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wissen.de Artikel

Im Gespräch: C. Dressel, Mensa in Deutschland e.V.

Der Vorsitzende von MinD sprach im Frühjahr 2002 mit wissen.de

Carl-Christian H. Dressel, 31 Jahre alt, von Beruf Richter, ist Vorsitzender von Mensa in Deutschland e.V. (MinD, http://www.mensa.de), einer Vereinigung für intellektuell Hochbegabte mit weltweit über 100.000 Mitgliedern. wissen.de sprach mit ihm über die aktuelle Bildungsmisere in Deutschland.

PISA-Studie

Wie erklären Sie sich, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich so schlecht abschneiden? Sind unsere Jugendlichen weniger lernfähig als die Schüler in anderen Ländern?

Eine umfassende Erklärung für dieses horrende Ergebnis habe ich leider auch nicht. Aber an „Lernfähigkeit“ liegt es ganz sicher nicht. Das Resultat der PISA-Studie zeigt meines Erachtens, dass deutsche Schüler zu kreativen Leistungen mit neuartigen Ansätzen mehrheitlich nicht fähig sind. Neugierde wecken, Lust auf Fähigkeiten, das berauschende Gefühl es geschafft zu haben und zu wissen, es beim nächsten Mal auch wieder schaffen zu können, sollten die Ziele einer modernen Bildungspolitik sein, und nicht die immer noch andauernde Schaffung wandelnder Lexika. In einer Zeit, in der das Wissen dermaßen schnell veraltet wie heute, muss die Fähigkeit gelehrt und gelernt werden, sich Aktuelles zu beschaffen, Informationen kritisch zu hinterfragen, auszuwerten und Schlüsse zu ziehen. Die Frage lautet nicht "Wie löse ich das Problem?" sondern "Wie komme ich an die aktuelle Antwort auf die Frage 'Wie löse ich das Problem'?"

Getestet wurde in der PISA Studie vor allem das Leseverständnis. Eigentlich sollte man erwarten, dass Schüler nach zehn Schuljahren den Umgang mit Texten beherrschen. Wird an deutschen Schulen zu wenig gelesen?

Nein, es wird zu wenig verstanden. Ich erinnere mich - um beim Leseverständnis zu bleiben - da noch mit Grausen an die eigene Schulzeit, wo es darum ging, einem Gedicht nach „Schema F“ Gewalt anzutun, um ihm mit Hilfe von Stilmitteln und bestimmten (vorgegebenen) Vorgehensweisen eine vermeintliche Aussage zu unterstellen. Eigener Phantasie und Einfühlungsvermögen wurden dabei von vornherein Grenzen gesetzt. Solche antrainierten Verhaltensweisen, nämlich die Suche nach der Patentmethode für die Lösung und anschließendes Abspulen des für 'richtig erkannten Lösungsweges, können dann von den Schülern nicht mehr überwunden werden.

Wie Sie gerade schon sagten, hat die Studie gezeigt, dass Unterricht nicht bei der Wissensvermittlung aufhören darf - das Verstehen des Schulstoffs und die praktische Anwendung sind genauso wichtig. Wird an unseren Schulen das Lernen fürs Leben vernachlässigt?

O ja. Zu den, wie sie der SPIEGEL nannte, „Texten ohne Welt“ gesellen sich in anderen Fächern „Fakten ohne Bezug zum Leben“. Und das ist ein Problem - nicht nur für deutsche Schüler und Schulen im internationalen Vergleich, sondern auch für unseren Wirtschaftsstandort. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte völlig recht, als er in seiner ersten Regierungserklärung sagte, dass Bildung und Ausbildung die wichtigen Ressourcen in unserem rohstoffarmen Land sind. In diesem Sinne vermittelt PISA hoffentlich einen heilsamen Schock. Mit der Idee, individuelle Fähigkeiten und nicht bloß Wissen zu vermitteln, lässt sich für alle Schüler quer durch alle Leistungsfähigkeiten ein gewaltiger Schritt in Richtung auf Lebensfähigkeit in einer schnellebigen Zeit tun.

Schuldzuweisungen

Nach der Veröffentlichung der Studie hat es vielfältige Schuldzuweisungen von allen Seiten gegeben - die Lehrer und Bildungspolitiker standen dabei in der Kritik, aber auch die Eltern. Haben die Eltern das Interesse an der Schule und den Schülern verloren und überlassen den Lehrern nicht nur die (Aus-)Bildung, sondern auch die Erziehung der Sprösslinge?

Zur Zeit hat Deutschland leider nur in einer Beziehung die Nase vorn, nämlich in der Diktatur des Mittelmaßes quer durch die Interessengruppen. „Die“ Eltern gibt es dabei genausowenig wie „die“ Lehrer. Freilich haben Sie problematische Gruppierungen wie diejenigen Eltern, die ihre Kinder zur Erziehung in der Schule abgeben, oder diejenigen Lehrer, für die der Unterricht nur eine schlechtbezahlte Nebensache neben dem Tennisplatz ist. Insgesamt hat die Bildung in Deutschland nach wie vor einen zu geringen Stellenwert, was man auch daran sieht, wo am liebsten der Rotstift angesetzt wird. Andererseits nimmt auch in diesem Bereich der reine Konsumgedanke überhand.

Lehrer beklagen, dass wir in einer Erlebnisgesellschaft mit Reizüberflutung leben und sich Schüler gar nicht mehr richtig auf den Unterricht konzentrieren können. Stimmt das?

Auch hier haben Sie wieder verschiedene mögliche Ursachen im komplexen System. Die Konsummentalität hat sicherlich zur Folge, dass der Lehrer mehrheitlich als Unterhalter wahrgenommen wird, der nicht ausreichend Aufmerksamkeit zu erzeugen in der Lage ist. Zum anderen gibt es - ebenso klassische und moderne - Methoden, derer sich die Lehrer zur Erlangung von Aufmerksamkeit bedienen können.

Lehrer sollen Rücksicht auf unterschiedliche Lerntypen und Lerngeschwindigkeiten nehmen und die Schüler individuell fördern. Ist das bei unseren Klassengrößen und der allg. Lehrerknappheit überhaupt möglich?

Notwendig ist sie in jedem Fall. Die meisten Kinder brauchen weniger eine intensivere Wissensvermittlung als vielmehr eine möglichst individuelle Förderung. Die Möglichkeiten dafür müssen geschaffen werden. Ich halte die in den letzten Jahren aus finanziellen Gründen durchgeführte Anhebung der Klassenstärken für den falschen Schritt. Und die „Lehrerknappheit“ ist dabei auch selbstverschuldet - noch zu meiner Schulzeit sprach man von der „Lehrerschwemme“, jedermann wurde vom Studium des Lehramts abgeraten. Zudem gibt es meines Wissens nach in Deutschland noch zur genüge arbeitslose qualifizierte Lehrer - man müsste sie nur einstellen...

Schülerinnen und Schüler ausländischer Herkunft haben Probleme, im Unterricht mitzuhalten. Wie kann an deutschen Schulen erreicht werden, dass herkunftsbedingte Benachteiligungen ausgeglichen werden?

Ich teile Ihre Prämisse nicht - ein Beispiel: Meiner ehemaligen Grundschule war über Jahrzehnte hinweg eine „türkische Modellschule“ angegliedert, an der die Kinder türkischer Mitbürger auf Türkisch und Deutsch unterrichtet wurden. Diese Modellschule gibt es seit Jahren nicht mehr, da es Verständnisprobleme nicht mehr in diesem Ausmaß gibt. Ich sehe hier einen - natürlich länger andauernden - Integrationsprozeß, der im Einzelfall natürlich durch individuelle Förderung ausgeglichen werden sollte.

Auswege

Wie sollte sich der Unterricht Ihrer Meinung nach ändern, damit Schule wieder Spaß macht und die Lernerfolge messbar werden?

Lernen und der Erwerb von Schlüsselqualifikationen können Spaß machen, wenn es positive Rückkopplungen auch und gerade für außergewöhnliche Leistungen gibt. Von zentraler Bedeutung für die Schüler ist Selbstvertrauen, welches nur dann erreicht werden kann, wenn die Erwachsenenwelt ihnen Vertrauen entgegenbringt. Dazu gehört die Herausforderung ebenso wie das Erfolgserlebnis, zudem die Veränderung von der Wissensvermittlung hin zur Fähigkeitsvermittlung.

In den Ländern, die bei der Pisa-Studie am besten abschneiden, findet Schule ganztägig statt. Ist das nicht auch ein Plädoyer für die Gesamtschule?

Vielleicht für die Ganztagsschule, ja. Aber zumindest für eine möglichst individuelle Förderung der Schüler. Dabei ist der Aspekt der Hochbegabung endlich auch einmal zu beachten. Erst seit wenigen Jahren, seit der berühmten Adlon-Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog (26. April 1997), ist das Wort „Begabtenförderung“ überhaupt wieder hoffähig. Bis dahin wurde ausschließlich die Förderung schwacher Schüler betrieben - und das mit so großem Erfolg, dass selbst die Initiatoren dieser Förderungen überrascht waren. Der Bereich der Begabtenförderung ist in den letzten Jahren bei weitem nicht auf dem Niveau der Lernschwachenförderung angekommen und wird schon gar nicht so allgemein akzeptiert. Abgesehen davon, dass Schulnoten immer noch mit Begabung verwechselt werden, wird das Kind, das in der Schule mit „angezogener Handbremse“ fahren muss, weil sich die Eltern eine privat zu finanzierende Hochbegabtenschule nicht leisten können, immer noch zu häufig auf dem Altar einer Bildungspolitik geopfert, die statt Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit zu bieten eine formelle Gleichmacherei in der Massenschülerhaltung betreibt. Gerade im Bereich der Hochbegabtenförderung gilt noch mehr als im Durchschnitt der Grundsatz, dass noch ein weiter Weg zu einer sozial gerechten Bildungsvermittlung in Deutschland zu beschreiten ist. Ähnlich wie Roman Herzog meine ich: Jetzt muss ein Ruck gehen durch Deutschland. Die Ergebnisse der PISA-Studie können der Auslöser dazu sein.

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Christian Ebel
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