“Die Völker Europas sind entschlossen, auf der Grundlage gemeinsamer Werte eine friedliche Zukunft zu teilen, indem sie sich zu einer immer engeren Union verbinden. In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität. Sie beruht auf den Grundsätzen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit.” Aus der Präambel der im Dezember 2000 proklamierten “Charta der Grundrechte der Europäischen Union”.
Die Herkunft Europas
Europa stammt aus Asien. Europa ist jung, hübsch und lässt sich erst entführen, dann verführen. So ließe sich eine Episode aus der griechischen Mythologie über den Ursprung Europas zusammenfassen. Demnach näherte sich vor langer Zeit Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers einer Gruppe von Mädchen, die an der Küste des phönizischen Ortes Tyros zum Spiel versammelt waren (heute: die Grenzregion von Israel und dem Libanon). Unter den Mädchen befand sich die Tochter des Königs Agenor: Europa. Mit ihr auf dem Rücken schwimmt Zeus nach Kreta, wo beide drei Söhne zeugen. Soweit der Mythos.
Doch was bedeutet das Wort “Europa”? Weit verbreitet ist die Hypothese, dass es aus dem Akkadischen stammt; die Akkader waren von der arabischen Halbinsel ins Zweistromland (heute: Irak) eingewanderte Semiten. In ihrer Sprache bedeutete das Wort erebu “untergehen” und das Wort asu “aufgehen”. Asu könnte die Wurzel von “Asien” sein, womit sich die Gleichung ergebe: Asien = wo die Sonne aufgeht (später als Morgenland bezeichnet); Europa = wo die Sonne untergeht (später als Abendland bezeichnet). Ebenso halten es Sprachwissenschaftler für möglich, dass der Ursprung des Begriffs “Europa” im griechischen “eurus” (weit) liegt. Zweifelsfrei klären ließ sich diese Frage jedoch nicht.
Die Geografie Europas
Vom Atlantik bis zum Ural reicht Europa – so die heutige Auffassung. Doch wo Europa anfängt und wo es aufhört, über diese Frage zerbrachen sich schon griechische Gelehrte den Kopf. So schrieb der Historiker Herodot (um 484-425 v. Chr.): “Was Europa betrifft, so weiß niemand, ob es von Meer umgeben ist oder woher es seinen Namen erhielt und wer ihn dem Kontinent gab, es sei denn wir einigen uns darauf, dass er von einer tyrischen Frau namens Europa stammt und vor ihr ebenso namenlos war wie die anderen Kontinente. (...) Genug von diesem Thema. Ich meinerseits werde jedenfalls weiterhin die Namen gebrauchen, die durch die Gewohnheit vertraut geworden sind.”
Für alte wie junge Griechen war Europa das, was nördlich von ihnen lag, sie selbst sahen sich im Zentrum der in der Antike bekannten drei Kontinente, wie Giovanni Boccaccio in einem Kommentar zur Göttlichen Komödie Dantes 1373 meinte: “Den Menschen des Altertums gefiel es, dass die bewohnte Welt unserer nördlichen Halbkugel in drei Teile geteilt wurde, die sie Asien, Europa und Afrika nannten. Und so scheint die Insel Kreta (auf die Zeus Europa entführte, Anm. Red.) an der Grenze aller drei Teile der Welt zu liegen.”
Zwar besteht heute Einigkeit über die Grenzen Europas, dennoch ist die Geografie noch heute ein Politikum. Denn wer zu Europa gehört, dem kann nach den Statuten von Europarat und Europäischer Union der Zutritt zu diesen Organisationen nicht verwehrt werden (eine wirksame Demokratie vorausgesetzt). Der 1949 gegründete Europarat in Straßburg zählt zu seinen 44 Mitgliedern die Türkei und Russland ebenso wie die kaukasischen, in Vorder-Asien liegenden Staaten Armenien und Aserbaidschan. In der EU sind hingegen bislang nur westeuropäische Staaten Mitglied; die Osterweiterung der Union ist auch vor diesem Hintergrund ein Schritt, um den Kontinent zu einen. Doch noch ist es in den christlich geprägten Staaten der EU sehr umstritten, ob auch die Türkei, selbst wenn sie die politischen Voraussetzungen erfüllt, langfristig der EU angehören soll. Nicht nur die Geografie, sondern eben auch die Religion spielt im abendländischen Denken noch eine einflussreiche Rolle bei der Frage, wer zu Europa gehört.
Doch wie definiert sich Europa tatsächlich – geografisch, kulturell oder religiös? Eine klare Antwort hat der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy: “Europa, das kann man nicht oft genug wiederholen, ist kein Ort, sondern eine Idee. Es ist eine Kategorie nicht des Seins, sondern des Geistes.” Ein Kind dieses Geistes ist die Europäische Union, das weltweit erfolgreichste Integrationsprojekt von Staaten. Und doch hat sich die EU bislang mehr durch das Sein als durch den Geist definiert. Der “Konvent zur Zukunft der EU” soll klären, welche Werte die Union hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Konventsmitglieder die Antwort in einer Verfassung der EU finden. Für die böte die im Dezember 2000 proklamierte “Charta der Grundrechte der Europäischen Union” einen Grundstein.
Die Symbole Europas
Seine identitätsstiftenden Symbole hat Europa bereits gefunden. Der 1949 gegründete Europarat hat 1955 die Europa-Flagge eingeführt: Vor einem blauen Himmel heben sich 12 im Kreis angeordnete Sterne ab. Das Blau soll den wolkenlosen Himmel als Zeichen des Friedens darstellen, die 12 die Vollkommenheit, der Kreis die Einigkeit der europäischen Völker. Der Europarat nahm Anleihen beim Symbol der Paneuropa-Bewegung, das der Gründer Richard N. Coudenhove-Kalergi 1923 entworfen hatte. Nach Intervention der Türkei verzichtete der Europarat auf das rote Kreuz in der Mitte, das Symbol der Christenheit, das die Paneuropa-Bewegung noch heute führt. Auf Initiative des Europäischen Parlaments übernahmen 1986 auch die Europäischen Gemeinschaften (EG) den Sternenkranz als einendes Symbol. Auch die Hymne teilen sich Europarat und Europäische Union: Die Ode “An die Freude” ist der bearbeitete letzte Satz der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven. Beim Europarat erklingt sie seit 1972, bei der EG seit 1986.
Nur feiern mögen beide nicht gemeinsam. Während der Straßburger Europarat seit 1964 am 5. Mai an seine Gründung erinnert, gedenkt die EG seit 1986 am 9. Mai der Erklärung Robert Schumans aus dem Jahr 1950. Trotz des Luxus von zwei “Europa-Tagen” und zahlreicher Veranstaltungen in den Mitgliedstaaten, finden beide bei den Bürgern nur mäßigen Anklang. Ein gesetzlicher gesamteuropäischer Feiertag, der das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken könnte, ist noch nicht in Sicht.
Die Identität Europas
Neben Symbolen wie der Europa-Flagge verbindet die EU-Bürger auch Praktisches: die 1993 geschaffene Unionsbürgerschaft, die Reisepässe und Führerscheine, und in 12 Staaten der EU auch die Währung, den Euro. Doch sind diese Dinge identitätsstiftend? Fühlen sich EU-Bürger eher ihrer Nationalität zugehörig, oder verstehen sie sich mehr als Europäer? Auskunft darüber liefert der Eurobarometer, eine regelmäßig in allen Mitgliedstaaten durchgeführte Umfrage der Europäischen Kommission.
Die Eurobarometer-Meinungsforscher ermittelten, dass sich 53 Prozent aller Unionsbürger bereits mehr als Europäer verstehen. Gleichwohl ist die Schere weit geöffnet: Sie reicht von 75 Prozent Europa-Anhängern im Fürstentum Luxemburg bis 28 Prozent auf der britischen Insel. Die Deutschen liegen im mittleren Bereich: 56 Prozent von ihnen zieht es mehr zu den europäischen Sternen als zum schwarz-rot-goldenen Banner. Der Euro fördert das europäische Bewusstsein: In den 12 Staaten der Euro-Zone meinten Ende 2001 fast zwei Drittel (64 %) der Bürger, dass sie sich “durch die Verwendung des Euro anstelle ihrer Nationalwährung mehr als Europäer fühlen als vorher.”
Soviel der befragten EU-Bürger sehen sich “überwiegend als Europäer” (in %):
| Luxemburger | 75 |
| Italiener | 66 |
| Franzosen | 64 |
| Dänen | 60 |
| Spanier | 59 |
| Deutsche | 56 |
| Niederländer | 54 |
| Belgier | 53 |
| Österreicher | 52 |
| Schweden | 49 |
| Portugiesen | 48 |
| Irländer | 43 |
| Griechen | 41 |
| Finnen | 40 |
| Briten | 28 |
| EU-Durchschnitt | 53 |
Quelle: Europäische Kommission – Eurobarometer Nr. 56, Okt.-Nov. 2001









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