Total votes: 115
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Die große Hitze

August 2003: Deutschland erlebt eine Rekord-Hitzewelle. Das ganze Land stöhnt und schwitzt. Nord- und Ostsee sind so warm wie sonst nur das Mittelmeer. Niedrigwasser macht Schiffern das Leben schwer. Atomkraftwerke müssen ihre Leistung drosseln. Den Bauern geht es schlecht - Bierbrauern, Schwimmbadbetreibern und Hoteliers dagegen so gut wie selten.

Ursache der sommerlichen Hitze ist ein Hoch über Mitteleuropa: “Michaela“ führt Tiefdruckgebiete seit fast zwei Wochen in großem Bogen um Deutschland herum. Der Blick auf das aktuelle Satellitenbild zeigt, dass Regenwolken da kaum eine Chance haben. Fast überall erreichen die Temperaturen weit über 30 Grad.

Mit neuen Rekordwerten näherte sich die Tropen-Hitze am Wochenende ihrem Höhepunkt - und damit allmählich ihrem Ende. In der zweiten Wochenhälfte soll es sich endlich wieder abkühlen.

40,8 Grad im Schatten

Nachdem der Deutsche Wetterdienst (DWD) bereits Anfang August die Jagd auf den Temperaturrekord eröffnet hatte, fiel die 20 Jahre alte Marke am Sonnabend tatsächlich: Der DWD meldete im mittelfränkischen Roth eine Temperatur von 40,4 Grad. Damit wurde der alte Spitzenwert, jene 40,2 Grad vom 27. Juli 1983 in Gärmersdorf in der Oberpfalz, sprichwörtlich “in den Schatten gestellt“.

Schon einen Tag zuvor maß der Bochumer Wetterdienst Meteomedia eine noch höhere Temperatur. Die Quecksilbersäule stieg im saarländischen Perl-Nennig auf stolze 40,8 Grad. Das “amtliche Endergebnis“ der Messung wird nachgeliefert, denn jetzt werde die Station abgebaut und der Wert in einer “gängigen und aufwendigen“ Untersuchung überprüft, erklärte der Meteorologe Jörg Kachelmann. Nach Meteomedia-Angaben wurden am 8. August in vier Orten über 40 Grad registriert.

Weitere Rekorde purzelten sozusagen im Schlaf: In Deutschland wurden in der Nacht zum Freitag die höchsten Temperaturen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1901 gemessen. Im rheinland-pfälzischen Neustadt an der Weinstraße sank die Temperatur in den Nachtstunden nach Angaben des DWD nicht unter 26,7 Grad. Der bisherige Rekord lag bei 26 Grad, gemessen in Freiburg am 5. Juli 1957.

Regelmäßige Temperaturmessungen gibt es in Deutschland seit etwa 130 Jahren, viele Temperaturmessreihen sind allerdings deutlich kürzer. Die meisten Aufzeichnungen umfassen etwa 30 oder 40 Jahre, manche sogar noch weniger. Darum ist es durchaus möglich, dass es bei der aktuellen Hitzewelle noch weitere neue Rekorde aller Art geben wird.

Des einen Leid...

Die Landwirte leiden am meisten unter der Hitze: Vielerorts muss das Getreide notgeerntet werden, das Vieh findet auf den Weiden kein Futter mehr und die Landwirte müssen teuer zukaufen. Selbst der Mais, der sonst auch mit wenig Regen gut gedeiht, droht zu verdörren. Die Bauern bangen um ihre Existenz: Nach ersten Schätzungen des Statistischen Bundesamtes werden voraussichtlich 35,1 Millionen Tonnen Getreide geerntet. Das sind 11,5 Prozent weniger als im Vorjahr.

Durch die anhaltende Hitze besteht in weiten Teilen des Landes hohe bis höchste Waldbrandgefahr. Bürger sind dazu aufgerufen, die befestigten Wege in den Wäldern nicht mehr zu verlassen, keine brennenden Zigaretten oder Grill-Asche wegzuwerfen und Autos wegen ihres heißen Auspuffs nur auf ausgewiesenen Parkplätzen abzustellen. Auch eine achtlos entsorgte Flasche stellt durch die Brennglaswirkung der Scherben eine Brandquelle dar. Vielerorts flackerten bereits kleinere Feuer auf.

Nach dem Hochwasser vom vergangenen Jahr drohen Brandenburg in diesem Sommer historische Niedrigwasserstände. In Wittenberge stand der Pegel der Elbe am Sonntag bei 1,03 Meter. Zum Vergleich: Im August vergangenen Jahres lag er bei 7,35 Meter. In Frankfurt an der Oder erreichte der Pegel gestern 98 Zentimeter. Die Binnenschifffahrt wurde auf mehreren deutschen Flüssen teilweise eingestellt. In Düsseldorf wären Rhein-Fähren zurzeit sowieso überflüssig: Bei einem Wasserstand von nur noch 96 Zentimetern kann man den zum Flüsschen geschrumpften Strom beinahe zu Fuß durchqueren.

Ungewohnte Konsequenzen hat nicht nur der niedrige Pegel, sondern auch die hohe Temperatur der Flüsse: Weil Elbe, Neckar oder Isar vielfach zu warm sind, kommt es gleich in mehreren Kernkraftwerken zu Leistungseinschränkungen. So wird z.B. das Kernkraftwerk Krümmel bei Geesthacht in Schleswig-Holstein gegenwärtig nur mit 60 Prozent seiner Leistung gefahren, der Atommeiler Isar I beim bayerischen Landshut nur noch mit etwa 50 Prozent. Das zur Kühlung der Reaktoren verwendete Wasser würde bei seiner Rückleitung sonst die zulässigen Temperatur-Höchstwerte übersteigen.

Die Hitze hat den Deutschen auch die Lust an der Schnäppchenjagd verdorben. Nach zunächst gutem Start ließ die Kauflust in der zweiten Woche des Sommerschlussverkaufes merklich nach. “Gegen die Hitze kommt auch der SSV nicht an“, sagte der Sprecher des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr. Begehrt waren nur noch Elektrogeräte wie Ventilatoren und mobile Klimaanlagen. Sie sind vielfach komplett ausverkauft.

... des anderen Freud

Zu den Gewinnern des Sommers zählen Getränkehersteller, Hoteliers und Winzer. Die Hitze macht natürlich Durst und sorgt bei Brauern und Gastronomen für satte Umsätze. So stieg der Verkauf von Bier in den letzten Wochen um mehr als zehn Prozent. Wasserverkäufer klagten darüber, dass die Flaschen knapp werden.

Über mangelnden Andrang können sich auch die Schwimmbäder nicht beklagen. Fast überall liegen die Besucherzahlen doppelt so hoch wie sonst. Zumeist sind die Ergebnisse des gesamten Vorjahres schon Wochen vor dem Ende der Freibadsaison deutlich übertroffen. Wer sich auf der Liegeweise einen Platz im Schatten sichern will, dem bleibt oft nichts anderes übrig, als sich schon früh morgens in die lange Schlange der Wartenden einzureihen.

Das anhaltend gute Wetter erfreut ebenso die Hoteliers an den Küsten und auf den Inseln. Die ostfriesischen Urlaubsinseln platzen in diesen Tagen beispielsweise aus allen Nähten. Auf Borkum, Juist, Norderney und Co. tummeln sich rund 100.000 Urlauber. Sie genießen bei Lufttemperaturen von bis zu 28 und Wassertemperaturen von rund 25 Grad fast schon Südsee-Atmosphäre.

Das Geschäft brummt, Strandkorbvermieter und Eisverkäufer machen blendende Geschäfte: “Auf Wangerooge sind wir restlos ausgebucht. Alle 1300 Strandkörbe sind vermietet. Lediglich Strandkörbe für einen Tag sind mit Glück zu bekommen“, erzählt der Wangerooger Bürgermeister Holger Kohls. Auch auf den nordfriesischen Inseln und an der Ostseeküste heißt es: alles ausgebucht.

Optimistisch blicken auch die Winzer in die Zukunft. Für einen wahren Jahrhundertjahrgang fehlen zwar noch ein paar Regentage, aber nach Ansicht von Experten deutet vieles auf eine außergewöhnliche Ernte hin. So liegt die Sonnenscheindauer bereits jetzt um 200 Stunden über der des Rekordjahrganges 1976 und die überdurchschnittlich hohen Mostgewichte erhöhen die Chance auf einen Spitzenwein noch weiter. In der Hoffnung auf beste Ergebnisse beginnen viele Winzer in diesem Jahr zwei Wochen früher als üblich mit der Weinlese.

100 Grad Fahrenheit - London heißer als Kairo

“Gosh! Now that's what I call hot!“ Auch die Briten stöhnen derzeit unter einer Hitzewelle. Am Sonntag stieg die Quecksilbersäule erstmals über 100 Grad Fahrenheit, was bei vielen wettfreudigen Briten, die auf Rekordtemperaturen Geld gesetzt hatten, zur Hochstimmung führte.

Wegen der unerwarteten Rekordtemperaturen muss ein britischer Buchmacher umgerechnet 355.000 Euro auszahlen. Die Wetten bei William Hill standen 25:1, dass die Temperatur die Marke von 100 Grad Fahrenheit nicht überschreiten. Doch am Sonntag wurde es in Gravesend im Süden Englands mit 100,8 Grad Fahrenheit oder 38,1 Grad Celsius so heiß wie niemals zuvor.

Der bisherige Rekord war 1990 in Cheltenham (Mittel-England) mit 98,7 Grad Fahrenheit (37,1 Grad Celsius) gemessen worden. Auch am Londoner Flughafen Heathrow wurde am Sonntagnachmittag die alte Rekordmarke mit 37,9 Grad übertroffen.

Auf den ersten Seiten der britischen Montagszeitungen waren Fotos überfüllter Strände an der britischen Südküste zu sehen. Solche Bilder kannten die Leser bisher so nur von der Costa Brava. Im Seebad Brighton waren die Strände schon am Morgen von Tausenden bevölkert. Den Berichten zufolge war es auf den britischen Inseln am Sonntag heißer als in Kairo, wo 37 Grad gemessen wurden.

Bei solchen Temperaturen verzichten viele Briten selbst auf den heißgeliebten Fünf-Uhr-Tee: Nach einem BBC-Bericht wurden am zweiten August-Wochenende in Großbritannien geschätzte drei Millionen große Gläser Bier mehr getrunken als sonst.

Joghurt und Quark werden teurer

Wegen der Hitzewelle müssen Kunden künftig mehr Geld für Milchprodukte mit Fruchtstücken zahlen. “Das gilt vor allem für Joghurt, Quark und Milchdrinks“, sagte der Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes, Eckhard Heuser, in Bonn. Grund für den zum September erwarteten Preisanstieg sei die europaweite Trockenperiode, die zu teils dramatischen Einbußen bei der Ernte geführt habe.

“Die Teuerung dürfte je nach Behältergröße und Fruchtanteil für Joghurt und Quark zwischen eins und fünf Cent je Becher liegen“, rechnete Heuser vor. Insbesondere Produkte mit “roten Früchten“ wie Erdbeeren, Kirschen, Johannis- und Blaubeeren würden teurer, da in den Anbauländern Deutschland, Italien, Griechenland und Spanien nur wenig Regen gefallen sei.

Neben den Früchten wird vermutlich auch die Milch teurer. “Die Trockenheit hat sich auch auf die Futtervorräte deutscher Milchproduzenten ausgewirkt“, hob Heuser hervor. Deshalb rechne der Verband in diesem Winter mit einem knapperen Angebot an Milch und damit zugleich mit höheren Preisen.

wissen.de, Christoph Hage
Total votes: 115
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.