Es tropft | wissen.de
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Es tropft

Es tropft. Stetig tropft es aus der Dunkelheit auf meinen Rücken. Ich spüre das Gewicht des Wassers in der Decke über mir. Ich stelle mir vor, wie es durch den Boden sickert, jeden Hohlraum füllt und mir beständig näherkommt. Wie es schließlich eine Ritze findet und sich in einem dicken Tropfen sammelt. Vor meinem inneren Auge kann ich sehen, wie der Tropfen anschwillt, sich von der Decke löst und fällt. Ich habe Angst vor diesem Moment.

Ich fürchte das Wasser. Natürlich fürchte ich es. Jeder von uns fürchtet es. Es wäre unverantwortlich dumm, den einzigen Feind, dem wir nichts entgegenzusetzen haben, nicht zu fürchten.

Das Wasser zerstört uns. Es dringt in unsere Ritzen, friert darin zu Eis und sprengt uns auseinander. In geduldiger Kleinarbeit löst es winzige Steinchen aus unserem felsenfesten Verbund, so lange, bis wir auseinanderbrechen. Es reißt uns mit, schleift uns glatt, höhlt uns aus und verändert unsere Form. Es schlägt uns aneinander, zerreibt uns zu Sand und nimmt uns unsere Identität.

Ich verabscheue es und setze mich ihm zur Wehr, so gut ich es vermag. Es wird mich nicht kleinkriegen. Ich bin unnachgiebig. Ich bin stark. Ich bin hart. Das Wasser wird mich nicht zermalmen. Das hat es eingesehen. Jetzt setzt es mir mit Geduld zu. Seit Menschengedenken und länger. Seit einer Ewigkeit. So lange, wie kein Mensch es je ermessen kann. Die Zeiträume unserer Wahrnehmung sind für Menschen nicht nachvollziehbar. Die Zeitspanne eines Menschenlebens ist unbedeutend für uns. Für Wasser und Stein – das zumindest verbindet uns. Ansonsten haben wir nichts gemein. Wir sind Gegner, seit Anbeginn der Zeiten.

Ich fürchte das Wasser nicht nur. Ich habe gelernt, es zu hassen. Mit aller Härte, zu der ein Stein in der Lage ist. Es quält mich auf grausamste Weise. Es tropft. Jeder Tropfen ist ein Geschoss, das mich im Innersten verletzt, obwohl es nur meine Oberfläche trifft.

Es tropft mal schneller und mal langsamer, mal mehr und mal weniger, aber immer gleichmäßig. Jeder Tropfen ist exakt gleich groß wie der davor.

Mit einem hellen Ton schlagen sie auf und zerstören die Stille. Das leise Geräusch ist laut in meiner Höhle, denn es ist das einzige. Es hallt zwischen den Wänden wider. Aufmerksam lausche ich dem Rhythmus der Tropfen. Sie fallen quälend langsam. Die Pausen zwischen ihnen sind so lang, dass ich jedes Mal denke, es hat aufgehört. Und dann trifft mich der nächste Tropfen.

Es tropft II

Sie fallen immer auf dieselbe Stelle, zerplatzen und verteilen sich in einem feinen Sprühregen über meinen Rücken. Dort, wo sie mich treffen, bildet sich Schorf, der sich allmählich zu einer immer größeren Beule auswächst. Ich kann spüren, wie sie langsam, ganz langsam, schwerer wird. Die Beule wird ein Teil von mir und ist doch ein Fremdkörper.

Wenn ich könnte, würde ich sie wegkratzen oder mich den Abhang hinunterstürzen und hoffen, dass sie abplatzt. Doch ich bin zur Bewegungslosigkeit verdammt. Seit Jahrtausenden stecke ich zwischen zwei großen Felsbrocken fest, ziemlich würdelos etwa zwei Handbreit über dem Boden, und kann mich nicht rühren.

Also bleibe ich liegen, horche auf das Tropfen und nähre meinen Hass. Hier, in der ewigen Nacht ist eine Menge Platz für Hass. Die ganze Höhle ist voll davon. Er liegt auf dem Boden und tropft von der Decke. Denn auch das Wasser hasst. Mich und die anderen, die sich ihm in den Weg stellen, es zu Umwegen zwingen und versuchen, seinem grausamen Treiben Einhalt zu gebieten. Es muss uns hassen. Warum sollte es sich sonst all die Mühe machen, uns auf so ausgefeilte Weise zu quälen?

Es tropft. Langsam tropft die Zeit davon. Nichts und niemand kann sie aufhalten. Die Zeit ebenso wenig, wie das tropfende Wasser. Geduldig fällt es auf die immer gleiche Stelle. Mein ganzer Rücken ist nass. In der kleinen Mulde am unteren Ende sammelt sich das Sprühwasser.

Es tropft III

Die Luft in der Höhle ist feucht, kühl und riecht angenehm nach Eisen. Es wäre dunkel und behaglich, wäre da nicht das Wasser, das von der Decke tropft.

Die meiste Zeit sind wir alleine. Nur Steine, Wasser und gegenseitiger Hass. Gelegentlich spüre ich das unbeholfene Tapsen winziger, feuchter Füße auf meinen Flanken. Es kitzelt, wenn sie über meinen Rücken huschen. Die Grottenolme sind die einzige Gesellschaft, die wir haben. Sie sind still und blind. In der endlosen Dunkelheit braucht man keine Augen.

Manchmal kommen Menschen in den vorderen Teil der Höhle. Wenn ich genau hinhöre, vernehme ich ihre Stimmen. Sie klingen seltsam und fremd. Hastig und aufgeregt und ungeheuer lebendig. Ganz anders als das monotone Tropfen des Wassers oder das gemächliche Tapsen von nasskalten Olmfüßen.

Bis heute habe ich nie einen Menschen gesehen. Sie sind nie bis hierher in den hintersten Teil der Höhle gekommen. Bis heute. Heute hat sich meine Welt auf spektakuläre Weise verändert. Ich hörte sie lange, bevor ich sie sah. Der Lärm ihrer scharrenden Füße auf dem Geröllboden übertönte ihre Stimmen und versetzte das Gefüge der Stille in Unruhe.

Sie kamen näher und brachten Licht mit. Zum ersten Mal seit Urzeiten fiel Licht auf mich. Nicht mehr als der funzelige Strahl einer Taschenlampe, aber nach der endlosen Finsternis war es blendend hell. Ich konnte spüren, wie der Lichtstrahl über meinen Rücken glitt und schließlich ausgerechnet auf der großen, verhassten Beule verharrte. Gerne hätte ich sie versteckt und mich in meiner ganzen natürlichen Schönheit präsentiert, ohne diesen absonderlichen Auswuchs.

Es tropft IV

„Sieh nur, da wächst ein Tropfstein. Ist er nicht wunderschön?“ Die helle Kinderstimme klang ehrfürchtig, und ich begriff erst, dass sie von mir sprach, als sich eine warme, weiche Hand vorsichtig auf den Fortsatz auf meinem Rücken legte.

Der Strahl der Taschenlampe wanderte an der Beule entlang. Zum ersten Mal konnte ich sie sehen. Sie ist größer, als ich vermutet habe, mehr eine Säule, als eine Beule. Rostrosa schimmerte der schlanke, feuchte Auswuchs an meinem Rücken. Er ist tatsächlich wunderschön. Ich kann nicht glauben, dass Hass etwas so Schönes schaffen kann. Der Zeitraum eines Wimpernschlages genügte, um mich an der Überzeugung von Jahrtausenden zweifeln zu lassen. Sanft streichelte die Hand über die Säule und wischte die Feuchtigkeit und den Hass weg.

Die Kinderhand löste sich von meinem Rücken und fing einen Wassertropfen auf, bevor er mich traf. So lange ich zurückdenken kann, war das die einzige Unregelmäßigkeit im Tropfen des Wassers. Es war irritierend, fast so, als würde ich den Halt verlieren.

Ein letztes Mal strichen die Finger vorsichtig über meinen Rücken, bevor sie sich endgültig zurückzogen. Das Licht verschwand und mit ihm die Menschen. Ihre Stimmen wurden leiser.

„Das ist eine tolle Höhle“, hörte ich die hellere von beiden noch sagen. „Aber das Tollste ist der Tropfstein. Kommen wir bald zurück und sehen nach, ob er weiter gewachsen ist?“

Die Antwort hörte ich nicht mehr. Ich liege im Dunkeln und warte, dass die Stimmen wiederkommen. Warte auf eine warme Hand, die mich behutsam streichelt. Geduldig warte ich auf die nächsten Wassertropfen, die auf meinen Rücken fallen und meine Schönheit langsam, ganz langsam, vollenden.

von Claudia Lampert
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