Total votes: 11
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Der Feuilletonkrieg

Bild 1 von 5
Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher
Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher
dpa
Bild 2 von 5
Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek
Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek
dpa
Bild 3 von 5
Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld im April 2002
Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld im April 2002
dpa
Bild 4 von 5
"Gipfeltreffen" zwischen Politik und Literatur: Bundeskanzler Gerhard Schröder (r), der Schriftsteller Günter Grass (M) und Moderator Alfred Biolek nach der Aufzeichnung von "Boulevard Bio" am 4.6.2002 in Köln
"Gipfeltreffen" zwischen Politik und Literatur: Bundeskanzler Gerhard Schröder (r), der Schriftsteller Günter Grass (M) und Moderator Alfred Biolek nach der Aufzeichnung von "Boulevard Bio" am 4.6.2002 in Köln
dpa
Bild 5 von 5
Seit dem 26. Juni im Buchhandel: Martin Walsers "Tod eines Kritikers"
Seit dem 26. Juni im Buchhandel: Martin Walsers "Tod eines Kritikers"
dpa

Noch nie hat ein Roman von Martin Walser solche Wogen geschlagen - und das bereits vor der Veröffentlichung! Sicher, Walser ist ein Autor, der polarisiert. Das haben viele seiner Bücher getan: Etwa der große Deutschland-Roman Die Verteidigung der Kindheit oder auch Finks Krieg, das den Konflikt um eine Stellenbesetzung in der Hessischen Staatskanzlei schilderte. Ein ausgemachter Skandal aber war bisher war kein Walser-Roman - bis zum 29. Mai 2002. Ein chronologischer Abriss des Presseechos zu Tod eines Kritikers.

Literarischer Rufmord

Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher

Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher

Skandal im Literaturbetrieb: In einem einmaligen Akt der Vorverurteilung schreibt der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher einen Offenen Brief an Martin Walser und setzt ihn die Titelseite. Inhalt: Das von Walser eingesandte Manuskript seines für August geplanten Romans Tod eines Kritikers werde in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht abgedruckt. Das allein wäre nicht der Grund für einen Offenen Brief gewesen - der Inhalt sei es, der Schirrmacher zur öffentlichen Stellungnahme zwinge, so der FAZ-Herausgeber:

“Doch es geht hier nicht um die Ermordung des Kritikers als Kritiker, wie es etwa bei Tom Stoppard geschieht. Es geht um den Mord an einem Juden. Die Signale sind unübersehbar, und sie sind unheimlich. Das Thema war jetzt, heißt es, daß Hans Lach einen Juden getötet hatte. Das kommt so nebenbei, aber es ist Ihr Thema, es ist das Thema dieses Buches.“

Frank Schirrmacher bezieht klar Stellung und hält Walser vor, er bediene sich “antisemetischer Klischees“. Mehr noch: “Ich aber halte Ihr Buch für ein Dokument des Hasses.(...) Ihr Buch ist nichts anderes als eine Mordphantasie.“ Die Literaturszene brodelt: Ist der 75-jährige Martin Walser, in den 60er Jahren bekennend linksorientiert, nun ein Antisemit? Parallelen zur umstrittenen Rede in der Paulskirche vom Oktober 1998 werden gezogen, in der Walser von der “Moralkeule“ Auschwitz sprach.

Schriftstellerschelte an Walser

Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek

Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek

In den folgenden Tagen bezogen zahlreiche Intellektuelle Stellung und verurteilten Walser scharf: “Der Mann ist doch nicht ganz normal, dass er sich wieder einen Juden vornimmt. Das erscheint mir nicht als Zufall“, erklärte der Schriftsteller Ralph Giordano im MDR. Ganz ähnlich sahen es auch Branchenkollegen, wie Günter Kunert und Walter Jens sowie Hellmuth Karasek, der jahrelang mit Marcel Reich-Ranicki, dem vermeintlichen Opfer des Romans, das Literarische Quartett bestritten hatte.

Im Tagespiegel äußerte Karasek: Tod eines Kritikers sei das “literarische Dokument eines schier übermenschlichen Hasses, der den Autor überwältigt, weil er sich sein Leben lang unter der Fuchtel von Reich-Ranicki sah und scheinbar ohnmächtig mitansehen musste, wie dessen Ruhm durch die verbale Vernichtung Walsers wuchs.“

Hektik bei Suhrkamp

Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld im April 2002

Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld im April 2002

Unterdessen geriet auch der Suhrkamp-Verlag unter Druck, den Roman angesichts seiner mutmaßlich antisemitischen Tendenz erst gar nicht zu veröffentlichen. Ursprünglich sollte der Walser-Roman Ende August erscheinen, nun kursierten die Gerüchte, man wolle das Werk vorzuziehen. Besonders problematisch für den Traditionsverlag: Weil schwer erkrankt, konnte der angesehene Verleger Siegfried Unseld die Entscheidung nicht persönlich treffen.

Nach mehreren Beratungstagen entschied sich Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg schließlich am 5. Juni für eine Veröffentlichung des Romans - und zwar schnellstmöglich, zum 26. Juni: “Unter diesen Umständen tut der Verlag, was er seinem Autor und der Öffentlichkeit schuldig ist: Er publiziert den Roman in der von Martin Walser verantworteten Textform“, erklärte Berg. Die Presse könnte zudem eine Vorabversion des Romans auf elektronischem Wege beziehen, um so den Journalisten “den gleichen Informationsstand zu ermöglichen, damit sie wissen, worüber sie sich erregen“, sagte die Verlagssprecherin Heide Grasnick.

Das Feuilleton positioniert sich

Das Feuilleton ließ es sich auf dieser Grundlage dann auch nicht nehmen, zu einer seltenen Literaturschlacht zu blasen. Der Spiegel schlug sich auf Seiten Schirrmachers: Elke Schmitter nahm Walser in ihrem Artikel vom 3. Juni “Der verfolgte Verfolger“ ins Fadenkreuz und unterstellte ihm, er bediene sich im Roman “reichlich antisemitischer Klischees“. Tod eines Kritikers sei zudem “flüchtig verleimt, stilistisch desperat, eher bösartig als witzig und mehr denunziatorisch als bösartig.“

Das ist Wasser auf den Mühlen der FAZ, die sich weiter auf Walsers Roman einschoss. In Artikeln, die “Verteidigung der Blindheit“ und “Der Müll und Tod“ betitelt sind, ziehen Schirrmachers Redakteure über die Verlagsentscheidung und vor allem den Walser-Roman her:

“Martin Walser wollte sich rächen und er wollte es auf die ihm gemäße Weise tun: auf literarische Weise. Man muß sagen, daß dieses Unternehmen gründlich mißlungen ist. Oder gilt der Satz: Wer nicht zustimmen kann, soll den Mund halten? (...) Denn weil Martin Walsers Empfindlichkeit heute auf die Verwundung anderer aus ist, ist sein Unglück nun auch das seiner Leser.“

Die Süddeutsche Zeitung positionierte sich dagegen als klarer Gegenspieler zur FAZ. Joachim Kaiser, der Altmeister der Kolumne, distanzierte sich deutlich vom Vorwurf, der Roman trage antisemitische Züge und lobte dagegen Walser literarisches Comeback:

“Beginnt man den Roman beklommen, abwehrbereit, dann atmet man schon nach wenigen Seiten auf: da ist wieder jener beschwingte, persönliche, bildungsvergnügte, herzliche Walser-Sound, der gerade in ganz frühen Texten dieses Autors mit Charme und Witz amüsierte. (...) Ob Walser nun einem Kritiker-Typus, der vieles von Reich-Ranicki hat (aber auch manches ganz andere), gerecht oder schadenfroh ungerecht gegenübersteht: man kann immer nur blinde oder überscharfsichtige Wut aus manchen Worten herauslesen. Doch keinerlei Antisemitismus.“

Unterstützung von Kollegen und Kanzler

"Gipfeltreffen" zwischen Politik und Literatur: Bundeskanzler Gerhard Schröder (r), der Schriftsteller Günter Grass (M) und Moderator Alfred Biolek nach der Aufzeichnung von "Boulevard Bio" am 4.6.2002 in Köln

"Gipfeltreffen" zwischen Politik und Literatur: Bundeskanzler Gerhard Schröder (r), der Schriftsteller Günter Grass (M) und Moderator Alfred Biolek nach der Aufzeichnung von "Boulevard Bio" am 4.6.2002 in Köln

Schützenhilfe erhielt Martin Walser auch vom Nobelpreisträger Günter Grass. In der Talkshow Boulevard Bio sagte Grass deutlich: In dem umfassenden Werk des Schriftstellers finde sich “keine einzige Zeile, die auch nur einen Hauch von Antisemitismus hat“. Grass betonte, er habe Tod eines Kritikers zwar noch nicht gelesen, aber er kenne den Autor persönlich lange. Zudem sprach er bei der öffentlich geführten Debatte von einem “unfairen Vorgang ersten Ranges“. Es handele um einen “Feuilletonkrieg.“

Auch Bundeskanzler Schröder bekräftigte, Walser habe in früheren Diskussionen “in seltener Klarheit seine Verurteilung des Holocaust deutlich gemacht.“ Rückendeckung bekam Walser auch von einem ehemaligen Mitglied des Literarischen Quartetts - der Herausgeberin der Magazins Literaturen, Sigrid Löffler. Im Deutschlandradio äußerte sie sich über die tatsächlichen Motive Schirrmachers irritiert: “Das Timing verrät ein genaues Kalkül.“

Reich-Ranicki zieht alle Register

Der unmittelbar vom Buch Betroffene, Starkritiker Marcel Reich-Ranicki, mochte mit seiner Schelte an Martin Walser indes nicht lange hinter den Berg halten: “Walser hat noch nie so ein erbärmliches Buch geschrieben“, äußerte sich Reich-Ranicki in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Reich-Ranicki hielt Walser vor, “leicht erkennbare Personen lächerlich zu machen und teilweise zu denunzieren“.

In seiner Sendung Solo legte der Altmeister der Literaturkritik dann richtig nach und zog alle Register der Anklage: “Mein Verdacht, schon seine Rede in der Frankfurter Paulskirche 1998 sei antisemitisch gewesen, ist durch seinen neuen Roman leider bestätigt worden“, erklärte der 82-Jährige vor laufender Kamera. Tod eines Kritikers sei ein “ärgerliches und beschämendes Machwerk.“

Walser schlägt zurück

Der gescholtene Autor reagierte indes schwer getroffen und ging in die Offensive: “Ich werde es zum ersten Mal nicht auf mir sitzen lassen, dass man Behauptungen in die Welt setzt, ich bediente mich eines Repertoires antisemitischer Klischees“, sagte Walser der dpa. Deswegen erwäge Walser gar eine Anzeige gegen die FAZ wegen Verleumdung: “Ich muss mal sehen, was ich da für juristische Chancen habe“, erklärte Walser in den Tagen nach dem Offenen Brief Schirrmachers.

Unterdessen rückte Walser das Buch in die entsprechende Perspektive und bemerkte spitzfindig: “Ich habe ein Buch geschrieben gegen Machtausübung im Kulturbetrieb, und das Erste, was ich jetzt erfahre, ist Machtausübung“, sagte der 75-jährige Autor dem Radiosender MDR. Zur Rezeption seines neuen Romans äußerte Walser den Wunsch: “Ich habe die Hoffnung, dass die lesende Welt nicht aus lauter Schirrmachers besteht.“

Doch die scharfen Töne aus allen Lagern haben auch Spuren bei Walser hinterlassen. So wird Walser gegenüber dem österreichischen Nachrichtenmagazin News zitiert: “Das alles weckt in mir den Wunsch, mich außerhalb dieser Grenze zu begeben.“ Häufig denke er: “Nichts wie weg. Entfernung würde helfen. Vorarlberg ist ja nicht weit und ein schönes Land.“ Eine Flucht nach vorn trat Walser zumindest gleich an: Er las aus seinem Manuskript in der ARD vor.

Stichtag 26. Juni

Seit dem 26. Juni im Buchhandel: Martin Walsers "Tod eines Kritikers"

Seit dem 26. Juni im Buchhandel: Martin Walsers "Tod eines Kritikers"

Seit dem 26. Juni ist der Roman nun endlich im Buchhandel erhältlich - und schnell vergriffen. Suhrkamp hatte zum Erstverkaufstag eine Auflage von 50.000 Exemplaren ausgeliefert und betonte zugleich, schnell für Nachschub sorgen zu können. Die literarische Diskussion ging unterdessen in die nächste Runde. Erstmals äußerte sich zum Roman auch der renommierte Hamburger Literaturwissenschaftler Jan-Philip Reemtsma - und schlug sich überdeutlich auf die Seite Frank Schirrmachers:

“Das Grundanliegen Martin Walsers, Marcel Reich-Ranicki in absurder und bizarrer Gestalt mit höchstem Beleidigungswert in seinem Roman auftreten zu lassen, macht alle Bemühungen um eine annähernd komplexe Erzählstruktur zunichte“, schreibt Reemtsma pikanterweise gerade in der FAZ. Der Roman sei eine “literarische Barbarei“, Walsers “Mordphantasie“ sei eine “soziale Rohheit, die das Werk, in dem das geschieht, von vornherein disqualifiziert“.

Auch Elke Schmitter erneuert ihre Vorwürfe in der Spiegel-Ausgabe vom 1. Juli, während der Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer in der Wochendausgabe der Financial Times Deutschland vom 28. Juni für den gescholtenen Autor in die Bresche springt: Der umstrittene Roman erweise sich als brilliante Vorwegnahme der tatsächlichen Debatte. Deutschlands Leser können sich nun - endlich - ihr eigenes Urteil bilden ...

Von Nils Jacobsen

Total votes: 11
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.

AUDIO

Worüber wir uns aufregen (und wie man wieder runterkommt) (Podcast 107)

Stress
Nur nicht aufregen - was Menschen auf die Palme bringt. mehr...
Anhören