Frans de Waal ist der “Peacemaker“ unter den Tierforschern. Der Primatologe erforscht seit den 1970er Jahren die “Friedenspolitik“ der Schimpansen. In bekannten Büchern wie “Wilde Diplomaten“, “Bonobos“ oder “Der gute Affe“ hat er auch Laien seine Ergebnisse näher gebracht. De Waal entwickelte das Konzept der “Reconciliation“, zu deutsch Versöhnung. Was zu Beginn nur wenige Forscher interessierte, entdecken Verhaltensbiologen heute mehr und mehr bei anderen Tierarten. wissen.de hat de Waal, einen der berühmtesten Affenforscher der Welt, zur Versöhnung der Tiere befragt. Der gebürtige Niederländer lehrt und arbeitet am Yerkes Primatenzentrum der Emory Universität, Atlanta, Georgia, in den USA.
Harmonie im Tierreich?

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Herr de Waal, Sie sagen: Genau wie Menschen versöhnen Tiere sich nach einem Streit wieder. Warum sollten sie das tun?
Weil sie Beziehungen zu anderen Tieren aus ganz bestimmten Gründen haben. Weil sie etwa kooperieren, oder weil sie verwandt sind. Aber obwohl sie sich gegenseitig unterstützen und auf einander angewiesen sind, kommt es immer wieder zu Streitigkeiten, zu Uneinigkeiten. Man findet Aussöhnung bei Tieren, bei denen es sowohl Konflikte als auch Kooperation gibt. Versöhnungsverhalten gibt es nicht bei den Tieren, die nicht zusammenarbeiten, also zum Beispiel bei Individuen, die in verschiedenen Gruppen leben. Für sie gibt es keinen Grund sich zu vertragen. Tiere, die nicht kooperieren, versöhnen sich auch nicht.
Klingt sehr nach Harmonie im Tierreich?
Das ist es natürlich nicht. Manchmal glauben Menschen, Versöhnung gebe es einfach zum Wohl des friedlichen Zusammenlebens oder um der Harmonie willen, aber sie ist viel zweckgerichteter.
Versöhnung macht Sinn

Schimpansenkinder.
Sei wann kennen Verhaltensbiologen Versöhnungsverhalten?
Wir haben es im Zoo von Arnheim etwa Mitte der 1970er Jahre entdeckt. Das heißt, wir kennen es jetzt schon eine ganze Weile, aber zunächst nur von Schimpansen. Seit Anfang der 80er Jahre wurde es auch bei anderen Affen untersucht. Bei Tieren, die nicht zu den Affen zählen, begann die Forschung noch viel später. Es gibt zwischen 100 und 150 Studien über Menschenaffen aus mehr als zwanzig Jahren Forschung.
Beim Menschen kennt man Versöhnung ja sicher schon lange?
Überraschenderweise nicht. Die wissenschaftliche Erforschung des Versöhnungsverhaltens begann erst viel später als bei Tieren. Sozialforscher und Psychologen haben dieses Thema sehr vernachlässigt.
Wie das?
Ich glaube, das hat mit der Arbeits- und Denkweise der Sozialwissenschaftler zu tun. Sie denken nicht in funktionellen Begriffen. Sie stellen andere Fragen. Für Biologen macht Versöhnung Sinn: Es gibt Beziehungen, die man erhalten sollte, es gibt Mechanismen, die es erlauben, diese Beziehungen wieder zu kitten. Geisteswissenschaftlern fehlt einfach dieser funktionelle Ansatz. Es ist ähnlich wie bei Aggression. Erst als der Biologe Konrad Lorenz Aggression zum Thema machte und erklärte, dass sie ein natürliches Phänomen ist, das einen natürlichen Ursprung hat, den man entsprechend erforschen sollte, kümmerten sich Sozialwissenschaftler um das Thema.
Warum hat die Wissenschaft Versöhnung so lange ignoriert?
Weil das große Thema Aggression war. Zu Anfang, zunächst auch bei den Biologen, interessierte man sich nur für die Ursachen von Aggression. Was ist der Ursprung der Aggression? Woher kommt das “so genannte Böse“, wie Lorenz es nannte. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wollte man verstehen, wie Aggression entsteht. Man fand auch eine Menge Ursachen: Frustration, der Trieb, Gene, Alkohol usw.
Niemand interessierte sich dafür, welche Auswirkungen Aggression auf Beziehungen hatte, welche Verhaltensweisen sich entwickelten, um mit Aggression umzugehen. Entsprechend sahen auch die Experimente aus. Man nahm eine Ratte, steckte sie 24 Stunden in einen Käfig, dann setzte man eine zweite dazu, und es kam natürlich zu Streitigkeiten, Kämpfen, weil die eine ja ihr Territorium verteidigte. So untersuchte man Aggression. Aber: Die Ratten hatten keinerlei Beziehung zu einander. Sie kannten sich nicht, sie brauchten sich nicht, es gab keinerlei soziale Verbindung zwischen ihnen.
Inzwischen wird das Versöhnungsverhalten von Menschen aber auch untersucht.
Ja, es gibt einige Untersuchungen zu Kindern. Sie wurden aber von Verhaltensbiologen durchgeführt, die an Tieren gelernt hatten, Verhalten zu erforschen. Selbst Kinderpsychologen hatten dieses Thema praktisch ignoriert. Inzwischen interessieren sie sich aber sehr stark dafür, weil Kinder sich in vielen Bereichen ganz ähnlich verhalten wie Menschenaffen. Man erforscht junge Kinder auch ganz ähnlich wie Affen, man kann sie schlecht fragen, Antworten erhält man nur durch Verhaltensbeobachtungen. Bei den Sozialwissenschaftlern gibt es eine allmähliche Annäherung, aber es geht sehr langsam. Wenn man in eine Bibliothek geht und Bücher über Aggression und über Konfliktlösung und Versöhnung sucht, wird man mit mehreren Stapeln zum Thema Aggression herauskommen, aber mit fast keinem über Versöhnung.
Jede Art auf ihre Weise
Zeigen denn alle Tiere Versöhnungsverhalten?
Zunächst einmal haben wir es bei Schimpansen gefunden, es wurde aber relativ schnell klar, dass die kognitiven Voraussetzungen für Versöhnungsverhalten nicht sehr hoch sind. Man muss sich individuell erkennen können, man muss sich erinnern können, mit wem man sich gestritten hat, man muss den Wert einer Beziehung einschätzen können, um zu erfahren, ob sich eine “Reparatur der Beziehung“ lohnt. Das sind Eigenschaften, die es bei vielen Tieren gibt. Wir haben heute Daten zu etwa 27 Affenarten. Inzwischen kennen wir dieses Verhalten auch von Hausziegen, Hyänen, Delphinen, selbst bei speziellen kooperativen Fischen wie den Putzerfischen, die andere Fische von Parasiten befreien. Wir glauben, dass es im Tierreich sehr weit verbreitet ist. Eigentlich sollten wir es in jeder individualisierten Gesellschaft finden.
In Insektenstaaten also eher nicht.
Nein, weil es dort kein individuelles Erkennen gibt. Aber selbst von Fischen wissen wir, dass sie sich gegenseitig erkennen. Heute sind wir an dem Punkt angelangt, dass wir überrascht sind, wenn wir eine Tierart finden, bei der es zu aggressiven Konflikten kommt, die aber kein Versöhnungsverhalten zeigt.

Eine Gruppe von Javaneraffen beim gegenseitigen »Lausen«.
Wie vertragen sich Tiere?
Jede Art macht es auf ihre Weise. Bonobos haben Sex nach einem Streit, Schimpansen küssen und umarmen sich, viele andere Affen lausen sich oder haben spezielle Rituale der Annäherung entwickelt. Hyänen beschnüffeln sich gegenseitig an den Genitalien, Delphine machen es ähnlich wie Bonobos, allerdings ist es eher eine Art Petting, die Putzerfische streicheln ihrem Wirt mit der Bauchflosse über den Rücken, wie Redouan Bshary aus Cambridge herausgefunden hat. Menschen entschuldigen sich, sie geben sich die Hände, umarmen sich. Also ist die Ausführung sehr verschieden, das Prinzip aber immer dasselbe: Es gibt eine gestörte Beziehung, die wieder geflickt wird.
Gibt es denn ähnliche Muster von Versöhnung zwischen Tier und Menschen? Oder gibt es Unterschiede zum Beispiel in der Form, wie sich Individuen und wie sich Gruppen vertragen?
Ich glaube nicht. Es ist im Grunde dasselbe. Nationen vertragen sich, Gruppen vertragen sich, Familien vertragen sich, einzelne Individuen vertragen sich, egal ob Mensch oder Tier. Es handelt sich immer um Einheiten innerhalb eines Systems. Wenn diese Einheiten Konflikte haben und sie sind aufeinander angewiesen, sollten sie Mechanismen aufweisen, mit denen sie diesen Konflikt lösen. Und dann ist es egal, ob man das Prinzip auf Fische, Bonobos, Menschen oder die Staaten der EU anwendet.
“Das Prinizip ist universell“
Aber Menschen unterscheiden sich schon von Fischen?

Historischer Händedruck von Izhak Rabin (links) und PLO-Chef Jasir Arafat im Weißen Haus am 13.09.1993.
Offensichtlich haben Menschen natürlich einige ganz spezielle Möglichkeiten, sie können sich zum Beispiel über das Telefon versöhnen, was Schimpansen und erst recht Fische sicherlich nicht können. Wir haben andere kognitive Fähigkeit und die Sprache, die uns mehr Möglichkeiten gibt. Wir nutzen zum Beispiel auch Möglichkeiten der Vermittlung zwischen Konfliktparteien durch eine dritte Person oder Partei. Das gibt es sonst nur bei Schimpansen. Also: Ich glaube der Mensch hat ein paar besondere Feature, aber das grundlegende Prinzip ist universell.
Wird man denn eines Tages durch die Ergebnisse von Verhaltensbiologen Konflikte besser lösen können? Oder vereinfacht gesagt: Kann man durch das Studium von Makaken den Nahost-Konflikt lösen?
Die einzige Möglichkeit, die ich sehe, eine solche Art von Konflikt zu lösen, ist, wirtschaftliche Verbindungen zwischen den verfeindeten Gruppen zu entwickeln, so dass es im Interesse beider ist, diese Bindungen aufrechtzuerhalten. Die Beziehung muss einen Wert bekommen. Das Verrückte ist aber, dass es solche wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Palästinensern und Israelis ja gibt. Trotzdem hauen sie wie irre aufeinander ein, um sich zu zerstören. Das Problem ist, dass Konflikte wie im Nahen Osten oder auch in Nordirland sehr halsstarrige sind. Sie schleppen die Vergangenheit wie einen Hemmschuh hinter sich her. Für diese Art von Konflikten habe ich natürlich auch keine Lösung.
Sie erklären den Menschen seit vielen Jahren in Vorträgen, Artikeln und Büchern, wie Tiere, vor allem Schimpansen, Frieden schließen, sich versöhnen. Hören Ihnen die Menschen so gerne zu, weil Sie ihnen zeigen, dass es eben nicht nur die egoistischen wilden Tiere da draußen gibt, die nach dem Gesetzt von “Fressen und gefressen werden“ leben?
Das kann schon sein, positive Dinge werden leichter akzeptiert. Aber man sollte nicht vergessen: Wenn ich von Versöhnung spreche, bedeutet es auch immer, dass es vorher Probleme, Konflikte und Aggression gegeben hat. Ich sage ja nicht, dass Tiere nicht aggressiv mit einander umgehen. Ich habe gesehen, dass sie sich manchmal sogar umbringen.
Aggression ist ein massives und schmerzliches Problem auch für Tiergesellschaften. Die Leute sollten nicht den Eindruck bekommen, dass, wenn ich von “Peacemaking“ und Versöhnung spreche, alles wunderbar auf der Welt ist. Das ist es sicher nicht. Und sich zu versöhnen ist letztlich auch egoistisch motiviert. Es geht um den Wert einer Beziehung für die Individuen, deshalb ist es so wichtig, diesen Wert auch abschätzen zu können. Nur wenn die Beziehung einen Wert hat, lohnt sich die Versöhnung.
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