Total votes: 41
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Johannes Paul II. – ein Papst auf Reisen

Kein Papst vor ihm ist während seines Pontifikats so viel gereist wie Karol Wojtyla. Ob in seiner Heimat Polen oder im fernen Afrika oder Südamerika – wenn der Heilige Vater kommt, feiern die Menschen den Mann aus Rom euphorisch. Im Juni 2003 trat Johannes Paul II. seine 101. apostolische Reise an, die ihn nach Bosnien-Herzegovina führte. 1,2 Millionen Kilometer hat der Pontifex bisher zurückgelegt, soviel wie 30 Umrundungen des Erdballs. Es gibt kaum ein Land, dass er noch nicht besucht hat – hier folgt ein Überblick über einige seiner denkwürdigsten Reisen.

Bild 1 von 3
Bild 2 von 3
Bild 3 von 3

Juni 1979: Heimkehr nach Polen

Die Rückkehr in sein Heimatland Polen ist für Johannes Paul II. eine Selbstverständlichkeit. Für die kommunistische Regierung des Landes wird sein Wunsch jedoch eine schwierige Aufgabe. Der Pontifex hatte bereits bei seiner Amtseinführung im Jahr zuvor betont, dass er gerne zum 900. Todestag des heiligen Stanislaus nach Hause kommen würde. Die polnischen Bischöfe sind begeistert, den Landessohn aus Rom zur Stanislaus-Gedenkfeier empfangen zu dürfen.

Dem Druck der Kirche beugen sich die oberen Funktionäre der polnischen Partei- und Staatsführung. Das große Problem allerdings ist Moskau. Ohne eine offizielle Zustimmung der sowjetischen Verbündeten ist ein Papstbesuch unmöglich. Der polnische Parteichef Edward Gierek schildert in seinen später veröffentlichten Memoiren ein zorniges Telefonat mit dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew. Als Gierek ihn informierte, dass das polnische Regime dem Papst aus Rom einen respektvollen Empfang bereiten wollte, antwortete Breschnew verärgert: „Lassen Sie sich von mir beraten, und empfangen Sie ihn nicht. Das wird nur Schwierigkeiten geben."

Als Gierek dem mächtigen Mann aus Moskau sagte, dass es für eine polnische Regierung unmöglich sei, einen Papst aus Polen nicht zu empfangen, sagt Breschnew: „Tun Sie, was Sie wollen, aber sorgen Sie dafür, dass Sie es später nicht bereuen müssen."

Damit war klar, der Papst durfte zurück in sein Polen kommen. Die Kommunisten allerdings weigern sich, Karol Wojtyla nach Schlesien reisen zu lassen. Denn Schlesien ist das politische Terrain von Parteichef Edward Gierek.

Am 2. Juni um 10.07 Uhr landet die Boeing 727 in Warschau. Der Papst schreitet die Gangway hinunter, kniet nieder und küsst den Boden Polens. Zur gleichen Zeit läuten im ganzen Land die Kirchenglocken. Bei seiner Ankunft in Warschau spricht Johannes Paul II. über seine Wahl zum Papst und zündet einen ersten Funken im Pulverfass Polen: „Ich lasse hier meine Person beiseite, muss mir aber dennoch zusammen mit Euch die Frage nach den Gründen stellen, warum gerade im Jahr 1978 (nach so vielen Jahrhunderten einer in diesem Bereich fest gefügten Tradition) auf den Bischofssitz des heiligen Petrus ein Sohn polnischer Nation, polnischer Erde berufen wurde."

Die Fahrt in die Stadt gleicht einem Triumphzug für die Kirche. Hunderttausende Menschen stehen dicht gedrängt am Straßenrand auf dem Weg in die historische Altstadt. Im Belvedere-Palast, dem Amtssitz des Staatspräsidenten, trifft das Kirchenoberhaupt mit Präsident Jablonski und Parteichef Gierek zusammen. Der Papst bedankt sich höflich bei den polnischen Behörden, die die Tore zum Land seiner Herkunft geöffnet haben, allerdings stellt er die moralische Voraussetzung des totalitären Systems in Frage. Der Papst betont, dass es in der authentischen Geschichte der polnischen Kultur keinen Raum für erzwungene ideologische Bekehrungen gäbe.

Am 4. Juni versammelt sich über eine Million Polen in der Umgebung des Heiligtums der Schwarzen Madonna auf dem „Hellen Berg" in Tschenstochau, um den Papst zu sehen. Mit zitternder Stimme spricht Johannes Paul II. vom Wall des Paulinenklosters zu den Menschen: „Es wäre unverständlich gewesen, wenn der erste polnische Papst in der Geschichte nicht an diesen heiligen Ort gekommen wäre, um zu lauschen, wie im Herzen der Mutter das Herz der Kirche und des Vaterlandes schlägt."

November 1980: Der Papst in Deutschland

Als Papst Johannes Paul II. zu seinem ersten Besuch in Westdeutschland auf dem Militärflughafen Butzweiler Hof in Köln landet, hat der Himmel alle Schleusen geöffnet, und es regnet in Strömen. Trotz des schlechten Wetters wird der Papst von 500.000 Menschen euphorisch empfangen. Denn es ist fast 200 Jahre her, dass mit Plus VI. 1782 das letzte Mal ein Papst deutschen Boden betreten hat. Hier im Lande Martin Luthers ist der Katholizismus ein harter Fall für das Kirchenoberhaupt aus Rom.

Zwar hat deutsche Theologie das Zweite Vatikanische Konzil stark beeinflusst, doch dann hat sie sich gespalten, und aus ehemaligen Freunden wurden Feinde. Nur relativ wenige westdeutsche Katholiken besuchen sonntags die Gottesdienste. Außerdem leidet der deutsche Katholizismus an einem kulturell bedingten Minderwertigkeitskomplex, der aus den Zeiten Bismarcks stammt. Der ehemalige Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck hatte behauptet: „Ein guter Deutscher ist nur ein guter deutscher Protestant."

Der eigentliche Anlass des Papstbesuchs ist der 700. Todestag des Dominikanermönchs Albertus Magnus. Auf seinen Stationen in den Städten Bonn, Brühl, Osnabrück, Mainz, Fulda, Altötting und München bittet der Heilige Vater um größeres gegenseitiges Verständnis zwischen Katholiken und Protestanten.

Millionen an den Fernsehgeräten und Tausende vor Ort feiern den sympathischen Brückenschläger. Es gibt aber auch Kritik an dem starren Festhalten der Kirche in Rom an den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen und der mangelnden Toleranz in Fragen der Ehe, der Frauen in der Kirche und der Sexualethik.

Nach der Reise beschreibt der Papst seine Eindrücke in der Zeitung „L'Osservatore Romano": „Weiter stehen mir vor Augen die jubelnden, manchmal still betenden Menschenmengen, die dem Nachfolger Petri Ergebenheit bekunden und ihre Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl bekräftigen."

Und noch eine Premiere kann der Papst in Deutschland erleben. Anlässlich seines Besuchs wird vom Stuttgarter Automobilhersteller Mercedes-Benz das „Papamobil" entwickelt. Ein Geländewagen Typ 230 G mit spezieller Klimaanlage, einem gepanzerten Glasaufbau, dessen Kuppel bei Bedarf beleuchtet werden kann, automatischem Getriebe und im Design von Lackierung und Innenausstattung ganz in den Farben des Vatikans, Weiß und Gold, gehalten.

Ein weiterer Höhepunkt der Visite ist der Besuch am Grab des heiligen Bonifatius in Fulda. Seine Ruhestätte gilt als rein religiöses Zentrum des katholischen Deutschland. „Hier tritt jedes Jahr die Bischofskonferenz zusammen in Anerkennung der Werte des Ursprungs und der Dauer des Werkes jenes großen Bischofs und Märtyrers", so der Papst nach seinem Besuch.

Februar 1986: Treffen mit Mutter Teresa

Der Dienst der Christen an den Armen und Verlassenen des Landes war das zentrale Thema bei der 29. Pastoralreise von Johannes Paul II. nach Indien. Gleich nach seiner Ankunft besucht das Kirchenoberhaupt das Grabmal Mahatma Gandhis, des Vaters der indischen Unabhängigkeit und Kämpfers gegen die englische Kolonialmacht. Im Nordosten des Landes, im Bundesstaat Assam, der normalerweise wegen eines langjährigen Guerillakriegs für Ausländer nicht zugänglich ist, hält der Papst eine Messe auf einem freien Feld. Die örtlichen Behörden sperren die Bauern in Holzpferche, damit man sie besser kontrollieren kann. In Madras betet der Papst an dem Ort, an dem nach der Überlieferung das Grab des Apostels Thomas liegen soll.

Die bedeutendste Begegnung des Kirchenoberhaupts findet in Kalkutta, der Millionenmetropole am Ganges, statt. Hier trifft Johannes Paul II. Mutter Teresa, das Symbol für christliche Nächstenliebe in Indien. Ihr ist es im Lauf der Jahre gelungen, über 50000 kranke und verarmte Inder aus ihrem Elend in ihr „Haus des reinen Herzens" zu holen. Der Mann aus Polen und die kleine albanische Nonne verstehen sich auch ohne viele Worte.

Für den Papst ist Mutter Teresa eine „Botschaft in Person". Sie zeigt, dass das in der menschlichen Natur verankerte Gesetz des Gebens gelebt werden kann.

Januar 1990: Reise zu den Ärmsten der Welt

Im Jahr 1990 schreibt der Papst seine achte Enzyklika, die an oberster Stelle in der Ausübung des ordentlichen Lehramtes des Papstes steht. Das Wort stammt vom griechischen „egkýklios" ab und bedeutet „bei allen umlaufend". Die Enzyklika „Redemptoris Missio" („Über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages") ist an alle Menschen gerichtet. Der Papst schreibt: „Im Namen der ganzen Kirche fühle ich die Verpflichtung, den Ruf des Apostels Paulus erneut aufzugreifen. Seit dem Beginn meines Pontifikates habe ich mich entschlossen, bis an die äußeren Enden der Erde zu reisen. Gerade der unmittelbare Kontakt mit den Völkern, die Christus nicht kennen, hat mich von der Dringlichkeit einer solchen Aktivität, der diese Enzyklika gelten soll, noch mehr überzeugt."

Die Mission führt den Papst bei seiner 45. Reise auf die Kapverdischen Inseln, nach Guinea-Bissau, Mali, Burkina Faso und in den Tschad. In diesen Ländern hat die Sonne fast alles verbrannt. Vegetation ist kaum noch möglich. Dadurch lebt die Bevölkerung in grenzenloser Armut. Besonders deutlich wird dem Papst diese Not am Anfang seiner Visite auf den Kapverdischen Inseln. Dürre, Hunger und die katastrophalen Folgen der Waldrodung in der Kolonialzeit sind die Plagen dieses Landes, in dem 96 Prozent der 300000 Einwohner katholischen Glaubens sind.

Auch Mali (7,5 Mio. Einwohner), das nach dem Urteil der Weltbank zu den ärmsten Ländern der Erde zählt, ist von der Dürre gezeichnet. Jahr für Jahr rückt die Wüste weiter vor, die Menschen leiden unter Hunger und Durst. Genau wie in Burkina Faso (8 Mio. Einwohner), das der Papst schon vor zehn Jahren besucht hat. Ein damaliger Aufruf an die internationale Gemeinschaft zur Solidarität mit den Völkern in der Sahelzone blieb aber erfolglos. Zehn Jahre später leiden die Menschen, die der Papst trifft, immer noch unter der Dürre. Sie sterben wie damals vor Hunger.

März 2000: Pilger im Heiligen Land

Das Jahr 2000, das weltweit als „Jubeljahr" oder „Millennium-Jahr" bezeichnet wird, ist für den Papst ein Schlüsseljahr seines Pontifikats. Bereits seit den ersten Amtstagen wünschte sich Karol Wojtyla nichts mehr als eine Reise in das Heilige Land. Und jedes Mal, wenn die Diplomaten des Vatikans dem Papst in Rom über die scheinbar unüberwindbaren Schwierigkeiten zu dieser Pilgerreise berichteten, fragte er sie: „Wann werdet ihr mich gehen lassen?" In seinem apostolischen Schreiben Tertio Millennio Adveniente von 1994 plant das Kirchenoberhaupt eine Pilgerreise zu den großen Stätten der biblischen Geschichte. Nach Ur in der irakischen Wüste von al-Hajar, der Heimat Abrahams, nach Sinai, der Stätte der Zehn Gebote, nach Bethlehem, Nazareth und Jerusalem im Heiligen Land; und nach Damaskus, dem Ort der Bekehrung des Heiligen Paulus und des Beginns der Heidenmission.

Als fünf Jahre später die Vatikan-Diplomaten immer noch ihre Zweifel an der Verwirklichung des Traumes von Johannes Paul II. hatten, kündigte dieser dann selbst an: „Ich werde jetzt gehen." In einem Brief über die Pilgerfahrt, der zu den poetischsten Dokumenten des Papstes während seines Pontifikats gehört, schreibt er: „Obwohl es keinen Ort gibt, an dem Gott nicht gefunden werden kann, gibt es einige Orte, wo die Begegnung mit dem Göttlichen intensiver erlebt werden kann."

Am Nachmittag des 20. März fliegt der „Langzeitprediger" Gottes von Rom nach Jordanien und besucht die Gedenkstätte für Moses auf dem Berg Nebo, etwa 25 Kilometer westlich der Hauptstadt Amman.

Auf einer Messe am nächsten Tag erhalten 2000 junge Leute die Erstkommunion. Dabei betont der Papst, wie wichtig der Zusammenhang zwischen den beiden großen biblischen Gestalten Moses und Elija und dem Christentum ist. Von Jordanien führt die Reise weiter nach Tel Aviv in Israel. Vor diesem Besuch gab es in Israel eine Umfrage. Das Ergebnis: 56 Prozent der Bevölkerung wussten nicht, dass die katholische Kirche weltweit den Antsemitismus verurteilt und bekämpft. Obwohl seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Jahr 1965 die katholische Kirche einen neuen Dialog zum Judentum anstrebt.

Was in diesen drei Jahrzehnten Diplomaten, Dialoge und Dokumente bei der israelischen Bevölkerung nicht erreicht haben, vermittelt der Papst mit seinen Gesten bei der Begrüßungszeremonie auf dem Flughafen von Tel Aviv: Er grüßt die israelische Flagge, hört aufmerksam die israelische Nationalhymne und schreitet eine Ehrenformation der israelischen Streitkräfte ab. Diese Zeichen vermitteln mehr als alle Worte. In der Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk hat sich etwas Fundamentales getan.

Der zweite Tag seiner Visite führt Johannes Paul II. in die Palästinensischen Autonomiegebiete. Jassir Arafat versucht, den Papst-Besuch in den Medien als Anerkennung eines „palästinensischen Staates" durch das Kirchenoberhaupt zu nutzen. Er erklärt, der heilige Petrus war Palästinenser. Johannes Paul II. betet in der Geburtskirche, direkt neben der überlieferten Geburtsstätte Jesu, und sagt: „Weil in Bethlehem jeder Tag Weihnachten ist, ist in den Herzen der Christen jeder Tag Weihnachten."

Am Donnerstag hält der Papst mit seinen engsten Mitarbeitern eine Messe im „Abendmahlssaal" auf dem Zionsberg. Hier soll Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl gefeiert haben und an Pfingsten die Kirche entstanden sein. Zu den eindrucksvollsten Momenten der Pilgerfahrt gehört ein Akt der Buße in der Gedenkstätte Yad Vashem, der wirklich von Herzen kommt: „Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgung und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo von Christen gegen Juden verübt wurden."

Chronik Bildbiografie Johannes Paul II.
Total votes: 41
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.