Am 20. Mai 2002 wurde in Südostasien ein neuer Staat aus der Taufe gehoben: An diesem Tag wurde Osttimor offiziell in die Unabhängigkeit entlassen. Vorausgegangen waren eine Jahrhunderte währende Ausbeutung durch die Kolonialmacht Portugal, 24 Jahre blutige Unterdrückung durch die Besatzungsmacht Indonesien sowie eine knapp dreijährige Übergangsverwaltung durch die Vereinten Nationen.
Ein langer Weg
Timor ist die größte der “kleinen Sundainseln” und liegt am Südost-Rand von Indonesien, rund 500 Kilometer nordwestlich von Australien. Der Westteil der Insel gehört zu Indonesien, der Osten war bis 1974 eine portugiesische Kolonie. Ein Jahr später wurde Osttimor von Indonesien annektiert. Jeder vierte Osttimorese verlor unter dem blutigen Terror der Besatzer sein Leben. Auf Initiative der UNO sprach sich die Bevölkerung am 30. August 1999 in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit von Indonesien aus. Daraufhin verwüsteten proindonesische Milizen das Land und brachten mehr als 2000 Menschen um. Ein großer Teil der Bevölkerung flüchtete bzw. wurde in den Westteil der Insel verschleppt. Schließlich entsandten die Vereinten Nationen eine Friedenstruppe in den Osten Timors und stellten das Land übergangsweise unter ihre Verwaltung (UNTAET). Ziel war es, ein demokratisches System zu etablieren.
Die UNTAET stand 1999 vor einer Aufgabe, wie sie die Vereinten Nationen in ihrer Geschichte noch nicht zu bewältigen hatte: Sie sollte für die knapp 740 000 Einwohner Osttimors innerhalb kürzester Zeit eine Regierung und die entsprechenden Institutionen schaffen – bis hin zu einer eigenständigen Währung und einer Staatsflagge. Für die ersten allgemeinen Wahlen wurde die gesamte Bevölkerung registriert. Die UNO bildete eine 850 Mann starke Polizeitruppe und stationierte sie im Land. Sie schuf Einrichtungen für Gesundheitsversorgung, Erziehung und Justiz. Nach dem Vorbild Südafrikas nahm eine nationale Wahrheits- und Versöhnungskommission die Arbeit auf. Die Blauhelme gaben der Bevölkerung ein Gefühl von Sicherheit, wie sie es seit Jahrzehnten nicht gekannt hatte.
Genau zwei Jahre nach dem Referendum, am 30. August 2001, wählten die Osttimoresen eine Verfassung gebende Versammlung, in der die “Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit Osttimors” (FRETILIN) die absolute Mehrheit erhielt (57,3% der Stimmen). Innerhalb von drei Monaten schuf die Versammlung ein Grundgesetz und legte den Termin für die Präsidentschaftswahlen fest. Am 14. April 2002 war es schließlich so weit: Kontrolliert von 2000 internationalen Beobachtern wählten 82,7% der Bevölkerung den ehemaligen Guerillachef Xanana Gusmão zum ersten Präsidenten des Landes. Am 20. Mai 2002 übernahm er offiziell die Führung Osttimors von den Vereinten Nationen.
Auf eigenen Beinen kann Osttimor nur stehen, wenn auch die wirtschaftliche Grundlage stabil ist. Es gelang der UNO-Verwaltung, Osttimor durch einen Vertrag mit Australien 90% der Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung in der Timorsee zu sichern. Mit den 4 bis 5 Milliarden Dollar, die diese Vereinbarung in den nächsten 20 Jahren einbringen wird, soll die verarmte Region nachhaltig entwickelt werden. In den meisten Teilen des Landes gibt es inzwischen bereits fließendes Wasser und Elektrizität. Mehr als 180 000 Osttimoresen kehrten freiwillig aus dem Exil wieder in ihre Heimat zurück. “Selbst die schärfsten Kritiker müssen erstaunt sein, was die Vereinten Nationen geleistet haben”, sagte der damalige UNTAET-Chef Vieira de Mello. “Aus Schutt und Asche, die UNTAET zu Beginn vorfand, hat sie gemeinsam mit der Bevölkerung einen funktionierenden Staat geschaffen.”
Ost- und Westtimor: Teilung mit Geschichte
1520 entdeckten portugiesische Seefahrer die Insel im Pazifik und nahmen sie in Besitz. Knapp 100 Jahre später wurden sie jedoch von der niederländischen Ostindien-Kompanie verdrängt und konnten sich lediglich im Osten Timors halten. Zementiert wurde diese Teilung der Insel im Jahre 1914 schließlich durch eine Entscheidung des Haager Gerichtshofes, die von beiden Kolonialmächten akzeptiert wurde: der östliche Teil Timors kam dabei unter portugiesische Verwaltung, Westtimor wurde Teil “Niederländisch-Indiens”. Die unter dem Namen “Niederländisch-Indien” zusammengefassten Inseln erlangten 1949 als “Indonesien” die Unabhängigkeit.
Nach dem Rückzug der Portugiesen übernahm die “Revolutionäre Front für die Unabhängigkeit Osttimors” (FRETILIN) die Verwaltung Osttimors und rief am 28. November 1975 die Unabhängigkeit aus. Die Antikommunistische Bewegung MRAC verkündete zwei Tage später die Eingliederung Osttimors in Indonesien.
Im Dezember 1975 besetzten indonesische Streitkräfte das Land. Schon in den ersten drei Wochen fielen ihnen etwa 10 000 Osttimoresen zum Opfer. Proteste des UN-Entkolonisierungs-Ausschusses und Resolutionen des Sicherheitsrates blieben wirkungslos. Im Juli 1976 erklärte das indonesische Parlament Osttimor offiziell zur 27. Provinz des Landes. Die indonesischen Truppen vernichteten Ernten und Felder und führten Zwangsumsiedlungen durch. Immer wieder wurden Massaker an der Zivilbevölkerung verübt, die schon in den ersten drei Jahren der Besatzung 100 000 bis 250 000 Osttimoresen das Leben kosteten.
Von der Weltöffentlichkeit wurde die blutige Besatzung kaum zur Kenntnis genommen – bis 1996 Bischof Carlos Filipe Ximenes Belo, das Oberhaupt der katholischen Kirche auf Osttimor, und der Auslandskoordinator der osttimoresischen Widerstandsbewegung, José Ramos-Horta, den Friedensnobelpreis erhielten. Erst dieser Umstand lenkte die Augen der Weltöffentlichkeit auf Osttimor und ebnete den Weg für das Referendum über die Unabhängigkeit.
Xanana Gusmão: “Osttimors Nelson Mandela”
1975, gleich nach dem Einmarsch der indonesischen Armee, war Xanana Gusmão in die Berge geflohen und hatte sich der Guerilla angeschlossen. Der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene frühere Gelegenheitsarbeiter, Journalist und Lyriker wurde Chef der Falintil, der bewaffneten Befreiungsbewegung, bevor er 1992 an die Besatzer verraten wurde. Die folgenden Jahre verbrachte er in Haft – bis sich die indonesische Regierung bereit erklärte, das Ergebnis der Volksabstimmung 1999 in Osttimor über Unabhängigkeit oder Anschluss an Indonesien zu akzeptieren.
Als proindonesische Milizen das Land nach der Abstimmung dennoch verwüsteten, versuchte der charismatische Guerilla-Kommandant zu vermitteln und zu mäßigen. Gusmão hatte sich lange geweigert, für die Präsidentschaft von Osttimor zu kandidieren. Seiner Meinung nach muss ein erfolgreicher Guerilla-Kommandant nicht zwangsläufig einen guten Regierungspolitiker abgeben. Nach seinem überwältigenden Wahlsieg muss er seine eigenen Befürchtungen nun in den kommenden Jahren widerlegen. Seine größte Aufgabe wird der Aufbau der politischen Institutionen und des Justizsystems sein. In jedem Fall will er weiter “Augen, Ohren und Mund” der Bevölkerung sein.









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