Total votes: 10
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
wissen.de Artikel

Klingonisch

Eine der erstaunlichsten und zugleich bizarrsten Entwicklungen, die aus dem Kult um “Star Trek“ hervorging, ist sicher die Existenz eigener Kunstsprachen, mit deren Hilfe sich wahre Insider heutzutage tatsächlich verständigen können. Romulanisch, Vulkanisch und allen voran Klingonisch bereichern seit geraumer Zeit das Sprachgewirr auf dem Planeten Erde.

Wir zeigen, wie die klingonische Sprache entstand, wann sie ihren Siegeszug durch das “Star Trek“-Universum antrat, wie sie sich bis heute weiterentwickelte - und wie weit man sie beherrschen sollte, damit die kleine Plauderei mit einem Klingonen nicht in ein blutiges Handgemenge ausartet.

bIyaj’a’

(“Verstehen Sie mich?“)

Manchmal wird selbst die ausufernde Phantasie eines Gene Roddenberry durch die Wirklichkeit in den Schatten gestellt. Der Erfinder der “Star Trek“-Saga hätte sich sicher nicht träumen lassen, dass mehr als dreißig Jahre nach dem ersten Start seiner legendären “Enterprise“ begeisterte Fans auf der ganzen Welt an dem Mythos des von ihm kreierten Universums mitstricken.

Das Wissen um die Geschichte und die Kulturen der zahlreichen Sternenvölker, die in “Star Trek“ über die Mattscheibe flimmern, füllt mittlerweile ganze Chroniken und Lexika. Die Kult-Serie hat sich nicht nur die Vision einer positiven Zukunft im Weltall erschaffen, sondern - im Gegensatz zu anderen Science-Fiction-Formaten - auch das theoretisch-technische Rüstzeug.

Kein Wunder, haben die “Star Trek“-Macher doch extra Wissenschaftler konsultiert, um ihre Fantasie nicht zu sehr ins Kraut schießen zu lassen. Visionäre Innovationen wie der Warpantrieb oder das Beamen fundieren auf physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Experten diskutierten über die Relevanz von "Gravitonpartikeln" für die Funktion von Schutzschilden, Traktorstrahlen, Tarnvorrichtungen und Trägheitsdämpfern. Und für nahezu jedes der zahlreichen Raumschiffe sind technische Handbücher parat.

Höhepunkt der wissenschaftlichen Genauigkeit: In “Star Trek“ sind verschiedene Kriegersprachen zu hören, die eigens für die Serie ins Leben gerufen wurden. Die linguistischen Feinheiten sorgen dafür, dass fremdartige Wesen, die Roddenberrys Universum zuhauf bevölkern, auch dann nicht aus der Rolle fallen, wenn sie den Mund öffnen.

tlhIngan Hol

(“Die klingonische Sprache“)

Es ist zunächst nicht besonders ungewöhnlich, dass Menschen eine neue, künstliche Sprache erfinden. Bekanntestes Beispiel ist wohl die im Jahr 1887 von Ludwik Zamenhof geschaffene “Lingvo Internacia“, besser unter dem Namen “Esperanto“ bekannt. Der Warschauer Augenarzt erdachte die auf englischen, deutschen und romanischen Wortstämmen beruhende Welthilfssprache, um die internationale Verständigung zu erleichtern und zu vereinfachen.

Es hat neben Esperanto noch weitere Kunstsprachen gegeben. Darunter waren sogar Idiome, die - wie das “Elbische“ aus Tolkiens “Herr der Ringe“ - für fiktive Figuren geschaffen wurden. Aber Klingonisch ist etwas Einzigartiges. Die bekannteste unter den “Star Trek“-Sprachen ist einer der ganz seltenen Fälle, in denen ein Linguist aufgefordert wurde, eine Sprache für Außerirdische zu schaffen.

Anlässlich des 1984 veröffentlichten Kinofilms “Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock“ beauftragte die Produktionsfirma Paramount den Sprachwissenschaftler Marc Okrand mit der Gestaltung einer Sprache - etwa so, wie man einen Künstler beauftragt, eine Kulisse zu malen. Die Aufgabe war nicht einfach: Es galt, ein künstliches Idiom zu erfinden, das zwar bizarr und ausländisch klingen musste, aber den Schauspielern gleichzeitig nicht allzu viele Probleme bei der Aussprache bereiten sollte.

Science Fiction als wissenschaftliche Herausforderung

Okrand, Absolvent der Universität Berkeley, nahm die große Aufgabe mit wissenschaftlicher Gründlichkeit in Angriff: Er begann mit einer Untersuchung der wenigen Klingon-Fetzen, die man bereits im ersten “Star Trek“-Kinofilm hatte hören können. Die genutzten Klänge wurden zum Ausgangspunkt für die klingonische Lautlehre.

Okrand fügte der Sprache noch weitere Phoneme aus indianischen und afrikanischen Sprachfamilien hinzu. Untertitel aus dem Kinofilm brachten den Linguisten auf die Idee, dass eine bestimmte Anzahl von Sprechlauten einen bestimmten Satz darstellt. Seinen eigenen Regeln folgend entschied er schließlich, welche Worte oder Wortteile aus welchen Silben bestanden. So wurde die klingonische Syntax geboren.

Auch beim Vokabular hielt sich Okrand an die bestehenden Vorlagen: Er befasste sich mit den Episoden der klassischen “Enterprise“-Serie und übersetzte zunächst jede Zeile, die von einem Klingonen auf Englisch gesprochen wurde. Vokabeln, grammatikalische Merkmale und zusätzliche Sprechlaute aus allen Teilen der Welt wurden nach Bedarf hinzugefügt.

Okrand achtete bei seiner Arbeit penibel darauf, sich nicht zu intensiv einer bestimmten Sprache zu bedienen. Sobald er merkte, dass er zu viel entlehnte, wechselte er zu einer völlig anderen Sprachenfamilie. Daher enthält Klingonisch zwar grammatikalische Elemente aus aller Herren Länder, seine spezielle Kombination aus all diesen Eigenarten sowie seine Lautgestalt sind jedoch einzigartig.

Einzelne “klingonische“ Sprachlaute sind in allen Weltsprachen zu finden, aber keine Sprache auf der Erde enthält sie alle. Damit wirkt die Kunstsprache einerseits vertraut, behält aber gleichzeitig ihren exotischen, fremdartigen Charakter - sicher ein Grund für ihren im folgenden Abschnitt beschriebenen Siegeszug durch die Welt der “Trekkies“.

wIchenmoHlaH

(“Wir können es erschaffen.“)

Wie bereits erwähnt, war Klingonisch nicht von Beginn an ein fester Bestandteil des “Star Trek“-Universums. Während der ersten drei Jahre, in denen die klassische Serie “Raumschiff Enterprise“ lief, wurde darin nicht ein einziges klingonisches Wort gesrochen. Obwohl die Krieger in mehreren Episoden der Serie eine Hauptrolle spielten, war ihre sprachliche Charakterisierung kein Thema.

Klingonisch war zum ersten Mal 1979 in der Eröffnungsszene des ersten “Star Trek“-Kinofilms zu hören. Als dort mehrere klingonische Raumschiffe unter Beschuss gerieten, brüllte der Kommandant des Leitschiffes die Befehle in seiner (untertitelten) Heimatsprache. Der schroffe, kehlige Klang der Sprache schallte über die Kommandobrücke. Viel wurde allerdings nicht gesagt: Die unterlegenen Schiffe waren schnell zerstört und die Klingonen mussten wieder schweigen - bis zum dritten Film.

Zur ausgeprägten Sprache wurde Klingonisch erst mit dem Kinostart von “Star Trek III: The Search For Spock“ (“Auf der Suche nach Mr. Spock“) im Jahre 1984. Pünktlich zum Film erschien Okrands “The Klingon Dictionary“, ein Wörterbuch, in dem der Linguist alle Grundzüge, grammatikalischen Regeln und Vokabeln der Kunstsprache zusammentrug.

Während der Dreharbeiten zum fünften und sechsten Teil der Saga war wiederum Okrand zur Stelle, um Texte für die Klingonen-Darsteller zu entwickeln und ihnen die richtige Aussprache beizubringen. Die Neuerungen resultierten in einer geringfügig erweiterten Ausgabe seines Wörterbuches, die im Jahr 1992 herausgegeben wurde. Okrand dachte, damit wäre seine Aufgabe beendet.

Kein Ende des Kults in Sicht

In Wirklichkeit war ein Ende jedoch noch lange nicht in Sicht, denn spätestens jetzt kamen die eingefleischten Fans ins Spiel. Wie alle Bücher zur Serie hatte sich bereits die erste Ausgabe von Okrands Wörterbuch überraschend gut verkauft. In den USA studierten es einige Leute so sorgfältig, dass sie die Sprache besser beherrschten als ihr Schöpfer. Im Internet, das sich gerade erst entwickelte, erschienen schnell sogenannte “mailing lists“, mit deren Hilfe die computer-affinen Trekkies ihre Diskussionen über die klingonische Sprache organisierten.

Ihre endgültige Legitimation erhielt die Kunstsprache im Januar 1992: Mit der Gründung des “Klingon Language Institute“ (KLI) wurde eine quasi-wissenschaftliche Institution ins Leben gerufen, deren Hauptaufgabe bis heute darin besteht, ein gemeinsames Forum zur Erforschung und Weiterentwicklung des Klingonischen zu schaffen. Über die große Fangemeinde der “Star Trek“-Saga werden stetig neue “Studenten“ ans “Klingon Language Institute“ gelockt. Wen wundert es da noch, dass KLI-Direktor Lawrence M. Schoen Klingonisch häufig als “die sich am schnellsten ausbreitende Sprache in der Galaxis“ bezeichnet?

ta’mey Dun, bommey Dun

(“Große Taten, große Lieder“)

Die klingonische Sprache ist noch keine 35 Jahre alt, verbindliche Regeln und Grammatik bestehen seit noch kürzerer Zeit. Dennoch gehen Experten heute davon aus, dass es bereits mehr Menschen gibt, die Klingonisch sprechen, als solche, die sich mit Hilfe der viel älteren Welthilfssprache Esperanto verständigen.

Klingonisch lebt. Sicheres Zeichen dafür ist auch, dass die Sprache mitunter seltsame Blüten treibt. Die folgende Liste zeigt, dass dem linguistischen Enthusiasmus und der Akribie der begeisterten Fangemeinde keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen.

Wörterbücher und Sprachkurse
Wenn Sie beabsichtigen, Klingonisch zu lernen, dann ist “The Klingon Dictionary“ (Das klingonische Wörterbuch) von Marc Okrand der beste Ausgangspunkt. Das Kompendium, dessen deutsche Ausgabe sich allein 250.000 Mal verkaufte, enthält Übersetzungshilfen sowie ausführliche Erklärungen zur Aussprache und Grammatik. Wer es bequemer mag, lernt Laute und Redewendungen einfach nebenbei: Klingonisch wird mit Hilfe der beiden Audiokassetten “Conversational Klingon“ und “Power Klingon“ zum Kinderspiel.

KLI
Seit 1992 sieht das “Klingon Language Institute“ (KLI) es als seine Aufgabe an, all jene zusammenzubringen, die sich für das Studium der klingonischen Linguistik und Kultur interessieren. Hier “studieren“ Fans der Serie, die neugierig auf die Sprache sind, Rollenspieler, die einem klingonischen Charakter Echtheit verleihen wollen sowie Wissenschaftler in den Bereichen der Linguistik, Philologie, Informatik und Psychologie, die Klingonisch als eine nützliche Metapher im Unterricht betrachten. Das Institut ist ein internationales Projekt, das derzeit in mehr als 30 Ländern und auf allen sieben (!) Kontinenten vertreten ist.

“HolQeD“
Wie es sich für ein ernst zu nehmendes linguistisches Institut gehört, veröffentlicht das KLI seine eigene Fachzeitschrift. Jede Ausgabe von “HolQeD“ (= “Sprachwissenschaft“) enthält Illustrationen, themenbezogene Artikel und Kolumnen, in denen Sprache und Kultur der Klingonen behandelt werden. Außerdem finden sich Briefe von Mitgliedern, die Ideen und Argumente aus früheren Ausgaben prüfen, kommentieren und diskutieren. Marc Okrand, der Erfinder der Sprache, nutzt den vierteljährlichen Bericht, um neue Einblicke und neues Vokabular zu vermitteln. “HolQeD“ ist als akademische Zeitschrift bei der angesehenen Library of Congress registriert und im Katalog der “Modern Language Association“ eingetragen.

Übersetzungen
Mit wachsenden Mitgliederzahlen wuchsen auch die Interessensgebiete des KLI: Übersetzungen von Shakespeare, der Bibel oder des Gilgamesh ins Klingonische wurden von ihm ebenso herausgegeben wie Belletristik und poetische Werke. Ein amerikanischer Verlag sicherte sich die Rechte am klingonischen “Hamlet“ und in “Star Trek“-Anthologien sind komplett in Klingonisch verfasste Kurzgeschichten nachzulesen.

Universitäten
Auch unter Sprachwissenschaftlern auf der ganzen Welt gibt es große Fans von “Star Trek“. Sie betrachten es fast schon als akademischen Sport, an ihren Universitäten Vorlesungen über die klingonische Sprache zu halten. Die nicht ganz ernst gemeinten Exkurse sind in Deutschland zum Beispiel an Hochschulen in Frankfurt, Zweibrücken und Kaiserslautern zu hören. Sie geraten nicht selten zur bestbesuchten Veranstaltung im ganzen Semester.

Klingonisch für Windows
Ambitionierte Trekkies, die eigene Texte in der fremden Sprache verfassen wollen, haben es längst auf ihrem Computer installiert: “tlhIngan Hol pojwI“ bringt dem Rechner Klingonisch bei. Das Schreibprogramm, das an Microsofts “Word“ erinnert, bietet ein klingonisches Lexikon mit Thesaurus und eine zuverlässige Fehler- und Grammatikprüfung. Selbst Sprachlektionen, kleine Tests und ein Chat-Roboter, mit dem man sich auf Klingonisch unterhalten kann, sind in dem Windows-kompatiblen Paket enthalten.

Klingoogle
Die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten des Internets tragen wesentlich dazu bei, dass sich Klingonisch auch auf der Erde verbreitet. Auf Tausenden von Webseiten wird übersetzt, gefachsimpelt oder gar auf Klingonisch gedichtet. Da erscheint es nahezu selbstverständlich, dass die weltgrößte Suchmaschine “Google“ ihren Nutzern auch eine klingonische Eingabemaske zur Verfügung stellt. Sie ist unter http://www.google.com/intl/xx-klingon/ zu finden.

nuqDaq ’oH Oregon’e’

(“Wie komme ich bitte nach Oregon?“)

Am 13. Mai 2003 berichteten zahlreiche Nachrichtenagenturen über ein seltenes Jobangebot im US-Bundesstaat Oregon. Die Stadtverwaltung von Multnomah County suchte einen Dolmetscher mit ungewöhnlichen Qualifikationen: Er sollte fließend Klingonisch sprechen können.

Die Kunstsprache aus der Fernsehserie “Star Trek“ war eine von 55 Sprachen, die von der Abteilung für psychisch kranke Patienten in Multnomah County benötigt wurde. “Wir haben einige Fälle, bei denen unsere Patienten nur auf Klingonisch kommunizieren wollen“, so die kaufmännische Leiterin der Anstalt. Und da die Anstalt es sich zum Ziel gemacht hatte, ihre Informationen in allen von ihren Patienten gesprochenen Ausdrucksweisen anzubieten, sah sich die Verwaltung nun gezwungen, einen Dolmetscher für Klingonisch-Englisch einzustellen.

Funktionäre in Multnomah County ließen die Suche nach dem exotischen Sprachexperten kurze Zeit später beenden. Begründung: Man wolle keine öffentlichen Gelder für klingonische Übersetzungen verschwenden. Multnomah County Chair Diane Linn erklärte, dass das Auftauchen von Klingonisch in der Liste “ein Fehler und das Resultat eines übereifrigen Versuches war.“

Christoph Hage
Total votes: 10
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.