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Immer wieder Schule schwänzen

Die Öffentlichkeit fordert harte Strafen für Schulverweigerer. Pädagogische Konzepte werden vielen Jugendlichen jedoch eher gerecht und wirken nachhaltiger.

Mathe am Montagmorgen einfach mal ausfallen lassen, die öden Geschichtskurse am sonnigen Mittwochnachmittag ausnahmsweise „verpassen“ – es gibt wohl kaum einen Schüler, der noch nie mit solchen Ideen geliebäugelt hat. Und wahrscheinlich auch kaum Lehrer oder Eltern, die das nicht insgeheim verstehen können. Schwerer nachzuvollziehen ist, dass 12,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland – so eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen – regelmäßig den Gang zur Schule meiden, an den Haupt- und Förderschulen sogar jeder fünfte Schüler. Kommen dann noch Probleme beim Lernen oder im Elternhaus dazu, kann eine regelrechte Schulverweigerung entstehen: Die Jugendlichen tauchen kaum noch im Unterricht auf und verspielen so am Ende ihren Schulabschluss – 2010 etwa verließen 53.000 Jugendliche in Deutschland die Schule ohne das begehrte Zeugnis. Was bewegt diese hartnäckigen Schulverweigerer? Und wie kann man sie wieder zum Schulbesuch motivieren?

 

„Tierpaten“ – ein Hamburger Projekt für Schulverweigerer

Geben und Nehmen

Die Pferdepflege hilft Dauerschwänzern wieder Verantwortung zu übernehmen

Liebevoll streichelt der vierzehnjährige Fabian (Name geändert) die Haflingerstute Bonnie. Eben hat er sie gestriegelt, gleich geht es mit der Trainingskutsche hinaus auf den Übungsplatz. Bonnie soll lernen, ihr Gewicht beim Laufen besser zu verlagern. Fabian müsste an diesem Donnerstag eigentlich in der Schule sitzen und auch etwas lernen. Aber das hat er schon seit zwei Jahren nicht mehr gemacht. Dass er heute stattdessen in einem Pferdezucht-Betrieb im Hamburger Stadtteil Iserbrook bei der Tierpflege mithelfen darf, verdankt er dem Projekt „Tierpaten“ der „Regionalen Beratungs- und Unterstützungsstelle“ (REBUS), die Hamburger Schulen unter anderem im Umgang mit Schulverweigern unterstützt. Die Arbeit auf dem Hof soll ihm dabei helfen, den Weg zurück in die Schule zu finden.

Ob Kaninchen oder Schildkröte

Die Tierpatenschaften sind oft die letzte Chance der Schulverweigerer

Bei den Tierpaten steht neben der Ponypflege auch die Versorgung der projekteigenen Kaninchen, Schweine, Vögel, Frettchen, Schildkröten und Hühner auf dem Programm. Für Jugendliche wie Fabian sind diese täglichen Pflichten nach langer Zeit die ersten Aufgaben, die sie gewissenhaft und motiviert erledigen.

Rund 15 Kinder und Jugendliche zwischen neun und 17 Jahren erhalten bei den „Tierpaten“ derzeit die – meist letzte – Gelegenheit, ihre Schulkarriere wieder aufzunehmen oder den Abschluss nachzuholen. Einige verbringen ganze Vormittage in dem Projekt, andere nur wenige Stunden in der Woche als „Unterrichtsergänzung“. Neben der Tierpflege steht auch Unterricht auf dem Stundenplan, aber in kleineren Gruppen, mit geringerem Leistungsdruck und intensiverer Betreuung als im normalen Schulalltag.

Wieso die Versorgung der Tiere den Schülern dabei hilft, wieder die Schule zu besuchen, erklärt die Sonderpädagogin Christiane Wenning, die die „Tierpaten“ betreut: „Die Jugendlichen können hier wieder soziale Kontakte aufnehmen und ihre eigenen Leistungen positiv erleben. Was wir tun, ist zwar pädagogisch, aber trotzdem ganz anders als in der Schule – ein angstfreier Raum, an dem sie sich wieder ans Lernen gewöhnen können.“

 

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von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios
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