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Im Zeichen des Zuckerhuts

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Brasilianische Rhytmen © Gerhard Huber, Graz
BRASILIANISCHE RHYTMEN GERHARD HUBER, GRAZ
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Joao Gilberto © KPA Köln/ Everett Collection
JOAO GILBERTO KPA KÖLN/ EVERETT COLLECTION
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Carnegie Hall in New York © Corbis-Bettmann, New York
CARNEGIE HALL IN NEW YORK CORBIS-BETTMANN, NEW YORK
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Stan Getz © Corbis-Bettmann, New York
STAN GETZ CORBIS-BETTMANN, NEW YORK
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Antonio Carlos Jobim © KPA Köln/ Everett Collection
ANTONIO CARLOS JOBIM KPA KÖLN/ EVERETT COLLECTION

In den wilden Fünzigern war Jazz, der die letzten zwei Jahrzehnte die Musikszene dominiert hatte, ins Stocken geraten: Die Popära war angebrochen - Rockn Roll beherrschte die Charts. In Brasilien etablierte sich indes als Gegenpol ein entspannter, dezenter Sound, der Anfang der 60er-Jahre auch nach Amerika überschwappte und von Weltstars wie Frank Sinatra oder Stan Getz adaptiert wurde - der Bossa Nova. Eine Retrospektive.
Von Nils Jacobsen

Brasilianische Spielart des Jazz

Brasilianische Rhytmen © Gerhard Huber, Graz

Eine Musik, so wärmend wie die Sonne der Copacabana, so verführerisch wie der Karneval von Rio, erfrischend wie eine Caipirinha - das ist Bossa Nova. Als Weiterentwicklung des Samba entstand der Bossa Nova in den 50er-Jahren maßgeblich durch Musiker wie Vinicius de Moraes, Antonio Carlos Jobim oder João Gilberto. Diese Avantgarde wollte den inzwischen enorm populären Samba um die Stilelemente des Bebops und des Cool Jazz erneuern: Der neue Sound klang experimenteller, verspielter und weitaus frischer, futuristischer - Bossa Nova bedeutet daher sinngemäß auch nichts anderes als neue Welle. 1956 entwickelte sich zwischen dem jungen Antonio Carlos Jobim, Vinicius de Moraes und Newton Mendoça eine experimentierfreudige Zusammenarbeit, die den Stil des Bossa Nova prägen sollte. Melodie und Rhythmus wurden gleichberechtigt behandelt, der Gesang klang zurückhaltend, mitunter fast dezent gehaucht. Das erste Aufsehen erlangte der Musikstil, als zu dem Trio 1958 der Gitarrist João Gilberto stieß, der den Gesangsstil durch gesprochene Elemente weiter verfeinerte.

Internationale Anerkennung in Cannes

Joao Gilberto © KPA Köln/ Everett Collection

Das Zusammenspiel von Gilbertos Jazzgitarre zu Jobims perfekt arrangierten Melodien machte den Bossa schnell außerhalb der Szene Rios bekannt. 1958 erschien das Album Chega de Saudade (No More Blues), das auch den Hit Bim Bom enthielt. Erste Aufmerksamkeit jenseits des Atlantiks erlangte der Bossa Nova durch den Film Orfeu Negro (später in Englisch als Black Orpheus aufgeführt), der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Die Grundlage für den Film lieferte das Theaterstück von Vincius Moraes - mit dem Soundtrack landete Antonio Carlos Jobim zusammen mit Luis Bonfa den großen internationalen Hit. Die Jahre 1959 und 1962 gelten als die Blütezeit des jungen Genres. Jobim erzielte mit Songs wie Desafinado oder One Note Samba Welthits, die ihn als Komponisten für die internationale Jazzszene interessant machte. João Gilberto wurde unterdessen der erste Superstar des Genres: Durch seine Zusammenarbeit mit der Jazz-Ikone Stan Getz entstanden von Jobim komponierte Meisterwerke des Bossa Nova (etwa das Albums Getz/Gilberto), während seine Frau Astrud Gilberto mit The Girl from Ipanema einen Welthit landete, der für immer unentwirrbar mit dem brasilianischen Jazzstil verbunden sein sollte.

Bossa Nova-Hype in den frühen Sechzigern

Carnegie Hall in New York © Corbis-Bettmann, New York

Den Ausgangspunkt der internationalen Verflechtung der brasilianischen Musik bildete ein Konzert in der New Yorker Carnegie Hall im November 1962, als João Gilberto erstmals gemeinsam mit dem so renommierten Stan Getz die Bühne betrat und der Weltöffentlichkeit ihre Zusammenarbeit vorstellte. Getz selbst sollte mit seinen Bossa-Nova-Adaptionen fast erfolgreicher werden als die Brasilianer: Im selben Jahr erreichte Getz mit Jazz Samba, ein Album, das er mit US-Gitarrist Charlie Byrd aufnahm, als bislang einziger Jazzlongplayer, den ersten Platz der US-Billboard-Popcharts. Zum Katalysator der neuen Bossa Nova-Begeisterung wurde der deutsche Top-Arrangeur Claus Ogerman, den Jazz-Diva Diana Krall für seine Kompositionskünste in einem Atemzug mit Mozart und Beethoven nennt.
Claus Ogerman lernte hemdsärmlig auf der Party eines befreundeten Zahnarztes in New York den Produzenten Don Costa kennen, der ihn an den damals schon legendären Quincy Jones vermittelte. Wenig später hatte Ogerman seinen ersten Plattenvertrag in der Tasche und machte sich durch Arrangements für Jones einen Namen, die schließlich im Welthit von Lesley Gore It's my party münden sollten.

Jobim und Ogerman werden zum Traumduo des Bossa Nova

Stan Getz © Corbis-Bettmann, New York

Mitte 1962, noch vor dem Riesenerfolg des Carnegie Hall-Konzertes wurde Ogerman Carlos Antonio Jobim vorgestellt, für dessen US-Debüt der deutsche Arrangeur die Originalkompositionen vom Portugiesischen ins Englische übertragen sollte. So entstand aus der Bossa Nova-Hymne Corcovado der Klassiker Quiet nights of quiet stars - aus Desafinado wurde Off Key. Auf dem Gipfel der Bossa Nova-Euphorie im Herbst 1962 brachte der führende A&R-Manager des Jazz-Labels Verve, Creed Taylor, die brasilianischen und amerikanischen Protagonisten zusammen.Stan Getz wollte zusammen mit João Gilberto - und begleitet von Carlos Antonio Jobim am Klavier - ein Album aufnehmen, das von Claus Ogerman produziert werden sollte - Carlos Antonio Jobim - The Composer of Desafinado Plays wurde zum Welterfolg. Gleichzeitig bildete es den Auftakt eines der fruchtbarsten Zusammenspiele zwischen Komponist und Arrangeur in der Musikgeschichte.
Jobim und Ogerman waren die Männer hinter den Welthits von Stan Getz (Reflections 1963, Voices 1966 und What the world needs now 1967 ), Astrud Gilberto (The shadow of your smile 1964) oder Wes Montgomery (Tequila 1966) - ehe Ogerman für den Headliner Jobim selbst eine Reihe von Alben arrangierte, die zu unvergessenen Klassikern des Bossa Nova werden sollten: A certain Mr. Jobim (1967), Jobim (1973), Urburu (1977), Terras Brasilis (1980) - aber allen voran Wave(1967), das wohl perfekteste Konzeptalbum des Genres. Mit diesem avancierte der damals 40-jährige Antonio Carlos Jobim endgültig zum Superstar des Genres - und Ogerman zum gefragtesten Arrangeur seiner Zeit.

Gipfeltreffen zwischen Sinatra und Jobim

Das blieb auch dem größten Jazzsänger aller Zeiten, Frank Sinatra, nicht verborgen. Nach einem phänomenalen Comeback in den 50er-Jahren steckte Ol' Blue Eyes Mitte der 60er in einer Schaffenskrise: Sein legendärer Swingsound hatte sich abgenutzt, Sinatra sehnte sich nach einer musikalischen Erneuerung - und beauftragte den viel gefragten Claus Ogerman. Für den deutschen Arrangeur bildete das Gipfeltreffen mit dem erfolgreichsten Entertainer der Musikgeschichte den Höhepunkt seiner Karriere. Ogerman erinnert sich: Frank mochte diesen ausdrucksstarken, berühmten Song von Jobim (gemeint ist How Insensitive) wirklich sehr und wollte gerne ein Album mit ihm machen. 1967 holte er die New Yorker Jazzlegende und den Überflieger aus Brasilien an einen Tisch und arrangierte ein Konzeptalbum, das dem einst so avantgardistischen Bossa Nova den Klang der großen weiten Welt geben sollte. Francis Albert Sinatra & Antonio Carlos Jobim gilt bis heute als eines der wichtigsten, weil vor allem gewagtesten Werke Sinatras: Hier adaptierte der in seinem Gesangsstil so maskuline 'Chairman of the Board die weichen, leise nuancierten Passagen Jobims - und verlieh ihnen ein komplett neues Gesicht. Bossa Nova-Klassiker wie The girl from Ipanema, Dindi, Quiet night of quiet stars und How Insensitive vereinte Sinatra auf Francis Albert Sinatra & Antonio Carlos Jobim; zwei Jahre später nahm Ol Blue Eyes unter Eumir Deodato mit Jobim sieben weitere Klangperlen auf - darunter eine unvergessene Version von Wave.

Die große Welle des Bossa Nova verebbte in den 70ern

Antonio Carlos Jobim © KPA Köln/ Everett Collection

Gleichzeitig markiert das Sinatra-Projekt das Ende der großen Bossa Nova-Zeit. Claus Ogerman produzierte mit Carlos Antonio Jobim in den Siebzigerjahren noch drei weitere Alben der ersten Güteklasse, doch in einem Umfeld der wirtschaftlichen Stagflation und musikalisch-ruppigen Punkrock-Ära verebbte die Bossa Nova-Welle langsam, aber stetig. Ogerman verabschiedete sich nach dem Arrangement von Terras Brasilis, seinem letzten Album für Jobim, 1980 von der Jazz-Szene und wandte sich rein klassischen Kompositionen zu. Diana Krall gelang es nach einem fünfstündigen Dinner, Ogerman 2001mit The look of love zu einem sensationellen Comeback zu überreden. Dieses erfolgreichste Jazz-Album, das komplett von Ogerman arrangiert wurde, beinhaltet unter anderem eine wunderbare Version des Bossa Nova-Standards Besame mucho. Der legendäre Komponist Carlos Antonio Jobim erlebte im Zuge der Latino-Renaissance in den Achtzigerjahren noch einmal ein verdientes Comeback und tourte viel durch die USA. 1994 starb der Wegbereiter des Bossa Nova im Alter von 67 Jahren überraschend an Herzversagen in New York. Rund 40 Jahre nach dem internationalen Durchbruch gilt der Bossa Nova indes unangetastet als eine der schönsten stilistischen Färbungen in der Jazz-Geschichte - ein Genre, so formvollendet wie ein Sonnenaufgang am Strand von Ipanema.

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