"Der Freitag nach dem Freitag nach dem Sonntag"
Roman von Clare Sambrook
aus dem Englischen von Anne Rademacher
288 Seiten
Kindler Verlag, 2006
ISBN 3-463-40489-3
Warum sollte man einen Roman lesen, in dem die größte Angst, die man als Elternteil hat, thematisiert wird? Ein Kind verschwindet.
Warum sollte man einen Roman lesen, der aus den Augen eines neunjährigen Kindes geschildert wird und damit kein literarisches Schmankerl verspricht?
Warum sollte man einen Roman lesen, der mit seinem wortreichen Titel erst mal nichts über den Inhalt verrät?
Diese Fragen stellte ich mir, als ich das Buch „Der Freitag nach dem Freitag nach dem Sonntag“ in den Händen hielt. Aber das Cover gefiel mir auf Anhieb sehr gut – immerhin ein Grund, das Buch etwas genauer zu untersuchen. Trotzdem zögerte ich noch, klingt doch der Titel eher bedrohlich und auch das Thema schien – zumal für einen zweifachen Vater – nicht wirklich zur wohligen Zerstreuung geeignet. Aber schon der Auftakt des Buchs fesselt und die Sicht des neunjährigen Harry ist überzeugend dargestellt und sprachlich so gekonnt umgesetzt, dass ich das Buch nicht wieder zur Seite legte.
Was passiert?

Seine Schulklasse besucht zusammen mit der von Harry Legoland. Die Kinder amüsieren sich einen Tag lang im Freizeitpark bis es abends wieder zurück nach London geht. Die verschwitzte Gemütlichkeit im Bus, die erschöpfte Begeisterung der Kinder wird greifbar. Clare Sambrooks Beschreibung ist so anschaulich und plastisch, dass einen die eigene Erinnerung einholt, man sitzt mit im Bus. Doch endlich zu Hause fehlt Dan und die Geschichte von Harry nimmt ihren Lauf – und die Leser sind mittendrin, gerade so, wie man die Busfahrt miterlebt hat.
Aus Harrys Sicht versuchen wir zu verstehen, was mit Dan passiert ist und vor allem, was mit seiner Familie passiert. Wir nehmen die Welt aus der Perspektive eines Kindes im Schockzustand war und spüren selbst den Schock. Der Roman ist zuweilen unglaublich traurig und doch legt man den Roman nicht zur Seite. Man will wissen, wie es weitergeht, leidet mit und wird von der Autorin auch nicht mit dem Schmerz alleingelassen, auf tieftraurige Passagen folgen höchst komische Episoden.
Die Normalität zerbröselt für Harry doch sein Leben geht weiter. Auf die Frage, welche Schuld er am Verschwinden seines kleinen Bruders trägt, folgt die Frage, mit wem er beim Schulfest das Dreibeinrennen bestreiten soll. Auf die Frage, warum seine Mutter nicht mehr das Haus verlässt, folgt die Frage, wer wohl im neuen Schuljahr Bandenchef sein wird. Sein Leben schwankt zwischen für ihn elementaren Fragen hin und her, die er aber zum Teil noch nicht einmal im Ansatz beantworten kann. Weil er zu jung ist? Weil seine Eltern überfordert sind? Weil er vor den Antworten zurückschreckt? Erklärungen gibt es im Roman keine, man muss Harry zuhören, versuchen ihn zu verstehen und so erkennen, wohin sich die Familie entwickelt, wie die Geschichte weitergeht und weitergehen kann.
Als Rezensent den Klappentext zu zitieren scheint fragwürdig, doch kann ich diesesmal unumwunden zustimmen: "Clare Sambrook zeichnet das Porträt eines Neunjährigen im Schockzustand, der mit Schuldgefühlen und dem Verlust eines geliebten Menschen zurechtkommen muss. Fesselnd, authentisch, manchmal fast unerträglich traurig, zugleich lebensbejahend und sehr witzig."
Warum also sollte man „Der Freitag nach dem Freitag nach dem Sonntag“ lesen? Weil es ein traurig-optimistischer Roman ist. Weil es ein sprachlich leicht-beschwingter, überzeugend geschrieben und übersetzter Roman ist. Weil der Titel so viel über das Buch verrät – weil es schlichtweg ein brillanter Roman ist. Eines der besten Bücher, das ich in den letzten Jahren gelesen habe!
Leseprobe
Clare Sambrook
Der Freitag nach dem Freitag nach dem Sonntag
© 2006 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
1
Die Erwachsenen stellten Nachforschungen an, wie es dazu kommen konnte, dass ein Kind verschwand, nannten aber keine Namen, wie sie es tun, wenn Kinder etwas ausfressen. Sie sprachen von einem ganzen «Katalog von Fehlern», als kämen diese mit der Post und müssten irgendwann später bezahlt werden.
Ich habe mir meine eigenen Gedanken gemacht. Für mich war der Fahrer schuld und dann, in unterschiedlicher Reihenfolge, je nachdem, wie ich mich gerade fühlte: Mr. Plapp – ja, so hieß der wirklich –, der lustigste Lehrer an unserer Schule, der so relaxed war, dass er sich nicht die Mühe machte, im Bus durchzuzählen. Mein Bruder Daniel Pickles, fast fünf, obwohl man ihn leicht für jünger gehalten hätte, so wie er sich manchmal aufführte. Dans unsichtbarer Freund Biffo. Und ich selbst, Harry Pickles, in jenem Sommer etwas über neun Jahre alt.
Jetzt, wo genügend Zeit verstrichen ist, dass ich darüber reden kann, scheint es mir richtig, nicht mit der Busfahrt zu beginnen und dem Tag, an dem alles schief lief, sondern mit dem Tag davor, an dem meine Tante Joan Otis geheiratet hat, was, wie die Leute dauernd sagten, der Beginn von etwas Wunderbarem war. Ich muss an meine Mum denken, wie sie in ihrem knallengen Silberkleid die Treppe hinuntergestapft kam. «Was machst du da?»
Ich saß auf Daniels Gesicht. Es war offensichtlich, was ich da machte. Ich tat so, als wäre Mo nicht da, und ließ noch einen fahren.
«Boah», sagte Daniel.
«Harry! Das ist ekelhaft!» Wenn sie sauer war, klang sie immer besonders irisch. «Hör sofort auf damit. Was soll das?» Auf die Idee, uns voneinander loszureißen, kam sie nicht. Ich zählte acht Baumwollbällchen zwischen ihren Zehen, bewunderte die dunkelrot glitzernden Nägel und ließ mir Zeit, während Dan zwischen meinen Beinen keuchte und zappelte.
«Dan hat mich wieder geärgert.»
«Daniel, was sagst du dazu?» Man hörte nur ein gedämpftes Wimmern.
«Soll ich euch beiden den Hintern versohlen?» Das tat sie sowieso nie. Ich beschloss, dass es an der Zeit war, abzusteigen.
«Harry will mir nicht helfen, Bang Bang zu suchen», winselte Daniel.
«Wir haben heute keine Zeit, uns um Bang Bang zu kümmern. Harry, ich weiß nicht, warum du deinen Bruder immer quälen musst, und Daniel, warum lässt du dir das überhaupt gefallen?»
Eigentlich war die Antwort offensichtlich.
«Schaut nur eure Kleider an!» Sie waren zerknittert.
«Raus aus den Hemden, sie müssen nochmal gebügelt werden.» Sie scheuchte uns in die Waschküche, und wir zogen uns die fürchterlichen rosa Hemden aus.
«Ich will Feuerwehrmann sein», sagte Daniel. In dem Fall war ich seiner Meinung. Wir hatten echte Feuerwehruniformen, die beim Gehen knisterten, mit coolen Silberstreifen, die im Dunkeln leuchteten, und richtigen Helmen, nicht solchen Plastikteilen. Zur Hochzeit durften wir sie nicht anziehen. O nein. Wir mussten alberne rosa Hemden tragen, passend zu den Brautjungfern. Mit nacktem Oberkörper hockten wir auf dem Trockner. Ich versuchte, nicht mit den Fersen dagegen zu trommeln. Mo bügelte gerade unter den Knöpfen. Ihre fast schwarzen
Augenbrauen schmiegten sich enger aneinander. Ich konnte ihr in den Ausschnitt gucken.
«Für heute gilt absolutes Streitverbot», sagte sie. «Ihr wisst genau, was von euch erwartet wird.» Woran ich mich auf keinen Fall halten würde.
«Joan hat nur uns», sagte sie. Damit meinte sie, dass sie und Joan keine Eltern mehr hatten.
«Ihr wollt Joan doch nicht ihren großen Tag verderben, oder?» Das wollten wir nicht. Das wollten wir wirklich nicht. Also reichten wir uns die Hände.
«’tschuldige, Harry.»
«’tschuldige, Daniel.»
Daniel lächelte mich an. Ich lächelte nicht zurück. Mo stellte das Bügeleisen weg. «Ich muss euch um einen kleinen Gefallen bitten», sagte sie und half Daniel in sein Hemd. Dan kreischte. Jetzt lächelte ich. Mo zog ihm das Hemd wieder aus und schüttelte es, damit es abkühlte. Dan beklagte sich nicht – typisch. Sie half ihm wieder rein.
«Nicht alle wissen wie ihr, dass Joan und Otis schon zusammen wohnen, und an diesem wichtigen Tag ist es nicht nötig, dass ihr unpassende Bemerkungen macht. Verstanden?»
«Verstanden», sagte ich. Es klang wie ein Geheimnis, und eigentlich sollten wir doch keine Geheimnisse haben. Dan fummelte an seinen Knöpfen herum. «Ich fand es schön, als Joan bei uns gewohnt hat», sagte er in seiner verträumten Art, «damals, als Otis die Freundin hatte.»
Mo schoss uns beiden einen Woher-wusstet-ihr-dasdenn?-Blick zu. Ich wusste nicht, dass Joan deshalb bei uns gewohnt hatte. Unvorstellbar, dass Otis uns für eine andere Frau verlassen konnte. Mo biss sich auf die Lippe, ganz vorsichtig, sie hatte bereits ihr Hochzeitsgesicht aufgemalt.
«Für Joan und Otis beginnt heute etwas Wunderbares. Wir wollen die Vergangenheit vergessen.» Ich sagte dazu nichts mehr, aber vergessen würde ich sie nicht. Dan sprang vom Trockner – «Da-da-da-daaah!» – und präsentierte uns seine Knöpfe. Mo sagte: «Braver Junge, ganz alleine!» Was sollte das denn? War das etwa eine Kunst? Dan sagte: «Wenn wir einen Fernseher hätten, könnten wir ihn jetzt einschalten und …»
«Nicht jetzt, Dan.» Ich bewegte stumm die Lippen, genau gleichzeitig mit Mo, die es laut sagte. Dan und ich wurden gefüttert, gebürstet, gebügelt und geschniegelt. Wir rangelten gerade um einen Platz im Sonnenlicht, als Pa in die Küche kam, todschick und nach Limetten riechend. Er trug kein Rosa. Er breitete die Arme aus: «Meine Schönen!» Tante Joan sagte immer, wir hätten große braune Augen mit langen Wimpern und einen verträumten Blick, genau wie Pa.
«Jungen sind nicht schön, Jungen sind schlau», sagte Daniel.
«Ihr beide seid schön und schlau», sagte Pa. «Und fast ein bisschen spät dran. Los jetzt. Gerade wir sollten heute pünktlich sein.»
Die Hochzeit fand in Notting Hill statt, direkt bei uns um die Ecke. Wir mussten nur aus dem Haus raus, durch die Grünanlage, dann um die Ecke und die Kirchentreppe hoch. Fünfundvierzig Sekunden, wenn man sich etwas beeilte. Ich hatte es schon gestoppt. «Ein Zelt!», keuchte Dan, als wir aus dem Haus traten. Man hätte meinen können, die Marsmännchen seien gerade gelandet.
«Das ist ein Pavillon, Daniel», sagte ich. «Für später, nach der Trauung», falls er es immer noch nicht verstanden hatte. Im Garten des Nachbarhauses saß der Schüchterne Geoffrey und schaute hinter seiner Times hervor. Er sagte etwas zu uns, wahrscheinlich etwas Nettes. «Alles Gute» oder «Eine Schöne Hochzeit» oder so etwas in der Art. Genau konnte man ihn nie verstehen, weil er immer so nuschelte. Draußen auf dem Platz bekam Mrs. Gomez gerade einen Wutanfall, weil irgendjemand, Den Sie Ganz Genau Kannte, den Gartenschlauch angelassen hatte. Sie hielt kurz inne, um uns bewundernd hinterherzupfeifen.
«Hübsches Kleid, Mo», sagte Sebastianos Mutter, als wir an ihr vorbeigingen. Wenig später bellte sie in die Büsche: «Entweder kalt oder gar nicht!» Die Blätter bewegten sich, doch von Sebastiano, der ein Meister im Tarnen war und allergisch auf Häuser, keine Spur. Wir kamen an der Bude vorbei. Cal blies ein Salut auf der Muschel. Pa winkte. Mo sagte: «Na, da hast du sie ja wieder, Callum.» Ich, Cal und die anderen großen Jungen hatten Herr der Fliegen gespielt, bis Millys Dad es nicht mehr lustig fand und die Muschel kassierte. Milly war ein Schwein, das wir mit Speeren jagten. Sie war erst zwei. Ihr machte es nichts aus. Sie half uns, Feuerholz für unter den Spieß zu sammeln.
«Callum, hast du Sebastiano gesehen?», rief Sebs Mutter. Cal sammelte Steine für seine Schleuder und tat so, als würde er nichts hören. Schließlich herrschte bei uns ein Ehrenkodex. Als wir an die Ecke kamen, ließ Mo ihren Schlüssel fallen und bückte sich, um ihn aufzuheben. Pa gab ihr einen Klaps auf den Hintern. Sie schlug ihn auf den Arm. «Lass das, Dominic!» Doch ich wusste, dass sie es mochte. Zum Glück zielte Cal gerade auf die einäugige Katze und hatte nichts gesehen. Über die Hochzeit gibt es nicht viel zu erzählen. Die sind sich doch ohnehin alle ähnlich, oder? Die Leute tuschelten miteinander, ob Joan es wohl rechtzeitig schaffen würde. Sie schaffte es. Ich war nicht nervös, bis der Pfarrer fragte, ob irgendjemand einen Grund wisse, weshalb Otis und Joan nicht heiraten sollten. Pa kannte einige Gründe. Ich hoffte, dass er sie für sich behielt. Der Pfarrer machte eine fürchterlich lange Pause, als wüsste er selbst einen Grund. Ich hielt gespannt die Luft an, schloss die Augen und versuchte mir den Streit ins Gedächtnis zu rufen, den Mo und Pa einmal im Badezimmer hatten.
«Nicht schon wieder das Thema», sagte Pa.
«Du hast damit angefangen.» Mos Stimme klang angespannt.
«Ich habe nur gesagt …»
«Ich hab’s gehört.»
Was dann kam, verstand ich nicht mehr. Pa hatte die Wasserhähne weit aufgedreht. Als er sie endlich wieder zudrehte, hörte ich: «Du weißt genau, wie intelligente Frauen solchen Typen
auf den Leim gehen können.»
«Was für Typen?» Er schüttelte seinen Rasierschaum. «Attraktiv. Charmant. Gut gekleidet», zischte er. «Und dann das Boxen.»
«Was ist mit dem Boxen?»
«Das ist so … das ist alles so primitiv, Mo.»
«Dom! Was soll das denn?»
«Gut, lassen wir es.»
«Du bist derjenige, der dauernd damit anfängt.» Ich hörte das Kratzen von Pas Rasierer, dem Mörderteil, das er von seinem Pa bekommen hatte.
«Und, Mo», sagte er leise, als würde jetzt etwas Gefährliches kommen. «Hast du ihn schon mal ein Buch lesen sehen?» Kein Laut von Mo. Scheinbar ging es gerade auf einen ihrer Ausbrüche zu.
«Ja, genau, wo wir beide so ein kultiviertes Paar sind.» In ihrer Stimme schwang sogar ein Lachen mit. «Mo Tully, Meine Jungs Und Ich.»
«Deine Kolumne ist sehr gut, Schatz.» Er verzog das Gesicht, wahrscheinlich, weil er sich gerade um den Mund herum rasierte.
«Na ja, Dostojewski ist es nicht gerade, Dom. Und was dich angeht …»
«Was ist mit mir? Scheiße! Autsch!»
«Ein lebenslanges Abonnement des Ärztemagazins zählt wohl kaum als Kultur.»
«Ich wollte doch nur sagen, dass …»
«Dom. Bring mich bitte nicht auf die Idee, der Vater meiner Kinder könnte ein Snob sein.»
Pa stieß einen Seufzer aus. «Vielleicht bin ich das. Ja. Wahrscheinlich bin ich genau das. Du weißt, wie sehr mir Joanie am Herzen liegt.»
«Schatz», sagte sie, «du tropfst Blut auf den Boden.»
Plopp. Plopp. Dicker Plopp. Nur Mo konnte auf dem Klo sitzen und gleichzeitig eine Diskussion gewinnen. Daniel nieste. Das kam von den Blumen, aber es war nicht schlimm. Er benutzte das Taschentuch, wie Mo es ihm gesagt hatte. Was immer Pa denken mochte, er sagte es nicht laut, und der Pfarrer fuhr mit dem Gelübde fort. Joan hieß, wie jetzt herauskam, in Wirklichkeit Meredith Joan. Für manche war das neu, aber nicht für mich und Dan. Wir hatten es schon bei der Probe mitbekommen. Gerade als ich dachte, wir hätten die Sache in trockenen Tüchern, kam «In guten wie in schlechten Zeiten», und Otis, mein Gott, soll ich das wirklich laut sagen? Otis, der eine volle Stunde lang ohne Unterbrechung seilspringen konnte, der mit Daniel auf dem Rücken dreiunddreißig Liegestütze schaffte: Otis weinte. Richtig laut geheult und geschluchzt hat er. Ich habe mich fast tot geschämt. Daniel zwängte sich wie ein Idiot zwischen Otis und Joan, packte Otis’ Daumen und quetschte ihn. Otis hörte auf zu weinen und strubbelte Dan durch die Haare. In dem Moment wünschte ich mir, ich wäre selbst auf die Idee gekommen. Danach lief alles nach Plan. Keiner fiel in Ohnmacht. Der Ring ging nicht verloren. Ich und Dan waren hervorragende Pagen. Wir stritten nicht, furzten nicht und ließen die Brautjungfern in Ruhe. Nur als Otis und Joan damit anfingen, ihre Körper ehren zu wollen, hatte ich leichte Probleme. Meine Lippen zuckten. Ich spürte, wie mir das Lachen hochkam. Doch ich war schnell. Ich biss die Zähne zusammen und stellte in Gedanken meine absolute Lieblingsmannschaft von den Spurs auf, inklusive Ersatzspieler.
Hochzeitsempfänge kennt ihr sicher alle – Geflügelsalat, Torten und Reden, bis einem der Nacken wehtut. Auf der Hochzeit von Otis und Joan war das anders. Die Erwachsenen aßen eklige Teile, die von den Tellern hopsten, wenn man nicht schnell seine Gabel hineinstieß. Ich hatte meine Spezialbananen, die mir Otis’ Mum mit ihren Geheimzutaten püriert hatte. Und Dan aß eine Ofenkartoffel mit Lurpakbutter, seine absolute Leibspeise. Zum Nachtisch gab es schwarze Schokoladenmousse. Otis und Joan standen auf, dankten allen und sagten, wie sehr sie sich liebten. Und dann – ich hätte mich fast übergeben – bedankte sich Otis noch bei Daniel, weil er sie «überhaupt erst zusammengebracht» hatte. Es stimmte allerdings.
Ich konnte Dan Dan noch genau vor mir sehen, wie er als fetter dummer Zweijähriger versuchte, sich durch das Geländer des Cafés im Holland Park zu quetschen. Den Kopf bekam er gut durch, aber bei den Schultern ging’s nicht mehr weiter, und als er dann wieder zurückwollte, steckte er fest. Er weinte nicht, nicht sofort. Er packte die Stangen an beiden Seiten und rutschte mit dem Kopf rauf und runter in der Hoffnung, eine größere Lücke zu finden. Aber es gab keine. Er drehte den Kopf so weit, wie er konnte, und hob einen Fuß an. Als das nicht funktionierte, blieb er einfach so stehen und dachte nach. Ich schlich mich hinter ihn und gab ihm einen Stoß. Er jaulte auf, weinte aber immer noch nicht. Ich hielt nach jemandem Ausschau, der uns helfen könnte. Mit ein bisschen Glück würde ich das allein regeln, und Mo müsste gar nichts davon erfahren. Direkt auf der anderen Seite des Geländers saßen eine schwangere Frau und ein Kleinkind auf einer Decke und machten Picknick. Absolut nutzlos. Hinter ihnen spielten ein paar große Jungs Fußball. Einer schnappte sich den Ball und zeigte den anderen den Mittelfinger. Sie kamen mir ziemlich tough vor. Am anderen Ende des Parks spielten ein paar Leute geräuschlos Tennis. Daniel gab ein Gurgeln von sich. Ich rannte die Cafétreppe hoch, um Mo und Joan zu holen. Sie aßen Eis und lachten, sonst hätten sie uns sicher längst gesehen. Ich erzählte ihnen, was mit Daniel los war, und bekam das Gurgeln perfekt hin. Sie hörten auf zu lachen und liefen zum Geländer. Ich blieb zurück, um ihre Schokowaffeln zu retten. Sie hatten einfach ihre Hörnchen fallen lassen. Als ich zu ihnen kam, sagte Mo gerade: «Schon gut, Daniel, schon gut», auf eine Art, die ihm klar machte, dass nichts gut war. Ich wischte mir die Schokolade vom Mund. Dans Unterlippe bebte.
«Dies ist eine Aufgabe für die Dangermouse», sagte Joan mit gespielter Heiterkeit. Der Himmel wurde dunkler. Ich sah, wie die Blätter zitterten. Dan weinte.
«Harry, hol meine Handtasche. Bitte, Schatz.» Sie war Krankenschwester, vielleicht hatte sie deswegen immer das Nötigste dabei, um Leben zu retten. Ich kam mit der Tasche angerannt und hielt sie ihr hin. Sie wühlte darin herum und zog schließlich eine Flasche heraus, auf der «Body Shop» und etwas über Karotten stand. Sie schmierte Daniels Ohren mit einem orangefarbenen Zeug ein.
«Das stiiiiinkt!», plärrte Daniel. Sein Hals wurde dicker. Mo packte ihn an den Armen und schrie: «Versuch dich zu entspannen!» Dans Gesicht wurde dunkelrot. Dann begann es zu regnen.
Wir hatten keine Anoraks dabei. Das Kleinkind kreischte und trampelte über die Picknicksachen, die seine Mutter einzusammeln versuchte. Die Tennisspieler rannten zu einem Unterstand. Die Fußballspieler stritten und zogen ihre Jacken an. Ich leckte mir den Schokoladenregen von den Lippen.
«Wir rufen die Feuerwehr an», sagte Joan. Phantastisch! Das hatte ich noch nie erlebt. Joan kramte in ihrer Tasche und zog ein Handy heraus, das ihr wegen des Regens und der Feuchtigkeitsmilch sofort aus der Hand glitt. Sie hob es auf und drückte die 999. Regen tropfte von meiner Nase, und ich zitterte. Ich musste pinkeln. Es dauerte ewig, bis jemand ranging.
Als ich endlich einen Punkt erblickte, der sich von weit hinter den Tennisplätzen auf uns zu bewegte, wimmerte Daniel nur noch. Der Punkt verwandelte sich in einen Feuerwehrmann mit Helm und allem, was dazugehört. Er sprintete wie ein Gott oder Linford Christie. So schnell hätte er eigentlich gar nicht bei uns sein können. Schwarz und gut aussehend ragte er auf der anderen Seite des Geländers auf. Er brachte ein Brecheisen und eine Ruhe mit, die uns sofort in ihren Bann zog.
Ich wollte, dass er auf mich aufmerksam wurde. Er schaute Daniel an, ging neben meinem Bruder in die Hocke, kam ganz nah mit seinem Gesicht an ihn heran und lächelte. Als wären die beiden die einzigen Menschen im Park.
«Das hier ist meine Spezialität», sagte er, und ich glaubte ihm. Er nahm seinen Helm ab und reichte ihn mir. Aus dem Helm stieg Hitze auf. Er legte das Brecheisen auf den Boden, lehnte sich zurück, packte die eine Stange und stemmte seinen schweren Stiefel gegen die andere. Dans zartes Babyhaar streifte den lehmverkrusteten Stiefelrand. Der Feuerwehrmann spannte sich an, schloss die Augen und atmete durch die Nase ein. Mo hob schwach die Hand. Das Geländer bog sich wie eine Lakritzstange. Daniel stürzte nach vorn, doch bevor sein Gesicht auf den Boden schlagen konnte, fing der Feuerwehrmann ihn mit einer Hand auf und drückte ihn durch die Lücke in Mos Arme. Das alles dauerte nur einen kurzen Moment, in dem ich mich in Otis verliebte.
Bei Tante Joan hat es länger gedauert. Otis’ Familie drehte richtig auf. Es war ansteckend, selbst mich hat es gepackt. Ich und Dan tanzten sogar mit den Brautjungfern. Meine konnte Spanisch sprechen und Geige und Fußball spielen. Als wir fertig waren, sagte sie: «Bis dann.» Otis’ Mum meinte, ich sei ein hervorragender Tänzer und es sei schön für Otis, Jungs in der Familie zu haben. Er hatte zwar zwei kleine Brüder, aber die waren schon Männer, deshalb zählten sie nicht. Ich sagte zu ihr, ich könne mir nicht vorstellen, dass aus Daniel jemals ein Mann würde, und sie lachte. Allmählich verstand ich, wie Erwachsene sich fühlten, wenn sie einen Schwips hatten. Wir waren die letzten Kinder auf der Party. Dan lag mit weit ausgebreiteten Armen über ein paar Stühlen unter Otis’ Jackett. Ich hätte locker eine Traube in seinen weit aufgesperrten Mund werfen können, aber ich schaute lieber den Tänzern zu. Die Paare klebten aneinander und wiegten sich zu schmalziger Musik. Bunte Lichter hüpften über den Boden.
Um nicht einzuschlafen, versuchte ich die Feuerwehrmänner zu zählen. Es wäre leichter gewesen, wenn sie ihre Äxte oder Helme mitgebracht hätten. Im Stillen veranstaltete ich einen Wettbewerb, wer das hübscheste Paar war. Mo und Pa lagen natürlich gut im Rennen. Pas Hand ruhte knapp über Mos Po, er drückte sie fest an sich, und es sah so aus, als würde er in ihrem Haar herumschnüffeln. Joan hatte blaue lachende Augen und glänzendes schwarzes Haar, genau wie Mo, nur dass Joan so aussah, als würde sie gleich vom Boden abheben, so glücklich war sie. Gott sei Dank hielt Otis sie fest in seinen starken Armen. Eigentlich hätten sie gewinnen müssen. Ich meine, es war schließlich ihre Hochzeit. Ich gab trotzdem Mo und Pa den ersten Platz, aber nur um Haaresbreite. Daniel schreckte hoch wie ein Baby. Ich legte meine Hand auf seine Brust und sagte: «Alles in Ordnung. Du kannst weiterschlafen», und er gehorchte. Als Nächstes erinnere ich mich daran, dass Pa mich gegen unsere Haustür lehnte, während er sämtliche Taschen nach dem Schlüssel durchsuchte. Mo hatte ihn. Pa trug mich rein und die Treppe hoch. Hinter uns stieß Mo mit Daniels Kopf gegen das Geländer. Daniel stöhnte im Schlaf: «Alle haben einen Fernseher.»
Mo lachte. «Nicht jetzt, Daniel.»
Pa legte mich im Dunkeln auf mein Bett. Er versuchte sanft zu sein, aber es klappte nicht. Er hatte Schwierigkeiten, meine Schuhe aufzubekommen.
«Klettverschluss», sagte ich, danach schaffte er es. Er öffnete meine Hose und zog sie mir an den Beinen herunter, knöpfte mein Hemd auf, ohne es mir auszuziehen. Er war rau, und das gefiel mir. Meine Boxershorts und meine Socken interessierten ihn nicht mehr.
«Zähne, Pa.»
«Heute Abend nicht, mein Süßer.» Pa zog mir die Decke bis zum Kinn und stopfte sie fest um mich. Er beugte sich über mich, um mich zu küssen, und stieß mir dabei mit der Nase ins Auge. Er küsste meine Stirn, strich mir übers Haar und murmelte irgendetwas Liebevolles. Genau verstehen konnte ich es nicht. Sein Atem roch nach Wein. Er hatte eine Zigarre geraucht. Er fühlte sich stoppelig an.
Eine U-Bahn kam vorbeigerumpelt und dann noch eine. Sie klangen müde, als wären sie auf dem Weg nach Hause ins Bett. De-diii de-diii, sagten die Züge. De-diii de-diii. Ich hörte Mo aus Dans Zimmer kommen und auf Zehenspitzen die Treppe runterschleichen. Im Flur begegnete sie Pa. Sie neckten sich leise und schienen zu rangeln. Kichern und Pst!-Mahnungen. Es muss der letzte Abend gewesen sein, an dem ich mit einem Gefühl von Sicherheit eingeschlafen bin.









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