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Keine Chance

Verdammt. Dennis sah missmutig aus dem Fenster. Draußen nichts als schwarze Nacht. Gerade war die U-Bahn in den Tunnel gefahren. So ein Pisser mit seiner Alten hatte sich ihm gegenüber hingesetzt. Ausgerechnet. Jetzt musste er aufpassen, dass seine Knie nicht gegen die Beine von dem Typen kamen. Schließlich war er nicht schwul.

Dabei hatte er sein Abwehrgesicht aufgesetzt und sich extra breit gemacht, die Beine richtig schön auseinander gezogen. Normalerweise traute sich dann niemand mehr in seine Nähe. Aber die Bahn war voll. Alle wollten zur Reeperbahn. Es war Freitagabend.

Dennis nahm einen Schluck aus seiner Plastikflasche. Red Bull mit Wodka, hatte er zu Hause noch schnell zusammen geschüttet. Das knallte gut, machte aber keinen Monsterschädel wie die Mixe von den anderen: Benny löste Lakritzbonbons in Wodka auf. Eklig.

Red Bull Wodka schmeckte wie die Brausebonbons aus seiner Kindheit. Irgendwie künstlich, aber lecker. Als sein Vater noch zu Hause wohnte, hatte er sie manchmal mitgebracht, aber nicht für ihn, nur für Lena. Dabei mochte Lena viel lieber diese weißen Speckmäuse. Aber die gab es kaum noch, waren schwer zu finden. Erst recht für Papa. Der war zu dämlich für so ziemlich alles.

Dennis zuckte zusammen. Jetzt hatte diese Schwuchtel ihn doch berührt. Voll mit den Knien gegen seine. Schnell rutschte er so weit zurück wie möglich. Der Typ hielt Händchen mit seiner Freundin. Toll. Das musste er nicht haben. Noch zwei Stationen, dann würde Benny zusteigen. Am besten stellten sie sich in den Gang, dann musste er sich das Pärchenglück hier nicht mehr reinziehen.

Der Typ lachte laut und warf sich mit Wucht in den Sitz zurück. Sein Fuß zuckte nach oben und erwischte Dennis an der Wade. Mann, der nervte. Beinahe wäre ihm die Flasche aus der Hand gerutscht. Das hätte der dann auflecken dürfen, der Spasti. Was gab es überhaupt zu lachen? Den ganzen Tag schon dieses eklige Wetter. Seine Hose hatte unten schwarze Flecken vom Matsch. Immer wenn er auf den Kiez wollte, regnete es. Das war Gesetz. Dann sah er extra scheiße aus. Das Gel in seinen Haaren wurde dann ganz glitschig und anschließend knallhart.

Der Flachwichser lachte schon wieder. Der merkte gar nicht, wie laut er war. Dennis sah sich die Frau an. Sie schaute schnell weg. Hatte ihn wohl angeglotzt, die Alte. Ob sie Angst vor ihm hatte? Vielleicht würde sie sich wegsetzen, wenn er noch ein bisschen böser guckte. Dennis sah der Frau ins Gesicht. Im Anstarren war er Meister. Das würde sie fertig machen.

Keine Chance II

Die Frau war hübsch, wenn auch schon etwas älter. Mitte Dreißig, schätzte Dennis. Längere dunkle Haare, große Augen. Braune Haut. Das mochte er. Eine Frau durfte nicht zu blass sein. Männer auch nicht, aber bei Frauen war es noch schlimmer. Blasse Haut mochte er noch weniger anfassen als braune. Die wirkte so teigig.

Die Frau versuchte, ihm einen heimlichen Blick zuzuwerfen. Hastig sah sie wieder weg. Dennis hatte seinen stechenden Blick aufgesetzt. Sie war beunruhigt, das war klar. Sie sah ihren Freund durchdringend an, um ihn darauf aufmerksam zu machen, was hier vorging. Aber der schnallte das nicht. Das Weichei.

"Hey Alter." Benny war eingestiegen. Endlich. Dennis stand auf und wurschtelte sich an dem Pärchen vorbei in den Gang. Er schlug Benny gegen die erhobene Hand, ohne Lächeln. Der sollte gleich merken, dass er genervt war. "Red Bull, Alter? Gib mal." Dennis hielt ihm die Flasche hin. Er stand jetzt genau vor der Schwulette. Hoffentlich guckte der ihm jetzt nicht auf den Arsch. Das würde er erst mal kontrollieren. Dennis drehte sich um, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Der Typ glotzte ihm nicht auf den Arsch, jedenfalls jetzt nicht mehr. Er starrte ihm direkt ins Gesicht. Jetzt reichte es ihm aber.

"Was glotzt du denn so? Bist du schwul, oder was?"

Der Typ räusperte sich erschrocken und sah seine Freundin an. Die blickte genauso ratlos wie er. Dennis merkte, wie die Wut in ihm hochstieg. Warum antwortete der nicht? Er hatte ihn schließlich was gefragt. Das hatte ihn schon bei seinem Vater wahnsinnig gemacht. Wenn der keine Lust auf ihn hatte, tat er einfach so, als wäre Dennis gar nicht da. Da konnte er sich auf den Kopf stellen, er reagierte einfach nicht.

"Hat es dir die Sprache verschlagen, Alter?"

Der Typ saß vor ihm und stand noch nicht mal auf, um ihm in die Augen zu sehen. Der hatte wohl gar keinen Stolz. Dennis guckte zu Benny. Der sah leicht gelangweilt vor sich hin. War wahrscheinlich schon ziemlich breit.

Keine Chance III

"Ich hab’ Sie nicht angeguckt. Sie starren uns doch schon die ganze Zeit an."

"Was willst du damit sagen?"

"Nichts."

"Dass ich schwul bin, oder was?" Dennis merkte, wie sich seine Stimme überschlug.

"Nein. Ich kenne Sie ja gar nicht."

Jetzt wurde es Dennis zu bunt. Die Bahn war gerammelt voll. Die Leute sahen in alle Himmelsrichtungen, nur nicht zu ihm und dem Typ. Damit wollten sie nichts zu tun haben. Na schön, den Gefallen würde er ihnen nicht tun.

Benny tippte ihm auf die Schulter.

"Hey Alter, wir müssen gleich raus."

"Schnauze, ich hab hier noch was zu tun. Siehst du doch."

Plötzlich ging alles wie von selbst. Er packte den Typen am Hals und zog ihn hoch. Jetzt stand er vor ihm, mit knallrotem Kopf.

Die Frau schrie auf.

Dennis holte aus und schlug dem Typen ins Gesicht, nicht feste, nur ganz leicht. Mal checken.

Der Mann taumelte leicht und sah ziemlich erschrocken aus.

Seine Freundin sprang jetzt auf und schrie: "Warte! Warte mal!"

Wie, warte mal? Was wollte die denn jetzt?

"Wen liebst du am meisten von allen Menschen auf der Welt?", fragte ihn die Frau. Ihre Stimme klang aufgeregt, sie atmete hektisch. Ihr Typ rieb sich den Kiefer und versuchte unauffällig, sich weg zu schleichen. Keine Chance.

Dennis packte den Kerl wieder am Hals. Der hielt einfach nur still, als wäre er zu Stein geworden. Diesmal würde er fester zuschlagen.

Keine Chance IV

"Wen liebst du mehr als dein Leben? Gibt es da jemanden?" Die Frau fing schon wieder damit an. War die Seelsorgerin oder was? Mehr als mein Leben? Dennis sah kurz seine kleine Schwester vor sich. Die süße Lena mit den Patschhändchen. Früher war sie ein bisschen zu dick gewesen, von den ganzen Brausebonbons. Und Bifi-Würstchen, die hatte sie geliebt.

„Stell dir vor, diesem Menschen würde jemand wehtun, ihn verletzen. Wie würde sich das anfühlen?“, fragte die Frau.

Wenn sie nicht langsam aufhörte, würde er sie wohl ruhig stellen müssen. Das nervte.

Sie näherten sich der Reeperbahn. Benny wurde nervös.

„Alter, wir müssen.“

Dennis holte aus. Die Frau packte seinen Arm.

„Dieser Mann ist mir das Liebste auf der Welt. Ohne ihn ist mein Leben nichts wert. Verstehst du das nicht?“, schrie sie verzweifelt.

Die umstehenden Leute starrten sie an. Nicht die beiden Männer, sondern die Frau. Als hätte sie nicht alle Tassen im Schrank. Ihr Gesicht war rot angelaufen, sie schluchzte.

„Bitte, bitte“, stammelte sie.

Benny starrte sie angewidert an.

„Ey, wir sind da, Dennis. Lass uns.“

Die Leute quetschten sich aus der Tür. Die Masse wogte in Richtung Rolltreppe. Einige liefen zum Kiosk, um Bier zu holen. Dennis holte aus. Seine Faust traf den Typen direkt an den Vorderzähnen. Er hörte das splitternde Geräusch, das Blut spritzte aus dem Mund direkt auf Dennis’ Jacke. Zum Glück war die schwarz. Der Mann fiel nach hinten und schlug auf den Boden auf. Dennis fühlte den Aufprall am Ruckeln unter seinen Füßen. Die Frau heulte laut auf und krabbelte zu ihrem Typen.

„Alter, komm jetzt.“ Benny zog ihn am Arm, raus aus der Bahn. Die Plastikflasche rutschte Dennis aus der Hand und fiel klatschend auf den Boden. Die Flüssigkeit suppte aus der Öffnung. Verdammt.

Ulrike Schäfer
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