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Flüchtlingskinder: Wie gelingt die Integration in Schule und Kindergarten?

Mit den aus Kriegsgebieten zu uns kommenden Flüchtlingen kommen auch viele Kinder. Für sie ist es wichtig, möglichst bald wieder in die Schule gehen zu können, damit sie eine Chance auf eine gute Bildung haben. Aber wie gut schaffen es Flüchtlingskinder, in den deutschen Kindergärten und Schulen Fuß zu fassen? Im Interview erklärt uns die Psychologin Petra Stanat vom Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung, wo die Probleme liegen und was schon ganz gut funktioniert.

Schulkinder
Wie gut schaffen es Flüchtlingskinder, in den deutschen Kindergärten und Schulen Fuß zu fassen?

Wovon hängt die gute Integration in den Schulen und Kindergärten ab?

Stanat: Gute Integration im Bildungssystem hängt zum einen von den Lernvoraussetzungen ab, die Kinder und Jugendliche mitbringen, und zum anderen von der Qualität der Förderung und Unterstützung, die sie in Kindergärten und Schulen erhalten. Zugewanderte Familien und ihre Kinder haben oft hohe Erwartungen – sie wollen im Aufnahmeland erfolgreich sein und sind entsprechend motiviert.

Je nachdem, wie alt die Heranwachsenden zum Zeitpunkt der Zuwanderung sind und wie anregungsreich ihr familiäres Umfeld ist, bringen sie zudem schulbezogenes Vorwissen mit, an das angeknüpft werden kann. Gute Integration setzt voraus, dass dieses motivationale und kognitive Potenzial vom Bildungssystem erkannt und aufgegriffen wird, was wiederum eine effektive und effiziente Sprachförderung erfordert.

Was nicht passieren darf ist, dass zugewanderte Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse scheitern. Dies würde Chancen ungenutzt lassen und Frustration auslösen – sowohl auf Seiten der Zugewanderten als auch auf Seiten der Aufnahmegesellschaft. Und natürlich darf nicht vergessen werden, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien oft traumatisiert sind. Erfolgreiche Integration setzt auch voraus, dass diese Kinder dabei unterstützt werden, ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

Gibt es Erfahrungswerte, wie schnell Kinder und Jugendliche, die eine deutsche Schule oder einen Kindergarten besuchen, Deutsch lernen?

Stanat: Diese Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten. Wie schnell die deutsche Sprache erworben wird, hängt unter anderem vom Lebensalter der Heranwachsenden ab – je jünger ein Kind zum Zeitpunkt der Zuwanderung ist, desto schneller wird es in der Regel Deutsch lernen. Aber auch das in der Muttersprache erreichte Niveau kann den Lernerfolg bei der Zweitsprache beeinflussen. Auch ob ein Kind oder ein Jugendlicher in seiner Muttersprache bereits lesen und schreiben kann wird einen Einfluss auf die Zweitsprachentwicklung haben.

Mit anderen Worten: Es hängt sehr stark vom Einzelfall ab, wie intensiv und wie lange ein Kind oder ein Jugendlicher sprachlich gefördert werden muss. Hinzu kommt, dass die sprachlichen Anforderungen mit fortschreitender Bildungslaufbahn ansteigen. In aller Regel wird es daher erforderlich sein, auch nach einer intensiven Anfangsförderung, etwa in sogenannten Willkommens- oder Vorbereitungsklassen, die bildungssprachliche Entwicklung weiterhin zu unterstützen.

Sind Schüler in Klassen mit Flüchtlingskindern benachteiligt? Lernen sie langsamer oder schlechter dadurch, dass sie gemeinsam mit Kindern ohne Deutschkenntnisse unterrichtet werden?

Stanat: Wir wissen aus einer ganzen Reihe von Studien, dass in Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Zuwanderungshintergrund tendenziell geringere Leistungen erzielt werden. Dies lässt sich aber vollständig auf die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft zurückführen. Entscheidend ist also nicht, ob viele Kinder und deren Eltern zugewandert sind, sondern wie viele Kinder aus eher bildungsfernen Familien stammen.

Ich vermute, dass sich diese Ergebnisse auch auf die aktuelle Flüchtlingssituation übertragen lassen. Viele der geflüchteten Familien sind bildungsorientiert und haben hohe Erwartungen für ihre Kinder, was sich sogar positiv auf die Lehr-Lernsituation in der Klasse auswirken sollte. Damit sich dieses Potenzial entfalten kann, müssen die Schülerinnen und Schüler allerdings effektiv dabei unterstützt werden, die sprachlichen Hürden, mit denen sie konfrontiert sind, zu überwinden.

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Deutsche Gesellschaft für Psychologie, 07.12.2015
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