„Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres“ schrieb Johann Wolfgang von Goethe 1787 nach seinem Besuch in Herculaneum.
Dieses ambivalente Gefühl teilt sich auch dem Besucher der Ausstellung „Die letzten Stunden von Herculaneum“ mit. Sie versetzt den Besucher in die römische Kleinstadt am Golf von Neapel, die durch den Vesuvausbruch des 24./25. August 79 n. Chr. in einer einzigen Nacht verschüttet wurde.
Entlang von zehn Stationen macht der Besucher einen Rundgang durch die versunkene Stadt, von der heute noch zwei Drittel unter einer bis zu 30 Meter dicken Schicht aus verhärtetem Schlamm liegen.
Skelette erzählen von der menschlichen Katastrophe, organische Fundstücke vom Alltag, sensationelle Kunstwerke von der hochentwickelten Kultur.
Herculaneum schreibt Geschichte

Erst in den letzten Jahren hat die Wissenschaft ein genaueres Bild von den Geschehnissen in den letzten Stunden von Herculaneum zeichnen können.
„Ungefähr 5000 Einwohner zählte die mondäne Küstenstadt am Golf von Neapel. Vor allem begüterte Römer und ihre Sklaven lebten dort, aber auch Handwerker und Ladenbesitzer“, so Dieter Richter. „Man kann sich den 24. August 79 gut vorstellen - ein Sommertag am Golf von Neapel, Fischer ziehen ihre vollbeladenen Boote an den Strand. Eine frische Brise weht vom Meer, während sich die wohlhabenden Römer in den Gärten ihrer luxuriösen Sommervillen entspannen. Niemand ahnt, dass in ein paar Stunden der Vesuv ausbrechen und die ganze Stadt unter einer glühendheißen Lawine aus Asche, Schlamm und Bimsstein begraben wird.“
Die tödliche Wolke aus dem Vulkan

Ein Lesebuch der Sozialgeschichte
Neue Erkenntnisse brachte vor allem die Entdeckung von über 300 Skeletten in den Bootshäusern am ehemaligen Strand Herculaneums, auf die italienische Kanalarbeiter 1982 durch Zufall stießen. Dort hatten sich zahlreiche Einwohner der Stadt, die offenbar über das Meer zu fliehen hofften, zusammengedrängt. Gegen 1 Uhr nachts fanden sie durch die erste ‚pyroklastische Wolke’ in Sekunden den Tod. Knochen und Haare lieferten italienischen und amerikanischen Anthropologen präzise Informationen über Geschlecht, Alter und Ernährung der Menschen, über ihre Krankheiten, ihren sozialen Stand und die Art ihres Todes. Unter ihnen befanden sich Säuglinge, Kleinkinder, junge Leute,
Menschen mit unterschiedlichsten Gebrechen. Keiner der Menschen war älter als 60 Jahre. Der Befund gibt einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung einer römischen Stadt im 1. Jh. n. Chr.

Kunstwerke und Mauern erzählen Geschichte

Die Villa dei Papiri – die größte erhaltene Bibliothek der Antike

Die 1750 entdeckte Villa findet mit ihren Ausmaßen von 253 x 50 Metern – das entspricht der Länge von zwei Fußballfeldern – , ihrer hervorragend erhaltenen Ausstattung von über 80 Marmor- und Bronzeskulpturen sowie mit der Bibliothek keine Parallelen. Bis zum heutigen Tage liegt ein Großteil von ihr unter den bis zu 30 m hohen Verschüttungsmassen begraben; die Skulpturen und weiteren Ausstattungsgegenstände wurden im 18. Jahrhundert über Tunnel geborgen. Auch viele der einzigartigen Skulpturen, die einst das Atrium und die beiden Gartenperistylien schmückten, werden erstmals außerhalb Italiens präsentiert – darunter die beiden bronzenen Läufer und die marmorne erotische Gruppe von Pan und Ziege.
Theater und Basilica
Zwei der wichtigsten öffentlichen Gebäude Herculaneums – das Theater und die sogenannte Basilica (das Augusteum) – wurden bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts entdeckt. Ihnen ist je eine eigene Sektion der Ausstellung gewidmet; sie sind gewissermaßen die Nahtstelle zwischen der Darstellung des antiken Herculaneum und seiner neuzeitlichen Rezeption. Theater waren in der Antike nicht nur Ort der Unterhaltung für Einwohner gleich welcher sozialen Schicht, sondern auch der Repräsentation einflussreicher und verdienter Bürger der Stadt, die dort mit Marmorstatuen und Inschriften geehrt wurden. Möglicherweise dienten auch die Statuen der sogenannten ‚Großen’ und der ‚Kleinen’ Herculanerin, die sich seit 1736 in der Dresdener Skulpturensammlung befinden und die in ganz Europa durch zahlreiche Nachbildungen berühmt wurden, der Ehrung verdienter Bürgerinnen von Herculaneum. Die römischen Kaiser wurden im Augusteum mit Statuen geehrt. Einige Räume dieser großen Platz- und Hallenanlage waren mit monumentalen Wandmalereien geschmückt, die bekannte Episoden aus der griechischen Mythologie zeigten: Achill und Chiron oder die Auffindung des Telephos durch seinen Vater Hercules.
Die Wiederentdeckung Herculaneums
Herculaneums Entdeckung begann, als ein Bauer 1709 im Ort Resina, dem heutigen Ercolano, einen Brunnen grub und dabei auf Marmorblöcke aus römischer Zeit stieß. Davon hörte der lothringische Prinz d’Elboeuf, der sich am Golf von Neapel eine Villa errichten ließ. Mit mühsam in den vulkanischen Tuff gegrabenen Stollen ließ er - zunächst heimlich - nach weiteren Kunstwerken suchen. Das erste Gebäude des mehr als 1600 Jahre zuvor verschütteten Herculaneum war gefunden: das Theater. Damit begannen die
Ausgrabungen von Herculaneum schon Jahrzehnte, bevor man Pompeji entdeckte.
Nach den ersten Ausgrabungen breiteten sich Nachrichten über die wiedergefundene Stadt wie ein Lauffeuer in Europa aus. Zahlreiche Fürsten, adelige und bürgerliche Besucher vor allem aus England, Frankreich und den deutschen Ländern kamen, um Augenzeugen der spektakulären Entdeckungen zu werden. Mit Fackeln bewaffnet stieg man durch die schmalen, feuchten Gänge in das verzweigte Labyrinth des unterirdischen Theaters hinab und bestaunte die zutage gekommenen Schätze im königlichen Schloss in Portici.
Johann Wolfgang von Goethe, Gotthold Ephraim Lessing, William Turner, Hans Christian Andersen und viele andere von der Antike faszinierte Künstler und Gelehrte reisten, nach Herculaneum. In Presseberichten, Reisebeschreibungen und illustrierten Werken entfaltete sich der „herculanische Geist“ in Europa.
Die Funde aus Herculaneum und Pompeji inspirierten europaweit die Entwicklung eines neuen künstlerischen Stils. Maler, Bildhauer, Architekten und Kunsthandwerker benutzten Abbildungen antiker Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände als Vorlagen für eigene Schöpfungen. Wandmalereien aus Herculaneum und Pompeji wurden zu Vorbildern für Wanddekorationen in Schlössern und Bürgerhäusern. Die Wiederentdeckung der antiken Städte am Golf von Neapel wurde die Geburtsstunde des europäischen Klassizismus.
Exponate des europäischen Kunsthandwerks, die die intensive Rezeption der antiken Vorbilder im 18. Jahrhundert vor Augen führen, ergänzen den Rundgang durch die Ausstellung. Porzellane aus Meißen und Illustrationen von Nachschöpfungen herculanischer Altertümer in den Wörlitzer Schloss- und Gartenanlagen inklusive ihres Vesuvs en miniature - dessen Wiederinbetriebnahme nach jahrelanger Restaurierung am 2. September 2005 viele Besucher nach Wörlitz lockte - stehen neben anderen Objekten stellvertretend für die weitverbreitete „mode à la Herculaneum“.
Zum Thema „Rezeptionsgeschichte“ bieten überdies die Schausammlungen des Focke-Museums vielfältige Anknüpfungen in den Bereichen Mode und Kunstgewerbe.
Informationen zur Ausstellung
Die Ausstellung "Die letzten Stunden von Herculaneum" ist noch bis zum 21. Mai im Bremer Focke-Museum zu sehen.
Zur Ausstellung ist im Verlag Philipp von Zabern ein ausführlicher Katalog „Verschüttet vom Vesuv - Die letzten Stunden von Herculaneum“ erschienen, 355 Seiten mit 341 Farb- und 25 Schwarzweißabbildungen, in der Ausstellung 24,90 €. Außerdem im Roseni Verlag ein Entdeckungsbuch für Kinder, 44 Seiten, in der Ausstellung 7 €.
In den Ausstellungen sind Audioguides in Deutsch und Englisch erhältlich.
Weitere Informationen zur Ausstellung: www.herculaneum-ausstellung.de
Öffnungszeiten der Sonderausstellung
Di 10 – 21 Uhr
Mi – So 10 – 18 Uhr
Eintrittspreise
Sonderausstellung Kombikarte Dauer- und Sonderausstellung
Erwachsene 6,- € Erwachsene 8,- €
Ermäßigt 3,- € Ermäßigt 4,- €
Info und Anmeldung zu öffentlichen, gebuchten Führungen oder Angeboten für Schulklassen unter Tel. 0421 – 361 – 32 84
Mo – Fr 9 - 12 und 14 – 17 Uhr
Adresse
Focke-Museum
Bremer Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte
Schwachhauser Heerstr. 240
28213 Bremen
Tel.: 0421 – 361 – 3575
Fax: 0421 – 361 – 39 03
Email: post@focke-museum.bremen.de









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