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Gerhard Schröder - der Medienkanzler kämpft um den Machterhalt

Eine zweite Amtszeit für Schröder?

Vor vier Jahren war alles einfacher für Gerhard Schröder. Siegesgewiss blickte der SPD-Kandidat von den Plakatwänden. “Deutschland braucht einen neuen Kanzler“ - das war die Parole für den Wechsel nach 16 Jahren Helmut Kohl. Der niedersächsische Ministerpräsident präsentierte sich im Wahlkampf 1998 als unverbrauchter, dynamischer Managertyp. Und als jovialer Medienprofi, der im Unterschied zu seinem Vorgänger keine Talkshow ausließ. Sobald eine Kamera in der Nähe war, setzte er wie auf Knopfdruck sein Raubtierlächeln auf. Sonnyboy Schröder. Heute kämpft er um eine zweite Amtszeit - und vertraut wieder auf sein Talent als Wahlkämpfer. Das wird er auch brauchen, wenn er den Herausforderer und Kanzlerkandidaten der Union, Edmund Stoiber, auf Abstand halten will.

“Ich weiß, wo ich herkomme“

Gerhard Schröder hat sich nie als braven Parteisoldaten gesehen. Er pflegt sein Image als selbstbewusster Macher. “Macht ist nötig, um gestalten zu können,“ sagt er. Die Zustimmung der Wähler ist ihm immer wichtiger gewesen als die Zuneigung seiner Partei, deren Vorsitzender er ist. Vor allem versteht es Schröder, seine Worte und Gesten kalkuliert einzusetzen. So wie im Wahlkampf vor vier Jahren: Damals waren das demonstrative Victory-Zeichen und die nach jedem Auftritt in die Höhe gestreckten Arme sein Markenzeichen. Schröders Gespür für Fernsehbilder erinnerte an den amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Seine Reden garnierte der Herausforderer stets mit dem Zusatz: “Ich weiß, wo ich herkomme, deshalb weiß ich auch, wo ich hingehöre.“ Ins Zentrum der Macht, wollte er damit sagen. Wenig später war er am Ziel: im Kanzleramt. An dessen Gittern soll Schröder einer populären Legende zufolge schon als junger Abgeordneter gerüttelt haben.

Auf die Arbeitslosenzahlen kommt es an

Braucht Deutschland wieder einen neuen Kanzler? Der Wechselwille der Wähler wird über Sieg und Niederlage am 22. September entscheiden. Natürlich spielen auch die Wirtschaftsdaten und Arbeitslosenzahlen eine wichtige Rolle: Je länger der konjunkturelle Aufschwung ausbleibt, desto größer die Chancen für Edmund Stoiber. Der Bayer hat den Vorteil, den Kanzler an sein Versprechen erinnern zu können, die Arbeitslosigkeit unter 3,5 Millionen zu drücken. Schröder wiederum muss die rot-grünen Projekte als Erfolge der Bundesregierung verkaufen - die Steuer- und die Rentenreform, aber auch den Ausstieg aus der Atomenergie oder das neue Staatsbürgerschaftsrecht. Die SPD hat sich bereits entschieden, wie sie den Wahlkampf 2002 führen will: Indem sie ganz auf Gerhard Schröders Popularität setzt und ihren Frontmann in Szene setzt.

Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen

Wer ist Gerhard Schröder? Woher kommt der Mann, den alle zu kennen glauben, weil kein deutscher Politiker vor ihm eine solche Medienwirkung entfaltet hat? Schröder selbst hat gesagt, dass er aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Geboren wurde er am 7. April 1944 als Sohn eines Hilfsarbeiters. Seinen Vater Fritz hat er nie gesehen, der starb im Zweiten Weltkrieg in Rumänien, als sein Sohn sechs Monate alt war. Der junge Gerhard wuchs bei seiner Mutter Erika auf, die 1947 den Hilfsarbeiter Paul Vosseler heiratet. Aus dieser Ehe stammen drei weitere Kinder. Eine Erzieherrolle konnte der Tuberkulose-kranke Stiefvater kaum ausüben. Schröder soll als Kind sehr unter der Armut gelitten haben. Seine Familie sei so ausgegrenzt gewesen, dass er nie zu einem Kindergeburtstag eingeladen wurde. Schon mit 14 Jahren arbeitete er als Verkäufer in einem Eisenwarengeschäft - zu klein, um über den Tresen zu reichen. Schröder hat früher solche Anekdoten bereitwillig kolportiert und damit den Mythos vom sozialdemokratischen Aufsteiger mitbegründet.

Der zweite Bildungsweg

Tatsächlich hat Schröder - ähnlich wie sein Herausforderer Stoiber - immer ein wenig länger gebraucht, um seine Ziele zu erreichen. Das lag auch an seiner sozialen Herkunft: “Meine Mutter, die Kriegerwitwe, konnte mich nicht aufs Gymnasium schicken, weil schon das Fahrgeld in die nächste Kreisstadt nicht aufzubringen war.“ Der Halbwaise musste sich durch harte Arbeit, oft auch durch Ellenbogeneinsatz, nach oben kämpfen. Nach der Volksschule absolvierte er 1961 eine kaufmännische Lehre. Dann arbeitete er als Angestellter und holte in Göttingen die mittlere Reife nach. Zwei Jahre später schaffte er im Abendkolleg das Abitur. Wie Stoiber entschied sich auch der drei Jahre jüngere Schröder für das Jurastudium. Von 1966 bis 1971 studierte er an der Universität Göttingen; die beiden Staatsexamen legte er 1971 und 1976 ab.

Aufstieg bei den Jusos

Im Gegensatz zu Stoiber hat Schröder den Beruf als Rechtsanwalt tatsächlich ausgeübt - von 1978 bis 1990. Für seine Kanzleitätigkeit blieb allerdings wenig Zeit: Schröder machte bald politische Karriere. Nach seinem Eintritt in die SPD 1963 engagierte er sich bei den Jusos. 1971 wurde er Juso-Vorsitzender im Bezirk Hannover, wenig später saß er im Parteivorstand eines SPD-Unterbezirks. Unter normalen Umständen hätte er jetzt eine Ochsentour durch die Parteigremien vor sich gehabt. Doch 1978 bot sich dem diskutierfreudigen Anwalt die Chance zum Karrieresprung. Als Kompromisskandidat zwischen zwei verfeindeten Lagern wählten ihn die Jusos zum Bundesvorsitzenden. Ein Amt, das er zwei Jahre erfolgreich ausübte - und sich für höhere Aufgaben empfahl. “Ihr habt mich gewählt. Ihr seid selber Schuld,“ so begann der bereits 34-Jährige seine Antrittsrede. Typisch Schröder; er liebt Anspielungen und Provokationen. Das hat ihm nicht selten Ärger eingebracht, etwa als er einmal die Lehrer in Niedersachsen öffentlich als “faule Säcke“ bezeichnete.

Taktische Finesse

Schröder brauchte nur wenige Jahre, um sich die Macht in der niedersächsischen SPD zu sichern. 1980 zog er in den Bundestag ein. Im Juli 1984 wurde er Spitzenkandidat der SPD bei der Landtagswahl in Niedersachsen. Seinen Aufstieg verdankte er vor allem seiner Durchsetzungskraft. Während Edmund Stoiber vor allem auf seine enge Verbindung zum politischen Übervater Franz Josef Strauß vertraute, glaubte Schröder immer nur an einen: an sich selbst. “Was immer Gerhard Schröder erreicht hat im Leben, hat er sich selbst gegriffen,“ hat eine Journalistin geschrieben. Den charismatischen Parteivorsitzenden Willy Brandt bewunderte er, sein Vorbild aber war der staatsmännische Kanzler Helmut Schmidt. Das hinderte Schröder aber nicht, gegen den Nato-Doppelbeschluss zu Felde zu ziehen und seinen Kanzler zu düpieren.

Ministerpräsident in Niedersachsen

Schröder galt vielen Genossen als unverbesserlicher Egomane - aber als einer, der nie aufgibt. Die Niederlage bei der niedersächsischen Landtagswahl 1986 gegen Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) steckte er schnell weg. Bei der Landtagswahl am 13. Mai 1990 holte er dann für die SPD 44,2 Prozent der Stimmen und wurde Ministerpräsident einer rot-grünen Landesregierung. Doch Schröder beschränkte sich keinesfalls auf Landespolitik - etwa die Konsolidierung des Haushalts, die Vorbereitung der Weltausstellung Expo in Hannover oder die Energiekonsensgespräche mit der Wirtschaft. Häufig mischte er sich in die Bundespolitik ein. 1992 geriet er als Befürworter eines Asylkompromisses mit der Bundesregierung unter starken Druck. Den Parteivorsitzenden Björn Engholm kritisierte er ebenso offen wie später dessen Nachfolger Rudolf Scharping. Als “Genosse der Bosse“ wurde er den Linken in der SPD suspekt; sein gutes Verhältnis zur deutschen Autowirtschaft, besonders zur Volkswagen AG, in dessen Aufsichtsrat er sitzt, leugnete er nie.

Der Kanzler-Kandidat

Bei der Landtagswahl 1994 erzielte Schröder die absolute Mehrheit. Die SPD regierte fortan allein in Niedersachsen. Er zählte nun gemeinsam mit Scharping und dem saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine zur Führungstroika der SPD. Lafontaine übernahm im November 1995 nach einer Kampfabstimmung auf dem Parteitag von Mannheim den Parteivorsitz. Für Schröder bot sich nun die Chance seines Lebens, sofern Lafontaine nicht selbst Anspruch auf die Kanzlerkandidatur erhob. Schröder vertraute wieder einmal ganz auf die Wähler: Nur wenn die SPD bei der Landtagswahl in Niedersachsen mehr als zwei Prozent zulegen würde, sei er zur Kandidatur bereit. Schröder, der Politzocker. Er spielte alles oder nichts - und gewann: Die SPD errang mit 47,9 Prozent einen glänzenden Wahlsieg in Niedersachsen. An Schröder führte kein Weg mehr vorbei.

Am Ziel: Ankunft im Kanzleramt

Nach 16 Jahren in der Opposition und fünf gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten war den Parteistrategen klar: Lafontaine und Schröder mussten als Team auftreten, um die Union zu schlagen. Zum ersten Mal führten die Sozialdemokraten einen perfekt organisierten, an amerikanische Vorbilder erinnernden Wahlkampf. Schröder versprach, im Vergleich zu Helmut Kohl “vieles besser, aber nicht alles anders zu machen“. Die “Neue Mitte“ wurde zur entscheidenden Wählerschicht erklärt. Am Ende gelang der Machtwechsel: Bei der Bundestagswahl am 27. September 1998 wurde die SPD mit 40,9 Prozent stärkste Partei.

Schröders zweite Chance

Gemeinsam mit den Bündnisgrünen (6,7 Prozent) bildete Schröder eine Regierungskoalition. Am 27. Oktober 1998 wählten ihn 351 von 666 Abgeordneten zum siebten Bundeskanzler der Bundesrepublik. Schnell erwies sich das Zweckbündnis mit seinem Parteirivalen Oskar Lafontaine als äußerst brüchig. Wegen des “schlechten Teamspiels“ trat Lafontaine im März 1999 als Parteivorsitzender und Bundesfinanzminister zurück und überließ Schröder die Führungsrolle. Nach Anfangsschwierigkeiten der Regierung bot sich Schröder somit eine “zweite Chance,“ wie der Spiegel titelte. Hans Eichel wurde Finanzminister. Mit seinem strikten Sparkurs stiegen die Umfragewerte für die rot-grüne Bundesregierung. Schröder konnte sich bald auch als Außenpolitiker profilieren: Die Bundeswehr beteiligte sich an der Nato-Luftoffensive im Kosovo-Krieg. Vom “Brioni-Kanzler,“ wie ihn der International Herald Tribune einmal nannte, zum Staatsmann: eine erstaunliche Karriere.

Das System Schröder

Schröders Vorzüge hat die SZ-Journalistin Evelyn Roll im Wahlkampf 1998 wie folgt beschrieben: “So funktioniert das System Schröder bis heute: ein brillanter, ständig und unerschrocken Lernender, der die Regeln in jeder Situation spielerisch erfasst, fehlerfrei nachahmt und schnell bis an die Grenzen ausreizt.“ Nach vier Jahren an der Macht sehen kritische Beobachter bei Schröder allerdings auch die Gefahr, dass er sich zu sehr im Kreis seiner Berater abkapselt. Wie Edmund Stoiber hat es Schröder stets verstanden, sich innerparteiliche Rivalen vom Hals zu schaffen. In seiner Partei steht er daher unangefochten an der Spitze. Zu seinen engsten Vertrauten gehören heute seine vierte Ehefrau Doris Schröder-Köpf, die er in schwierigen Situationen auch einmal am Handy um Rat fragt, und sein Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier. Büroleiterin Sigrid Krampitz gilt als diskrete und effiziente Organisatorin. Andere alte Weggefährten wie sein außenpolitischer Berater Michael Steiner oder sein früherer Intimus Bodo Hombach stolperten über selbstverschuldete Affären. Zum grünen Außenminister Joschka Fischer pflegt Schröder ein fast herzliches Verhältnis. Doch Männerfreundschaften werden nicht darüber entscheiden, mit wem der Wahlsieger - Schröder oder Stoiber - nach der Bundestagswahl koalieren wird.

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