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wissen.de Artikel

Generationskonflikte

Treibstoff für die gesellschaftliche Entwicklung?

Moral und Tugend der heutigen Jugend

“...Sie haben keine Manieren und missachten jegliche Autorität ... Moral und Gesellschaft nehmen sie für sich allein in Anspruch, geben ihren Eltern nichts als Widerworte und tyrannisieren zu allem Überfluss die Pädagogen...“

Das obige Zitat stammt nicht etwa aus dem Munde eines gestressten Realschullehrers oder sind das Urteil eines Jugendrichters. Der Mann, der diese Feststellung über die Jugend seiner Epoche traf, lebte vor langer Zeit: Kein Geringerer als der griechische Philosoph Sokrates gab sie vor fast 2500 Jahren in seiner Abhandlung “Über den Charakter der Jugend“ zum Besten. Die Ansichten des berühmten Denkers zeigen, dass Konflikte zwischen den Generationen kein Phänomen der Gegenwart sind. Sie scheinen schon seit der Antike fester Bestandteil jeder Gesellschaft zu sein.

Das einst so liebe Kind wird zum aufsässigen Rüpel

Wann immer die Rede von Jugend und Moral ist, gehört eines mit dazu: die Klage über den vermeintlichen Werteverfall der kommenden Generation. Die Vorwürfe an den Nachwuchs sind vielfältig: Aufsässigkeit, Faulheit, Zügellosigkeit, Missachtung jeglicher Regeln des Zusammenlebens, Drogenkonsum, Gewaltbereitschaft, Gleichgültigkeit, oder allzu früher Sex.
Dabei lassen sich diese oft begründeten Klagen zu einem großen Teil auf biologische Vorgänge im Körper der Heranwachsenden zurückführen. Wissenschaftler erklären das durch die Jahrhunderte immer wiederkehrende Phänomen mit Veränderungen im Hormonhaushalt. Bei einem männlichen Jugendlichen muss der Körper täglich bis zu 7 Schübe des Aggressions- und Sexualhormons Testosteron verarbeiten.
Bei pubertierenden Mädchen ist es das Östrogen, das ins Kraut schießt. Bei beiden Geschlechtern findet zudem eine erhöhte Adrenalinproduktion statt. Das erklärt die oft aufkommende Unruhe und scheinbare grundlose Streitlust. Neurologische Untersuchungen zeigen, dass den für die Steuerung von Emotionen zuständigen Nervenfasern im Großhirn bis weit in die Pubertät hinein die schützende Eiweishülle, das Myelin, fehlt. Am Nervenkostüm der Heranwachsenden wird also noch gestrickt, während sie sich plötzlich den Herausforderungen des Erwachsenseins ausgesetzt sehen. Ihre Nerven liegen also oft blank. Die Pubertät, daran erinnert sich wahrscheinlich so mancher, ist für alle Betroffenen keine leichte Zeit.

Aufsässigkeit hilft bei der Persönlichkeitsfindung

Aufsässigkeit und Streitlust haben jedoch nicht immer nur eine biologische Ursache. Oft ist es der Wille, sich von den Werten der älteren Generation abzugrenzen. Es beginnt beim äußeren Erscheinungsbild: trägt der Vater kurze Haare, so protestiert der Sohn mit langer Mähne, und das brave Kostüm der Mutter kontert die Tochter mit betontem Gammellook. Diese Zeichen der Persönlichkeitsfindung interpretieren Erwachsene oft als Ablehnung der gültigen Wert- und Moralvorstellungen. Meist sind sie sind jedoch ein wichtiger Teil des Ablösungsprozesses vom Elternhaus. Ähnliches spielt sich auch auf der intellektuellen Ebene ab: hitzige, nicht enden wollende Diskussionen mit der vermeintlich verbohrten und ignoranten Gegenseite führen nicht selten zu dauerhaftem Streit. Doch die provokanten Widersprüche der Jugendlichen haben im Lauf der Geschichte immer wieder zu positiven Veränderungen der Gesellschaft beigetragen. Die Jugendlichen von heute jedoch sehen sich allerlei böswilligen Vorwürfen ausgesetzt: Politikverdrossenheit, Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit und Konsumsucht. In der Tat machen die Parteimitglieder unter 30 in den großen deutschen Volksparteien gerade noch 5% aus. Vielleicht liegt das Problem aber nicht im Desinteresse, sondern ganz einfach darin, dass sich viele Jugendliche in den Parteiprogrammen der Gegenwart nicht wieder finden. Ein Phänomen, das übrigens auch viele Erwachsene ohne Parteibuch betrifft. So sagt zum Beispiel Kim Frank, ein Mitglied der Teenie-Popgruppe Echt: “Politik finde ich absurd, sie hat mit meinem Leben nichts zu tun.“, und spricht damit sicherlich auch vielen Erwachsenen aus dem Herzen.

Viele Jugendliche zeigen politisches Engagement

Dementsprechend erscheint es kurzsichtig, Parteienverdrossenheit mit politischem Desinteresse gleichzusetzen. Der Vorwurf der Politikverdrossenheit und der Gleichgültigkeit widerspricht zudem dem Engagement vieler Jugendlicher: Auch heute noch setzt sich die vermeintliche Generation der Egoisten für vielfältige Anliegen wie Umweltschutz oder Hunger in der Dritten Welt ein. Auch der starke Zulauf, den Anti-Globalisierungs-Organisationen wie “attac“ registrieren, scheint das Vorurteil der gleichgültigen Wohlstandskinder nicht zu bestätigen. Manchmal schlägt allerdings vermeintlich politisches Engagement in blinde Zerstörungswut um. Große Protestdemonstrationen die in gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Ordnungskräften und einigen wenigen Randalieren gipfeln, unterscheiden sich kaum von den Kundgebungen der 60er und 70er Jahre.

Konsumwahn ist keine Erfindung der Jugend

Auch der Vorwurf der Konsumsucht hält einer genaueren Betrachtung nur schwerlich stand. Erwachsene blicken meist mit Unverständnis auf die Kleiderrituale der Kinder und Jugendlichen: Mitschüler werden wegen ihrer modischen Erscheinung geschnitten oder sogar seelisch und körperlich verletzt. Es wäre jedoch ungerecht, die Ursache dafür allein im unmoralischen und oberflächlichen Verhalten der Jugendlichen zu suchen. Markenartikel werden schließlich nicht von ihnen hergestellt, verführerische Werbespots nicht von ihnen gedreht und auch die Konsumgesellschaft wurde nicht von Jugendlichen erfunden. Aus dem immer wiederkehrenden Konflikt zwischen der älteren und der jüngeren Generation gibt es für die Erwachsenen auch etwas entscheidendes zu lernen: das Verhalten der Jugend ist oft ein verzerrtes Spiegelbild der Ideale der Erwachsenen. Leider reagieren die Erwachsenen auf dieses kritische Bild viel zu oft mit Ablehnung und Unverständnis - und das wahrscheinlich schon so lange, wie es Menschen gibt.

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