Total votes: 45
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Ein Kapitel der Geschichte, das noch nie im Kino erzählt wurde

Alejandro Amenábar öffnet den Filmhimmel

"Fernando Bovaira (Produzent), Mateo Gil (Co-Autor) und ich haben uns drei Jahre lang intensiv mit Geschichte und Astronomie beschäftigt. Wir sind völlig in das Ägypten des vierten Jahrhunderts eingetaucht. Es überrascht, dass eine solche Welt voller Legenden – die Bibliothek von Alexandria, der Kanopische Weg, der Leuchtturm – zur Vergessenheit verdammt scheint, insbesondere im Kino." Nach seinem mit dem Oscar ausgezeichneten Drama "Das Meer in mir" lädt Alejandro Amenábar die Zuschauer ein, "die Wirklichkeit einer weit zurückliegenden Zivilisation zu erleben." "Agora" ist eine einzigartige Reise in das antike Ägypten, in die mythenumrankte Stadt Alexandria, deren berühmte Bibliothek auf dramatische Weise zerstört wurde.

Bild 1 von 5
Blutiger Kampf zwischen Heiden und Christen: Opfer gibt es auf beiden Seiten
wissen.de
Bild 2 von 5
Hypatia und Davus: verbotener Kuss
wissen.de
Bild 3 von 5
Hypatia: in der Bibliothek
wissen.de
Bild 4 von 5
Davus: Hat seine Liebe zu Hypatia eine Chance?
wissen.de
Bild 5 von 5
Hypatia: stellt das heliozentrische Weltbild infrage
wissen.de

Das Setting: das antike Ägypten

Blutiger Kampf zwischen Heiden und Christen: Opfer gibt es auf beiden Seiten
Der Film basiert auf historischen Ereignissen, die noch nie im Kino erzählt wurden. "Agora" ist der fünfte Film des Regisseurs, eine Produktion enormen Ausmaßes, erfüllt von beeindruckender Energie. Alejandro Amenábar untersucht die individuellen Erfahrungen der Bewohner Alexandrias, ihre Gedanken, Gefühle und Leidenschaften, in einer Zeit großer Umwälzungen. In den Straßen der antiken Metropole nimmt eine Revolution ihren Ausgang, die durch den Niedergang der griechisch-römischen Zivilisation begünstigt und durch die wachsende Bedeutung des Christentums weiter vorangetrieben wird. Das stolze Alexandria, lange Zeit ein Symbol für multikulturelle Toleranz, wird immer stärker von Ereignissen erschüttert, die den Beginn eines neuen Zeitalters ankündigen.

Das antike Alexandria spielt zweifellos eine entscheidende Rolle in "Agora". Die mythische Stadt, deren Bau von Alexander dem Großen angeordnet und die später nach ihm benannt wurde, war von Anfang an dem Streben nach Wissen gewidmet, und entschlossen, die angesehensten und weisesten Gelehrten ihrer Zeit anzuziehen. Durch ihre strategisch günstige Lage im Norden Afrikas wuchsen ihr wirtschaftlicher und kultureller Reichtum schnell. Im ganzen Imperium war die Stadt für die große Verschiedenheit ihrer Bürger, ihren majestätischen Leuchtturm, die Einzigartigkeit ihres Hafens, die Länge ihres Kanopischen Weges und die Energie und Lebendigkeit ihres Marktes berühmt. Eine ziemliche Herausforderung für die Ausstatter des Films ...

Der Mythos: die Figur der Hypatia

Hypatia und Davus: verbotener Kuss
"Alles begann, als wir – zunächst nur als Hobby – ein Interesse an der Relativitätstheorie entwickelten", erzählt Regisseur Alejandro Amenábar. "Wir wollten mehr über das Konzept von Zeit und Raum erfahren, das so eng mit dem Kino verknüpft ist. Diese Neugier war der Ausgangspunkt, von dem sich dann ein Fenster zu vielen weiteren Dingen öffnete." Amenábars Co-Autor Mateo Gil erinnert sich: "Wir recherchierten ein Projekt über die Menschen, die sich damals über die unmittelbaren Umstände ihrer Zeit erhoben, indem sie den Blick zu den Sternen am Himmel wandten und sich existenzielle Fragen über das Leben, den Kosmos und ihre Bedeutung stellten. Dabei stießen wir auf Hypatia und das Alexandria ihrer Zeit. Uns wurde klar, dass Hypatias Geschichte das gesamte Projekt auf den Punkt bringt." Amenábar und Gil beschäftigten sich intensiv mit Hypatia und der historischen Epoche, in der sie lebte. Sie waren überrascht, wie wenig heute über sie bekannt ist. Je mehr sie über Hypatias Charakter herausfanden, desto mehr erkannten sie ihre Relevanz für unsere heutige Welt: eine Frau, die mutig gegen den Strom schwimmt, um die Werte, an die sie glaubt, zu verteidigen, und dabei, wenn nötig, auch ihr Leben zu riskieren. Die Umstände ihres Todes sind ebenso außergewöhnlich wie der Rest ihrer Biografie. Das Klima von Gewalt und Konfrontation, das Alexandria damals ergriff, und Hypatias Haltung gegenüber dem sozialen und politischen Debakel, machen sie zu einer mythischen Figur, mit der sich heutige Zuschauer identifizieren können.

 

Hypatia: in der Bibliothek
"Was mich während unserer Recherchen mit am meisten überraschte, war die Entdeckung, dass es in Alexandria zwei Bibliotheken gab. Die erste brannte nieder, als Julius Cäsar die Stadt eroberte. In unserem Film geht es um die zweite Bibliothek. Hypatia war eine der Schlüsselfiguren in der Geschichte ihrer Zerstörung. Mit dieser historischen Epoche hat sich das Kino noch nie beschäftigt. Wir glauben, dass sie das Publikum faszinieren wird", meint Alejandro Amenábar. "Es gibt nur sehr wenige heute noch erhaltene Dokumente über Hypatia", erzählt Mateo Gil. "Wir haben alles gelesen, was wir finden konnten. Doch ihr gesamtes wissenschaftliches Werk ist verloren gegangen. Wir wissen nur, dass sie als ausgezeichnete Mathematikerin galt und als Astronomin sogar ihren Vater übertraf."

 

Die Geschichte: reale Vorlage

Nach der Phase des Lesens kam der nächste Schritt: Die Überprüfung aller von den beiden Autoren gesammelten Fakten mit der Hilfe von Experten. Eine Reihe von externen Beratern wurde zu diesem Zweck engagiert. Anerkannte Spezialisten aus den jeweiligen Fachgebieten halfen Alejandro Amenábar und Mateo Gil dabei, ihre Beschreibungen dieses historischen Abenteuers noch präziser werden zu lassen. "Der Beratungsprozess ging durch mehrere Phasen, in denen wir uns auf verschiedene Aspekte konzentrierten", erklärt Produzent Fernando Bovaira. "Elisa Garrido, eine bekannte Spezialistin für die Geschichte der Frau in der klassischen Antike, unterstützte uns während der Drehbuchentwicklung in historischen Fragen. In der finalen Vorbereitungsphase der Produktion kam Justin Pollard zu uns nach Malta, sprach mit allen Verantwortlichen und diskutierte mit Alejandro die Details der Ausstattung. Pollard war schon Berater bei Filmen wie "Abbitte" und "Elizabeth - das goldene Königreich" und ist Autor des Buches 'The Rise and Fall of Alexandria - Birthplace of the Modern Mind'." Justin Pollard bestätigte die Authentizität aller Aspekte der Produktion und ihre Übereinstimmung mit der Zeit, die der Regisseur widerspiegeln wollte.

 

Neben den Experten der antiken Welt sprachen Fernando Bovaira, Alejandro Amenábar und Mateo Gil auch mit den beiden Forschern und Wissenschaftlern Javier Ordóñez und Antonio Mampaso. "Javier Ordóñez präsentierte uns eine brillante geometrische Lösung für das Rätsel, das Hypatia mit Hilfe des Apollonischen Kegels zu lösen versucht", erinnert sich Mateo Gil. Antonio Mampaso war während des gesamten Entwicklungsprozesses des Films präsent, vom Skript bis zu den Dreharbeiten, wo er die Verwendung der astronomischen Instrumente beaufsichtigte, die auf der Leinwand zu sehen sind, und als wissenschaftlicher Trainer für Rachel Weisz fungierte. Er unternahm auch eine Reise mit dem Produzenten, dem Regisseur und dem Co-Autor, die sich als entscheidend für die Entwicklung vieler Details des Films erwies. "Ich glaube, dass es absolut notwendig ist, die Orte zu besuchen, an denen meine Geschichten spielen. Es ist sehr anregend, einen Ort zu erkunden, von dem man weiß, dass er der Figur, um die sich dein Film dreht, tatsächlich bekannt war", meint Regisseur Alejandro Amenábar.

 

Die Story: Liebe, Politik und Christentum

Davus: Hat seine Liebe zu Hypatia eine Chance?
In "Agora" versuchen zwei Männer, Hypatias Herz zu gewinnen: Ihr Sklave Davus und Orestes, einer ihrer Schüler, der spätere Präfekt von Alexandria. Die Spannung zwischen diesen drei Charakteren ist permanent spürbar. Zwischen ihnen besteht ein romantisches Dreiecksverhältnis, das erst aufbrechen kann, als die Kämpfe in den Straßen Alexandrias beginnen. "Davus ist eine Figur, die wir erfunden haben", sagt Alejandro Amenábar. "Er ist unser Türöffner in das Innenleben der Stadt, in die griechisch-römische Gesellschaft und die antike Welt im Allgemeinen. Durch ihn sehen wir, wie die Sklaverei im vierten Jahrhundert wahrgenommen wurde. Davus steht vor der Frage, ob er ein Christ werden will. Durch seine Augen sehen wir die Entwicklung des frühen Christentums von einer verfolgten Glaubensrichtung zur dominanten Religion. Davus wird schließlich ein Parabolano. Diese aus Mönchen bestehende religiöse Splittergruppe war sehr charakteristisch für die Zeit. Sie begann als Orden, der den Bedürftigen half, und endete als militanter Arm der Kirche."

Der junge britische Schauspieler Max Minghella spielt Davus. Er überstand erfolgreich den umfangreichen Casting-Prozess, der in London unter der Leitung von Jina Jay durchgeführt wurde. Jina Jay zeichnet für das Casting so großer Projekte wie "Der Vorleser", "Abbitte" und "München" verantwortlich und hat mit Amenábar bereits bei "The Others" zusammengearbeitet. "Davus ist ziemlich verliebt in Hypatia, aber seine Liebe wird nicht erwidert. Es geht vor allem darum, wie diese beiden Charaktere sich begegnen und das Leben des jeweils anderen in einer sehr dramatischen Phase der Weltgeschichte beeinflussen", sagt Max Minghella. "Alejandros Idee, dass Hypatias Sklave im Film zum Christentum konvertiert, war ein Geniestreich", meint Mateo Gil. "Dadurch konnten wir die beiden Welten, von denen wir erzählen, miteinander verbinden."

"Hypatia gehört definitiv zur gesellschaftlichen Oberschicht Alexandrias. An den Mitgliedern dieser Kultur fasziniert, dass sie über alles nachdachten, selbst über die Flugbahnen der Himmelskörper, und zutiefst humanistisch waren. Aber sie hatten diesen einen blinden Fleck, und das war die Sklaverei. Es gab eine komplette Klasse von Leuten, die als Sklaven gehalten und nicht einmal als Menschen angesehen wurden. Sie standen auf einer Stufe mit Tieren. Das ist schwer zu begreifen, wenn man bedenkt, wie tiefgründig und menschlich die Herrschenden in anderen Dingen waren", erklärt Rachel Weisz.

Der guatemaltekische Schauspieler Oscar Isaac, der zuletzt in "Der Mann, der niemals lebte" zu sehen war, durchlebt im Film eine beeindruckende Verwandlung. Zu Beginn ist er einer von Hypatias glühendsten Anhängern. Im Verlauf des Films übernimmt er die militärische und politische Verantwortung für die Stadt und wird zum Repräsentanten des Römischen Reichs in Alexandria. "Orestes ist ein typisches Beispiel für die aristokratische Jugend dieser Zeit, für die jungen Männer, die dazu ausgebildet wurden, die Führer von morgen zu sein. Einige von ihnen sind sehr ehrgeizig, andere sind nur dabei, weil ihre Eltern genug Geld haben. Ich glaube, Orestes ist anfänglich so jemand, der nicht genau weiß, was er will. Er ist schlau, ein bisschen arrogant, ein bisschen stur, und er verliebt sich in seine Lehrerin Hypatia und versucht sie zu verführen", erzählt Oscar Isaac. "Orestes erlaubt es uns, eine der berühmtesten Anekdoten über Hypatia und ihre Beziehung zu Männern zu erzählen", erklärt der Regisseur. "Doch er hat auch eine Schlüsselrolle im zweiten Teil des Films: Er steht für Dialog und Aussöhnung in der Politik."

Wissenschaft: der Blick in den Himmel 

Hypatia: stellt das heliozentrische Weltbild infrage
"Der Film huldigt Wissenschaftlern im Allgemeinen", erklärt Amenábar. "Er soll die Denktradition zeigen, der alle Astronomen im Verlauf von zweitausend Jahren gefolgt sind, denn wie jeder von uns haben sie eines Nachts einfach ihren Blick zum Himmel gewandt. Wenn ich den Himmel betrachte, empfinde ich eine Faszination und stelle mir alle möglichen Fragen, ohne eine Antwort darauf zu finden. Genau das haben die Wissenschaftler getan: Im Verlauf von Jahrtausenden haben sie Antworten gefunden."

 

Um Hypatias Entdeckung zu verstehen, war Antonio Mampasos Beitrag entscheidend. Seit damals haben sich der Himmel und die Astronomen sehr verändert. "Als Hypatia lebte, blickte man bereits auf die Früchte jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit zurück. Die Bewegung der Planeten war von Ptolemäus und Hipparchos dokumentiert worden, und es gab präzise Instrumente, die die Überprüfung ihrer Theorien erlaubten. Zum ersten Mal kamen diese beiden Faktoren zusammen. Das Astrolabium, eines der wichtigsten astronomischen Instrumente überhaupt, wurde in dieser Zeit entwickelt, und es war Hypatia mit Sicherheit bekannt. Die Messungen, die mit dem Astrolabium und anderen Instrumenten vorgenommen werden konnten, ermöglichten die Perfektionierung des Himmelsmodells und das Verwerfen des zuvor gültigen geozentrischen Modells, das vom heliozentrischen Modell ersetzt wurde, das später als zutreffend bestätigt wurde. Diese Entdeckung brachte nicht nur die Astronomie voran, sie war in ihren gesellschaftlichen Aspekten revolutionär, weil kosmologische und wissenschaftliche Theorien fest verwurzelt waren und die soziale und religiöse Ordnung der Gesellschaft stark beeinflussten. Wir reden über den Moment, der das System veränderte", führt Antonio Mampaso aus.

 

Die Idee einer Reise in die Vergangenheit mit Referenzen an die heutige Zeit bestimmte die Ausrichtung des Films von Anfang an, von der Arbeit der künstlerischen Departments bis zu den Spezialeffekten. "Agora" ist ein zeitgemäßes Fresko mit innovativer Produktion. "Gabriella zum Beispiel arbeitet viel mit Verweisen zur Jetztzeit, was ich sehr interessant finde", erzählt Alexandro Amenábar. "Um die Welt von vor 1600 Jahren zu porträtieren, suchte sie in heutigen Kulturen nach Elementen, die uns ein wenig fremd sind, und vermischte diese dann mit den Stereotypen, die wir haben. In unserem Fall haben wir die römische Welt, die ägyptische Welt, und eine christliche Welt als Vorläufer des Mittelalters. Ich halte zum Beispiel die Art und Weise, in der sie die reichlich vorhandenen Beschreibungen der Parabolani mit der Welt der Taliban kombiniert, für spektakulär. Für mich ist das ein bemerkenswerter Coup."


Quelle: TOBIS FILM GMBH & CO. KG
Total votes: 45
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.