Die Sachsenkönige 2: Otto I. - Der Kampf um die Anerkennung | wissen.de
Total votes: 315
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Die Sachsenkönige 2: Otto I. - Der Kampf um die Anerkennung

Otto I. - Herrscher in der Tradition der Karolinger

Otto I. wurde am 23. Oktober 912 geboren; mütterlicherseits war er ein Nachfahre des berühmten Sachsenherzogs und Widerparts Karls des Großen, Widukind. 936 folgte er seinem Vater Heinrich I. auf dem Thron nach, was zumindest in der eigenen Familie nicht auf einhellige Zustimmung gestoßen zu sein scheint.

Von seinem Amt hatte der junge König eine hohe, christlich geprägte Auffassung, als Herrscher sah er sich bewusst in der Nachfolge der Karolinger. Ohne Zweifel besaß er ein hoch entwickeltes Gefühl für Macht und Würde, in seiner Stellung als König kannte und schloss er keine Kompromisse, doch hinderte ihn sein angeborenes Naturell immer daran, ein nur dem politischen Kalkül folgender Machtmensch zu werden. Er besaß vielmehr ein gewinnendes Wesen und ein Temperament, das ihn z.B. einen überraschend eintreffenden Kirchenfürsten mit nur einem Schuh am Fuß begrüßen ließ. Wegen seinem bis zur Brust wallenden Bart nannte ihn Thietmar von Merseburg "den Roten". Er suchte die Harmonie, war erstaunlich langmütig, ja vertrauensselig, hatte aber sehr wohl eine Grenze, über die hinausgetrieben, er konsequent und hart reagierte.

Otto I. war kein "gelehrter" König, erst mit 30 Jahren lernte er lesen, seine Bildung lag durchaus auf dem für den damaligen Adel üblichen, niedrigen Niveau. Sein Bruder Brun als Erzbischof von Köln und Herzog von Lothringen oder sein illegitimer Sohn Wilhelm auf dem Mainzer Erzstuhl überragten ihn sicher weit. Das "Flair" der untergegangenen Antike berührte ihn nicht, obwohl er etwa zehn Jahre in Italien verbrachte. Als Politiker beging er Fehler, war aber immer fähig zu lernen.

Otto I. starb am 7. Mai 973 und hatte nach Widukind von Corvey einen schnellen, friedlichen Tod: Das Mittagsmahl hatte er noch in gelöster Stimmung eingenommen, kurz darauf erlitt er einen Schwächeanfall und verschied nach Empfang der Sterbesakramente. Sein Grab fand er in Magdeburg.

Machtverankerung in der Tradition

Die Nachfolgeregelung Heinrichs I. wurde von den übrigen Söhnen, vor allem von Thankmar und Ottos jüngerem Bruder Heinrich, lange nicht akzeptiert. Vor allem Heinrich fühlte sich zurückgesetzt, weil er sozusagen als erblicher Thronanwärter - Heinrich I. war schon König, als der Sohn geboren wurde - erste Ansprüche auf den Thron ableitete. Doch kraft der Autorität Heinrichs I. gab es bei Sachsen und Franken keinerlei Bedenken gegen Otto I., der alle Stammesherzöge und den Adel zu einem allgemeinen Wahl- und Krönungstag nach Aachen einlud. In Ansätzen wird hierin schon das politisch-ideologische Konzept Ottos I. deutlich. Anders als sein Vater wollte er die Anerkennung seines Königtums und die Durchsetzung der Zentralgewalt nicht ausschließlich durch siegreichen Kampf und die damit verbundene Erhöhung seines Ansehens erreichen, sondern durch Rückbindung an die Tradition. An "geheiligter" Stelle, am Begräbnisort Karls des Großen, knüpfte Otto I. sichtbar an das Erbe dieses großen Karolingers an und sicherte sich durch die Wahl Aachens und ein geschickt arrangiertes Krönungszeremoniell den Vorrang vor den Herzögen. Nach der Wahl durch Adel und Volk wurde Otto I. von den drei Erzbischöfen des Reiches aus Köln, Mainz und Trier zum König gesalbt und gekrönt, und beim anschließenden Königsmahl brachte der neue Herrscher in der Wiederaufnahme einer alten Tradition die hierarchische Ordnung für jedermann deutlich zum Ausdruck: Die Herzöge mussten beim Essen aufwarten, Herzog Giselbert von Lothringen als Kämmerer, Eberhard von Franken als Truchsess, Arnulf von Baiern als Marschall und Hermann von Schwaben als Mundschenk.

Quellentext
Krönung Ottos I. zum König
Als der Vater des Vaterlandes und der größte und beste der Könige, Heinrich, gestorben war, wählte das ganze Volk der Franken und Sachsen seinen Sohn Otto, der schon von seinem Vater zum König designiert worden war, zum Fürsten. Als Ort der allgemeinen Wahlhandlung wurde Aachen festgesetzt [...], dort versammelten sich die Herzöge und die hohen Vasallen mit den anderen Vornehmen in der Säulenhalle der Basilika Karls des Großen und führten ihren neuen Herrscher zu einem dort errichteten Thron, und sie reichten ihm die Hände und versprachen ihm Treue und gelobten ihm Beistand gegen alle seine Feinde, und so machten sie ihn zum König. Währenddessen erwartete der höchste Bischof [des Reiches] mit dem gesamten Klerus und dem Volk im Innern der Basilika den Einzug des neuen Königs. Als dieser eintrat, ging ihm der Erzbischof entgegen, berührte mit seiner Linken die Rechte des Königs [...] und schritt bis zur Mitte des Heiligtums vor; dann blieb er stehen. Nun wandte er sich dem Volk [...] zu, damit er von allen gesehen werden könne. "Sehet her!" rief er, "hier zeige ich euch den von Gott erwählten und von König Heinrich designierten, jetzt von allen Fürsten gekürten König Otto; wenn euch die Wahl recht ist, dann hebt die rechte Hand zum Himmel empor!" Darauf rief die ganze Menge dem neuen Herrscher mit erhobener Hand und gewaltigem Getöse Heil. Dann schritt der Erzbischof mit dem König, der nach fränkischer Art ein eng anliegendes Gewand trug, hinter den Altar, auf dem die königlichen Insignien gelagert waren, das Schwert mit dem Wehrgehänge, der Mantel mit den Spangen, Stab und Zepter und die Krone. [...]

Der Erzbischof Hildibert trat nun zum Altar, nahm das Schwert mit dem Wehrgehänge, wandte sich zum König und sprach: "Empfange dies Schwert, mit dem du alle Feinde Christi austreiben sollst, die Barbaren und die schlechten Christen, da dir durch Gottes Willen die gesamte Macht im Reich der Franken gehört, damit allen Christen der Friede gewiss sei." Dann bekleidete er ihn mit dem spangengeschmückten Mantel [...]. Endlich ergriff er Zepter und Stab und sprach: "Lass dich durch diese Insignien mahnen, deine Untertanen in väterlicher Zucht zu halten; reiche vor allem den Dienern Gottes und den Witwen und Waisen deine Hand voll Mitleid; niemals möge auf deinem Haupte das Öl des Erbarmens vertrocknen, auf dass du in diesem und im ewigen Leben mögest gekrönt werden mit unvergänglichem Lohne." - Dann wurde der König durch die Erzbischöfe Hildibert [von Mainz] und Wichfried [von Köln] mit dem heiligen Öl gesalbt und mit der goldenen Krone gekrönt, und als so alle vorgeschriebenen Weihehandlungen vollzogen waren, wurde er von den selben Erzbischöfen über eine Wendeltreppe zu einem Throne geleitet, der zwischen zwei wunderschönen Marmorsäulen errichtet war. Von da konnte der König selbst alles sehen, und er konnte von allen erblickt werden.Als die erhabenen Laudes verklungen waren [...], begab sich der König in den Palast, und er nahm mit den Erzbischöfen und allem Volk an einer königlich geschmückten Marmortafel Platz; die Herzöge aber leisteten bei Tisch die Ehrendienste. Der Herzog von Lothringen, Giselbert, in dessen Herzogtum Aachen liegt, leitete das Ganze; Eberhard [von Franken] stand dem Tisch vor; Hermann [von Schwaben] leitete die Weinschenken; Arnulf [von Bayern] sorgte für das ritterliche Gefolge und für die Unterbringung der Massen in Lagern [...].
Aus: Rerum gestarum Saxonicarum libri III (Geschichte der Sachsen) des Widukind von Corvey

Widerstand im Osten

Tradition allein war aber auf die Dauer kein Garant für reibungslose Herrschaft. An der Ostgrenze hatte bereits Boleslav, König von Böhmen, für Unruhe gesorgt. Dass er seinen Bruder Wenzel, einen Christen, der die Oberhoheit König Heinrichs I. anerkannt hatte, erschlug, war ein erstes Alarmzeichen für veränderte Verhältnisse. Als Boleslav versuchte, die sächsischen Großen gegen Otto einzunehmen, griff der König ein und schickte die berüchtigten "Merseburger", eine Schar von Räubern, Dieben und Häftlingen, zur "Bewährung" an die Front. Boleslav wurde vernichtend geschlagen, konnte aber durch die Sorglosigkeit seiner Gegner den Spieß umdrehen und das deutsche Aufgebot völlig aufreiben. Inzwischen hatte der Aufruhr auch auf die Redarier im Gebiet Mecklenburgs übergegriffen. Otto I. zog 936 selbst zu Feld, um die militärische Überlegenheit zu demonstrieren. Als er den Oberbefehl an Hermann Billung übertrug und ihm als Markgrafen die Sachsen vorgelagerten Gebiete Holsteins, Mecklenburgs und Pommerns verlieh, die mehr nur dem Namen nach deutscher Oberhoheit unterstanden, kam es zu Protesten sächsischer Adeliger, die diese Hintansetzung nicht ertrugen. Trotzdem konnte Otto I. den Feldzug erfolgreich abschließen. Sein persönliches Erscheinen hatte dem Heer Auftrieb gegeben, seine Personalpolitik aber zeigte, wie spannungsreich das Verhältnis Ottos I. zu seinen eigenen Landsleuten war. Die außenpolitischen Bewährungen setzten sich 937 fort, als die Ungarn in Thüringen und Sachsen einfielen. Sie wichen aber einer Entscheidungsschlacht aus, der Schock von Riade 933 saß bei ihnen noch tief. Gerade jetzt hätte Otto I. einen spektakulären Erfolg nötig gehabt, um der inneren Schwierigkeiten Herr zu werden.

Sächsischer Familienzwist: Otto I. kämpft lange und setzt sich durch

Ottos Selbstbewusstsein

Die alten, durch die feierlichen Krönungszeremonien notdürftig übertünchten Stammeszwistigkeiten flammten zunächst wieder auf, begleitet von Intrigen, Verrat, Eidbrüchen, Selbstjustiz, Landfriedensbruch und Verschwörungen. Vom Gefühl einer Zusammengehörigkeit im Ostfrankenreich konnte häufig keine Rede sein. Größer als der 18 Jahre später erfochtene Sieg auf dem Lechfeld über die Ungarn war das Wunder des gemeinsamen Aufmarsches aller deutschen Stämme zu diesem Kampf. Dass Otto es mit einer wahren "Hydra" von Schwierigkeiten zu tun hatte, die immer neue gebar, nachdem alte erledigt waren, und trotzdem nicht aufsteckte, dass er die partikularen Kräfte immer wieder zu einem größeren Ganzen zu vereinen suchte und gerade im Unglück am königlichsten war, das allein macht ihn "groß". Vom König erwartete man Glück, Erfolg, Siege; Unglück war gleich bedeutend mit Schuld, Schuld mit Unfähigkeit, Unfähigkeit rechtfertigte eine Absetzung. Wenn Otto I. die Jahre der "Prüfung" überstand, dann, weil er persönlich an sich glaubte.

Selbstjustiz Herzog Eberhards

Die Sachsen waren zum wichtigsten Stamm geworden und ließen das spüren: Als Eberhard, Herzog von Franken und gleichzeitig Graf im sächsischen Hessengau, die Zinszahlungen vom dortigen sächsischen Adel verweigert wurden, wandte er sich nicht an das Königsgericht, sondern übte Selbstjustiz, indem er nach der Eroberung einer Burg alle Bewohner tötete. Otto I. musste, um seine Autorität zu wahren, hart durchgreifen und "verdonnerte" den Herzog zu einer empfindlichen Buße; er musste nämlich beste Pferde im Werte von etwa 25 000 Euro hergeben. Seine Unterführer verurteilte er zu der Schmach, Hunde bis zur königlichen Pfalz in Magdeburg zu tragen als sichtbares Zeichen, dass sie "auf den Hund gekommen" waren.

Ottos ungetreue Brüder Thankmar und Heinrich

Verlässliche Ratgeber hatte Otto I. in den Jahren 938 bis 941 bitter nötig, denn die innenpolitischen Schwierigkeiten rissen nicht mehr ab, und die Gegner waren ausgerechnet die eigenen Brüder Thankmar und Heinrich. Konnte Otto I. beim Tod Arnulfs von Baiern 937 noch alle Bestrebungen der Söhne auf Sonderrechte unterdrücken und die Einsetzung von Arnulfs Bruder Berthold zum Herzog durchsetzen, machte ihm die Entwicklung in Sachsen schwer zu schaffen. Herzog Eberhard, durch Ottos I. Buße wenig getroffen, hatte neue Händel mit sächsischen Adeligen angefangen. Das gegenseitige Morden und Brennen nutzte Ottos Bruder Thankmar aus, der sich bei der Besetzung einer Grafschaft von Otto I. übergangen fühlte, verband sich mit Eberhard und gab dem Aufruhr eine neue Wendung. Zunächst scheute er nicht vor einem Akt höchster Barbarei zurück, nahm Heinrich, den eigenen Stiefbruder und Ottos jüngeren Bruder, als Geisel gefangen und schickte ihn zu Eberhard. Als Otto I. daraufhin mit starker Heeresmacht gegen Thankmar marschierte, öffnete man freiwillig die Tore der Burg, und Thankmar, der sich an den Altar der Kapelle geflüchtet hatte, wurde hinterrücks ermordet. Otto I. beklagte den Tod seines Bruders, die vier vornehmsten Gefolgsleute aber ließ er sofort aufhängen. Gegen Herzog Eberhard als den noch verbliebenen Alleinschuldigen richtete sich Ottos I. ganzer Zorn. Doch Ottos 18-jähriger Bruder Heinrich enthob den in der Zwickmühle befindlichen Eberhard eigener Überlegungen, indem er ihn in einem Geheimbündnis dazu brachte, Heinrich bei der Gewinnung der Königskrone zu unterstützen. In Erzbischof Friedrich von Mainz, "der nur darin allein Tadel zu verdienen schien, dass, wenn irgendwo auch nur ein Feind des Königs sich erhob, er sich als Zweiter sofort dazugesellte", fanden die Verschwörer einen Verbündeten. Friedrich konnte allerdings nicht verhindern, dass Otto I. Herzog Eberhard nach Hildesheim in die Verbannung schickte. Seinem Bruder verzieh der König.

Das "Wunder" von Xanten

Der Familienzwist im Hause der Liudolfinger schien beseitigt, doch die trügerische Ruhe glich einem tiefen Atemholen vor der endgültigen Entscheidung. Zunächst lagen alle Trümpfe auf Seiten der Verschwörer: Herzog Giselbert von Lothringen stieß zu ihnen, der sächsische Adel wurde durch Geschenke gewonnen, so dass mit Lothringen, Franken und Sachsen über die Hälfte des Reiches gegen Otto I. stand. Die Bayern hielten sich abwartend heraus, nur die Schwaben wollten "lieber mit der gerechten Sache und ihrem gerechten König unterliegen als wider das Recht mit ihrem Vetter Eberhard siegen". An einen Sieg Ottos I. glaubten auch die Schwaben nicht mehr, die Ausgangslage für Otto I. konnte schlechter gar nicht sein. Zu allem Unglück griffen die Verschworenen Ottos Heer in dem Augenblick an, als ein Teil gerade über den Rhein bei Xanten gesetzt war. Der König musste am Ostufer ohnmächtig mit ansehen, wie die Vorhut in einen Kampf verwickelt wurde, dessen Ausgang klar war. Eine Niederlage bedeutete für Otto I. das "Aus". Das "Wunder" - wie fromme Chronisten die folgenden Vorgänge nannten - soll sich folgendermaßen vollzogen haben: Ottos kleiner Trupp umging die Lothringer, und diese, von ihm in französischer Sprache zur Flucht aufgefordert, liefen tatsächlich davon im Glauben, eigene Leute hätten ihnen zugerufen. Bruder Heinrich floh mit wenigen Begleitern nach Merseburg, wo ihn Otto I. zwei Monate erfolglos belagerte, obwohl der sächsische Adel, durch Ottos I. wunderbare Rettung beeindruckt, sich wieder auf dessen Seite geschlagen hatte. Schließlich ergab sich das Haupt der Verschwörung, setzte sich aber nach Vereinbarung einer 30-tägigen Waffenruhe nach Lothringen ab.

Ein Gottesurteil

Der Kampf begann von neuem, verbrannte Erde kennzeichnete den Weg Ottos I. nach Lothringen. Als er vor Lüttich lag und Herzog Giselbert von Lothringen belagerte, hörte er vom erneuten "Kriegseintritt" des Frankenherzogs Eberhard. Auch viele Bischöfe verließen auf Betreiben des Erzbischofs von Mainz heimlich das Lager Ottos I. Dem half aber noch einmal das Glück: Eberhard und Giselbert, die beiden Herzöge, hatten Ottos Operationen im Elsass zum Anlass genommen, bei Andernach 939 mit einem Riesenheer den Rhein zu überschreiten, um Ottos I. Basis Sachsen zu gewinnen. An Königstreuen waren nur die Schwaben, Herzog Hermann, sein Bruder Udo, Graf des Rheingaues, sowie ihr Vetter Konrad "Kurzbold", ein Haudegen, der vor nichts Angst hatte außer vor Frauen, den Verschwörern entgegengezogen. Aber sie wagten keine Schlacht, weil sie hoffnungslos unterlegen waren. Doch als das Heer der Gegner den Strom schon überfahren hatte, stießen Hermann, Udo und Konrad auf Eberhard und Giselbert, die sorglos beim Brettspiel saßen. Der folgende Kampf war schnell entschieden. Eberhard fiel, Giselbert rettete sich mit wenigen Begleitern in einen Kahn, der vor Überlastung sank und alle in die Tiefe riss. Ein Gottesurteil ...

Verzeihung als Fehler

Heinrich ergab sich, wurde von Otto I. in Gnaden aufgenommen und erhielt zur "Belohnung" das durch Giselberts Ertrinken verwaiste Lothringen. Dieser Schritt Ottos I. mag unerklärlich, obendrein gefährlich und äußerst naiv erscheinen. Aber bei aller Sentimentalität darf man nicht vergessen, was unabdingbar zum Moralkodex eines mittelalterlichen Königs gehörte: die Huld im Verzeihen. Ein Glück für Otto I., dass es in dieser Zeit innerer Wirren an den Grenzen einigermaßen ruhig blieb, denn für gewöhnlich stellten sich genau dann Schwierigkeiten von außen ein, wenn das Reich innerlich geschwächt war. Ein Ungarneinfall 937 konnte abgewehrt werden, und an der Ostgrenze regierte Markgraf Gero mit harter Hand, sodass sogar die eigenen Leute rebellierten. Otto I. stellte sich auf Geros Seite und zog den Hass schnell auf sich.

Der letzte Bruderzwist

Diese gereizte Stimmung blieb Heinrich nicht verborgen. Er sah die Stunde gekommen, durch Freigebigkeit und Geschenke Otto I. im eigenen Stamm auszumanövrieren und über die dortige Herzogswürde zur Königskrone zu kommen. Otto I. sollte während der Feier des Osterfestes im April 941 in Quedlinburg beseitigt werden. Der Anschlag wurde jedoch verraten, und Otto I. ließ die Rädelsführer kurzerhand enthaupten. Heinrich selbst entkam, wurde aber schnell gefasst und nach Ingelheim bei Mainz in strenge Haft gegeben. Mit Hilfe eines bestechlichen Priesters gelang Heinrich die Flucht - zu seinem königlichen Bruder. Das letzte Kapitel des Bruderzwistes ging Weihnachten 941 versöhnlich zu Ende. Otto I. verzieh nicht nur, sondern verlieh seinem Bruder, als Berthold 947 gestorben war, die Herzogswürde von Baiern. Heinrich vergalt die verzeihende Güte des Bruders von nun an mit beständiger Treue bis zu seinem Tod im Jahre 955. Nach fünf Jahren beständiger Kämpfe war Otto I. am Ziel. Die Anerkennung, die er ursprünglich vielleicht schon durch den Krönungsritus als vollzogen angesehen hatte, war jetzt durch Bewährung in der Tat gewonnen.

Teste dein Wissen!

Fragen

1) Wie versucht Otto I., besonders am Beginn seiner Regierung, der Zentralgewalt (Königsgewalt) Anerkennung zu verschaffen?

2) Warum wurde der Sieg Ottos I. 939 bei Xanten als Wunder bezeichnet?

3) Warum verzieh Otto I. seinem Bruder Heinrich, der sich immer wieder gegen ihn verschwor, jedes Mal?

Antworten

1) Anders als sein Vater wollte Otto I. die Anerkennung seines Königtums und die Durchsetzung der Zentralgewalt nicht ausschließlich durch siegreichen Kampf und die damit verbundene Erhöhung seines Ansehens erreichen, sondern durch Rückbindung an die Tradition. An "geheiligter" Stelle, am Begräbnisort Karls des Großen, knüpfte Otto I. sichtbar an das Erbe dieses großen Karolingers an und sicherte sich durch die Wahl Aachens und ein geschickt arrangiertes Krönungszeremoniell den Vorrang vor den Herzögen.

2) Die Übermacht der Gegner Ottos war so groß, dass mit einem Sieg des Königs nicht gerechnet werden konnte. Herzog Giselbert von Lothringen stieß zu den Verschwörern, der sächsische Adel war von ihnen gekauft worden, so dass jetzt über die Hälfte des Reiches gegen Otto I. stand. Die Baiern hielten sich abwartend heraus, nur die Schwaben hielten zum König. Zu allem Unglück griffen die Verschworenen Ottos Heer in dem Augenblick an, als ein Teil gerade über den Rhein bei Xanten gesetzt war. Der König musste am Ostufer ohnmächtig mit ansehen, wie die Vorhut in einen Kampf verwickelt wurde.

3) Ottos Nachsicht gegen seinen aufständischen Bruder mag unerklärlich, obendrein gefährlich und äußerst naiv erscheinen. Jedoch gehörte zum Moralkodex eines mittelalterlichen Königs die Huld im Verzeihen, die Begnadigung.

Bibliografie

Gerd Althoff und Hagen Keller: Heinrich I. und Otto der Große. Neubeginn auf karolingischem Erbe, Göttingen 21994

Gerd Althoff: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart 2000

Helmut Beumann: Die Ottonen, 52000

Torsten Capelle: Die Sachsen des frühen Mittelalters, Darmstadt 1998

Johannes Fried: Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024. Propyläen-Geschichte Deutschlands, Bd. 1, Berlin 1993

Wolfgang Giese: Der Stamm der Sachsen und das Reich in ottonischer und salischer Zeit, Wiesbaden 1979

Jutta Gladen: Auf den Spuren Ottos des Großen. Eine historische Entdeckungsreise, Halle 2000

Werner Goez: Lebensbilder aus dem Mittelalter. Die Zeit der Ottonen, Salier und Staufer, Darmstadt 21998

Hagen Keller: Die Ottonen, München 2001

Reinhard Schmoeckel: Bevor es Deutschland gab. Expeditionen in unsere Frühgeschichte - von den Römern bis zu den Sachsenkaisern, Bergisch Gladbach 2000

Total votes: 315
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken