf dem der Arbeitgeberpräsident eine Erklärung seiner Entführer verliest. Einen Tag später erklärt sich das BKA zu Verhandlungen bereit. Gleichzeitig warnt es die Terroristen, "diese Bereitschaft durch unzumutbare Forderungen nach Publikation von Einzelheiten zu gefährden. Die bisherige Kommunikation über Rundfunk und Fernsehen hat sich als unzweckmäßig erwiesen". Das BKA schlägt deshalb vor, eine Kontaktperson zu benennen. Die Terroristen sind einverstanden und akzeptieren Denis Payot. Im Auftrag von Bundeskanzler Helmut Schmidt startet Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski zu einem Flug nach Algerien und Libyen, um über eine Aufnahme der RAF-Häftlinge zu verhandeln. Damit signalisiert die Bundesregierung den Entführern, dass sie sich intensiv um ein Aufnahmeland bemüht. Tatsächlich scheint Bundeskanzler Schmidt jedoch entschlossen, nicht auf die Forderungen der Terroristen einzugehen, da ein Nachgeben die RAF zu erneuten Geiselnahmen und Erpressungsversuchen ermutigen könnte.

Am 14. September geht bei der französischen Nachrichtenagentur "Agence France Press" ein Videoband ein, auf dem Schleyer schwere Vorwürfe gegen das BKA erhebt. Die "mangelhaften" Sicherheitsvorkehrungen und die "völlig ungenügende" Observation hätten den Entführern den Überfall "sehr leicht gemacht". Trotzdem werde er sich der Entscheidung der Bundesregierung bezüglich der Forderungen der RAF "voll unterwerfen". Doch ein weiterer terroristischer Akt verschärft die Situation.

 

Die "Landshut"-Entführung

Am 13. Oktober entführen vier palästinensische Terroristen eine Lufthansa-Maschine mit 82 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt am Main. Sie stellen ein an Bundeskanzler Schmidt gerichtetes Ultimatum, in dem - ebenso wie bei der Entführung Schleyers - die Freilassung von elf RAF-Häftlingen gefordert wird. Doch wie auch im Fall Schleyer geht die Bundesregierung auf die Forderungen der Terroristen nur zum Schein ein. So gelingt es einem Kommando des Bundesgrenzschutzes am 18. Oktober 1977 in Mogadischu, die Lufthansa-Maschine "Landshut" zu stürmen und die Geiseln zu befreien. Nur wenige Stunden nach der Befreiung des entführten Flugzeuges begehen die zu lebenslangen Haftstrafen verurteilten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim Selbstmord.

 

RAF ermordet Schleyer

Einen Tag später, am 19. Oktober 1977, wird Schleyer tot im Kofferraum eines Autos in Mülhausen aufgefunden. Nur wenige Stunden zuvor hatte das Stuttgarter dpa-Büro telefonisch eine Erklärung der RAF erhalten, in der die Entführer in einer überaus zynischen Formulierung die Ermordung Schleyers bekanntgaben: "Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Péguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen. Für unseren Schmerz und unsere Wut über die Massaker von Mogadischu und Stammheim ist sein Tod bedeutungslos ..." Die Obduktion ergibt, dass der 62jährige Schleyer am 18. Oktober, kurz nach Bekanntwerden der geglückten Geiselbefreiung in Mogadischu und des Selbstmordes der in Stammheim inhaftierten RAF-Angehörigen, durch drei Schüsse in den Kopf getötet wurde.

 

Pannen und Versäumnisse kennzeichnen die Fahndung

Unmittelbar nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer und dem Mord an seinen vier Begleitern wird zunächst im Raum Köln und später in der gesamten Bundesrepublik eine Großfahndung ausgerufen. Die Polizei errichtet Straßensperren und überprüft mehrere tausend Fahrzeuge. An den Grenzen werden die Kontrollen verstärkt, sämtliche bundesdeutsche Flughäfen werden scharf überwacht.

Bundesinnenminister Werner Maihofer übergibt alle Fahndungskompetenzen an das BKA in Wiesbaden, das eine Sonderkommission aus mehreren Dutzend Beamten nach Köln schickt. Einen ersten Erfolg kann das BKA verbuchen, als am Tag nach dem Terroranschlag der VW-Bus, in dem Schleyer entführt worden ist, in der Tiefgarage eines Kölner Hochhauses gefunden wird. In Bonn tagt währenddessen unter dem Vorsitz von Bundeskanzler Helmut Schmidt der "große Krisenstab" mit führenden Politikern aller Parteien, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Der Krisenstab fasst die Ziele, an denen sich die Entscheidungen orientieren sollen, in folgenden Punkten zusammen:

  • die Geisel Hanns Martin Schleyer lebend zu befreien
  • die Entführer zu ergreifen und vor Gericht zu stellen
  • die Handlungsfähigkeit des Staates und das Vertrauen in ihn im In- und Ausland nicht zu gefährden; das bedeute auch: die Gefangenen, deren Freilassung erpresst werden soll, nicht freizugeben.

Monate später wird deutlich, dass bei der Fahndung nach Schleyer und den Entführern schwerwiegende Versäumnisse und Pannen passiert sind. Bereits am 9. September 1977 geht ein Hinweis auf eine verdächtige Hochhaus-Wohnung in Erftstadt-Liblar bei Köln ein, in der Schleyer tatsächlich - wie sich später herausstellt - eine Zeitlang gefangen gehalten wird. Das BKA geht dem Hinweis allerdings nicht rechtzeitig nach. Eine ein Jahr später durchgeführte Untersuchung ergibt, dass insbesondere eine mangelhafte Koordination für den Misserfolg der Fahndung verantwortlich ist.

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