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Die Fähre "Estonia"

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Es ist eine unruhige Nacht. Nebel zieht über die aufgewühlte See, als die finnische Küstenwache um 0.24 Uhr verzweifelte Notrufe empfängt. Die estnische Fähre "Estonia" meldet den Ausfall aller Maschinen und elektrischen Anlagen. Als die Rettungsmannschaften in der schlechten Witterung endlich am Unglücksort eintreffen, ist es zu spät. 35 Kilometer südwestlich der finnischen Insel Utö ist die vollbesetzte Fähre bereits gesunken. Die Katastrophe überrascht die Passagiere an Bord im Schlaf. Panik bricht aus. Einige erreichen in letzter Minute die aufblasbaren Rettungsinseln. Die meisten aber reißt das sinkende Schiff mit in die Tiefe, und viele stürzen ins Meer, weil sie keinen Platz auf den Rettungsbooten finden.

Sachverständige gehen später davon aus, dass den Passagieren und der Besatzung der Fähre nur 30 Minuten Zeit bis zum Untergang blieb. Tagelang suchen zwölf Schiffe und 26 Hubschrauber nach den Überlebenden. Aber von den 1049 an Bord der "Estonia" registrierten Passagieren werden nur 137 lebend geborgen.

Die 1980 in der niedersächsischen Meyer-Werft in Papenburg gebaute "Estonia" ist seit Februar 1993 im Auftrag der estnischen Staatsreederei und der schwedischen Gesellschaft Nordström & Thulin AB im Liniendienst zwischen Tallin und Stockholm gefahren. Bei Fähren für den so genannten Roll-on-roll-off-Verkehr fahren die Autos auf Höhe der Wasserlinie durch große Bug- oder Heckklappen in den Schiffsrumpf und können ihn ohne zu wenden oder rückwärts zu fahren wieder verlassen. Weil bei diesem Typ Querschotten fehlen, kommt es bei Wassereinbruch sehr schnell zu einer Schlagseite. Der "Estonia" wird dieses Bauprinzip zum Verhängnis. Als Ursache der schwersten Schiffskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit die in der stürmischen See abgerissene Bugklappe. Doch nicht nur diese technischen Mängel sind verantwortlich für das schreckliche Unglück. Vierzehn Jahre fährt die "Estonia" unter den Augen der Seeaufsichtsämter im Ostseeverkehr, doch gilt ihre Zulassung nur für Fahrten in ruhigen Gewässern bis maximal 37 Kilometer vor der Küste. Aber auch Kapitän Arvo Andreson ist womöglich nicht ohne Schuld: Bei der ersten Meldung über einen Wassereinbruch am Bug hätte er sofort die Geschwindigkeit drosseln und auf Gegenkurs steuern müssen. Er lässt jedoch die Maschinen so lange weiterlaufen, bis das Schiff eine Schlagseite von 30 Grad hat und die vier jeweils fast 6000 PS starken Schiffsmotoren automatisch gestoppt werden.

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