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Die Flucht in den Tod

Historischer Hintergrund: Der Untergang der “Wilhelm Gustloff“

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Truppen der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad 1943
Truppen der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad 1943
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Die “Wilhelm Gustloff“
Die “Wilhelm Gustloff“
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Werbeplakat der nationalsozialistischen Freizeitorganisation “Kraft durch Freude“
Werbeplakat der nationalsozialistischen Freizeitorganisation “Kraft durch Freude“

Günter Grass neue Novelle Im Krebsgang wirft Licht auf ein lang verdrängtes Thema: Das größte Unglück der Schifffahrtsgeschichte - der Untergang des Flüchtlingsschiffes “Wilhelm Gustloff“. Doch historisch betrachtet ist der Untergang nur die Spitze des Eisberges - Grass beleuchtet erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte die lang verdrängte Tragödie der Flucht aus dem Osten.

Vergeltung für den Nazi-Terror

Truppen der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad 1943

Truppen der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad 1943

Rückblende Januar 1945: Der Zweite Weltkrieg, der zwei Jahre zuvor vor den Toren Stalingrads seine Wende genommen hatte, ging in die finale Phase. Die Lufthoheit über dem Reich längst verloren, befanden sich die deutschen Truppen auf allen Kriegsschauplätzen im Rückzug.
Die Rote Armee, die 1942 bis vor die Tore Moskaus zurückgedrängt worden war, forderte blutige Vergeltung für den Nazi-Terror. Gerüchte von wahllosen Vergewaltigungen und Massenhinrichtungen trieb die deutschstämmige Bevölkerung in Ostpreußen panisch in großen Flüchtlingszügen - den so genannten Trecks - in den Westen.
Die Angst vor den Gräueltaten war nicht unberechtigt: Der russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg etwa rief die russischen Soldaten dazu auf, “zu morden und Rache zu nehmen für das von den faschistischen Bestien verwüstete Vaterland, für Mütterchen Russland“. [Günter Grass: Im Krebsgang. Göttingen: Steidl, 2002]

Wettlauf gegen die Zeit

Ein Wettlauf gegen die Zeit begann im eisigen Winter 1945. Die Rote Armee glitt durch die einst umkämpften deutschen Frontlinien wie ein heißes Messer durch die Butter - die sowjetische Großoffensive lief auf Hochtouren, schneller als erwartet. Der Bevölkerung blieb keine Wahl: flüchten - oder sterben. Doch bei Temperaturen von bis zu - 20 º C schien dies keine Alternative: “Mit der Flucht auf dem Landweg begann das Sterben am Straßenrand“, schreibt Grass im Krebsgang.
Da das Deutsche Reich auf dem Landweg für viele Flüchtlinge jedoch vor dem Eintreffen der Roten Armee nicht mehr zu erreichen war, blieb nur die Hoffnung auf eine Flucht über Wasser. Hunderttausende strömten im Januar in die Küstenstädte Pillau, Danzig und Königsberg, um auf dem Wasserweg zu entkommen.

Operation Hannibal

Die “Wilhelm Gustloff“

Die “Wilhelm Gustloff“

Am Kai der Hoffnung von Gotenhafen herrschte längst Endzeitstimmung, als Großadmiral Karl Dönitz schließlich den Befehl zur “Operation Hannibal“ erteilte, alle verfügbaren Schiffe zur Evakuierung der Flüchtlinge einzusetzen - auch das inzwischen grau angestrichene Kreuzfahrtschiff “Wilhelm Gustloff“.
Bis zum 28. Januar nahm das einstige “Kraft-durch-Freude“-Passagierschiff, das seit Beginn des Zweiten Weltkrieges als “schwimmende Kaserne“ der 2. U-Bootlehrdivision am Oxhöft-Kai lag, über 5000 Flüchtlinge auf - fast ausschließlich Frauen und Kinder. Mütter, junge Mädchen und Kinder wurden von ihren Familien mitunter gewaltsam getrennt. Allen Männern, die noch halbwegs einsatzfähig waren, wurde der Zugang verwehrt: Sie sollten der Roten Armee bis zuletzt Widerstand leisten - ein Himmelfahrtskommando.
Als die Rote Armee immer schneller in Ostpreußen vordrang und die Eroberung der Küstenstädte Pillau und Königsberg nur noch Tage entfernt schien, gewährten die Offiziere der Wilhelm Gustloff noch einmal weiteren zwei- bis dreitausend unregistrierten Flüchtlingen Zutritt. Vertriebene, die nicht auf die Wilhelm Gustloff gelangten, versuchten bis zuletzt von Booten aus auf das scheinbar rettende Schiff zu springen.
Doch die Gustloff beförderte nicht nur Vertriebene: 370 Marinehelferinnen, knapp tausend U-Bootmatrosen und Bedienungsmannschaften von Flakgeschützen zählten ebenso zu den geschätzt neuntausend Passagieren. Eine verhängnisvolle Mischung, denn durch die militärische Fracht konnte die Gustloff kaum mehr als lediglich mit Flüchtlingen beladener Großfrachter durchgehen - sondern viel eher als schwer bewegliches militärisches Ziel auf dem Präsentierteller.

Leichte Beute für sowjetische Torpedos

Die vier Kapitäne der Wilhelm Gustloff waren sich der Gefahr durchaus bewusst und debattierten lebhaft über die Route. Es wurde erwogen, den Küstenweg vor Pommern einzuschlagen, der zwar die Gefahr von Minen - durch die Flachwasserhöhe nicht jedoch vor U-Booten barg. Der erfahrene verantwortliche Kapitän Friedrich Petersen entschied sich fatalerweise für den Tiefseewasserweg über die Ostsee.
Drei Stunden nachdem die Gustloff Gotenhafen verlassen hatte, plötzlich eine Erschütterung aus dem Nichts. Dann noch eine. Und noch eine. Drei Torpedos, abgefeuert aus dem sowjetischen U-Boot S-13, trafen das Flüchtlingsschiff um exakt 21.16 Uhr: Der erste Torpedo den Bug, der zweite das E-Deck, der dritte und letzte den Maschinenraum. Die Wilhelm Gustloff sank innerhalb von rund einer Stunde vor der Stolpebank. Von den 9000 Flüchtlingen konnten nur 1200 von den Torpedofangbooten “Löwe“, “T36“ und dem Dampfer “Göttingen“ gerettet werden.

Der Abschuss: Alexander Marinesko

Der Abschuss indes hat auch seine eigene Geschichte. Grass schildert Alexander Marinesko, den Ersten Offizier des sowjetischen U-Bootes S 13, als Einzelgänger, der von der Jagd nach feindlichen Zielen im U-Boot-Krieg besessen schien. Ein notorischer Trinker und Frauenheld, geriet Marinesko iirammer wieder in Konflikt mit der sowjetischen Heeresleitung. Den Start zur großen Ostpreußen-Offensive verschlief der U-Boot-Offizier Marinesko buchstäblich im Vollrausch im finnischen Turku.
Am 3. Januar 1945 meldete er sich schließlich zum Dienst zurück - und stand unter enormem Zugzwang: ein Kriegsgerichtsverfahren drohte. Der 32-Jährige brauchte einen schnellen Erfolg, eine Heldentat, um sein Versäumnis zu kompensieren. So muss das tollkühne Annäherungsmanöver der 47 Mann und 10 Torpedos umfassenden S-13 als Befreiungsschlag verstanden werden.
Nach zwei Wochen ergebnislosen Streiffahrten vor der baltischen Küste mag Marinesko seine große Chance vor Gotenhafen am Abend des 30. Januar gewittert haben, als er plötzlich das “riesige“ deutsche Schiff in Bewachung eines Torpedofangbootes sah. Es ist überliefert, dass Marinesko nicht ahnte, dass sich unter der Besatzung vor allem Flüchtlinge befanden: Er habe die Gustloff als Truppentransporter eingeschätzt - eine Mutmaßung, die sich angesichts der knapp 1000 U-Boot-Offiziere als nicht abwegig erwies.
Dem Abschuss der Gustloff liegt also keinesfalls ein lang gehegter, strategisch ausgeklügelter Masterplan des russischen Geheimdienstes zu Grunde, sondern eher die individuelle Renommiertat eines militärisch Unkorrekten. Marinesko, dem in der UdSSR erst Jahrzehnte später die erhoffte Ehre “Held der Sowjetunion“ zukam, schlug den Feind mit eigenen Waffen: Er führte den Abschuss der Wilhelm Gustloff als Überwasserangriff durch - jene Taktik, mit der die deutschen U-Boote im Atlantik so erfolgreich agiert hatten.

Wilhelm Gustloff - der Mythos schlägt zurück

Werbeplakat der nationalsozialistischen Freizeitorganisation “Kraft durch Freude“

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Der Untergang der Wilhelm Gustloff wog für Nazi-Deutschland schwer: Es war der symbolische Stich ins Herz eines Regimes, das von seiner technologischen Vormachtstellung überzeugt schien.
1937 von der Hamburger Werft Blohm & Voss gebaut, war die Wilhelm Gustloff seinerzeit das größte Passagierschiff der Welt. Auf 208 Metern fanden 1463 Passagiere Platz, verteilt auf 463 gleich geschnittene Kabinen. Genutzt wurde die Wilhelm Gustloff, die über ein großes Schwimmbad und einen Kinosaal verfügte, ausschließlich für Kreuzfahrten im Rahmen von Hitlers Freizeit-Organsisation KdF - ein Instrument zur Stärkung des Gemeinschaftssinns. Urlauber aller Arbeiterklassen konnten an den Reisen nach Schweden und Norwegen teilhaben.
So prestigeträchtig das Kreuzfahrtschiff, so eigenwillig die Namensgebung. Nach keinem ranghohen Nazi - weder nach Goebbels, noch nach Göring, noch nach Himmler, noch nach Hitler selbst - wurde das größte und modernste Schiff seiner Zeit benannt - sondern nach dem eher unauffälligen, in der Schweiz lebenden Wilhelm Gustloff.
Robert Ley, Initiator der KdF-Reisen und des Hitler-Grußes, erschien eine Benennung nach Hitler oder einer anderen lebenden NS-Größe als zu riskant, da die Symbolträchtigkeit bei einem Untergang des Schiffes zum Bumerang werden konnte - eine erstaunliche Vorahnung.

So wurde ein Mythos bemüht. Die NS-Propaganda erinnerte sich eines Attentats, das sich im geschichtsträchtigen Davos ereignet hatte. Im Graubündener Kurort, der bereits wenige Jahre zuvor durch Nobelpreisträger Thomas Manns Zauberberg in die Weltöffentlichkeit gerückt war, wurde am Dienstag, dem 4. Februar 1936, der Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation, Wilhelm Gustloff, durch den jüdischen Studenten David Frankfurter vorsätzlich erschossen.
Gustloff wurde damit für das NS-Regime zum “Blutzeugen“ - und im Zuge der Feierlichkeiten der Beisetzung zur heroischen Figur aufgebaut. Grass beschreibt die Mythologisierung des linientreuen Landesgruppenleiters so: “Der tote Wilhelm Gustloff wurde zu einer Figur aufgepumpt, die einige Tribünenredner hilflos zu machen schien. “ [Günter Grass: Im Krebsgang. Göttingen: Steidl, 2002]
Die Geschichtsträchtigkeit ist damit indes noch nicht erschöpft. Es scheint so, als hätte das Schicksal einen Wink mit dem Zaunpfahl geben wollen: Denn der Untergang des so symbolhaften KdF-Schiffes im Eismeer der Ostsee ereignete sich exakt am 50. Geburtstag Wilhelm Gustloffs - und auch noch just auf den Tag genau 12 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers: Aufstieg und Fall der nationalsozialistischen Ära - am 30. Januar 1945 schloss sich ein Kreis.

Nils Jacobsen

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