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DATEN DER WELTGESCHICHTE

Die Epoche der Nationalstaaten18161871

Auch, wenn der Wiener Kongress 1814/15 die alte Ordnung in Europa zunächst wiederherstellte und die Monarchen in den nächsten Jahren jedes Aufbegehren sofort unterdrückten, hatten Aufklärung, Revolutionen und Befreiungskriege doch Tatsachen geschaffen, die sich nicht mehr ohne weiteres ignorieren ließen. Überall rückten im 19. Jahrhundert deshalb Staatswerdung und nationale Einheit ganz oben auf die Tagesordnung.

Die Idee der Nation

Am Beginn des modernen Nationalstaats standen die Ideen der Französischen Revolution von 1789 Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und das Beispiel der nordamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung von 1776, die Emanzipation der 13 Neuengland-Kolonien vom Mutterland Großbritannien. Im Gegensatz zum alten Nationsbewusstsein gibt es für die moderne Nation grundsätzlich keinen Unterschied mehr zwischen bevorrechtigten (Adels-)Ständen und rechtlosem Volk. Das Volk selbst wird zum Souverän und Träger des nationalen Willens. Diese Nation der allgemeinen Staatsbürgerschaft strebt zum Nationalstaat, in dem sich die Grenzen der Nation mit denen des Staates decken sollen. Zu den bestimmenden Merkmalen, die eine Nation ausmachen, gehören zum einen die gemeinsame Abstammung, Sprache und ihre Geschichte (objektive Bestimmung), zum anderen das politische Bekenntnis und die willentliche Selbstbestimmung eines Volkes, sich als nationale Gemeinschaft zu begreifen (subjektive Bestimmung). In Europa erfolgte dieser Emanzipationsprozess zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die Unterdrückungs- und Hegemonialpolitik Napoleons, in Lateinamerika als Reaktion auf die Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung durch die alten Kolonialmächte Spanien und Portugal. Die Forderung nach nationaler Freiheit und Gleichheit löste eine Welle der konservativen Reaktion und Restauration der in ihrem Bestand gefährdeten Staaten aus und führte zu blutigen Auseinandersetzungen und Kriegen.

Neue politische Bewegungen

Die großen politischen Strömungen des Konservatismus und des Liberalismus, der demokratischen und der sozialistischen Bewegung standen in enger Beziehung zur nationalen Einigung. Sie wurden im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu Weltanschauungen.Entschiedener Verfechter des Nationalstaatsprinzips war der politische Liberalismus. Von Fortschritt und Vernunft überzeugt, glaubte liberales Denken an die Reformfähigkeit und allmähliche Demokratisierung des Staatswesens. Die Demokraten betonten die Prinzipien der Gleichheit und Volkssouveränität (alle Staatsgewalt geht vom Volke aus). Konservativem Denken ging es um die Bewahrung und Erhaltung der Verhältnisse. Der Gedanke an nationale Einheit kam für konservatives Denken einem Umsturz der geheiligten Ordnungen des Ancien régime gleich. Der Staat (mitsamt dem Volk) wurde als das privatrechtliche Eigentum des Fürsten angesehen, der nur Gott verantwortlich war.

Restauration und Revolution

Das Europa nach dem Wiener Kongreß Genoss dank der fest gefügten Konstellation der fünf Großmächte Großbritannien, Frankreich, Preußen, Österreich und Russland (Pentarchie) eine längere Friedensepoche, in der aber die nationalen und liberalen Hoffnungen des aufgeklärten Bürgertums unterdrückt wurden etwa mit den Karlsbader Beschlüssen von 1819, einer Art Radikalenerlass mit Pressezensur und rigoroser Überwachung liberal-demokratischer Bestrebungen. Trotzdem gärte es: So konnte Griechenland 1829 seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erkämpfen, unterstützt von Freiwilligen aus ganz Europa. Großen Auftrieb für die nationale Bewegung bedeutete die Julirevolution 1830 in Frankreich und schließlich der Ausbruch der ganz Europa mitreißenden Revolutionen von 1848/49. Allerdings scheiterte die Proklamation eines deutschen Nationalstaats durch die in der Frankfurter Paulskirche tagende Nationalversammlung, und es blieb Otto von Bismarck vorbehalten, Deutschland 1871 unter konservativen Vorzeichen „von oben“ zu einigen. Stationen auf dem Weg dorthin waren die drei „Einigungskriege“ gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71).In Italien, wo die Revolution 1848/49 auch gescheitert war, brauchte es ebenfalls mehrere Anläufe, ehe das „Risorgimento“ (italienisch: Wiedergeburt) 1861 schließlich von Erfolg gekrönt war: Viktor Emanuel II. wurde König des ersten italienischen Nationalstaats. Unmittelbarer Auslöser war hier die Erhebung der Bevölkerung im Königreich Neapel-Sizilien unter Führung des Freiheitskämpfers Giuseppe Garibaldi („Zug der Tausend“), die zum Sturz der Bourbonenherrschaft führte.

Lateinamerikas Weg in die Moderne

Die Emanzipation der lateinamerikanischen Staaten begann mit der allmählichen Auflösung des spanischen und portugiesischen Kolonialreichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts während der napoleonischen Herrschaft in Europa. Jetzt bildeten sich Juntas (Regierungen; von span.: junto = gemeinsam) unter der Führung wagemutiger Caudillos (Anführer). Zu Trägern der Revolution wurde die kreolische Oberschicht, das wohlhabende, doch politisch zurückgesetzte koloniale Bürgertum. Die Not der einheimischen Indianer und Mestizen spielte für ihr Engagement kaum eine Rolle. Zentrale Bedeutung erlangten die beiden Freiheitskämpfer Simón Bolívar und José de San Martín. Im Schutz der Monroe-Doktrin von 1823 („Amerika den Amerikanern“) erkämpften sich die vier ehemaligen spanischen Vizekönigreiche La Plata (Argentinien, Paraguay), Peru (Peru, Bolivien), Neu-Granada (Kolumbien, Ecuador, Venezuela) und Neu-Spanien (Mexiko) ihre nationale Souveränität. Einzig die portugiesische Kolonie Brasilien löste sich ohne blutigen Krieg vom Mutterland und verkündete 1822 ihre Unabhängigkeit.

Nationalismus

Zwei verhängnisvolle Tendenzen zeigte im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Entwicklung der Nationalstaaten: Ideologische Verhärtung und eine reine Machtstaatspolitik mündeten einerseits in einen emotional hoch geputschten Nationalismus und Chauvinismus, andererseits schlug das Selbstbestimmungsrecht der Völker ins Gegenteil um und führte zu einer rigorosen Unterdrückungs- bzw. Assimilierungs(Angleichungs-) politik von nationalen Minderheiten. Was also im Geist des Fortschritts und der Demokratie begann, schlug um in eine autoritäre Ideologie und eine Politik des Säbelrasselns. Der Imperialismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist Ausdruck für diese Wandlung.

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