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wissen.de Artikel

Generation Altersarmut

Gibt’s ein Kraut gegen Altersarmut?

Altersarmut bedroht immer mehr Menschen in Deutschland: Schon heute haben Rentner deutlich weniger Geld zur Verfügung als noch vor zehn Jahren. Immer häufiger werden Ruheständler zu Minijobbern. Trotzdem sind immer mehr Alte auf staatliche Unterstützung angewiesen, weil ihre Rente einfach nicht reicht. Und in keiner anderen Bevölkerungsgruppe steigt das Armutsrisiko stärker als bei den Alten. Dennoch, sagt der 28-jährige Wolfgang Gründinger, leben die Rentner heute noch in „goldenen Zeiten“. Wolfgang Gründinger ist Mitglied im Think Tank 30 des Club of Rome und Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Erst seine Generation werde so richtig zu spüren bekommen, was Altersarmut bedeutet. Darum verlangt der „Zukunftslobbyist“ mehr Generationengerechtigkeit. Was der selbst ernannte „Anwalt der Jungen“ darunter versteht, wird vielen Alten gar nicht schmecken.

Wolfgang Gründinger

wissen.de:  Altersarmut ist in aller Munde. Das Versprechen einer sicheren Rente scheint gebrochen, wenn selbst die Arbeitsministerin den heutigen Normalverdiener als Rentner beim Sozialamt sieht. Wie groß ist Ihre Angst, im Alter arm zu sein?

Wolfgang Gründinger: Die Sorge vor Altersarmut ist berechtigt.  Das Rentenniveau wird in den nächsten zwei Jahrzehnten stark absinken, von derzeit 51 auf 43 Prozent. Die Rentenformel, wie wir sie heute haben, ist ungerecht, weil die Jüngeren zwar nach wie vor in die Rentenkasse einzahlen, aber nicht mehr das gleiche Rentenniveau erreichen werden. So würde ein Neurentner im Jahr 2030, der 37 Jahre lang einen Durchschnittsverdienst hatte und immer schön in die Rentenkasse eingezahlt hat, eine Rente auf dem Niveau der Grundsicherung beziehen (heute 688 Euro, die Red.). Mehr als einen Anspruch auf Sozialleistung hätten ihm die 37 Erwerbsjahre also nicht gebracht. Das ist schon eine große Ungerechtigkeit, dass wir Jungen in ein System einzahlen müssen, von dem wir wissen, dass wir kaum etwas herausbekommen.

wissen.de: Wo liegt in Ihren Augen die Ursache für die wachsende Altersarmut?

Gründinger: Die solidarische Rentenformel (Die jeweils junge Generation erwirtschaftet die Rente für die Alten, die Red.) ist durch die zahlreichen Rentenreformen in den letzten Jahren demontiert worden. Sinkende Renten sollten durch die staatlich geförderte Riesterrente ausgeglichen werden. Nach zehn Jahren sieht man jetzt aber, dass das nicht so gut funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat. Das Vertrauen in die hohen Renditen, die sich auf dem Kapitalmarkt erreichen ließen, hat sich als zu euphorisch erwiesen. Manche, die darauf gesetzt haben, haben praktisch ihre Altersvorsorge teilweise verloren.  Dazu kommt, dass die Riesterrente nichts weiter als ein Verschiebebahnhof ist. Weder die Sparquote noch die Zahl der sparenden Haushalte ist gestiegen. Es haben lediglich die, die vorher schon gespart haben, ihre Anlagen von nicht geförderten in staatlich geförderte umgewidmet. Altersarmut kann damit nicht bekämpft werden.

wissen.de: Wie denn sonst? Ihre Forderung, das Beste aus dem demographischen Wandel zu machen und mehr Generationengerechtigkeit walten lassen, klingt doch recht unrealistisch. Immerhin verstehen Sie darunter, dass sich die Alten mit den Jungen solidarischer zeigen sollen. Doch können die Alten wirklich mehr in ihre Enkelgeneration investieren, wo sie doch selbst immer öfter von Armut betroffen sind?

Gründinger: Also, die heutige Rentnergeneration lebt in goldenen Zeiten – im Vergleich zu dem, was bisher war, und zu dem, was noch kommen wird. In der Gesamtheit sind die Rentner heute ziemlich gut abgesichert. So ist die Anzahl der Älteren, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, deutlich niedriger als die der Kinder oder der Alleinerziehenden, die in Armut leben. Diese sind um ein Mehrfaches stärker belastet als die Älteren. Die Armut hat sich von den Älteren auf die Jüngeren verschoben. Das muss einmal gesagt sein.

Schon in wenigen Jahren wird die Rentnergeneration längst nicht mehr so abgesichert sein wie heute. Vielen wird Altersarmut drohen. Und das liegt auch daran, dass die Löhne im unteren Bereich eher noch weiter sinken statt steigen werden, sowie an dem Trend zu befristeten und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen, den wir heute schon haben. Die Rechnung vom fiktiven Eckrentner, der 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, ist jedenfalls schon längst nicht mehr Realität.

wissen.de: Das heißt, Sie halten Rentenkürzungen heute für ein solidarisches Mittel, um die Altersarmut der Zukunft zu bekämpfen?

Gründinger: Nein, denn schließlich funktioniert der Generationenvertrag nicht so, dass man den heutigen Rentnern etwas wegnimmt, damit die zukünftigen mehr haben. Damit der Generationenvertrag wieder funktioniert, also auch die jetzigen Beitragszahler auf eine Absicherung im Alter bauen können, muss er erneuert werden. Die Bürgerversicherung muss kommen. Das heißt: Alle zahlen in einen Topf ein. Und zwar auch die Beamten. Zum anderen muss die von Schwarz-Rot eingeführte Rentengarantie abgeschafft werden, nach der die Renten selbst dann nicht sinken, wenn die Löhne sinken. Das ist ungerecht. Denn wenn man sagt, dass die Rentner am wachsenden Wohlstand beteiligt werden sollen, dann muss man auch sagen, wenn der Wohlstand sinkt, sinken auch die Renten.

Schuld an der steigenden Altersarmut ist auch nicht allein der demographische Wandel. Es kommt nicht darauf an, wie alt eine Gesellschaft ist, die den Wohlstandskuchen backt, sondern wie raffiniert der Bäcker ist. Heißt: Wir müssen heute in Kinderbetreuung investieren, in Bildung, in Forschung und Entwicklung, in einen demographiefesten Umbau der Infrastruktur. Dann kann auch morgen noch die Rente finanziert werden.

wissen.de: Wie sähe denn für Sie ein funktionierender Generationenvertrag aus?

Gründinger: Ich will das mal am Symbolthema Rente erklären: Wenn Belastungen auf das Rentensystem zukommen durch den Arbeitsmarkt oder den demographischen Wandel, dann sollten diese Belastungen fair zwischen Rentnern und Beitragszahlern verteilt werden. Rentenbeiträge dürften dann nur noch steigen, wenn gleichzeitig Rentensteigerungen nach oben gedämpft würden.

wissen.de: Ist Altersarmut vorprogrammiert oder ist doch noch abwendbar?

Grüdinger: Ich bin da eher pessimistisch und werde sogar ein bisschen depressiv, weil ich sehe, dass die Rente nicht solidarisch organisiert ist. Aber man kann das Rentensystem auch wieder neu gestalten, solidarischer und gerechter machen, und dafür kämpfe ich ja auch.

 

Das jüngstes Buch von Wolfgang Gründiger „Wir Zukunftssucher. Wie Deutschland enkeltauglich wird“ ist im Herbst 2012 in der Edition Körber-Stiftung erschienen.

von wissen.de-Autorin Susanne Böllert
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4 Kommentare

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Egal ob Rente oder Gesundheitssystem der Grund warum es in Deutschland nicht funktioniert ist einfach erklärt: Der Mischmasch aus Gesetzlich und Privat. Es kann nicht funktionieren, wenn sich wie in der Rente die Besserverdienenden und Beamten einfach rausziehen können - genauso wie in der Kranken- und Pflegeversicherung. Entweder man macht alles Privat oder man macht alles gesetztlich - höchstens ergänzbar mit privaten Zusatzversicherungen. Hinzu kommt, das es gar nicht funktionieren kann, wenn man plötzlich der gesetzlichen auch noch ganze Länder wie die EX-DDR zuschlägt oder Rückwanderer aus Russland etc. Die Zahl der Empfänger wurde immer größer, die Zahl der Einzahler hingegen immer weniger. Andere Länder wie die Schweiz haben dies bereits vor Jahren erkannt und ihre Systeme angepasst - nur in Deutschland passiert seit Adenauer nichts und dem hat man schon gesagt, das ihm das eines Tages um die Ohren fliegen wird - nur auch den hat es da schon nicht interessiert.


Ein Kleingeist der behauptet, das ehemalige DDR Bürger und Einwanderer die Rente verbrauchen. Das nach mehr als 20 Jahren zu behaupten ist völlig dumm und eher primitive Hetze! Zumal hier keine vernünftigen Lösungsansätze zu sehen sind. Richtig wäre eine gemeinsame Kasse in den gefälligst alle auch der große Pulk an Beamte einzuzahlen haben. Und was das Kämpfen der jungen Generation zum Thema Rente betrifft. Bitte an die richtige Adresse wenden schließlich sind es Politiker die durch oberflächliche Entscheidungen dafür verantwortlich sind. Ein Feindbild des heutigen Rentners zu erschaffen ist deswegen schon fast kriminell, denn diese Generation musste härter arbeiten als die heutige Generationen „Doof“ und „Chillen“ es jemals tun werden! Selbst Schuld wenn ihr es zulässt, das befristete und wenig bezahlte Arbeit auf euch wartet. Aber durch ihr Buch Herr Gründiger können sie ja etwas für später für ihre Altersversorgung beiseite legen…


Ich zahle als pensionierter mittlerer Beamter monatlich für zwei Personen 680€ - ist das zuviel oder zuwenig? Das ist mehr als ein Drittel meiner Pension.
Wer verbreitet den immer wieder den Unsinn, Beamte würden keine Beiträge für ihre Pension bezahlen?
Der Dienstherr (der Staat) behält diese Beiträge bei Auszahlung des Gehalts ein.
Übrigens - er musste diese Beiträge aufbewahren, aber 2002 waren sie plötzlich ausgegeben. Wofür?
Mit freundlichen grüßen
franzpeter


Einerseits hat Deutschland als Staat so viel Geld um Zahlungen und Haftungen in unvorstellbar hohen Maß für die EU und andere Länder bereit zu stellen, auf der anderen Seite wird bei der eigenen Bevölkerung geknausert wo es nur geht und Alt gegen Jung gehen aufeinander los und die Wählerschft läßt sich das alles gefallen ohne dort zu korrigieren wo diese falsche Umverteilung gemacht wird. Es wäre zum Lachen, wenn das alles nicht so traurig wäre..