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Europa-Pioniere – Phantasten, Denker, Visionäre

Das Mittelmeer wird trockengelegt, ein gigantischer Staudamm, der die Meerenge zwischen Gibraltar und Tanger schließt, macht es möglich. Das Ziel: Das sich über viele Jahrzehnte erstreckende Großprojekt führt zunächst die Staaten Europas zusammen, dann Europa und Afrika aus beiden entsteht der neue Kontinent “Atlantropa. Entsprungen ist diese kühne Vision in den 1920er Jahren dem deutschen Architekten Herman Sörgel (1885-1952). Bis zu seinem Tod verfocht er leidenschaftlich seine Idee, doch über das Stadium des Reißbretts gelangte sie trotz großen öffentlichen Interesses nicht hinaus. Ursprünglich hatte Sörgel seinen neuen Kontinent Panropa genannt, angelehnt an die Paneuropa-Union, deren Anhänger er war. Die “goldenen 20er Jahre des 20. Jahrhunderts waren ein produktives Jahrzehnt für Visionäre, so mancher große Plan für die Entwicklung Europas wurde geschmiedet: Der Weltkrieg hatte tiefe Spuren hinterlassen und die Frage nach einer friedlichen Gestaltung der Zukunft gestellt.

Richard Coudenhove-Kalergi: Paneuropa

Auch der Österreicher Richard Coudenhove-Kalergi (1894-1972) war ein solcher Visionär, der sich Anfang der 1920er Jahre seine Gedanken über die Zukunft Europas machte: Wie kann verhindert werden, dass die europäischen Staaten nochmals in den Krieg ziehen? Seine Antwort fand er in einem Paneuropa, einem Staatenbund mit Verfassung und Parlament. Um seine Idee zu propagieren, gründete er 1923 die Paneuropa-Union. Es gelang ihm, einflussreiche Mitstreiter von seinen Vorstellungen zu überzeugen, darunter Albert Einstein, Gustav Stresemann und Aristide Briand. Und doch war der “Gentleman Europas seiner Zeit noch zu weit voraus. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zeit reif, um seine Ideen in die Tat umzusetzen zumindest ansatzweise.

Winston Churchill: Vereinigte Staaten von Europa

Sie wirkte wie ein Fanal, die Rede von Winston Churchill (1874-1965), die der einstige britische Premier in der Universität von Zürich am 19. September 1946 hielt der Zweite Weltkrieg war noch in frischer Erinnerung. Als Lehre aus dem Krieg, so Churchill, müssten die Staaten des Kontinents “eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen. Und weiter: “Es wird keine Erneuerung Europas geben ohne ein geistig großes Frankreich und ein geistig großes Deutschland. Wenn das Gebäude der Vereinigten Staaten von Europa gut und gewissenhaft errichtet wird, muss darin die materielle Stärke eines einzelnen Staates von untergeordneter Bedeutung sein. Kleine Nationen werden ebensoviel zählen wie große und sich durch ihren Beitrag zur gemeinsamen Sache Ehre erwerben.

Der auf Churchills Initiative einberufene und im Mai 1948 in Den Haag tagende Europa-Kongress stellte das Signal für die Gründung des Europarates im Mai 1949. Doch die neue Organisation war lediglich als eine zwischenstaatliche Vereinigung konzipiert, ihre Mitglieder sollten weiterhin die volle Souveränität behalten.

Jean Monnet und Robert Schuman: Europäische Gemeinschaften

Auch in der Regierung der Grande Nation hielt man schon wenige Jahre nach dem Krieg eine Einigung Frankreichs und Deutschlands für unabdingbar, um den Frieden auf dem Kontinent langfristig zu sichern. Doch eine zwischenstaatliche Organisation schien dafür nicht geeignet, so die Überlegungen in Paris: Nur eine überstaatliche, supranationale Organisation, auf die die Mitglieder Souveränitätsrechte übertragen, könne den Frieden garantieren. In diese Richtung gingen die Ideen, die sich der Planungskommissar Jean Monnet (1888-1979) machte. Seine Gedanken fanden die Zustimmung von Außenminister Robert Schuman (1886-1963) und der französischen Regierung.

Am 9. Mai 1950 präsentierte Schuman den Plan, der mit seinem Namen verbunden in die Geschichte eingehen sollte: “Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen, führte Schuman aus, um dann zu verkünden: “Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird. Das begonnene Werk muss in erster Linie Deutschland und Frankreich erfassen. (...) Die französische Regierung schlägt vor, die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion unter eine gemeinsame Hohe Behörde zu stellen, in einer Organisation, die anderen europäischen Ländern zum Beitritt offen steht.

Bewusst hatten Monnet und Schuman die Kohle- und Stahlproduktion als entscheidend für die europäische Einigung gehalten: Die Montanindustrie war in beiden Kriegen die bedeutendste Wirtschaftsbranche. Mit ihrer Kontrolle durch eine supranationale Behörde sollte für immer die Saat des Friedens in Europa gelegt werden. 1950 war dies eine revolutionäre Idee: Nur fünf Jahre nach dem Krieg reichten die Franzosen den Deutschen die Hand zu einer dauerhaften Partnerschaft.

Der Schuman-Plan legte den Grundstein für eine stetig fortschreitende Integration in Europa. Er führte 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS); neben Frankreich und Deutschland beteiligten sich von Beginn an auch Italien und die drei Benelux-Staaten; 1957 gründeten die Sechs die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und die Europäische Atomgemeinschaft (EAG/Euratom).

Altiero Spinelli: Europäische Union

Zwar sollten die Europäischen Gemeinschaften ihre Integration schrittweise vertiefen, doch fehlte vielen überzeugten Europäern der große Durchbruch: So lange der wirtschaftlichen Integration die politische nicht folgte, müsste das Werk unvollendet bleiben. Vor allem das Europäische Parlament (EP) hat im Verlauf seiner Geschichte immer wieder Vorstöße in diese Richtung unternommen. So nahm das EP 1984 einen Bericht des italienischen Europa-Abgeordneten Altiero Spinelli (1907-1986) an der Titel: “Vertragsentwurf zur Gründung der Europäischen Union (Spinelli hatte bereits 1941 eine Verfassung für eine europäische Föderation entworfen). Der Bericht sollte wichtige Weichen stellen, die schließlich 1992 mit dem “Vertrag von Maastricht zur Gründung der Europäischen Union (EU) führten deren “ersten Pfeiler die drei Gemeinschaften bildeten.

Frage der Finalität nicht beantwortet

Trotz aller Fortschritte ist die Frage der “Finalität bis heute nicht beantwortet: Welche Gestalt soll Europa einmal endgültig annehmen? Soll aus der EU ein Bundesstaat entstehen, die Vereinigten Staaten von Europa? Oder ein Staatenbund souveräner Staaten? Oder etwas anderes? Über diese Fragen versuchen auch die Mitglieder des “Konvents zur Zukunft der Europäischen Union bis Mitte 2003 eine Antwort zu finden. Wahrscheinlich ist, dass ihre Vorschläge sehr pragmatisch und auf die nähere Zukunft ausgerichtet sind. Denn die großen Visionen fehlen in der Europadebatte der jüngsten Zeit oder finden keinen Anklang. Und dennoch rücken selbst so kühne Pläne wie die des Architekten Herman Sörgel in die Nähe ihrer Verwirklichung: Bis 2010 will die EU mit den Staaten Nordafrikas eine Freihandelszone schaffen, damit die Maghreb-Staaten politisch und wirtschaftlich näher an Europa heranrücken ganz ohne Trockenlegung des Mittelmeeres.

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