"Bis jetzt wussten nicht einmal die Österreicher genau, wo Graz liegt", sagte der österreichische Schriftsteller Reinhart P. Gruber. Das soll sich nun ändern. Denn die Landeshauptstadt der Steiermark ist in diesem Jahr zugleich europäische Kulturhauptstadt. Ganz Graz wird zur Bühne für Kultur in allen Schattierungen. Das Spektrum reicht von wagemutigen Installationen und Ausstellungen über musikalische und multimediale Inszenierungen bis hin zu Theater- und Filmaufführungen sowie unzähligen spontanen Events. Kurzum, Hunderte von Ereignissen, die die beschauliche Stadt im Südosten der Republik während des gesamten Jahres in den Blickpunkt rücken. Graz, Metropole der Künste, das Spagat wagend zwischen traditionellen und modernen Ausdrucksformen.

Muschel in der Mur

Eines der spektakulärsten Projekte: Die futuristische Insel inmitten des Flüsschens Mur, das Graz zerteilt. Die schwimmende Muschel des New Yorker Künstlers Vito Acconci, ein von Stahltauen in den Fluten gehaltenes Floß. "Ein Ding, das wie ein Raumschiff auf dem Fluss liegt", so der Künstler und Stararchitekt. Als exponiertes Symbol wirbt Acconcis über Stege erreichbares und begehbares Kunstwerk für die europäische Kulturhauptstadt - und sorgte bereits im Vorfeld für einigen Wirbel. Denn die Muschel inklusive Café, Theater und Spielplatz verschlang mit rund fünf Millionen Euro knapp ein Siebtel des gesamten Budgets.
Dafür wird die Muschel aber auch unentwegt genutzt vom 5. bis 15. Juli beispielsweise, wenn das Grazer "Theater im Bahnhof" die Muschel erobert und für zehn Tage eine Inselrepublik ausruft. Es gibt nicht nur Performances unter der eigenen Republik-Fahne, man wird auch Asylanträge stellen und übernachten können. Abseits ausgetretener Theaterwege werden europäische Ensembles präsentiert, die "ein Publikum packen und entnerven" können. Darüber hinaus gibt es internationale Wettbewerbe für Hörstücke, Kurzfilme und Fundstücke.
Weltkulturerbe, ganz entspannt
Keine Frage, während der Tage als europäische Kulturhauptstadt wandelt sich die beschauliche Stadt und rückt in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Vom Rande Österreichs ins Scheinwerferlicht. Das ist ungewohnt, denn eigentlich geht es hier recht beschaulich zu, Hektik ist in den Gassen und Straßen nicht Zuhause, eher eine mediterrane Leichtigkeit, wie man sie von den schönen Plätzen Italiens kennt.

Der Hauptplatz der Stadt findet sich unterhalb des Schlossbergs in der Altstadt und im feingliedrig verzweigten Netz der Wege und Passagen rund um die Herrengasse. Zwischen Häusern aus acht Jahrhunderten spielt sich hier das Leben ab in Bars und Cafés, in den Läden, Prunkbauten und Wohnhäusern. Ein faszinierendes Miteinander der verschiedenen Stile und Epochen, sorgsam und mit viel Liebe zur Architektur bewahrt. Da war es nur folgerichtig, dass Graz mit einer der schönsten Altstädte rund um den Globus 1999 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.
Der Zufall führt Regie
Dabei führte bei der Gestaltung der steiermärkischen Hauptstadt kein hehres Konzept, sondern der Zufall Regie. Stadtplanung war hier über Jahrhunderte hinweg eine Frage der begrenzten Mittel. Und so kümmerte man sich eben eher um den Bestand als diesen vorschnell durch Neues zu ersetzen. Im 20. Jahrhundert avancierte Graz jedoch zum Experimentierfeld hochbegabter Architekten, die mit kalkuliertem Mut zum Experiment, zu neuen Formen und ungewöhnlichen Materialien Akzente setzten. Expressiv und elegant, kühl und streng: Als "Grazer Schule" erlangte die Architektur weltweit Berühmtheit.

Gestaltung hieß in Graz aber auch schon immer Respekt vor der Natur. Und so besteht fast ein Drittel der Stadt aus Parks und Erholungsflächen. Angesichts von durchschnittlich 318 Sonnentagen pro Jahr sind diese auch rege besucht. Der Stadtpark unterhalb des Schlossbergs grenzt direkt an die Altstadt und ist auch jenseits der Aktivitäten des Kulturjahres 2003 eines der wichtigsten Foren für Lesungen, Theater und Musik.
Der berühmte Sohn

Im 13. Jahrhundert thronte eine große Festung auf dem später so getauften Schlossberg. Sie konnte lange von keiner feindlichen Macht eingenommen werden, weswegen die Slawen sie respektvoll "Gradez" nannten, "die kleine Burg". Aus jener Zeit stammt ein Turm, seinerzeit genutzt als Aussicht für Feuermelder, später dann beherbergte er die erste öffentliche Uhr. Ganz akkurat tickt das Wahrzeichen der Zeit allerdings nicht: Denn über den Dächern von Graz zeigt der kleine Zeiger die Minuten und der große die Stunden an. Weil eben etwas anders, sind die Grazer besonders stolz auf ihr weithin sichtbares Chronometer.
Seinem berühmtesten Sohn hat Graz schon vor einiger Zeit ein Forum gegeben. Im Arnold Schwarzenegger Museum, Stadionplatz 1, wird der Terminator aus der Steiermark verehrt. Zu sehen sind alte Gerätschaften, an denen die "steirische Eiche" dereinst die Muskeln stählte. Zudem gibt es eine Vielzahl von Fotos aus Schwarzeneggers Kinder- und Jugendzeit sowie seinen ersten Karriereschritten auf dem Weg nach Hollywood. Adresse: Stadionplatz 1, Telefon 0043-316-482482, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 5.45 bis 24 Uhr. Samstag und Sonntag von 10 bis 21 Uhr.









0 Kommentare