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wissen.de Artikel

documenta 12

Museum der 100 Tage

Es ist wieder soweit: Zum inzwischen 12. Mal wird die documenta eröffnet. Vom 16. Juni bis 23. September können Sie in Kassel in die Welt der Kunst eintauchen! Die 1955 ins Leben gerufene documenta gilt als die bedeutendste und weltweit bekannteste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Sie findet alle fünf Jahre statt und jedes Mal wird eine neue Leiterin oder ein neuer Leiter gewählt und die Ausstellung neu ausgerichtet. Bei der documenta zeigt sich, ob es der Kunst gelingt, die Welt in Bilder zu fassen. documenta-Leiter Roger M. Buergel und Kuratorin Ruth Noack führen ein.

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Museum Fridericianum
documenta GmbH / Julia Zimmermann
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Entwurf des Aue-Pavillons von Lacaton & Vassal
Montage des Architekten Tim Hupe
documenta GmbH
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Terraced Rice Fields Art Project, 2007
Montage von Sakarin Krue-On
documenta GmbH / Sakarin Krue-On
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Kunstobjekt von Ai Weiwei
Holztüren und Fenster aus zerstörten Häusern der Ming- und Qing-Dynastie
Courtesy the artist; Galerie Urs Meile, Beijing–Lucerne

Die Fakten

Museum Fridericianum
Gut dreieinhalb Jahre wurde an der documenta 12 gearbeitet und über 500 Kunstwerke sind nun in Kassel versammelt. Zu den Hauptstandorten Museum Fridericianum, Neue Galerie, documenta-Halle und Aue-Pavillon kommen das Schloss Wilhelmshöhe und der Bergpark, das Kulturzentrum Schlachthof, eine Straßenbahn der Linie 4 sowie elBulli in Spanien hinzu. Das Budget von 19 Millionen Euro, das sich zur Hälfte aus den Beiträgen der Stadt Kassel, des Bundeslandes Hessen und der Bundesrepublik Deutschland (vertreten durch die Kulturstiftung des Bundes) speist und zur anderen Hälfte aus dem Verkauf von Eintrittskarten, konnte mit Unterstützung internationaler Stiftungen und unserer Sponsoren konsolidiert werden. Es ist zu erwarten, dass Stadt und Umland auch aufgrund des Besucherstroms ein Vielfaches der Investitionen einspielen werden.

Entwurf des Aue-Pavillons von Lacaton & Vassal

Montage des Architekten Tim Hupe

Der Initiative der neuen „Stützen der documenta“ ist es zu verdanken, dass ein temporäres Gebäude, der Aue-Pavillon, entworfen von Lacaton & Vassal und entwickelt von Tim Hupe Architekten, mit einer Fläche von fast 10.000 m2 an einem der schönsten Orte der Stadt errichtet werden konnte. Seit etwa einem Jahr steht ein Initiativkreis der documenta mit Rat und Tat zur Seite. Durch den documenta 12 Beirat ist es gelungen, die Ausstellung mit der Stadt zu vernetzen. Im Rahmen von documenta 12 magazines sind Netze mit nahezu 100 Redaktionen auf der ganzen Welt geknüpft worden. Anfangs etwas spärlich besetzt, ist unser Team inzwischen auf über 650 Personen angewachsen.


Die Poetik

Terraced Rice Fields Art Project, 2007

Montage von Sakarin Krue-On

Soweit die Fakten. Nun zur Poetik der documenta 12: Wir begreifen die Ausstellung als ein Medium. Damit bewegen wir uns weg von der Repräsentation der „besten KünstlerInnen der Welt“ hin zur Produktion eines Erfahrungsraums, in dem es möglich wird, die Begriffe „Kunstwerk“ und „Publikum“ aneinander zu schärfen. Was ist zeitgenössische Kunst, was ist ein zeitgenössisches Publikum, was ist die Gegenwart? Die Erfahrung von Kunst ist stets die Erfahrung eines Lebenszusammenhangs. Wollen wir dieses Verhältnis neu bestimmen, so brauchen wir ein Mittel, das uns unserem unmittelbaren Lebenszusammenhang entrückt. Die ästhetische Erfahrung, die dort beginnt, wo Bedeutung im herkömmlichen Sinne endet, kann ein solches Mittel sein.


Die Leitmotive

Kunstobjekt von Ai Weiwei

Holztüren und Fenster aus zerstörten Häusern der Ming- und Qing-Dynastie

Unsere drei Leitmotive, die Frage nach der Moderne, nach dem bloßen Leben und nach der Bildung haben es uns anfangs ermöglicht, eine Ausstellung, die erst im Entstehen begriffen war, zu denken und zu diskutieren. Inzwischen haben sich die Fragestellungen überlagert; an verschiedenen Stellen blitzen thematische Schwerpunkte hervor, doch in der Regel sind Werke und Werkgruppen auf mehr als eines der drei Leitmotive zu beziehen.
Hinzugekommen ist das Interesse an der „Migration der Form“, ein Motiv, das zweierlei meint. Zum einen geht die Ausstellung auf historisch belegbare Formenschicksale ein und unterstützt damit die These, dass die Globalisierung keine Erfindung der Neuzeit ist. Zum anderen werden einzelne Werke formalästhetisch zueinander in spekulative Bezüge gesetzt.
Uns geht es dabei nicht um die korrekte Interpretation, sondern darum, das einzelne Werk aus seiner Überdeterminierung durch überkommene Zuschreibungen zu befreien und den Blick der BetrachterInnen zu öffnen. Oftmals werden der einen oder dem anderen Hintergrundinformationen fehlen. Wir privilegieren die direkte Erfahrung vor dem Kunstwerk, nicht weil wir meinen, dass sie ausreiche, um zu einem Urteil zu kommen, sondern vielmehr wissen wir, dass selbst den ExpertInnen unter uns das notwendige Wissen fehlt, einem jeden Werk wirklich gerecht zu werden. Und das ist auch nicht durch dicke Wälzer oder lange Texttafeln zu kompensieren, die dann in der Ausstellung in Konkurrenz zum Kunstwerk treten.
Wir verbinden die Erfahrung der eigenen Lücken mit der Forderung nach Bildung, einer Bildung, die zwischen staatlicher Verantwortung und Selbstsorge austariert werden will. Als ephemere Institution kann die documenta 12 nur ihr Scherflein dazu beitragen, dieses aber dann in Form eines dafür umso avancierteren Vermittlungsprogramms. Als Teil der Ausstellung versteht die Vermittlung ihre Arbeit mit dem Publikum auch jenseits von Serviceleistung und Ökonomie als eine Möglichkeit, die Poetik der documenta 12 aufzunehmen und weiterzureichen.
von Ruth Noack (Kuratorin) und Roger M. Buergel (Leiter der documenta 12)
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