Feindschaft im Dienst der Literatur | wissen.de
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Feindschaft im Dienst der Literatur

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Walser und Marcel reich-Ranicki 1996 in Frankfurt
Walser und Marcel reich-Ranicki 1996 in Frankfurt
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Marcel Reich-Ranicki
Marcel Reich-Ranicki
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Marcel Reich-Ranicki am 15.12.2001 im Schloss Bellevue in Berlin
Marcel Reich-Ranicki am 15.12.2001 im Schloss Bellevue in Berlin
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Martin Walser, 1968
Martin Walser, 1968
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So groß der Aufschrei der Entrüstung auch sein mag: Der Roman Tod eines Kritikers kommt nicht von ungefähr. Wer die Motivation Walsers gigantischer Abrechnung mit Marcel Reich-Ranicki richtig einordnen will, muss die Entstehung der ambivalenten Beziehung zwischen Autor und Kritiker kennen. Seit Anfang der Sechziger beharken sich Marcel Reich-Ranicki und Martin Walser bereits - ein Abriss.

Der Autor und sein Peiniger

Walser und Marcel reich-Ranicki 1996 in Frankfurt

Walser und Marcel reich-Ranicki 1996 in Frankfurt

Es klingt nach einem tiefen Bekenntnis: “Ich konnte nichts mehr zwischen mich und den bringen. Tag und Nacht kamen aus meinem Mund die Sätze des Allmächtigen. Ich hatte selber nichts mehr zu sagen. Mußte wiederholen, was der Allmächtige gesagt hat. Und nur weil der die Macht hatte, waren seine Sätze mächtig. Als solche belanglos, mit Macht, vernichtend. Meine Eingeweide verhärten sich, mein Atem will nicht mehr. Hinausrennen ins Freie. Er oder ich. Wahrscheinlich der gleiche Effekt, wie wenn man in einer kommunistischen Diktatur aus der Partei ausgestoßen wurde.“

So eindringlich beschreibt der leidende Protagonist Hans Lach in Tod eines Kritikers sein Verhältnis zu André Ehrl-König - oder besser: zu dem, was er aus Lach gemacht hat. Keine Frage: So schreibt nur ein Gepeinigter, ein Gequälter - ein Autor, der zu viele Tiefschläge hat einstecken müssen. Genau das ist nämlich das Thema des neuen Martin Walser-Romans: Die Machtausübung im deutschen Literaturbetrieb durch seine Starkritiker, hier repräsentiert durch André Ehrl-König.

Dieses Verhältnis war einmal ganz anders gewichtet: Früher war der Kritiker ein Sklave des Autors, ehe er jenen nun selbst immer mehr durch seine Rezensionen unterwarf. Alle Leser, die Marcel Reich-Ranicki angesichts der fraglos unfeinen Bemerkungen im Tod eines Kritikers zu Hilfe eilen, sollten dies bedenken: Der Dichter hat zuerst das Wort. Schließlich: Ohne das Buch keine Rezension. Bei allem schriftstellerischen Scheitern - was wäre der Kritiker ohne den Autor?

Was wir in der Mediengesellschaft der Nachkriegszeit, spätestens aber seit den achtziger Jahren erleben, ist eine Inszenierung des Feuilletons bis zur Selbststilisierung, die in der Diskussion um Tod eines Kritikers ihren bisherigen Höhepunkt genommen hat - Nobelpreisträger Grass nannte sie in der Talkshow Boulevard Bio “einen Feuilletonkrieg“. Wer die Diskussion verfolgt hat, bekommt oft genug den Eindruck, nicht leserorientierte Kritiker, sondern verhinderte Schriftsteller leisten ihren selbstzufriedenen Beitrag, der sich nur allzu gern in überflüssigen Schnörkeln und rhetorischen Ehrenrunden verliert.

Meister der Selbstinszenierung

Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki

Der hervorstechendste Akteur der Selbstinszenierungskunst ist freilich Marcel Reich-Ranicki selbst. Es gibt wahrscheinlich weltweit keinen Literaturkritiker mit einem solchen Einfluss - sein Wort hat Gewicht, entscheidet nicht nur über Auflage, sondern auch über Weihe und Weh im deutschen Literaturbetrieb. In den letzten fünfzig Jahren hat Reich-Ranicki die deutsche Literatur mit seiner Kritik fast mehr geprägt als die Autoren mit ihrer Prosa.

Mit seinen fast 82 Jahren füllt Marcel Reich-Ranicki ein Machtvakuum aus, das im deutschen Literaturbetrieb einmalig ist. In seiner unvergleichlich martialischen Art hat Ranicki Bücher im Literarischen Quartett verrissen - und damit, unabhängig von der breiten Rezeption des Feuilletons, das literarische Schicksal besiegelt. Seine Meinung - nicht die Einschätzung, nicht die Analyse - entscheidet, ist Schicksal, fast Gesetz. Die Instanz des guten Geschmacks in der deutschsprachigen Literatur dieser Tage ist Marcel Reich-Ranicki, der - so mögen es viele Autoren empfinden - die Branche regiert wie ein moderner Monarchist. Ein solches Bild entwirft zumindest Martin Walser, mit stark karikierenden Zügen, von Reich-Ranicki durch die Figur des Starkritikers André Ehrl-König:

“Aber der Keritiker hat, wenn er Keritiker ist, weder Feroind noch Feind. Seine Sache ist, solange er urteilt, die doitsche Literatür. Wenn er, Ehrl-König, ein paar Tage hintereinander doitsche Gegenwartsliteratür lesen müsse, beneide er die Loite von der Müllabfuhr. Wie elegant schwingen die die Kübel voll des übelen Zoigs hinauf zum Schelucker, schwupps, und weg ist das Zoig, der Kübel wieder leicht und leer, aber wie lange habe er, der Keritiker, zu würgen und zu gacksen, bis er so einen doitschen Gegenwartsroman dort habe, wo der hingehört: in den Müll.“

Der Star ist der Kritiker

Marcel Reich-Ranicki am 15.12.2001 im Schloss Bellevue in Berlin

Marcel Reich-Ranicki am 15.12.2001 im Schloss Bellevue in Berlin

Genau diese Kunstfertigkeit zum medienwirksamen Totalverriss hat Marcel Reich-Ranicki im vergangenen halben Jahrhundert perfektioniert. Sicher: Der Mann kann schreiben. Doch noch besser, weil unterhaltsamer, kann er reden. Seine Schimpfarien sind gefürchtet wie geschätzt. Wenn Reich-Ranicki zum Schlag ausholt, fliegen die Fetzen, soviel ist sicher. Es ist dieser blanke Voyeurismus, der einer Kultursendung wie dem Literarischen Quartett Einschaltquoten in Mainstream-Regionen bescherte. Doch der Verriss vor einem Millionenpublikum ist ein perfides Gesellschaftsspiel: Sich am Leid des Gescholtenen zu ergötzen, sich an seiner Unzulänglichkeit zu erfreuen - das appelliert sehr ans deutsche Gefühl der Schadenfreude, das in Late Night-Sendungen von Harald Schmidt und Stephan Raab schon millionenfach veredelt wurde.

Für den Autor, das muss Walser-Alter Ego Lach erfahren, wird ein Verriss zur emotionalen Höchststrafe: “Er kann dich am effektvollsten vernichten, wenn er aufstöhnt, mit hochgeworfenen Händen aufschreit: Und das müsse er sagen über das Buch eines Feroindes. Daß der Mächtigste dein Feind ist, ist nicht das Schlimmste, sondern daß er jedesmal wenn er dich erledigt, bevor er dich erledigt, wieder mit zum Himmel gedrehten Augen seufzt, wie ungern er sage, was er jetzt über Hans Lachs neuestes Buch sagen müsse, daß es nämlich von Grund auf mißglückt sei, das über den Feroind Hans Lach zu sagen, den er trotz dieses wieder mißglückten Buches für einen unserer interessantesten, zurechnungsfähigsten Scheriftstellerr halte, das schaffe er nur, weil er sich stets der höheren Weisung bewußt sei, daß er zu dienen habe dem Wohl und Gedeihen der doitschen Literatür.“

Der Autor ist der Besiegte

Wie muss sich ein Autor fühlen, der diesen literarischen Alleinherrscher mit seinen Werken nährt, wenn er, der Richter, sein Werk verurteilt, es vernichtet, an ihm kein gutes Harr lassen will - und damit: genauso wenig an der persönlichen Integrität des Autors? Martin Walser hat seinen Gefühlen, die er in Essays und Interviews immer wieder einmal andeutete, durch den Protagonisten Hans Lach plastisch Ausdruck verliehen:

“Hans Lach, kam mir vor, war noch nicht besiegt, war aber besiegbar. Vielleicht war er in der letzten SPRECHSTUNDE besiegt worden. Besiegt, das heißt: davon erholst du dich nicht mehr. Deshalb schämte er sich. Der Besiegte schämt sich. Er weiß, daß er seine Niederlage sich selber zuzuschreiben hat. Er kann protestieren, argumentieren - es nützt nichts. Besiegt zu sein, das ist ein Zustand, der von keinem Argument berührt oder gemildert werden kann. Das erlebte ich an Hans Lach. Du kannst andere beschuldigen, aber du weißt: du allein bist die Ursache deiner Niederlage.“

Die Perversion liegt indes in der Täter-Opfer-Konstellation: Der Autor darf nicht einmal zur Hinrichtung Stellung beziehen - er wird nur vorgeführt. Jenen Hang zur Verurteilung, den Walser im Tod eines Kritikers auch “Herabsetzungslust“ und “Verneinungskraft“ nennt, kultiviert Reich-Ranicki in seinen Rezensionen schon seit den frühen Fünfzigern. Besonders Martin Walser war ihm ein willkommenes Opfer.

Walser, das gebrannte Kind

Martin Walser, 1968

Martin Walser, 1968

So beginnt sein Verriss von Jenseits der Liebe (1976) etwa mit den Worten: “Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.“ In der Rezension aus der FAZ reicht es Reich-Ranicki nicht, den vorliegenden Roman zu kritisieren - es muss gleich das Oeuvre des Autors unter Beschuss genommen werden:

“Vor Jahren konnte man sich darüber Gedanken machen, ob die Sprache das Instrument Walsers sei oder Walser lediglich ein Medium der Sprache. Heute sind solche Überlegungen gegenstandslos. Von seiner rühmlichen Empfänglichkeit für Töne und Zwischentöne ist buchstäblich nichts geblieben. Die Sprache verweigert sich ihm, seine Diktion ist jetzt saft- und kraftlos: In der Asche gibt es keinen Funken mehr.“

Und wenn Reich-Ranicki einmal lobt, so ist es doch nie ein hundertprozentiges Lob. Das fällt auch im Roman Ehrl-Königs Macher, Rainer Heiner Henkel, auf: “Ehrl-König habe einmal zu ihm gesagt, er sei zu reiner Verehrung nicht im Stande. Und da nichts in der Welt reiner Verehrung wert sei, erfülle er eine für die Welt unersetzbare Funktion: Die Aufhebung jeder Verehrung durch ein Gegenteil.“

Wild-West der Literaturszene

Genau das wird auch bei seiner Laudatio auf Martin Walser (1981) deutlich: “Er stolpert häufig. Schon glaubt man, dass er fällt, dass er auf dem Boden liegt. Aber er steht - und immer höher. Meist sind es Niederlagen und halbe Fehlschläge, die seinen Lebensweg markieren. Indes: Er ist nicht nur anatomisches Wunder, sondern auch noch ein arithmetisches. Denn Walsers halbe Fehlschläge ergeben einen ganzen Sieg.“

Genauso fällt Reich-Ranickis Gesamturteil anlässlich der Rezension von Ohne einander (1993) aus: “Ach, es ist schon ein Kreuz mit diesem Martin Walser. Aber welch ein Glück, dass wir ihn haben.“ Dieses dann doch positive Urteil wirkt jovial, fast gönnerhaft. Martin Walser sieht darin längst taktisches Kalkül:

“Das ist die Technik des Westerns: Die prügeln einander, dann geht der eine zu Boden und wird mit Wasser überschüttet, dass er noch eine Runde durchstehen kann. So schüttet Reich-Ranicki immer wieder Kübel Wasser. Denn wenn er einen wegwischen würde, dann hätte er ja beim nächsten Mal kein Opfer mehr.“

Worte wie diese konnten Reich-Ranicki bis zur jüngsten Romanveröffentlichung nicht herausfordern: “Er hat mich oft amüsiert, mitunter betrübt, nie verletzt und gelegentlich verblüfft.“ Wie es jedoch um das Verhältnis zwischen dem Autor und Kritiker nach Veröffentlichung von Tod eines Kritikers bestellt ist, lassen die Äußerungen Reich-Ranickis in seiner letzten Solo-Sendung erahnen - das Tischtuch ist zerschnitten.

Von Nils Jacobsen

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