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Die böse kleine Schwester

Sie ist jung. Doch Rabea Edel erzählt abgeklärt von einer zu großen Liebe.

Dies ist das beste Debüt des Frühjahrs 2006. Eine Geschichte von trauriger Schönheit. In Siena traf bücher Rabea Edel, Deutschlands große neue Dichterhoffnung.

Was für ein Anfang! Was für ein Roman! Es geht nicht anders, diese Erzählstimme muss man für sich sprechen lassen. Diesen verstörenden, kühlen Ton, in dem Dichterhoffnung Rabea Edel von einer kranken Schwesternliebe erzählt. So reduziert, schnell, präzise und perfekt – unglaublich, dass »Das Wasser, in dem wir schlafen« ein Debütroman ist, dass die Autorin gerade mal 23 ist. Doch was sagt sie schon aus, diese Zahl. Rabea Edel wirkt so zeitlos perfekt wie ihre Sprache: Sie schwebt durch Siena, so elegant, so mühelos, so perfekt, über einen der beeindruckendsten Plätze des italienischen Mittelalters zu unserem Treffpunkt auf der Piazza del Campo. Man bemerkt sie sofort, von weitem schon. Wo Rabea Edel ist, fühlt sich die Welt ein wenig anders an, sie lebt in einem eigenen, perfekten Raum, wie ein Filmstar. Diese braunen, kühlen Augen, diese sparsamen, Gesten – perfekt wie der erste Satz ihrer Geschichte: »Meine Schwester wurde auf einem Autobahnrastplatz zwischen zwei halbabgeernteten Weizenfeldern, unter den von Vögeln schweren Kabeln der Starkstrommasten gezeugt, die Handbremse scheuerte in Mutters Rücken ein rotes Mal, das durch ihre weiße Bluse leuchtete, und das ich eine Woche lang jeden Abend vor dem Zubettgehen mit Coldcreme einschmieren durfte, und als Vater viel zu schnell und mit geöffneten Augen kam, löste sich die Handbremse und das Auto rollte einige Meter weit, stieß sacht mit der Kühlerhaube gegen den Stamm eines Baumes (...) Es knirschte, Blech gegen Holz, das Auto blieb stehen, und Vater schloss die Augen.« Wie bitte? Ja, wir sind mittendrin in einer seltsamen Beziehung. Zu nah, viel zu nah, wie die erzählende ältere Schwester, die zuschaut, wie die Eltern ihre Schwester Lina zeugen. Das ist der Sound von Rabea Edel. So abgeklärt, so selbstverständlich, so kühl. Mit 23 schreiben andere zart-verträumte Geschichten über die Liebe, das Heranwachsen, die Familie, erinnern sich etwas schwermütig an eine nostalgisch verklärte Jugend. Rabea Edel zerstört mit 23 unseren Glauben an die gute Macht der Gefühle. Einfach so, mit Sätzen wie diesem: »Vater summte an dem Tag, an dem Mutter ging, vor sich hin. Er wiederholte den Namen unserer Mutter und unsere Namen, variierte die Silben, und glitt ins Flüstern hinab, wenn Lina oder ich ins Zimmer kamen.« Dieser Mann, vor den Augen seiner Kinder, in ihrem Haus von seiner Frau betrogen und verlassen, murmelt die drei Namen der ihm doch eigentlich nahsten Menschen wieder und wieder, »als könnte er sonst vergessen, wer die Kinder waren, die ihn anstarrten, die eine Erklärung erwarteten oder ein warmes Abendessen, als könnte er vergessen, welche Frau er in den letzten Jahren manchmal im Schlaf umarmt hatte«. Sie sind für ihn Fremde geworden. Die verlorene Nähe suchen die Schwestern an den falschen Stellen. Bis Lina tot im Wasser treibt. »Als erstes war das Bild der Wasserleiche da«, sagt Rabea Edel. Sie spricht sehr leise, sehr sanft und klar. Jetzt, wo sie von ihrem Roman erzählt, sucht sie etwas vorsichtiger die Worte. Zuvor, beim Plaudern über Siena hat sie gelacht, von dieser wunderbar italienischen Stadt geschwärmt, in der sie seit einigen Monaten lebt. Kalt ist es heute auf der Piazza del Campo, gegen den eisigen Wind, der von den winterlichen Hügeln der Toskana weht, schützt ein heller Mantel die zierliche Autorin. Schnell in ihr Lieblingscafé, das Calimba im ersten Stock eines Renaissance-Palazzos. Von hier oben schaut sie oft auf die muschelförmige Piazza del Campo hinab. »Siena ist manchmal fast zu schön«, sagt sie ganz ruhig, wie zu sich selbst. Doch sie ist unüberhörbar, so präsent in der bunten, lärmigen Umgebung Sienas. Man kann nicht anders, als sie mit ihrer Erzählstimme zu vergleichen. Edel gestikuliert kaum, ihre Bewegungen sind sparsam, konzentriert. Wie ihre Sprache.

Mit 13 begann Edel, Gedichte zu schreiben, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Mit 20 schrieb sie die ersten Sätze von »Das Wasser, in dem wir schlafen«. Damals zog sie aus ihrer Heimatstadt Cuxhaven nach Berlin. Vollendet hat sie »Das Wasser, in dem wir schlafen« hier, in Siena. Eigentlich kam sie mit einem Erasmus-Stipendium in die Universitätsstadt, um Literaturwissenschaft zu studieren. Doch sie musste schreiben, nur schreiben, die Geschichte beenden: »Ich mag keine halben Sachen, studieren und schreiben gehen nicht gut zusammen.« Rabea Edel hasst falsche Kompromisse. Und nur so kann man die Geschichte von Lina und ihrer Schwester erzählen. Sie spielt in der trüben Atmosphäre eines Einfamilienhauses an einem kleinen See bei einer Kleinstadt im flachen Norden Deutschlands. Eine kalte, dunkle Stimmung, wie Edel sie von der Nordsee kennt, wie sie sie im Winter auch in Siena wiederfindet, »wenn der Nebel am Abend aus den Gassen auf den Campo kriecht«. Deshalb klingt ihr Roman so wunderbar verstörend. »Soll ich dich jetzt küssen, oder willst du mich schlagen«, fragt die Ich-Erzählerin den Mann, den sie mit ihrer Schwester teilt, um den sie mit ihr kämpft. Beides ist möglich, das wissen wir. Denn diese Menschen suchen so verzweifelt die Nähe, dass sie selbst den Schmerz der Einsamkeit vorziehen. Alles wollen die von der Mutter verlassenen Schwestern teilen, jeden Augenblick, jede Intimität – nur um nicht allein zu sein. Und dann kommt Gregor. Die Ich-Erzählerin trifft ihn am See, als sie nach dem Schwimmen aus dem Wasser steigt. Und da beginnt sie, ihre Schwester zu verlieren: »So begann die Zeit mit Gregor. Mit einem stillen eisigen Schweigen zwischen meiner Schwester und mir. Sie beobachtet jeden meiner Schritte. Es war schwer, etwas vor ihr geheim zu halten. Weil ich ihr nicht von Gregor erzählen wollte, schien es mir, als lüge ich sie mit meinem Schweigen jeden Tag an.« Der Ausbruchsversuch der Ich-Erzählerin scheitert, ihre Hoffnung auf ein eigenes Leben in der Wohnung Gregors zerbricht. Lina drängt sich dazwischen. Und die Ältere überlässt ihr Gregor. Denn, wie sie ihm erklärt: »Lina und ich sind ungerade, wir sind nicht teilbar.«

Rabea Edel wollte keine klassische Liebesgeschichte schreiben. Die Geschichte dieser zwei Schwestern sei nicht nur neu, sondern auch »viel interessanter«. Und viel beängstigender: Je näher die Schwestern einander, je näher sie Gregor kommen, desto fremder werden sie sich. »Ich bin nicht die, die du suchst«, denkt die Ältere der beiden, als sie zu Gregor zieht. Doch sie sagt es ihm nicht. Nähe provoziert Lügen, Lügen schaffen Distanz. Das erlebt die Ich-Erzählerin mit Gregor, das erlebt sie zugleich mit ihrer Schwester: »Lina stand am Küchenfenster und beobachtete uns. Ihr Gesicht war leer, ausgeruht und alles andere als hungrig, nicht so, wie sonst. Lina hörte nicht mehr auf das, was ich ihr sagte. Sie gewöhnte sich eine Handbewegung an, als verscheuche sie ein kleines Tier.« Ja, Rabea Edel hat eine ältere Schwester. Aber das Verhältnis der beiden ist ganz anders als das der Romanfiguren, betont die Autorin. Nein, darüber mag sie nicht sprechen. Nicht weil da ein Geheimnis wäre. Nur ist es nicht wichtig für ihren Roman, dass sie ihre Schwester gern in Hamburg besucht, Zwischenstation auf dem Weg zu den Eltern in Cuxhaven macht, der Älteren ihre abgeschlossenen Texte zu lesen gibt. Nein, da hat sie Recht: »Das Wasser, in dem wir schlafen«, diese große Geschichte über das stärkste und hier zugleich traurigste aller Gefühle, kann nicht so platt autobiografisch sein. Nein, das ist die Geschichte einer ungeheuer feinfühligen Autorin, die vielleicht noch nicht die schmerzhaftesten Momente ihres Lebens erfahren hat, die aber die Sehnsucht nach dem größten, die Härte des traurigsten aller Gefühle erkennt. Zu große Liebe, zu große Sehnsucht. Sie bringen in Edels Roman Lina den Tod. Doch die Autorin sieht einen Hoffnungsschimmer. Eine Schwester überlebt. Das Ende ist offen, sie könnte ein neues Leben beginnen.

Ist das zynisch? Ist das böse? Der Tod der Schwester als erste, als vielleicht einzige Chance auf ein freies Leben? Nein, es ist wohl einfach so. Und Rabea Edel hat den Mut, es zu sagen. Kühl, direkt, präzise. Dann lächelt sie, bringt ihren Gast fürsorglich zum Zug. Die Zeiger der Wanduhr über den Spielautomaten, an denen junge Männer stehen, stehen unbeweglich auf zwölf. Im Bahnhofscafé sitzt eine Nonne, am Marmortisch, trinkt, den Koffer zwischen die Beine geklemmt, einen Cappuccino und liest in der Bibel. Das ist das Leben. Die ganz großen Dinge brauchen keine pompösen Kulissen. Rabea Edel geht hinaus in die Kälte, nach neuen einfachen, perfekten Wörtern suchen für die Sehnsucht, die man Leben nennt.

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Text: Bettina Gabbe, Konrad Lischka; Foto: Federico Cavicchioli
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