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Das indische Kastensystem

Die Hierarchie des Seins

Das Kastensystem im Hinduismus ist begleitet von der Anschauung, dass alle Lebewesen in dieser in ständigem Entstehen und Vergehen begriffenen Welt eine Hierarchie des Seins bilden, die bei den Pflanzen beginnt und bei den höchsten Göttern endet. Die Menschheit wiederum als das Mittelstück in dieser Hierarchie zerfällt in zahlreiche Klassen, als deren oberste die Hindukasten gelten. Die Kastenzugehörigkeit beruht nicht auf Zufall oder dem unerforschlichen Willen eines Gottes, sondern ist gemäß den Lehren vom Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt der individuellen Seele (Samsara) und von der Wirkung des Karmagesetzes durch die sittliche Weltordnung (Dharma) bedingt. Das Kastensystem im Hinduismus ist unterteilt in vier Kasten: Brahmanen (sie studieren die heiligen Schriften der Veden), Kshatriyas (Kriegerkaste), Vaishyas (Kaste der Händler und Hirten) und Shudras (dienende Kaste). Diese vier Kasten teilen sich noch in hunderte von Jatis auf; sie stellen die soziale und familiäre Dimension im Kastensystem der Hinduisten dar.

Shudras - die Klasse der Handwerker, Bauern, Pächter, u.s.w.

Shudras - die Klasse der Handwerker, Bauern, Pächter, u.s.w.

Der ganze Kosmos wird im Hinduismus beherrscht von der Vergeltungskausalität aller Taten (Karma), die jedem Wesen, das geboren wird, seinen Platz aufgrund seiner guten oder bösen Handlungen in einer vorausgegangenen Existenz anweist. Die Lehre von der Seelenwanderung wird somit zur Grundlage des Kastensystems. Die Seelenwanderung hat keinen Anfang; sie findet ein Ende nur dann, wenn eine Seele, nachdem sie in zahllosen Existenzen in Tier- und Menschengestalt, höllischen und himmlischen Existenzweisen geläutert worden ist, durch Weltentsagung, göttliche Gnade oder selbst erworbene Erkenntnis die endgültige Erlösung von allen Formen weltlicher Bindung erreicht (Moksha). Diese ist ein unverlierbarer Bewusstseinszustand der Seligkeit (Nirvana), der von manchen Schulen als ein verklärtes individuelles Dasein, von anderen als ein Aufgehen des individuellen Selbst (Atman) in das unvergängliche Absolute, das Brahman, mit dem es ursprünglich identisch ist, aufgefasst wird. Die verschiedenen Wege zur Erlösung sind in der "Bhagavadgita" beschrieben (Bhakti).

 

Ursprünglich gab es nur eine Kaste

Inder spielt am Wasser auf einer Sarod, Jaisalmar, Indien

Ein Inder spielt am Wasser auf einer Sarod, Jaisalmar, Indien

Die Kastenzugehörigkeit im Rahmen des indischen Kastensystems wird durch die Geburt bestimmt. Dies ist nach indischer Vorstellung jedoch nicht immer so gewesen. So heißt es im Brihadaranyaka-Upanishad, dass alle Menschen dieser Welt ursprünglich der einzigen Kaste der Brahmanen angehört haben und es ihre Karmas waren, die die Kastenunterschiede begründeten; kraft seines Karmas kann allerdings auch ein Shudra ein Brahmane werden. Es gab und gibt im Hinduismus Glaubensrichtungen, die das Kastensystem ablehnen: z. B. die Lingayatas (Anhänger einer Schule des Shivaismus, die Anhänger der Reformbewegung Aryasamaj und die gesamte Bhakti-Tradition sowie einiger neohinduistischer Bewegungen. Für die Beibehaltung des Kastensystems hat sich M. Gandhi ausgesprochen, dabei allerdings alle in diesem hierarchisch angelegten Diskriminierungen zurückgewiesen und die in ihm institutionalisierte Unberührbarkeit (Paria) ausdrücklich abgelehnt. Gandhi sah das Kastensystem als vom Gedanken der Gerechtigkeit bestimmte harmonische Ordnung an, in der jeder in seiner Funktion von den anderen wertgeschätzt ist und Wettbewerb untereinander in seinen oft gnadenlosen Formen keinen Platz hat.
aus der wissen.de Redaktion, Quelle: Brockhaus
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