Muss alles, was möglich ist, auch in die Tat umgesetzt werden? Sind wir von der Pflicht entbunden, nach dem Wozu zu fragen, nur weil wir die Frage nach dem Wie bravourös gelöst haben? Ich denke, nein. Und ich denke, Street View ist ein technisch äußerst beeindruckendes Tool, auf das ich dennoch gerne verzichten würde - zumal mir die Satellitenbilder, die Google Maps und Google Earth bereits heute in oft erstaunlicher Qualität liefern, wirklich ausreichend Aufschluss darüber geben, ob mein Hotel wirklich idyllisch in Strandnähe gelegen ist - oder direkt an der Autobahn. Damit wäre das am häufigsten bemühte Argument für den Nutzen von Street View in meinen Augen bereits widerlegt.

Aufkleber auf Heck "Google maps Street View"
Viel entscheidender ist, dass der Internetmogul Google bei der Einführung seines neuen "Dienstes" diesen wichtigen Schritt, bei dem der User selbst über seine Teilnahme in der World Wide Parallelwelt entscheidet, kaltschnäuzig übersprungen hat. Google hat ins Gegenteil verkehrt, was bislang noch immer Usus war im Netz: Jetzt muss, wer bei Street View nicht mitspielen will, aktiv nein sagen, statt ja. Und das ist in höchstem Maße unhöflich, um nicht zu sagen, eine Zumutung. Übertragen auf die reale Welt hieße das, Sie müssten Besuch aktiv ausladen, wenn Sie keinen haben wollen. Sie müssten Ihren Briefträger zwingen, eine eidesstattliche Versicherung zu unterschreiben, dass er Ihre Briefe auch wirklich nicht lesen wird.
Wieso Michael Fischer Street View gar nicht so schlimm findet
Woher wissen wir, was wir verbergen sollten?
Auch das Argument, wer etwas zu verbergen habe, der solle es eben verbergen und Einspruch einlegen bei Google, kann ich nicht gelten lassen. Dabei möchte ich mich weder auf die unzureichende Verpixelung von Nummernschildern und Gesichtern berufen noch darauf verweisen, dass Google mit wirklich unerhöhter Dreistigkeit selbst den Antrag auf Unkenntlichmachung nutzt, um höchst detaillierte Informationen von Objekt und Bewohner einzufordern. Ich möchte Ihnen stattdessen die Frage stellen: Woher sollen wir wissen, ob wir etwas zu verbergen haben? Kann es uns gefährlich werden, wenn ein potenzieller Chef Rückschlüsse über meine Arbeitsmoral zieht, weil an meiner Hausfassade der Putz bröckelt? Wird uns unsere Ehefrau der Untreue bezichtigen, nur weil sie unseren Wagen vor dem Haus einer anderen Frau parken sah? Wer sollte all diese Eventualitäten voraussehen?
Wieso Michael Fischer Street View gar nicht so schlimm findet
Eine Mahnung
Deshalb wage ich eine Mahnung an die Macher: Übernehmt - bei allem Profitstreben - Verantwortung für Eure Kunden. Stellt Euch selbst die Frage nach dem Nutzen. Selbstredend ist hier ein Nutzen gemeint, der weit über den monetären hinausgeht. Einen, der die soziale und politische Dimension miteinbezieht. Dann erst wird die Frage nach Sinn und Unsinn dort gestellt, wo sie gestellt werden muss - nicht erst im Parlament, nicht in Foren, sondern gleich in der Brutstätte unserer herrlichen neuen technischen Möglichkeiten, dem Sitz der Verantwortlichen.
Eine Bitte
Und ganz zum Schluss eine Bitte an all diejenigen, die mit mir darin übereinstimmen, Google habe seinen Usern mit seinem neuesten Streich statt eines Dienstes vielmehr einen Bärendienst erwiesen: Verkneifen Sie sich die allzu menschliche Neugierde, machen Sie sich frei von Voyeurismus - verzichten Sie ganz einfach auf die Nutzung von Street View. Und rufen Sie doch einfach im Hotel an, wenn Sie wissen wollen, wie dort so die Lage ist.
Andernfalls verkehren Sie Ihren Widerspruch in sein Gegenteil.
Wieso Michael Fischer Street View gar nicht so schlimm findet









11 Kommentare