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wissen.de Artikel

Im Gespräch: "Das Medizinkartell"

Experten-Interview mit Bert Ehgartner

"Sieben Todsünden begeht die Gesundheitsindustrie." Diese These vertreten die Medizinjournalisten Kurt Langbein und Bert Ehgartner in ihrem Buch "Das Medizinkartell". Auf fast 400 Seiten nehmen sie das Gesundheitssystem auseinander. Sie beleuchten die Schattenseiten der "Halbgötter in Weiß" und fühlen der Pharmaindustrie auf den Zahn, die jedes Leiden mit kleinen, bunten Pillen, den "magic bullets", wie einen Feind bekämpfen will. In einem historischen Rückblick zeigen sie, dass die Medizin gerade dann auf die falsche Bahn geriet, als sie glaubte, endlich die lange ersehnten Wundermittel gegen die großen Krankheiten der Menschheit in Händen zu halten. Wissen.de hat mit Autor Bert Ehgartner, Medizinjournalist und Chefredakteur des Gesundheitsportals surfmed.de, gesprochen.

Medizin heute

Was läuft falsch in der medizinischen Landschaft?

Das Medizinsystem insgesamt, also Gesundheitsberufe, Wissenschaft und Industrie, hat sich im Lauf der Jahrzehnte einen immer höheren Stellenwert in der Gesellschaft erkämpft. Heute verschlingt das System bereits jeden achten Euro und ist damit noch lange nicht satt. Jeder Gedanke, dass ein derart mächtiges Kartell ohne harte Eingriffe von außen jemals Selbstbeschränkung üben wird, ist hoffnungslos realitätsfremd. Gleichzeitig hat sich dieses System bisher erfolgreich gegen objektive Kontroll-Maßnahmen gewehrt.

Gibt es nicht so etwas wie eine Qualitätssicherung?

Nein, keine und auch keinerlei Transparenz. Wenn man sich heute einer Bandscheiben-Operation unterziehen muss, so hat man keinerlei Vergleich, welche Abteilung hohe oder niedrige Komplikationsraten hat. Bei jedem banalen Konsumartikel gibt es Qualitätstest. Die - öffentlich finanzierte - Medizin ist hingegen heute genauso ein Glücksspiel wie vor hundert Jahren. Hier befinden wir uns, speziell in den deutschsprachigen Ländern, noch in der Steinzeit.

Wenn man Ihnen so durch die Geschichte folgt, bekommt man den Eindruck Medizin der letzten 150 Jahre ist von Intrigen, Fehlurteilen, Dilettantismus, Eitelkeiten und Wahnsinn durchsetzt und hat irgendwann die falsche Richtung eingeschlagen. Hat Voltaire immer noch Recht mit dem Ausspruch, den Sie zitieren: "Ärzte geben Medikamente, von denen sie wenig wissen, in Menschenleiber von denen sie noch weniger wissen."

Wir glauben, dass heute tendenziell von Seiten der Medizin viel zu viel in das Leben der Menschen eingegriffen wird. Robert Koch hat seine Bakterien eingefärbt, fotografiert und diese Bilder dann in den Zeitungen veröffentlicht. Damit hat er das Prinzip der Angst als oberstes Steuerungskriterium der Medizin eingeführt. Und das ist bis heute so geblieben: Wer heute nicht gegen ein Dutzend Krankheiten geimpft ist, geht ein unverantwortliches Risiko ein, suggerieren die Ärzte. Frauen, die eine Hausgeburt planen, gelten als potenzielle Kinds- und Selbstmörderinnen. Ältere Menschen nehmen heute im Durchschnitt sechs verschiedene Medikamente, von denen man nicht weiß, wie sie sich zueinander verhalten. Der Medizinkritiker Ivan Illich meinte nicht zu unrecht: "Die Menschen geben ihr Leben dafür, soviel Behandlung wie möglich zu bekommen."

Das ganze Medizinsystem ist also schlecht?

In vielen Bereichen möchte ich die Fertigkeiten und Kenntnisse der Mediziner nicht missen. Speziell im chirurgischen Bereich sind erstaunliche Fortschritte verzeichnet worden. Dort wo es um chronische Krankheiten geht, um systemische Zusammenhänge im Organismus, um die Wechselwirkungen von Arzneimitteln und um prognostische Aussagen von Ärzten, dort habe ich aber starke Zweifel.

Kritisch, aber nicht einseitig

Warum das Buch gerade jetzt und nicht schon vor zehn Jahren?

Anfang der Neunziger setzte gerade der Biotechnologie Boom voll ein. In den Redaktionen und Verlagshäusern herrschte eine optimistische, wenn nicht gar euphorische Grundstimmung zu den kommenden Leistungen der Gentechnologie und der High-Tech-Medizin insgesamt. Erst seit kurzem ist diese Stimmung einer starken Ernüchterung gewichen. Die Leute haben langsam die Nase voll von vollmundigen Versprechungen auf Krebsheilung oder der täglichen Entdeckung eines neuen Gendefekts. Denn was bringt es schon, ein mögliches Multiple-Sklerose-Gen zu identifizieren, wenn man dann nicht weiß, was man nun mit dieser Erkenntnis anfangen soll. Unter tausenden Anwendungen hat die Gentherapie noch keine relevanten Erfolge erzielt. Man hat viel mehr das Gefühl, die Publikationen der vielen jungen Biotech-Firmen dienen eher der Beruhigung ihrer Geldgeber. Mit seriöser Wissenschaft hat das oft recht wenig zu tun. Und in dieser Stimmung war es natürlich leichter einen Verlag für ein Medizin kritisches Buch zu interessieren, als am Höhepunkt der Euphorie.

Glauben Sie nicht, das bei Ihrem Rund-um-Schlag auch die getroffen werden, die eben doch versuchen eine gute Arbeit zu machen?

Das Buch verfolgt einen kritischen Ansatz, klar. Deswegen stehen wir aber nicht notwendigerweise im Konflikt mit den Ärzten und Wissenschaftlern. Das British Medical Journal brachte vor kurzem beispielsweise unter dem Titel "Too much medicine" eine ganze Reihe von kritischen Beiträgen, die sehr gut in unser Buch gepasst hätten.

Ist es nicht zu einseitig, nur die Missstände anzuprangern?

Wir haben uns bemüht, in unserem Buch ein Sittenbild der modernen Medizin zu zeichnen. Mit ihren positiven und negativen Seiten. Einseitig empfinde ich eher die Sensation heischenden Medizin-News, mit denen wir ständig in den Medien konfrontiert werden und bei denen man oft das Gefühl nicht los wird, die seien eher von den PR-Abteilungen der Pharmakonzerne und Medizingeräte-Hersteller verfasst als von unabhängigen Fachjournalisten.

Warum so viele Abschnitte mit Berichten von Erfahrungen einzelner Personen, halten Sie die für repräsentativ?

Ich persönlich höre lieber den Erzählungen einer Einzelperson zu, als eine allgemeine Abhandlung zu lesen, die sich den Anschein von Objektivität gibt. Und so sind auch die Erlebnisse der Ärztin oder der Krebspatienten natürlich subjektiv und einzigartig. Die Art, wie sie das System reflektieren, ihre Hoffnungen und ihre Wut sagen aber sehr viel darüber aus, wie es wirklich in der Praxis draußen zugeht. Ärzte, Krankenschwestern und sonstige Kenner des Systems haben bislang auf diese Artikel besonders positiv reagiert. Möglicherweise sind die geschilderten Erlebnisse also doch repräsentativ.

Eigenverantwortlich und selbstbewusst

Viele Leser werden nach dem Buch verunsichert sein, vor allem, nachdem sie die Abschnitte über die persönlichen Erlebnisse gelesen haben. Wie können sie sich gegen Schlampereien schützen?

Wir beschreiben im Buch beispielsweise die Erlebnisse eines Krebspatienten während seiner Therapie in einer großen Universitätsklinik. Dass es dort ständig lieblich und heimelig zugeht, glaubt ja ohnehin niemand. Das konkrete Feedback eines Patienten gibt aber vielleicht Pflegern, Ärzten und Krankenhaus-Managern, die das Buch lesen, etwas zu denken. Und ähnliches kann man ja auch von der detaillierten Schilderung der Betroffenen im Essener Brustkrebs-Skandal erhoffen. Hier haben sich viele Mediziner wie die schlimmsten Opportunisten verhalten, eigene Zweifel runter geschluckt, weil es Scherereien mit Kollegen bedeutet hätte und dafür lieber den wehrlosen Patientinnen Schaden zugefügt. Jene beiden Frauen, die hier schildern, wie sie auf verbrecherische Weise um ihre Brüste gekommen sind, kämpfen heute offensiv und selbstbewusst um Patientenrechte. Und Selbstbewusstsein schadet im Umgang mit der Medizin generell keinem Patienten.

Ihr Resümee klingt eher pessimistisch: Es werde wohl so weiter gehen wie bisher, und immer mehr Menschen werden sich irgendwelchen obskuren Wunderheilern und Alternativmedizinern zuwenden. Was muss den passieren, damit es so nicht weiter geht?

In den USA geben die Menschen heute für Komplementärmedizin schon ebensoviel Geld aus, wie für Mainstream-Medizin. Nachdem man das ja nicht verbieten kann und auch nicht soll, ist man dort einen - wie ich finde - recht guten Weg gegangen. Seit kurzem stehen ausreichend Forschungsgelder zur Verfügung, diese Therapien eine nach der anderen, vorurteilslos nach anerkannten wissenschaftlichen Kriterien zu untersuchen. Ich denke nicht, dass der Trend hin zu obskuren Wunderheilern führt. Aber er führt mit Sicherheit weg von einer Medizin, die den Menschen bloß als Summe von Risikofaktoren betrachtet und auch so behandelt.

Sind die zurzeit vielfach propagierten Disease-Management Programme für chronisch kranke Menschen, wie etwa Diabetiker nicht ein Schritt in die richtige Richtung?

Nirgends wird so viel übertherapiert wie in Deutschland. Wenn es nun bei einigen Krankheiten konkrete Richtlinien für eine Behandlung gibt, so ist das sicher nicht schlecht. Das wäre eine gute Möglichkeit zur Umsetzung der Evidence Based Medicine (Evidenz basierte Medizin = auf wissenschaftlichen Belegen basierende Medizin, Anm. d. Redaktion) in der Praxis. Natürlich ist es aber wichtig, dass über der sinnvollen Standardisierung der Blick auf den einzelnen Patienten nicht verloren geht.

Sind am Ende nicht auch die Patienten mitverantwortlich, weil sie immer wieder einfache Lösungen von ihren Ärzten fordern, und eben die Ärzte wählen, die Ihnen die "magic bullets" verschreiben?

Patienten, die ihr Leben lang nicht auf die Gesundheit achten, rauchen, keine Bewegung treiben, übergewichtig auf den Herzinfarkt zurudern und dann plötzlich in der Klinik von den Ärzten Wunderdinge erwarten, gibt es leider zur Genüge. Es ist auch immer leichter eine Pille zu schlucken, als seinen Lebensstil zu ändern. Im Buch beschreiben wir sieben Faktoren, die in Langzeitstudien als maßgebliche Voraussetzungen für ein langes gesundes Leben identifiziert worden sind. Darunter ist nur ein einziger, der nicht persönlich beeinflussbar ist.

Gehen Sie selbst noch zum Arzt?

Klar doch, wenn es notwendig ist. Ich suche mir allerdings solche Ärzte aus, die ihre Patienten nicht überrennen, sondern als mündige Menschen betrachten.

Veröffentlichung, auch auszugsweise, ist nur unter ausdrücklicher Nennung von wissen.de gestattet.

Buch-Tipps

Online bestellen:

K. Langbein, B. Ehgartner: Das Medizinkartell

Marcus Anhäuser
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