Der Vater, Dichter und Maler
Seit dreißig Jahren lebt Heiner Hesse (93) hier im Tessin, in Arcegno, hoch über Ascona am Lago Maggiore. Und das ist kein Zufall. Einen See weiter, am Lago di Lugano, lebte 43 Jahre lang sein Vater. Das Häuschen in Montagnola war die letzte Station im Leben des Dichters. Sein Arzt fand ihn hier auf seinem Bett - in der Hand die “Confessiones“ des Augustinus, auf den Lippen ein Lächeln.

Hermann Hesse
1919 war Hermann Hesse nach familiären und beruflichen Turbulenzen und vor allem unter den Eindrücken des Ersten Weltkriegs nach Montagnola aufs Land geflüchtet. Hier, in die Südschweiz, nahe der italienischen Grenze, begann er nach seiner Psychotherapie bei C.G. Jung zu malen. Während der Behandlung hatte man sein zeichnerisches Talent bemerkt. Aquarelle mit Landschaftsmotiven sollten von nun an seine dichterischen Eindrücke optisch untermalen. Vielleicht noch deutlicher als im dichterischen Werk zeigt sich in den meist kleinen Bildern seine große Liebe zur Natur.
Sehnsucht liegt in der Luft
Hesses Wohnung in der Casa Camuzzi in Montagnola blickt noch heute auf den Luganer See. Es duftet im ganzen Ort nach Jasmin, die schwülstige Italien-Sehnsucht Hesses liegt in der Luft. Hier schrieb er u.a. “Siddhartha“, den “Steppenwolf“, über den die Italienisch sprechende Bevölkerung Montagnolas schon zu Hesses Lebzeiten als “lupo della steppa“ rätselte. Und schließlich entstand hier auch das Alterswerk “Das Glasperlenspiel“, für das Hesse im Jahre 1946 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte. Der Verleihung blieb der scheue Hesse übrigens fern - mit der Begründung, er habe nichts Passendes anzuziehen.
Von der Casa Camuzzi in die Casa Rossa

©Fondazione Hermann Hesse Montagnola; Foto: Roberto Pellegrini. Das museo-sera in Montagnola
Nach produktiven Jahren in der Casa Camuzzi hatte der befreundete Zürcher Arzt Dr. Bodmer 1931 Hesse ein Anwesen gestiftet, die Casa Rossa (heute im Besitz des Bisquit-Magnaten Pavesi, der das rote Haus weiß streichen ließ), wo Hesse auf Lebenszeit mit seiner Frau wohnen konnte. Auf dem idyllischen Friedhof unterhalb von Montagnola ist Hesse begraben. Wie übrigens auch sein Biograph Hugo Ball und der Dirigent Bruno Walter. Neben Hesse liegt seine dritte Frau Ninon. Sie hieß - eine Jüdin - gebürtig “Ausländer“ mit Nachnamen, und so steht es auch auf dem Grabstein. Dies führt bei Touristen oft zu Missverständnissen: Sie glauben, die Schweizer würden Ausländer auf ihren Friedhöfen kennzeichnen. Der leichte Kitsch, den Hesses Werk manchmal umschleicht, zieht sich bis an seine letzte Ruhestätte: über dem schlichten Grabstein von Hesse und dem noch schlichteren seiner letzten Frau wachsen zwei gigantische Zypressen, oval geformt, so aneinander, dass es aus der Entfernung aussieht wie in riesiges grünes Herz.
Leider wurde in Montagnola versäumt, aus der Hesse-Wohnung ein adäquates Museum zu machen. Den Kulturbehörden waren drei Millionen Schweizerfranken als Kaufpreis zu teuer. Stattdessen wurde um die Ecke 1997 das Museo Hesse gegründet - ein Kompromiss, der auf jeden Fall einen Besuch lohnt.
Wenn der Postmann 35.000 mal klingelt

Hermann Hesse
Mit seiner vogelhaft-asketischen Physiognomie sieht Heiner Hesse dem Vater zum Verwechseln ähnlich. Helle, grünblaue Augen, die einen Verstand verraten, der schneller denkt als der Mund spricht. Geistig völlig wach, körperlich für solch hohes Alter noch sehr mobil, zynisch und immer bescheiden - so geht Heiner Hesse, der eigentlich ein geschätzter Schaufensterdekorateur und Plakatmaler in Zürich war, seiner Bestimmung nach. Seit dreißig Jahren verwaltet er den Nachlass seines Vaters und betreut die Gesamtausgabe der Hesse-Werke bei Suhrkamp mit. Vor allem die Briefe haben es ihm angetan. Über 35.000 hat Hermann Hesse im Lauf seines Lebens geschrieben. An seinem Haus in Montagnola hing ein überdimensionaler Briefkasten, um die Briefflut überhaupt einfangen zu können. Hesse war wohl eine der ersten berühmten Persönlichkeiten, die mit Fanpost in großem Stil überhäuft wurde. Oft verzweifelte Schreiben, die neben der Bewunderung auch konkrete Lebensfragen zum Inhalt hatten. Hermann Hesse war ein postalischer Seelenklempner, der seine therapeutische Autorität einer weltweiten Klientel über seine Werke ins Herz gebrannt hatte. Und was Hesse Senior nicht mehr beantworten kann, darum kümmert sich eben mit der gleichen schweizerischen Akribie sein Sohn. Wissen.de hat Heiner Hesse in seiner Mühle besucht.
Heiner Hesse im Interview
Herr Hesse, Ihr Vater wäre in diesem Jahr 125 Jahre alt geworden. Was sind ihre prägendsten Erinnerungen?
Ich habe bald keine Erinnerungen mehr, weil ich mich die letzten dreißig Jahre beinahe täglich mit meinem Vater beschäftigt habe, mit dem Werk, auch mit Erinnerungen.

©Suhrkamp Verlag Frankfurt; Foto: Martin Hesse. Hermann Hesse mit seinen drei Söhnen Marco, Heiner und Bruno 1937 in Montagnola
Was kommen Ihnen für Gedanken, wenn Sie an Ihre Zeit mit Ihrem Vater zurückdenken?
Dass ich als junger Mann ziemlich lange unter dem Generationenkonflikt gelitten habe und mein Vater auch darunter leiden musste. Darunter, dass ich andere Meinungen hatte als er. Jugendliche Meinungen. Das hat sich später ein bisschen geändert. Und jetzt mache ich seit dreißig Jahren nichts anderes, als mich mit dem Werk meines Vaters zu beschäftigen. Ich habe mit dem Herausgeber der Hesse-Werke, Volker Michels, im Laufe dieser Zeit ich weiß nicht wie viel Hunderte von Briefen, Dokumenten gesammelt. Das war mein Hauptjob. Briefe meines Vaters an Freunde, an Leser, an Menschen in aller Welt. Mein Vater hat praktisch nie Briefkopien gemacht. Es gab nach seinem Tod ein paar wenige Sachen, die schon veröffentlicht waren. Briefe, die seine Frau seinerzeit kopiert hat, damit man nachher noch weiß, was er geschrieben hat. Ich habe in Bibliotheken, bei privaten Leuten, oft bei Kindern oder Enkeln von Briefempfängern Briefe gesucht und ungefähr 10 000 habe ich gefunden. 35.000 hatte er geschrieben, das wissen wir, weil wir die Gegenantworten oder die Gegenfragen haben.
Gibt es ein Lieblingsbuch für Sie aus dem Werk Ihres Vaters?
Das wechselt bei mir. Ich hatte früher Lieblinge, das waren die erotischen Werke (schmunzelt schelmisch) - nein, nicht die erotischen und auch nicht die exotischen, sondern das waren die ironischen Werke! Wie zum Beispiel der kurz gefasste “Lebenslauf“. Aber neuerdings sind mir seine Briefe sehr wichtig geworden. Und jetzt lese ich gerade das Neueste, was herausgekommen ist. Das sind seine Buchrezensionen der Jahre von 1917 bis 1926.
Und wie schaut es mit anderen Autoren aus?
Andere Autoren, da muss ich fest nachdenken. Ich habe schon lange nichts anderes mehr gelesen. Und was ich in jüngster Zeit gelesen habe, das weiß ich schon zwei Tage später nicht mehr. So steht’s bei mir. Das dürfen Sie ruhig der ganzen Welt erzählen.

Hermann Hesse
War Ihr Vater ein strenger Vater?
Nein, das Gegenteil. Er war tolerant. Bei unseren Auseinandersetzungen, wo er mir einfach hier und da eine Lektion erteilen wollte und das auch tat, war es so, dass ich tatsächlich irgendeine jugendliche Dummheit gemacht habe, irgend etwas Hals über Kopf unternommen, das ich nicht gut verantworten konnte. Und in solchen Sachen war er in einem gewissen Sinne streng. Aber nicht, dass er bös gewesen wäre. Oder dass er uns mit dem Stock erzogen hätte, das war nicht der Fall.
Was hat Ihren Vater an Ihnen am meisten gestört, gab es etwas, dass ihn besonders schnell in Rage brachte?
Zum Beispiel in der Zeit, wo er selbst hungerte und fast nichts verdiente, hat er in mir einen Sohn gehabt, der nicht sehr vorsichtig mit Geld umgegangen ist. Der hat sich so alles Mögliche geleistet, war in der Mittelschule in einer Stundentenverbindung, als Mittelschüler, mit Mütze. Die Mütze kostete viel Geld, mit Band, mit breiten Scherpen. Und mein Vater musste dafür aufkommen.
Was haben Sie sich sonst noch geleistet?
Ich habe vielleicht mein Leben lang zu viel geraucht, und das hat auch immer Geld gekostet. Auch Bücher musste mein Vater kaufen, Schulbücher und so weiter. Und da hat man natürlich hier und da auch gemogelt und hat unter “Schulbücher“ auch noch etwas anderes gekauft.
Wenn Sie noch einmal Gelegenheit hätten, Ihren Vater etwas zu fragen oder ihm etwas zu sagen, was wäre das?
Ich würde mich für ein paar Sachen vielleicht entschuldigen, aber das war bei uns nicht so Sitte. Ich würde es vielleicht tun. Und dann gibt es natürlich auch irgendwelche Sachen, wo ich ihm denn auch vielleicht einen Vorwurf machen würde. Aber das sind Dinge, die ich nicht breitschlagen will.
Wenn Sie in seinen Büchern lesen, hören Sie dann die Stimme ihres Vaters während Sie die Worte lesen? Hat Ihr Vater überhaupt vorgelesen?
Er hat nie vorgelesen, wenn schon, dann habe ich ihm vorgelesen. Nicht aus seinen Büchern, die hat er selbst gelesen oder sich von seiner Frau vorlesen lassen, wenn es irgendeine Notwendigkeit gab. Aber ich habe ihm zum Beispiel, ich glaube, von zwei Büchern von Peter Weiss vorgelesen, als ich eine Woche lang bei ihm zu Gast war.
Wann und wo pflegte Ihr Vater zu schreiben? Gab es da spezielle Rituale? Oder einen Lieblingssessel, in dem er immer gesessen hat?
Wie ich noch klein war und wir in Bern lebten, da hatte mein Vater oben ein Studierzimmer. Und das Ritual bestand darin, dass es voller Tabakrauch war, wenn wir Kinder hereinkamen. Nur abends nach dem Nachtessen durften wir noch da hinein. Sonst wollte er seine Ruhe haben, durfte ihn niemand stören.
Hatten Sie den Eindruck, das er schnell schrieb, oder spürten Sie auch, dass ihn Gedanken eine Zeit lang quälten, bevor er sie ausdrücken konnte?
Das erzählt er selber in vielen Erzählungen und Betrachtungen ganz genau, wo er sehr schnell geschrieben hat, zum Beispiel den “Steppenwolf“, den Prosatext in ein paar Wochen geschrieben hat.
Ein paar Worte zu Hermann Hesse und Musik: was für ein Verhältnis hatte er zu Musik? War er musikalisch?
Er war ein großer Musikfreund und seine guten Freunde waren zum großen Teil alles auch Musiker. Er war mit wenigen Schriftstellern befreundet, er hasste nichts so sehr wie Gespräche über Literatur, er fand das ziemlich überflüssig. Er fand auch die ganze Literatur unserer Zeit ziemlich mager. War aber befreundet mit Musikern und auch mit Malern.
Können Sie da Namen nennen?
Bei den Musikern war natürlich der allererste sein Freund Othmar Schoeck. Den kannte er seit er am Bodensee lebte, seit 1904. Da hat ihn Schoeck erstmals besucht. Und dann war das eine Freundschaft für das ganze Leben bis der liebe Schoeck starb, irgendwann in den Dreißiger Jahren.
Was für Musik, Komponisten hat er am liebsten gehört?
In der Spätzeit Mozart, Bach. Und vorher in der Jugend Chopin und im mittleren Alter waren es zum Teil noch Romantiker.
...auch Musik seiner Zeit...?
Bei der Musik seiner Zeit hörte sein Verständnis ziemlich früh auf. Das sagt er alles selbst sehr deutlich. In seinem Buch “Musik“ erklärt er, dass er nicht viel weiterkomme als bis Bartók.
Ihr Vater und auch Sie selbst haben die Revolution der Schallplatte miterlebt. Wie haben Sie das Aufkommen der technischen Reproduktion von Musik erlebt?
Für ihn war das sehr wichtig. Er hat einsam gelebt in den letzten vierzig Jahren, nur selten kam er in die Stadt und konnte Konzerte hören. Und daher hat er sehr viel Radio und Schallplatten gehört. Das war wichtig für ihn.
Das Tessin, zwei Drittel seines Lebens Heimat von Hermann Hesse, hat er nicht nur in Worten, sondern auch in Bildern, zumeist Aquarellen, festgehalten. Wie haben Sie ihn als Malenden erlebt?
Als Maler habe ich ihn nicht oft erlebt. Meinen Bruder hat er öfter mitgenommen, denn der war auch Maler. Da konnten die beiden irgendwo sitzen und sich gegenseitig abmalen. Es gibt so eine Darstellung. Mein Bruder hat die Situation fotografiert wie sie dasselbe Sujet malen. Der eine hier und der andere da.
Viele Werke Ihre Vaters behandeln ja sehr intensiv die Entwicklungsproblematiken eines Menschen, Persönlichkeitsentfaltung, Pubertät. Wie haben Sie das als sein Sohn erlebt? Hatte er selbst aus seiner Jugend noch Dinge, die er mitschleppte und über seine Bücher erst verarbeitet hat?
Er hat seine Jugendprobleme in den Büchern so gut verarbeitet, dass sie nachher nicht mehr als Probleme existiert haben. Und er hat deshalb uns drei Buben sehr locker erzogen, das heißt, er hat uns sogar wörtlich gesagt, die Erziehung, das ist sowieso etwas, das es gar nicht gibt. Entweder leben ein junger Mann oder ein junges Mädchen so wie ihre Eltern es ihnen täglich zeigen, das ist maßgebend, das ist die Erziehung: zu sehen, wie die Eltern funktionieren und leben. Und alles andere ist aufoktroyiert und bringt nichts.
Es gab eine sehr enge Freundschaft zwischen Ihrem Vater und Thomas Mann, der ihn ja auch für den Literaturnobelpreis vorschlug. Haben Sie die beiden zusammen erlebt?
Zusammen habe ich sie nie erlebt. Ich habe Thomas Mann erlebt in seinen Lesungen in Zürich, zweimal. Aber zusammen habe ich die beiden nie erlebt. Mit den beiden jüngsten Kindern von Thomas Mann war ich sehr eng befreundet. Elisabeth, die letztes Jahr gestorben ist, hat mich kurz vor ihrem Tod noch hier besucht.
Das Interview führte Jens Peter Launert.









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