Frühmorgens kommt ein Anruf von Valentin aus Wien. "Meine Mutter hat mit Herrn Hansi von Lageder in Margreid gesprochen: Ihr bekommt eine Führung durch das Weingut Lageder! Frau Brigitta erwartet euch um 10.30 Uhr im Paradeis. Ist das möglich?" "Haben wir das wirklich verdient?", frage ich meinen Freund Jens. Doch der grinst nur unverschämt und antwortet: "Ich sag‘ Petra und Svenja Bescheid. In einer Stunde geht’s los.“
Eine "finnische" Weinführung
Auf der Fahrt entlang der Südtiroler Weinstraße leuchten die Weinberge in einem derart strahlenden Herbstrot, dass wir fast schon ein wenig berauscht sind. Als wir in Margreid ankommen, weist uns sogleich ein Wegweiser Richtung Lageder.


Weinbau im Einklang mit der Natur
Mittlerweile stehen wir im obersten Stockwerk des Löwengangs. Hier liegen Büros und Besprechungszimmer. Im lichtüberfluteten Zentrum thronen drei mächtige gläserne Kuben, in denen sich unterschiedlichste Böden aus den Weinbergen der Umgebung befinden und Weinpflanzen wachsen. Die Kuben sind Teil einiger Kunstprojekte, die für den Kunstliebhaber und –förderer Alois Lageder im und rund um den Neubau entstanden sind.

"Besonderen Wert legen wir hier auf einen umweltschonenden Weinbau“, erläutert Brigitta Pouustinen, „und der bestimmt neben der Sorte, der Qualität und der Lage den Wert der Trauben. Schädlinge und Krankheiten bekämpfen wir mit natürlichen Mitteln – mit Kompost, Stallmist und Rizinusschrot". Wir staunen und befinden uns bereits auf der nächsten Ebene des Weinturms, auf der die Trauben von oben zur weiteren Bearbeitung verteilt werden. "Durch den Höhenunterschied können die Trauben weitestgehend ohne Pumpen oder andere mechanische Beförderungsmitteln gekeltert werden. Sozusagen im freien Fall.", sagt unsere charmante Finnin, und ergänzt: "Der Weißwein kommt direkt in die Presse, der Rotwein in die Maschine zum Umwälzen." Entlang an riesigen Edelstahl-Tanks mit 100 bis 136 Hektolitern Fassungsvermögen steigen wir weiter hinab und lassen uns die Abfüllanlage erläutern, mit der bis zu 3.000 Flaschen Wein in der Stunde und insgesamt rund 2 Millionen Flaschen jährlich abgefüllt werden können. Und hier erfahren wir auch, dass Alois Lageder immer nur neue Flaschen und zum Verschließen ausschließlich Naturkorken verwendet.

Lagrein, Krafuss und ein süßer Roter

Auf einen fruchtig-frischen Goldmuskateller folgt ein feiner Grauburgunder (Pinot Grigio). Erwartungsgemäß bin ich vom Cuvée „Contest Hirschprunn“ besonders eingenommen.
Der Cuvèe aus Pinot Grigio, Chardonnay und anderen Trauben ist frisch und kräftig, komplex und dennoch harmonisch – herrlich! Bei den Roten sind wir uns schnell einig, dass der "Lagrein" von 2003 – eine für Südtirol typische Traube mit intensiven, fruchtigen Aromen, aus denen Kirsche und Zwetschke hervorstechen – eine Wucht ist. Der "Pinot Nero Krafuss" überzeugt durch seine zurückhaltende Eleganz mit Beeren, Gewürzen und Holztönen, der "Casòn Hirschprunn" 2002 ist ein tiefroter, äußerst vielschichtiger Cuvée aus Merlot, Cabernet Sauvignon, Lagrein, Syrah und weiteren Trauben. Ein kraftvoller, saftig-süßer Wein mit atemberaubendem Abgang.
Die größte Überraschung aber kommt zum Schluss: der rote Dessertwein „Margreid Moscato Rosa“. Während er in der Nase geradezu beißt, ist er im Geschmack von ausgewählter Süße und feinen, fruchtigen Nuancen. Grandios!
Nach gut zwei Stunden müssen wir allerdings aufbrechen – was nicht nur mir sichtlich schwer fällt. Die Rückfahrt über die Weinstraße erlebe ich wie einen farbigen Rausch. Als Petra auf die Brenner-Autobahn abbiegt, weiß ich, dass es nun bald wieder nüchterner zugeht. Vier Tage Südtirol sind vorbei: Und es war beinahe zu schön, um wahr zu sein.









2 Kommentare